Hannah Krutmann von „Almost 30“: Warum „fast“ das neue „perfekt“ ist

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6. April 2020

Kurz vor ihrem 30. Geburtstag leidet Hannah Krutmann unter einer Sinnkrise. Letztlich führt diese nicht nur dazu, dass sie viel über sich selbst lernt, sondern auch zur Gründung des Magazins „Almost 30“. Wir besuchen die heute 32-Jährige in ihrer Berliner Wohnung und sprechen darüber, wie Astrologie und Manifestation ihr persönlich geholfen haben, was die Idee hinter dem Magazin ist, und warum es kein bisschen schlimm ist, wenn man keinen Plan für sein Leben hat.

Hannah lebt in einer 3-Zimmer-Wohnung in Berlin mit ihrem Freund und Hund.

femtastics: Wie ist das Magazin „Almost 30“ entstanden?

Hannah Krutmann: Ich hatte eine kleine Sinnkrise, als ich 29 geworden bin. Ich habe mich gefragt, was ich hier überhaupt mache und was ich bisher gemacht habe. Zwischen der Vorstellung, die ich als Kind von meinem Leben mit 30 hatte, und der Realität gab es einen großen Unterschied.

Wie sahen deine Vorstellungen von 30 früher aus?

Ich war mir sicher, ich würde verheiratet sein und mindestens ein Kind haben. Ich dachte, ich würde beruflich genau wissen, in welchem Bereich ich tätig bin, was mein Jobtitel ist und dass ich in diesem Job auch zukünftig arbeiten würde. Ich würde in Schweden leben, hätte da ein Häuschen und würde etwas mit Mode machen. Als ich aber mit meinem Studium in Schweden fertig war und all das nicht passierte, begann die Grübelei.

Das Interview führt femtastics-Autorin Josefine Andrae (links).

Das, worauf ich wirklich stolz war, waren und sind die Freundschaften, die ich habe.

Wie sah dein Leben stattdessen aus, als du kurz vor der 30 standest?

Ich hatte einen Job in der Mode, der zwar Spaß machte, bei dem ich aber nicht wusste, wie lange ich ihn machen will. In dem Moment war es gut, aber längerfristig habe ich mich da nicht gesehen. Ich war außerdem Single und habe in einer WG gewohnt. Das, worauf ich wirklich stolz war, waren und sind die Freundschaften, die ich habe. Ich bin in meinem Leben viel umgezogen und habe, egal wo ich war, mindestens eine Person kennengelernt, mit der ich sehr eng befreundet war und den Kontakt gehalten habe.

… Was heutzutage keine Selbstverständlichkeit ist.

Genau! Ich hatte Glück, dass ich viele gute Freundschaften aufbauen konnte. Also habe ich gesagt: Ich mache ein Festival für alle meine Freunde und Freundinnen.

Um mit ihnen deinen 30. Geburtstag zu feiern?

Ich habe am 30. Dezember Geburtstag, da feiert niemand so richtig gern. Darum habe ich es im August vor meinem Geburtstag gemacht – deswegen „Almost 30“. Ich habe einen Bauernhof in der Uckermark gemietet und angefangen, alles zu planen. Meine Mutter meinte nur, dass in unserer Generation der 30. wohl so etwas wie eine Hochzeit ist. (lacht)

Wir denken, dass dieses „Almost“-Gefühl, diese Vorfreude, doch eigentlich etwas Schönes ist.


Du hast deine Gäste vorab gebeten, etwas beizusteuern, richtig?

Ich habe meine Gäste gefragt, ob sie Lust haben, etwas zu schreiben oder zu zeichnen, sodass wir ein kleines Magazin machen können. Ich habe Marie, meine Schwester, und Hannah, mit der ich damals gearbeitet habe, gefragt, ob sie Lust haben, das mit mir zu machen. Die Sachen, die wir bekommen haben, waren echt gut. Es waren Texte und Bilder, die wir so noch nie gesehen und gelesen hatten. So sind wir auf die Idee gekommen, mehr daraus zu machen als nur ein einmaliges Zine. Wir drei haben uns sehr oft getroffen, Kuchen gegessen, Kaffee getrunken und über Freundschaft und dieses Almost 30-Gefühl diskutiert.

Unsere Generation wird oft reduziert auf Beziehungsunfähigkeit, Praktika, ewiges Studieren und ein generelles „My life ist such a mess“-Gefühl – was eine ziemlich negative Darstellung ist. Wir denken aber, dass dieses „Almost“-Gefühl, diese Vorfreude, doch eigentlich etwas Schönes ist.

Inwiefern?

Da sind nicht mehr diese Verwirrung und diese Planlosigkeit, wie man sie vielleicht mit Anfang 20 empfindet. Es gibt schon Dinge, auf die du stolz sein kannst, sei es nun Beziehungen oder Freundschaften oder Arbeitserfolge. Und trotzdem sagst du nicht: „Ok, so werden die nächsten 50 Jahre.“ Wir wollten festhalten, dass man sich diese Offenheit auch beibehalten kann, dass sie nicht an ein Alter gebunden ist.

Wie ging es mit dem Magazin weiter?

Wir haben ein Crowdfunding gestartet, um zu gucken, ob das Thema auch andere interessiert. Fürs Crowdfunding-Video haben wir ein Wochenende lang in Hannahs Wohnzimmer gesessen und alle, die Lust hatten, konnten uns erzählen, wie sie sich ihr Leben mit 30 vorgestellt haben. Mit dem Crowdfunding haben wir das Geld zusammengekriegt und die erste Ausgabe herausgebracht. Dann ging es erst richtig los. Wir haben mehr und mehr Feedback bekommen und gemerkt, dass es Sinn hat, ein weiteres Magazin zu machen.

Und jetzt arbeitet ein kleines Team bereits an der dritten Ausgabe.

Wir arbeiten als festes Team von vier Leuten daran, haben aber viele, die uns helfen. Die Texte und Illustrationen kommen über einen Open Call von Menschen, die etwas beisteuern wollen. Wir haben auch welche, die uns zwischendurch mit Sales und Grafik unterstützen. Als wir damit angefangen haben, hatten wir alle noch feste Jobs – was mittlerweile ganz anders aussieht.

Deinen Job in der Mode hast du aufgegeben?

Ich habe zu meinem 30. Geburtstag gekündigt und mir von meiner Abfindung einen Bulli gekauft. Von den anderen aus unserem Kernteam hat nur Karina noch einen festen Job. Mit Marie gründe ich gerade eine Agentur und Hannah hat nebenbei ein Grafikstudio gegründet. Das ist witzig, weil wir das Gefühl haben, das „Almost 30“-Gefühl mehr und mehr zu leben.

Hund Olav posiert gerne mit – im Tausch für ein paar Kuscheleinheiten.

Mit anderen Menschen vernetzt zu sein, das ist auf jeden Fall ein wichtiger Teil dieses Lebensgefühls.

Wie würdest du das Lebensgefühl von „Almost 30“ beschreiben?

Wir nennen uns auch „A magazine about togetherness“. Mit anderen Menschen vernetzt zu sein, das ist auf jeden Fall ein wichtiger Teil dieses Lebensgefühls. Unser Motto „Almost is the new perfect“ soll heißen, dass nicht alles klar ist, aber vieles. Das ist ein Zwischenzustand, der aber nicht unbedingt aufhören muss.

Welche Ängste hattest du vor deinem 30. Geburtstag?

Die große Angst hatte ich vor meinem eigenen Perfektionismus und meinen Erwartungen, von denen ich dachte, dass andere diese an mich stellen. Aber eigentlich waren das meine eigenen.

Konntest du diese Ängste abbauen, indem du dich so intensiv mit dem Thema auseinandergesetzt hast?

Ich hatte jahrelang Panikattacken, was ich früher nie zugegeben hätte. Durch „Almost 30“, wo ich das Gefühl bekommen habe, dass alle verletzlich und trotzdem stark sind, konnte ich das annehmen und darüber sprechen. Das hat es besser gemacht. Ich hatte aber bis zu meinem Geburtstag noch Angst. Dann war der Tag aber voll schön, ich war total glücklich und dachte nur: Krass, das ist ja überhaupt nicht schlimm!

Vergleichst du dich mit anderen?

Manchmal, wenn ich gerade über Social Media Frauen sehe, die deutlich jünger sind als ich, aber einen klaren Plan haben, was sie wollen. Ich denke mir dann: Ich wäre auch schneller mit allem gewesen, hätte ich gewusst, was ich will. Ich habe aber akzeptiert, dass es bei mir nie so funktioniert. Bei mir dauert es einfach sehr viel länger bei den Dingen anzukommen, die ich will, weil es ein Prozess mit vielen Schritten ist.

Ich stelle mir manchmal vor, wie es wäre, wenn ich zum Beispiel einen Beamtenjob hätte. Ich glaube, ich fände das einen Monat ganz entspannt, weil ich abends so richtig Feierabend machen würde und ich nicht Sonntagabend noch arbeiten müsste. Und im Urlaub hätte ich einfach nur Urlaub und müsste nicht mit meinem Laptop morgens zwei Stunden im Café sitzen und arbeiten, während die anderen schlafen. Aber ich glaube, bald würde ich mich langweilen, würde irgendein Nebenprojekt anfangen und darauf hoffen, dass das mein Hauptprojekt wird. Und dann wären wir wieder am gleich Punkt. (lacht)

Die große Angst hatte ich vor meinem eigenen Perfektionismus und meinen Erwartungen, von denen ich dachte, dass andere diese an mich stellen. Aber eigentlich waren das meine eigenen.

Du bist mittlerweile 32. Fühlst du dich jetzt in den Dreißigern angekommen?

Es fühlt sich nicht anders an als die 30. Es kommt oft vor, dass Leute uns fragen, ob wir im Team alle unter 30 seien. Dann sage ich: „Nee, aber ich bin Almost 30 forever!“ Aber ja, ich denke, bis 35 bin ich erst einmal wieder fein. (lacht)

Kommt dann „Almost 40“?

Ich habe neulich eine Folge der Serie „The Goop Lab“ geschaut, in der Gwyneth Paltrow erzählt, dass sie so Angst davor hatte, 40 zu werden – und dann war es total toll, weil sie das Gefühl hatte, von vielen  Erwartungen an Frauen befreit zu sein. Das kann ich mir auch vorstellen. Ich finde, auch mit der 30 fallen ein paar Erwartungen ab, aber es kommen auch ganz viele neue.

Fühlst du dich erwachsen?

Manchmal schon. Ich habe erwachsene Momente. Ich glaube aber, ich habe mich manchmal als Kind viel erwachsener gefühlt.

„Als ich begonnen habe, mich mit Ölen zu beschäftigen, war das wie Vokabeln für meine Gefühle zu lernen.“, sagt Hannah, die seit zwei Jahren auch regelmäßige Workshops zu Emotionen und ätherischen Ölen gibt. „Unser Geruchssinn ist so toll, weil er Gefühle und Erinnerungen auslöst, ohne dass wir sie verkopft filtern können. Es geht uns einfach anders, wenn wir etwas riechen und es endlich mal nicht steuern und kontrollieren können.“

Auf deinem Instagram-Account kann man sehen, dass du dich viel mit Astrologie beschäftigst. Inwiefern hat dir das dabei geholfen, bei dir anzukommen und Ängste abzulegen?

Ich habe das Gefühl, dass ich mich jetzt mehr mit meiner Intuition verbinde oder einfach auf Dinge vertrauen kann. Ich bin mir jetzt klarer darüber, was ich wirklich möchte, und nicht, was ich denke wollen zu müssen. Das hilft mir, auch bei meiner Arbeit. Wenn ich „Nein“ zu Jobs sage, dann vertraue ich darauf, dass etwas Anderes kommen wird. Und meistens kommt dann wirklich etwas Unerwartetes. Mich mit Horoskopen zu beschäftigen, hilft mir, mich besser kennenzulernen.

Wie bist du zu dem Thema gekommen?

Ich habe mich oft gefragt, warum Dinge passieren oder warum gerade vor dem 30. Geburtstag viele von uns an einer Wende stehen. Als ich mich in Astrologie eingelesen habe, hat plötzlich alles Sinn ergeben. Wenn du etwa 29 bist, steht Saturn das erste Mal wieder in deiner Geburtskonstellation, ist damit einmal durch alle Häuser gegangen und hat alle Bereiche deines Lebens und deiner Persönlichkeit einmal berührt. Damit bist du astrologisch erwachsen. Deswegen kann es sein, dass man sich gerade dann neu orientiert in die Richtung, in die man wirklich gehen will.

Welches Thema war dir persönlich zu diesem Wendepunkt wichtig?

Ich bin sehr ungeduldig und habe mir vor drei Jahren das erste Mal ein Geburtshoroskop lesen lassen, als ich auf Bali war. Damals habe ich gefragt, wann ich mal wieder eine feste Beziehung haben werden. Woraufhin der Astrologe mir 2019 nannte. Anschließend habe ich ihn ein paar Dinge über meinen zukünftigen Partner gefragt: Was wird es für eine Person sein? Ist es ein Mann oder eine Frau? Älter oder jünger? … Und es ist echt verrückt, aber das war mein jetziger Partner, der da beschrieben wurde. Als wir uns kennenlernten, konnte ich kaum glauben, wie zutreffend die Beschreibung war.

Wie habt ihr euch kennengelernt?

Genauso wie ich diese Wohnung gefunden haben: übers Internet und über eine Liste, die ich geschrieben habe. In meinen Zwanzigern habe ich viel getindert. Dann habe ich mit etwa 29 entschieden: Ich date nicht mehr, ich muss jetzt herausfinden, woran es liegt, dass Beziehungen bei mir immer gleich ablaufen.

Wie hast du das gemacht?

Ich bin auf Lacy Phillips gestoßen, die sich mit Manifestation befasst. Bei ihr geht es darum, das Unterbewusstsein umzuprogrammieren. Du schaust dir ganz genau an, was dich heute getriggert hat, oder warum sich eine bestimmte Situation blöd angefühlt hat. Dann übst du die Vorstellung, wie die Situation hätte aussehen müssen, um für dich besser zu laufen. Dadurch wird in deinem Unterbewusstsein aufgeräumt. Das hat so viel mit mir gemacht. Lacy sagt auch, man muss sich erst einmal eine Liste schreiben, was man genau will. Wir wissen ja immer, was wir nicht wollen, aber gar nicht unbedingt, was wir wollen.

Also hast du dir eine Wunschliste geschrieben, wie die perfekte Wohnung und wie der richtige Mann für dich sein muss?

Ja, ich habe das aufgeschrieben und mir nichts weiter dabei gedacht. Ich habe es meinem Therapeuten erzählt und der meinte nur: „So einen Mann gibt’s nicht!“ Dazu kann ich nur sagen: Doch.

Was möchtest du Menschen mitgeben, die die 30 noch vor sich und Angst vor dieser Zahl haben?

Ich finde es schwer, Menschen irgendwelche Ratschläge zu geben. Aber was auf jeden Fall Sinn macht, ist, den Stress rauszunehmen und einen Weg zu finden, sich selbst besser kennenzulernen.

In eurer dritten Ausgabe geht es um „Secrets“. Welches Geheimnis kannst du mit uns teilen?

Vielleicht, dass ich manchmal das WLAN der Kirche gegenüber nutze. (lacht) Alles andere, was früher Geheimnisse waren, habe ich mittlerweile erzählt. Zum Beispiel, dass ich jahrelang Panikattacken hatte, oder auch, dass ich Kinder haben möchte. Das habe ich früher eher geheim gehalten, weil ich immer dachte, es sei altmodisch. Alles Dinge, die ich jetzt gar nicht mehr so spektakulär finde.

Vielen Dank für das Gespräch, Hannah!

Hier findet ihr „Almost 30“:

Layout: Kaja Paradiek

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