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Feminismus

Warum sich Millennial-Töchter ihren Müttern emotional überlegen fühlen

07. Mai 2026

geschrieben von Maike Knorre

Warum sich Millennial-Töchter ihren Müttern emotional überlegen fühlen

Sind wir Millennial-Töchter arrogant? Über das stille Ungleichgewicht zwischen uns und unseren Müttern

Es gibt viele Gründe, warum Mutter-Tochter-Beziehungen so komplex sind. Einer davon wird selten offen ausgesprochen: dass Millennial-Töchter das Gefühl haben, ihren Müttern emotional voraus zu sein. Sie gehen zur Therapie, setzen Grenzen, sprechen über ihre Bedürfnisse und fragen sich im Umgang mit ihrer Mutter: Kommt die noch mit? Was macht das mit der Mutter-Tochter-Beziehung, wenn sich eine Seite emotional weiter fühlt als die andere? Wollen wir unsere Mütter emanzipieren, oder sind wir Millennial-Töchter einfach arrogant?

Sarah Trentzsch ist Sozialpsychologin aus Berlin und arbeitet seit Jahren mit Müttern und Töchtern in der Beratung. In ihrem Buch "Wofür wir Töchter unsere Mütter brauchen" beschreibt sie, was hinter diesem Ungleichgewicht steckt. Und warum der Wunsch, die eigene Mutter zu "retten" oder weiterzuentwickeln, oft mehr über die Tochter verrät als über die Mutter. Im Interview sprechen wir über Parentifizierung, verdeckten Wettbewerb zwischen Frauen* und die Frage, was Töchter wirklich von ihren Müttern wollen.

"Töchter, die ihre Mutter entwickeln oder retten wollen, wünschen sich im Kern etwas anderes: eine starke Mutter."
Sarah Trentzsch, Sozialpsychologin

femtastics: Millennial-Töchter gehen zur Therapie, setzen Grenzen, sprechen über ihre Bedürfnisse und glauben, ihren Müttern damit emotional überlegen zu sein. Ist das wirklich so oder eine gefühlte Wahrheit, die wir uns selbst erzählen?

Sarah Trentzsch: Das ist ein Phänomen, das ich in meiner Beratungspraxis immer wieder beobachte. Da sind die Töchter zwischen 20 und 45 Jahren, die das Vokabular der Selbstreflexion sprechen, ihre Grenzen benennen und Dynamiken einordnen. Und die Mütter über 60, die es nicht gewohnt sind, so offen über ihre Gefühle zu sprechen. Die häufig auch Angst davor haben, diese Tür nach innen aufzumachen, sich zurückziehen und manchmal auch gar nicht verstehen, worum es ihren Töchtern eigentlich geht.

Das erzeugt ein Ungleichgewicht in der Mutter-Tochter-Beziehung. Oft wirken die Töchter herablassend und belehrend, während die Mütter wie ein Kind um die Beziehung kämpfen. Dabei sind diese Töchter selber sehr vulnerabel und bedürftig, nur eben geübt in Therapeutensprech.

Welche Themen besprechen Töchter und Mütter bei dir in der Beratung?

In der Regel kommen sie, weil sie nicht mehr miteinander reden können, ohne zu streiten. Sie geraten immer wieder in die gleichen Konflikte, oft sind viel Wut, Enttäuschung und überhöhte Erwartungen mit im Raum. Und dann gibt es die Ablösungsthemen. Töchter, die sich nicht wirklich von ihrer Mutter abgrenzen und freimachen können, die immer noch darum kreisen, was die Mutter braucht und wie sie es ihr recht machen können. Oder die alles von ihr abgesegnet bekommen wollen.

Was steckt hinter dem Wunsch einer Tochter, dass ihre Mutter sich weiterentwickelt und zur Therapie geht?

Viele Töchter, die sich verantwortlich für ihre Mutter fühlen, sind eigentlich überlastet. Sie wünschen sich, dass jemand anderes Erwachsenes übernimmt und ihnen die Sorge um die Mutter abnimmt. Wenn sich die Rollen umkehren und die Tochter emotional zur Erwachseneren in der Beziehung wird, sprechen wir von Parentifizierung. Dieses Verhaltensmuster hat seinen Ursprung in der Kindheit. Töchter haben von klein auf gelernt, extrem aufmerksam für die Bedürfnisse und Stimmungen ihrer Mutter zu sein. Und Mütter senden, oft unbewusst, Botschaften: "Sei mir nah. Kümmere dich." Aber auch: "Trag mein Leiden. Halte mein Unglücklichsein aus." Weil viele Mütter Baustellen und unerfüllte Wünsche in ihrem Leben haben, spüren das die erwachsenen Töchter und versuchen, das abzufedern.

"Eine Mutter, die immer klagt und sich klein macht, ist nicht schön. Sie zu belehren, vergrößert die Schieflage und ist eine enorme Selbstüberschätzung."

Wie kommen Töchter aus dieser Loyalitätsfalle raus?

Indem sie verstehen: Töchter sind nicht verantwortlich für das Wohlbefinden ihrer Mutter. Wenn sie mit sich und ihrem Leben hadert oder sowas sagt wie: "ich wünschte, ich hätte das so früh erkannt wie du, dann wäre mein Leben leichter gewesen", dann ist das ihre Geschichte. Als Tochter kannst du zuhören und empathisch sein. Aber du musst sie nicht coachen und schon gar nicht retten. Das klingt einfacher als es ist, weil diese Loyalität so tief sitzt und so früh gelernt wurde.

Erwachsene Töchter und Mütter müssen lernen, Nähe und Distanz neu auszuhandeln: Was kann ich geben? Was gehört nicht zu mir? Eine Mutter, die immer klagt und sich kleiner macht als sie ist, ist nicht schön. Aber sie zu belehren, vergrößert die Schieflage und ist eine enorme Selbstüberschätzung. Denn die größere Lebenserfahrung hat immer noch die Mutter.

Wann nehmen Töchter diese Dynamik als Belastung wahr?

Wenn die Schuldgefühle der Mutter gegenüber in Wut umkippen und die Töchter den Wunsch verspüren, sich stärker abzugrenzen. Oft ist das der Moment, wo die Tochter auszieht und ihr eigenes Leben aufbaut. Plötzlich merkt sie: Ich bin total überfordert von den Anforderungen. Von Beziehungen, Berufsentscheidungen, von meinem eigenen Leben. Und dann wird sie wütend auf die Mutter, weil sie zu viel Fürsorge tragen musste, was sie als Kind nicht reflektieren konnte. Diese Wut ist eigentlich ein Versuch, sich zu lösen. Sich freizumachen von einer Verbundenheit, die zu eng war.

Welchen Einfluss hat es, wenn Töchter dann zur Therapie gehen und anfangen, die Muster der Mutter-Tochter-Beziehung zu reflektieren?

Manche Töchter brechen den Kontakt erstmal ab, weil sie innerlich noch mitten im Prozess sind und der reale Kontakt zu viel ist. Aber die Mutter zu entwerten und ihr alles vor die Füße zu knallen – das ist keine Lösung. Und auch keine echte Emanzipation.

"Leider werden Belastungen und Erwartungen immer zwischen Frauen* hin und her gereicht, anstatt eine produktive Wut an gesellschaftliche Bedingungen zu richten."

Viele Töchter haben bessere Bildungschancen als ihre Mütter, verdienen früher mehr Geld und führen andere Beziehungen. Was macht das mit Müttern?

Das hängt stark davon ab, wie viel Selbstwert die Mutter hat. Wenn der fehlt, kann das in zwei Richtungen gehen. Entweder fühlt sie sich unterlegen und ordnet sich unter. Oder es kommen Rivalität und Neid auf. Die Mutter entwertet das Leben der Tochter und macht es ihr madig: Ihre Partnerschaft ist eh nicht gut, die Arbeit zu viel, die Erfolge nicht wirklich Erfolge. Daraus entsteht ein verdeckter Wettbewerb. Dabei ist die Tochter nicht Schuld daran, dass die Mutter in einer anderen Generation und Zeit aufgewachsen ist. Und auch die Mutter kann nichts dafür, dass sie mit anderen Möglichkeiten sozialisiert wurde.

Nur weil beide zur gleichen Zeit als erwachsene Frauen* in dieser Welt leben, haben sie trotzdem unterschiedliche Voraussetzungen und Lebensrealitäten. Dieses gegenseitige Beobachten, Bewerten und Vergleichen ist nicht nur ein Generationenkonflikt, sondern auch ein grundsätzliches Problem zwischen Frauen*. Leider werden Belastungen und Erwartungen immer zwischen Frauen* hin und her gereicht, anstatt eine produktive Wut an gesellschaftliche Bedingungen zu richten.

Sind wir Millennial-Töchter manchmal arrogant? Wenn wir mit Therapiebegriffen um uns werfen oder denken, wir hätten den Feminismus erfunden?

Das ist eine wichtige Frage. Ja, das Risiko besteht. Es ist nicht produktiv, wenn Millennial-Töchter ihren Müttern die Welt erklären wollen und ihnen dieselben Ratschläge geben wie ihren Freund*innen. Das bringt die Beziehung in eine Schieflage und lässt außer Acht, dass die Mütter mit ganz anderen Erfahrungen und Prägungen erwachsen geworden sind als sie selbst. Jede Generation arbeitet sich an der vorherigen ab, das gehört zur Ablösung dazu. Was ich bei den Millennials beobachte, ist eine gefühlte Übermächtigkeit. Es gibt weniger strenge Autoritäten, an denen sie sich abarbeiten. Was bleibt, ist ein Vakuum, das sie mit Selbstoptimierung füllen. Ihre Gegenwart ist geprägt von dem Glaubenssatz, dass sich mit Ratgebern, Coachings und den richtigen Skills alles schaffen lässt.

Das ist eine andere Art von Unfreiheit. Anstatt der patriarchalen Enge, an denen sich unsere Mütter abgearbeitet haben, gibt es heute den Anspruch an Frauen*, alles sein zu können, alles machen und schaffen zu müssen, permanent an sich zu arbeiten. Das ist erschöpfend. Und es produziert genauso unrealistische Erwartungen, an sich selbst und an andere. Auch an die eigene Mutter. Ältere Frauen* haben eine realistischere Einschätzung ihrer Begrenztheit und dadurch eine andere Freiheit als junge Frauen*. Perfektionismus macht ziemlich unfrei und abhängig von Bewertungen und geliebt werden wollen.

Wollen wir unseren Müttern also helfen oder sie optimieren?

Töchter, die den Drang spüren, die Mutter irgendwie zu entwickeln oder zu retten, wünschen sich im Kern etwas anderes: eine starke Mutter. Eine, die größer ist als sie selbst. Die stabil in der Welt steht und sich nicht ihren Töchtern unterordnet. Es geht nicht um Überlegenheit, sondern um eine tiefe Sehnsucht nach einem echten Gegenüber. Mit dem man streiten und das man belasten kann. Das ist bedeutsam, denn wenn wir wachsen und stark werden wollen, brauchen wir eine andere, die größer und stärker ist, an der wir uns ausrichten und orientieren können. Dafür braucht sie keinen tollen Job, viele Follower*innen oder den perfekten Körper, sondern Selbstwert, Leidenschaft und eine Spur Unberechenbarkeit.

"Ich finde es einen wichtigen feministischen Auftrag, zu sehen, was unsere Mütter geleistet haben, anstatt sie zu unterschätzen."

Unterschätzen wir unsere Mütter, wenn wir uns für überlegen halten?

Oft unterschätzen sich unsere Mütter zunächst selbst. Der Mangel an Selbstwert ist kein Generationenproblem, daran arbeiten sich alle Frauen* ab. Und dann gibt es auf Seiten der Töchter, aber auch gesamtgesellschaftlich, eine Blindheit dafür, bestimmte Fähigkeiten überhaupt zu sehen und anzuerkennen. Wenn die eigene Mutter nicht in einer männlichen Welt performt hat, heißt das nicht, dass sie einem nichts mitgeben kann. Von dieser gesellschaftlichen Misogynie sind wir alle erfasst, das ist ein Problem.

Es ist völlig okay, mehr für das eigene Leben zu wollen und Dinge anders zu machen als die Mutter. Aber ich finde es einen wichtigen feministischen Auftrag, zu sehen, was unsere Mütter geleistet haben, anstatt sie zu unterschätzen. Auch was die feministischen Kämpfe der 60er- und 70er-Jahre angeht. Damals waren Frauen*, die sich für ihre Rechte eingesetzt haben, Ausgestoßene. Viele Frauen* haben aus Leidenschaft für den Feminismus gekämpft, haben viel riskiert, mit viel härteren Konsequenzen. Heute ist Feminismus Mainstream, geradezu ein Aspekt von Selbstoptimierung, besonders laut, frech und widerständig sein zu müssen.

Was hilft dann konkret, damit Differenz nicht Distanz bedeutet – damit Mutter und Tochter trotz unterschiedlicher Entwicklung in Beziehung bleiben?

Runter von den gegenseitigen hohen Ansprüchen. Weniger bewerten, mehr neugierig sein. Wirklich zuhören, anstatt alles persönlich zu nehmen, und keine Absolution erwarten. Stattdessen hören, was die andere von einem selbst unterscheidet, und das schätzen lernen, anstatt auf Teufel komm raus Gemeinsamkeiten zu suchen. Lieber gemeinsame Erfahrungen machen in der Welt, die beide teilen. Nicht immer nur pädagogisch umeinander kreisen. Ins Theater oder wandern gehen, sich gemeinsam politisch beschäftigen, zusammen kochen oder stricken, kurz mit der Welt in Kontakt kommen. Das ist der wichtigste Schritt zu echter Augenhöhe.


Sarah Trentzsch über emotionale Überlegenheit in Mutter-Tochter-Beziehungen

Sarah Trentzsch ist Sozialpsychologin und systemische Beraterin aus Berlin. Sie arbeitet mit Frauen* zu Mutter-Tochter-Beziehungen und hat die Bücher "Wofür wir Töchter unsere Mütter brauchen" und "Das konkrete Leben" veröffentlicht. Außerdem koordiniert sie eine Interventionsstelle gegen Gewalt an Frauen* und ihren Kindern.


Fotos: "Canva" (Aufmacher), Luzia Schmincke (Porträt)