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Feminismus

Ich frage lieber wen anders als die KI: ein feministischer Kommentar

17. August 2026

geschrieben von Simone Bauer

Ich frage lieber wen anders als die KI: ein feministischer Kommentar

Ein platter Fahrradreifen, leerer Kühlschrank, schlechter Tag: Besprich das doch mit Chatty?! Nicht in jedem Fall, findet Simone Bauer. Künstliche Intelligenz zu nutzen ist politisch. Denn KI-Modelle wie "ChatGPT" lernen von einer Welt, die Frauen* selten fair behandelt. Wie können wir verantwortungsvoll mit KI im Alltag umgehen und dabei nicht die Fähigkeit zum kritischen Denken verlieren? Ein persönlicher Blick mit feministischem Lösungsangebot.

"Wenn die KI keine Quellen dazu findet, dass Männer* in 80 Prozent der Fälle den Haushalt schmeißen, kann sie die auch nicht ausspielen."

Mein Fahrrad ist platt. Wie repariere ich nur diesen blöden Reifen? Sofort schallt mir der Kollektiv-Ratschlag des Jahres 2026 entgegen: "Hast du mal Chatty gefragt?" Die vermeintliche Lösung für alles, egal ob platter Reifen oder Wochenplanung fürs Abendessen. Mal abgesehen davon, dass KI-Programme wie "ChatGPT" selbst nicht Fahrrad fahren können und auch keine Geschmacksnerven haben, ist es der KI durchaus möglich, mir je nach Prompt ein Handlungsangebot zu erstellen, eine Einkaufsliste gleich dazu. Ich darf nur nicht darüber nachdenken, wie die Datenzentren hinter der Technologie das Licht verschmutzen oder das Trinkwasser verbrauchen – Hauptsache mein Problem ist erledigt.

Was mir dabei verloren geht: Jemanden um Hilfe bitten, der sich mit Fahrradreifen auskennt. Oder, wenn um die Essensplanung geht: ein Buch in die Hand zu nehmen, Fotos anzugucken, Appetit zu bekommen. Mich inspirieren zu lassen. Eine Sidequest einzugehen, ob ich eventuell den Roman, der im Regal neben dem Kochbuch steht, einmal anlesen sollte. Die Freude der Entdeckung geht komplett verloren.

Und nicht jede Frage ist für die KI leicht zu lösen. Natürlich würde sie es nie zugeben, aber die künstliche Intelligenz neigt zu Halluzinationen. Und dabei ist es relativ egal, ob denn jetzt die kostenlose Variante schlechter ist, als die, für die ich bezahle. Egal, ob Pro-Version oder nicht: künstliche Intelligenz zu nutzen ist immer auch politisch.

KI und Feminismus: Warum kritisches Denken wichtiger ist als je zuvor

KI lebt davon, welche Quellen sie anzapft. Und sie lernt – oder klaut – von Plattformen, die nicht gerade eine linke Publikation sind. Die meisten Quellen, die KI-Systeme leicht lesen können, sind eher weniger woke. Im Umkehrschluss bedeutet das: Künstliche Intelligenz hat ein sehr klares Frauenbild*, das nicht unbedingt mit dem von uns Feminist*innen überein stimmt. [Lies hier, warum feministische KI so wichtig ist.]

Sprachassistentinnen, die uns schnell mal unterwegs im Auto oder bei den W-Fragen unseres Kindes helfen können – "Siri" hier, "Alexa" da – haben weibliche Namen und Stimmen. "Claude" hingegen wirkt auf mich wie der männliche, testosteronstrotzende Troubleshooter. So wird der Bias, also ein Vorurteil, in unserem Kopf gefüttert. Und das, obwohl KI ja gar kein Gender hat. Sprachmodelle ordnen laut einer Studie der UN-Kulturorganisation "UNESCO" Frauen* Haushalt, Familie und Care-Arbeit zu, Männer* der Führung und beruflichen Erfolg. Was ebenfalls aus der Studie hervorgeht: In manchen Fällen verstehen KI-Modelle die Frau* sogar als Eigentum des Mannes*. Das verstärkt Stereotypen und hilft uns nicht gerade bei der feministischen Arbeit für Gleichbehandlung. Vermutlich ist es in einer patriarchalen Welt nur logisch, dass die KI das tut. Wenn sie keine Quellen dazu findet, dass Männer* in 80 Prozent der Fälle den Haushalt schmeißen, kann sie die eben auch nicht ausspielen.

"Tech-Firmen machen Milliarden mit unserer Abhängigkeit. Und die fließen in die Taschen alter, weißer und hochproblematischer Männer*."

Apropos mangelndes Training: Dass KI-Modelle auch gelernt haben, People of Color oder queere Menschen anders zu behandeln, fällt nicht nur bei gängigen "ChatGPT"-Antworten auf. Durch die um sich greifende KI-isierung von Prozessen kann etwa ein Programm, das im Recruiting oder bei der Kreditvergabe mit persönlichen Daten arbeitet, eine diskriminierende Entscheidung treffen – wenn sie nicht explizit auf Diversity trainiert ist. Das bestätigte nicht nur die oben genannte Studie, es werden auch noch andere Gruppen diskriminiert. Die Hochschule München hat untersucht, dass "ChatGPT" ostdeutsche Menschen anders behandelt als westdeutsche ("anders" im Sinne von schlechter).

"Aber es geht ja nicht ohne." Wer sagt das? Die Tech-Firmen, die natürlich wollen, dass wir nicht mehr ohne ihre ach so praktischen KI-Modelle leben können. Für die Milliarden dranhängen, dass wir abhängig sind von ihren neuen Supermaschinen. Und diese Milliarden fließen wiederum in die Taschen alter, weißer und hochproblematischer Männer*. "OpenAI"-Chef Sam Altman (das ist die Firma hinter "ChatGPT") investiert in die Kampagne von US-Präsident Trump. Alex Karp, Chef der KI-Datenfirma "Palantir" prognostiziert, dass die Transformation durch KI hauptsächlich linksgerichteten Wähler*innen schaden wird. Das macht sein Produkt attraktiv für die in den Staaten regierenden Republikaner und die generelle Rechte.

Der Gender AI Gap: Warum Frauen* KI seltener nutzen

Der Gender AI Gap zwischen Männern* und Frauen* beträgt 16 Prozentpunkte (bereinigt: 8). Das bedeutet: Vor allem junge Frauen* benutzen KI deutlich seltener. Das belegt etwa eine Studie des "Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung" und der Digitalisierungs-Initiative "D12". Sie vermutet als Grund, dass Männer* stärker an die KI-Nutzung herangeführt werden, vor allem im Job. Ich glaube, das liegt vor allem daran, dass Frauen* den "Ja, aber es geht ja nicht ohne"-Aspekt weniger leichtgläubig abkaufen. Die Studie belegt, dass Frauen* bei gleichen Ressourcen KI weniger und vorsichtiger nutzten.

Meine persönliche Meinung als Feministin ist: Frauen* sind auf kritisches Denken angewiesen – immerhin leben sie in einer frauenfeindlichen Umgebung. Außerdem sind sich Frauen* der ethischen Tücken bewusster als Männer*: Laut einer Studie der "Harvard Business School" sind sie skeptisch, weil die langfristige KI-Nutzung und deren Folgen ungewiss bleiben. Wie sehen unsere Arbeitsplätze künftig aus? Werde ich überhaupt noch gebraucht? Wie soll ich künftig Geld verdienen und unabhängig bleiben? "Es gibt keine Alternative" – doch, eben nicht jeden Quatsch in irgendein Fenster der Suchmaschine zu tippen. Und dann alles zu glauben, was da angezeigt wird. Es gibt so tolle Sachbücher, manchmal sogar tolle Produktrückseiten! Und viele schlaue Freund*innen, Familienmitglieder oder Kolleg*innen.

"Was wie ein vermeintlicher Gamechanger bei Beziehungsproblemen wirken kann, ist eigentlich nur ein digitaler People Pleaser."

Wollen wir wirklich immer eine KI dabei haben?!

Uns grundlegend abhängig zu machen, egal, ob im Job, im Haushalt oder Hobby, ist gefährlich. Jede Frage der KI zu stellen, lässt unser Gehirn verkümmern (nein, ernsthaft: erst im Juli schlug der Deutsche Buchhandel Alarm, dass sich die Lesekompetenz vor allem bei Jugendlichen immer stärker verschlechtert). Was, wenn also der Akku leer ist, der Strom ausfällt oder wir aus irgendeinem anderen Grund keinen Zugang haben? Wen fragen wir, wenn wir uns selbst nicht mehr fragen können, weil wir selbstständiges, kritisches Denken verlernt haben? Meine Mathelehrerin pflegte zu sagen, dass wir nicht immer einen Taschenrechner dabei haben werden. Heute lachen wir darüber. Aber vielleicht wollen wir nicht immer eine KI dabei haben?!

Also rufe ich wegen des platten Fahrrads lieber meine Mutter an – das hätte eh ich schon längst tun sollen! – und frage, ob es das Repair Café noch gibt. Ich antworte endlich meiner lieben Freundin, die vor Monaten weggezogen ist, und frage beiläufig nach ihrem leckeren Rezept für veganen Nudelsalat. So löse ich nicht nur mein eigenes Problem, ich bleibe auch im Kontakt mit Menschen. Wenn ich nur noch mit einer Maschine spreche, wo bleiben da meine Sozialkompetenzen?

Einsamkeit durch KI: Was der Chatbot nicht ersetzen kann

Studien belegen nämlich auch, dass KI uns vereinsamen lässt. Wenn ich also das nächste Mal überlege, wie ich denn jetzt radeln soll, frage ich meine Kolleg*in, wo sie sich neulich ein Rad gemietet hat. Wie nähe ich am besten meinen Pulli oder füttere mein Steuerprogramm? Vielleicht lade ich meine Freund*innen für einen Admin Abend ein und wir erledigen unsere Tasks zusammen bei einem Spaßgetränk. Wie gehe ich mit einem psychischen Problem um, trotz fehlendem Therapieplatz? Dafür gibt es Selbsthilfegruppen oder Notfalltelefone. Denn die KI lernt schnell, dir zu sagen, was du hören willst. Was wie ein vermeintlicher Gamechanger bei Beziehungsproblemen wirken kann, ist eigentlich nur ein digitaler People Pleaser. Und das kann schnell zu echt gefährlichen Situationen führen.

"Ich entscheide mich, wenn möglich, für die menschliche Intelligenz."

Klar, ich möchte im Job nicht den Anschluss verlieren und es ist nicht jede KI-Entwicklung per se schlecht. In vielen Branchen kann KI eine echte Hilfe im Job sein, das will ich gar nicht bestreiten. Als Feministin muss ich mir aber die Frage stellen: Kann ich nicht weiterhin so agieren wie früher und die KI dort nutzen, wo ich sie wirklich auch vorher gebraucht hätte? Neulich musste ich mit einem KI-Bot im Kundenservice chatten, wo ich früher einfach keine Antwort am Samstagabend erhalten hätte. Mein Leihauto ist nämlich liegen geblieben (ich arbeite noch an dem Fahrradreifen!). Unser Gespräch war knapp, aber hilfreich, und so stieg nicht ein armer Tropf nach mir in das kaputte Fahrzeug.

Also entscheide ich mich für best of both worlds – und wenn möglich für die menschliche Intelligenz. Denn mir machte es auch einfach zu große Freude, diesen Text zu schreiben, selbst Schlüsse zu ziehen und keine einzige Formulierung vorgegeben zu bekommen.

Foto: Jelena Moro (Portrait), "Canva"