Online-Misogynie: Das Internet hasst Frauen* – warum wir trotzdem weiter posten
18. Mai 2026
geschrieben von Ciani-Sophia Hoeder

Es gibt keine richtige Art, eine Frau* im Internet zu sein
Jeden Tag nimmt sich Ciani-Sophia Hoeder vor, mehr zu posten. Lange hielt sie sich für zu faul, inzwischen weiß sie: Ihre Hemmung ist rational. Wer als Frau* online sichtbar ist, macht sich angreifbar. Aber nicht posten ist auch keine Option. Denn wer unsichtbar bleibt, überlässt das Feld denen, die es gerne leer hätten.
In ihrer neuen "Soft Optimism"-Kolumne schaut sie genau hin: auf Online-Misogynie, Algorithmen, die Genderkonformität belohnen. Und auf den Mythos, dass Rückzug Selbstschutz ist. Denn der Raum bleibt nicht leer. Er wird gefüllt, und zwar von den Falschen. Ein Plädoyer für feministisches Posten.
"Feministisches Bewusstsein schützt messbar vor den bodenlosen Schönheitsidealen des Feeds."
Es gibt keine richtige Art, eine Frau* im Internet zu sein. Posten ist cringe. Nicht posten ist irrelevant. Zu reflektiert ist prätentiös. Die Liste ist endlos und jede Frau* kennt sie. Jeden Tag nehme ich mir vor, mehr zu posten, weil ich als Autorin davon lebe, gelesen zu werden. Und jeden Tag komme ich nicht über meinen Schweinehund. Lange habe ich gedacht, ich sei einfach faul. Inzwischen glaube ich etwas anderes: Meine Hemmung ist rational. Denn: Das Internet hasst Frauen*.
Anne Hathaway mal gehasst, jetzt wieder geliebt. Jennifer Lawrence sowieso. Frauen*, die wir zu oft sehen, haben wir irgendwann satt. Das ist keine persönliche Abneigung, das ist unsere gesellschaftlich anerzogene Misogynie, die im Netz auf Crystal Meth läuft. Das heißt "Hathahating" (aus Hathaway und Hate) und beschreibt, wie die Öffentlichkeit Frauen* systematisch aufbaut und genüsslich Popcorn kauend zusieht, um sie zu zerstören.
Die harten Fakten zur Online-Misogynie
In der Befragung "Lauter Hass – leiser Rückzug" hat fast jede zweite Person angegeben, schon mal online beleidigt worden zu sein. Besonders betroffen: Menschen mit sichtbarem Migrationshintergrund, junge Frauen* und queere Personen. Fast jede zweite junge Frau* hat bereits ungefragt ein Nacktbild erhalten.
Shirin David ist ein griffiges Beispiel für digitale Gewalt. Eine Frau*, die buchstäblich aus dem Internet geboren wurde. Kleiner Reminder: Sie war mal Youtuberin. In ihrer "Netflix"-Doku "Barbara – Becoming Shirin David" beschreibt sie, dass Hasskommentare dazu führten, dass sie zwei Jahre lang kaum noch das Haus verließ. Die erfolgreichste Rapperin Deutschlands. Sie leidet unter demselben System, von dem sie lebt. Denn ihre Hyperfeminität zieht auf den Socials: Die Algorithmen lieben Genderkonformität. Übertriebene weibliche Selbstdarstellung bringt mehr Likes. Der Erfolg von Tradwives ist kein Zufall – und kein persönliches Versagen. Das ist Plattformdesign.
Posten oder schweigen: Beides hat seinen Preis
Also, was jetzt? Ist es ein Freiheitsschlag – wenn sowieso alles gehasst wird, kann ich alles posten, was und wie viel ich will? Den Matcha Latte neben Bombenbildern? Richtig über Boomer-Männer* ranten? Twerken? Die eine oder der andere Social-Media-Expert*in predigt: Übersteige den Cringe Mountain. Zeig dein Gesicht öfter, irgendwann wird es besser. Vielleicht. Aber wie soll man sich an den Hass gewöhnen?
"Frauen*, die nicht posten, werden nicht in Ruhe gelassen – sie werden einfach nicht gehört."
Nicht posten ist auch keine Lösung. Rückzug klingt nach Selbstschutz, und das ist er teilweise auch. Die anonymen Profile, die allerdings eindeutig von Männern* sind, mit ungefragtem Feedback im Postfach, sind absolut zum Kotzen. Aber Rückzug hat eine Kehrseite: Der Raum bleibt nicht leer. Er wird gefüllt. Von denen, die keinen Grund haben, sich zurückzuziehen. Also die, die sich an sexistische Regeln halten. Oder die den Hass als Werkzeug benutzen, um genau das zu erreichen: Frauen* mit Meinung loszuwerden. Die Manosphere wächst nicht trotz des Rückzugs von Frauen*. Sie wächst damit.
Gleichzeitig ist es ein Beweis: Hassattacken wirken. Wenn ich dabei zusehe, wie meine liebste Meinungsmacherin* im Netz zusammenbricht, sendet das an uns alle ein Signal. Sie ist hier nicht willkommen, und du dann erst recht nicht. Also tschüss.
Sichtbarkeit ist Macht, auch im Netz
Frauen*, die nicht posten, werden nicht in Ruhe gelassen. Sie werden einfach nicht gehört. Ihre Perspektiven fehlen in Debatten. Ihre Expertise wird nicht zitiert. Ihre Geschichten werden nicht erzählt. Oder von anderen erzählt, über sie, ohne sie.
Social Media ist Macht. Follower*innen-Zahlen entscheiden, ob jemand einen Job bekommt, für eine Filmrolle gecastet wird, einen Buchdeal kriegt oder die neue Kolumne beim Spiegel.
”Sauerteigbrot backen in Nara-Smith-Ästhetik und über Rassismus sprechen? Gendern und gärtnern? Tanzen und Therapie? Es gibt Wege."
Heißt das also, es bleibt nur eines: trotzdem machen? Wer weiß, wie das Spiel funktioniert, spielt es anders. Madeleine Alizadeh (@dariadaria) moderierte auf "Instagram" zwischenzeitlich politische Takes im Bikini. Annika Prigge (@donpriggos) malt Bilder und bespricht feministische Themen. Südkoreanische Feminist*innen nutzten GRWM (Get Ready With Me), um auf die 4B-Bewegung aufmerksam zu machen. Vielleicht mal Sauerteigbrot backen in Nara-Smith-Ästhetik und über Rassismus sprechen? Gendern und gärtnern? Tanzen und Therapie? Es gibt Wege.
Ja, ich weiß, das klingt jetzt nicht nach der perfekten Lösung. Es klingt eher nach: Erklimme den Cringe Mountain und marschiere danach schnurstracks in die Hölle. Ein bisschen Hitze kriegst du ab, aber für das große Wohl der Gendergerechtigkeit machst du das. Opfer dich. Es klingt aber auch danach, wie es einfach ist, eine Frau* zu sein. Immer ein bisschen mehr geben. Immer kurz davor sein, Gewalt zu erleben.
Das ist ein strukturelles Problem – und die Gesetze existieren bereits
Es führt aber auch gleichzeitig schnurstracks in die Individualisierungsfalle: Ein strukturelles Problem soll mit ganz viel Mühe auf ein, zwei Schultern ausgetragen werden. Dabei ist Social Media der Spiegel unserer Gesellschaft. Es ist so sexistisch, weil wir – Überraschung – in einer sexistischen Gesellschaft leben.
"86 Prozent der Deutschen wollen Plattformen konsequenter in die Verantwortung ziehen. Die Mehrheit ist längst weiter als die Politik."
Die Gesetze, die es bräuchte, existieren größtenteils schon: das Netzwerkdurchsetzungsgesetz, der Digital Services Act, die Richtlinie gegen Gewalt gegen Frauen*. Man müsste sie nur anwenden. Aber auch konsequenter die Plattformen in die Verantwortung ziehen: 86 Prozent der Deutschen* wollen genau das. Ähnlich viele wollen Meta und Co. finanziell haftbar machen. Die Mehrheit ist längst weiter als die Politik. Aber Social-Media-Bosse teilen lieber Daten mit Werbepartner*innen als mit Wissenschaftler*innen. Bis dahin bleibt Rage Bait der algorithmische Kompass. Und was macht wütender als progressive, meinungsstarke Frauen*?
Hier kommt aber noch ein kleines Trostpflaster: Feministisches Bewusstsein schützt messbar vor den bodenlosen Schönheitsidealen des Feeds, weil man die Mechanismen checkt. Gegen Vergewaltigungsdrohungen per DM hilft das alles nicht. Das müssen wir strukturell anpacken. Gegen das leise, tägliche PTSD des Postens hilft es zumindest ein bisschen.
Bis dahin nehme ich mir vor, morgen mehr zu posten. Oder doch erst nächste Woche.
XOXO DEINE MÜDE MILLENNIAL
Journalistin Ciani-Sophia Hoeder ist eine romantische Pessimistin. Sie pendelt zwischen Kritik und Hoffnung, zwischen Gesellschaftsanalyse und Zärtlichkeit. In ihrer neuen femtastics-Kolumne "Soft Optimism" nimmt sie Leser*innen jeden Monat mit in Rabbit Holes, die zwischen Internettrends und politischer Hoffnung liegen.
Hier findet ihr Ciani-Sophia Hoeder:
Foto: Meg-Vada Hoeder
Collage: "Canva"