(Mit anderen Kreativen) in einem alten Bahnhof leben und arbeiten: Zu Besuch bei Lisa und Gero von „Bahnhofszeit“

Ein alter Bahnhof in idyllischer Lage direkt am Waldrand, 40 Minuten außerhalb von Berlin im Havelland – das ist seit knapp fünf Jahren das Zuhause von Lisa (34) und Gero (35) und ihren beiden Kindern, gleichzeitig aber auch ein Ort für Ruhesuchende und Kreative. Die beiden haben 2017 den alten Bahnhof und das über 5.000 Quadratmeter große Grundstück in liebevoller Arbeit und vielen Stunden in „Bahnhofszeit“ verwandelt, ein Kreativort mit Apartments und Workspace, Event-Location und einer Kaffeerösterei. Natürliche Materialien und Farben sowie besondere Vintage-Stücke und praktische Eigenkreationen machen den längst verlassenen Bahnhof zur perfekten Schnittstelle zwischen purer Natur und städtischem Leben für kreative Arbeit, Spaß und Erholung. Im Interview sprechen wir mit Gero über seinen Antrieb für dieses Projekt, Herausforderungen bei der Renovierung, sein Social Business und, wie man trotz eines eigenen Co-Working- und -Living-Projekts nicht aufs Reisen verzichten muss.

Ich habe etwas Sinnhafteres gesucht. Alles was wir hier tun, dient auch dazu, Menschen, denen es bedeutend schlechter geht, zu helfen.

Lisa und Gero leben mit ihren kleinen Kindern in einem 170 Quadratmeter großen Bereich im alten Bahnhofsgebäude. Außerdem vermieten sie zwei Apartments, die 70 und 100 Quadratmeter groß sind, kurz- oder langfristig an Gäst*innen sowie einen 60 Quadratmeter großen Seminar-Workshop-Raum mit Terrasse.

Wir wollen zeigen, dass sich soziales Engagement, Nachhaltigkeit und Unternehmertum nicht ausschließen müssen, sondern Hand in Hand gehen können.

femtastics: Gero, wie seid ihr auf die Idee gekommen, den alten Bahnhof in eine moderne Industrielocation zu verwandeln?

Gero: Ich war in meinem Job alten Job als Betriebsprüfer nicht wirklich glücklich. Ich war zwar verbeamtet, aber der Beruf passte nicht zu mir. Ich fühlte mich beruflich sehr beschnitten. Ich habe meinen Job dann aufgegeben, weil er mir außer dem Finanziellen wenig gegeben hat. Ich habe etwas Sinnhafteres gesucht und bin nach meiner Kündigung erst einmal ins Ausland gegangen, um Abstand zu bekommen. In der Zeit habe ich in einem Kinderheim im Norden Thailands und in den Slums von Kalkutta gearbeitet und wollte schauen, wie ich das, was ich gut kann, mit dem, was mir Spaß macht, verbinden kann. Um es kurz zu fassen: Ich fand die Antwort in der Verknüpfung von Selbständigkeit und Sozialem. Alles, was wir hier tun, dient auch dazu, Menschen, denen es bedeutend schlechter geht, zu helfen. Wir wollen zeigen, dass sich soziales Engagement, Nachhaltigkeit und Unternehmertum nicht ausschließen müssen, sondern Hand in Hand gehen können.

Wie habt ihr den Mut aufgebracht, diese Idee tatsächlich in die Tat umzusetzen?

Wir sind anscheinend Macher*innen, das haben wir im Prozess gemerkt. Wir hatten eine klare Liste mit 22 Kriterien, was ein Haus mitbringen muss, um unser Zuhause und unsere Vision zu verbinden. Dadurch, dass das Haus – das zu dem Zeitpunkt schon längere Zeit online zum Verkauf stand – tatsächlich alle Kriterien unserer Liste erfüllt hat, haben wir es uns nach einer kurzen Bedenkzeit zugetraut. Das Projekt war schon groß und mit viel Arbeit verbunden, aber wir sind nicht blauäugig an die Sache herangegangen, sondern haben geschaut, wie wir unsere Vision realistisch umsetzen können.

Was wisst ihr über die Vorgeschichte des Bahnhofs?

Der Bahnhof war ein Halt auf der Strecke Jüterbog im Süden nach Oranienburg im Norden, die noch vor dem ersten Weltkrieg gebaut wurde. Die Strecke wurde als Entlastungsstrecke für Berlin genutzt – für Personen- als auch Güterverkehr. Berlin hatte damals schon über 4 Millionen Einwohner*innen und man wollte alles, was nicht zwangsläufig nach Berlin rein musste, außen vorbei leiten. Außerdem verband sie die militärischen Stützpunkte: Jüterbog Kavallerie und Kasernen, Nauen Funkstadt und Oranienburg Bombenbau. Der Bahnhof selbst spielte dabei trotz der Größe des Gebäudes eine untergeordnete Rolle. Ich denke, dass man optimistisch war, dass wenn der Krieg gewonnen worden wäre, Berlin sich weiter vergrößert hätte und man hier bereits vorgesorgt hatte. Er liegt auch gar nicht im Ort, sondern in gewisser Entfernung davon.

Lisa und Gero kommen ursprünglich aus der Nähe von Köln und kennen sich seit der Schulzeit. Zusammengekommen sind sie allerdings erst viele Jahre später.

Wir haben nicht geerbt, nichts geschenkt bekommen und sind ins Risiko gegangen.

So eine Renovierung ist sicherlich ganz schön viel Arbeit. Wie habt ihr die Zeit und Ressourcen aufgebracht?

Das war und ist es auch. Wir haben viel in Etappen gemacht, ein bisschen hat unser Netzwerk aus Berlin und unserer Heimat nahe Köln geholfen. Das meiste haben wir aber tatsächlich selbst gemacht. Ich habe in den ersten Jahren neben der Gründung fast ausschließlich am Haus gearbeitet und Lisa in jeder freien Minute neben ihrer Festanstellung. Es ist wichtig, dass man bei so einem Projekt ein Stück weit handwerklich begabt ist. Auch damals war es schon schwierig, (gute) Handwerker*innen zu bekommen.

Was habt ihr alles verändert? Wie sah es hier kurz nach eurem Kauf aus?

Von außen war der Zustand des Gebäudes in Ordnung, innen war es teilweise aber sehr schlimm. Alle Wohnungen mussten mindestens renoviert, wenn nicht kernsaniert werden. Der alte Eigentümer hatte es zwar schon geschafft die Gebäude aus ruinösem Zustand wieder herzustellen, aber Plastik-Falttüren oder fünf verschiedene Mustertapeten aus Restbeständen in einer Wohnung sind nicht das, was man sich wünscht.

Unsere eigene Wohnung musste komplett kernsaniert werden. Hier haben wir alles rausgerissen und dann – auch wegen Schimmel, da sie nicht gepflegt worden war – komplett neu machen müssen. Dabei haben wir viel auf Nachhaltigkeit geachtet. Für den Boden haben wir zum Beispiel Kieferndielen direkt bei einem Sägewerk in der Uckermark bestellt. Um dem Altbau gerecht zu werden, haben wir verschiedene Breiten und Sortierungen genommen und eine asymmetrische Verlegung, wie man sie aus Berliner Altbauwohnungen kennt, nachempfunden. Im Garten mussten wir auch einiges machen, zurückschneiden, kultivieren und Jägerzäune beseitigen.

Wie viel habt ihr für die Renovierung gezahlt und wie habt ihr das Projekt finanziert?

Der Kauf plus Umbau haben uns mehrere hunderttausend Euro gekostet. Wir haben nicht geerbt, nichts geschenkt bekommen und sind ins Risiko gegangen. Außerdem habe ich in der Zeit, an der ich am Haus gearbeitet habe, kein Geld verdienen können. Aber wir waren einfach optimistisch und sind positiv an die Sache herangegangen. Während der Umbauphase war ein Teil der Wohnungen schon längerfristig vermietet, was uns natürlich geholfen hat.

Wir sehen uns hier als Accelerator für modernes Landleben und freuen uns über viele Gleichgesinnte und ergänzende Projekte, um es für alle Seiten interessanter und lebenswerter zu gestalten. 

So sieht der Workspace bei „Bahnhofszeit“ aus, den Unternehmen für Offisite-Events buchen können.

Was war eure größte Hürde beim Projekt „Bahnhofszeit“?

Die größte und aktuellste Hürde ist sicherlich die Pandemie, die unsere Pläne immer wieder umwirft. Da muss man flexibel bleiben. Ansonsten waren es egozentrische Menschen, wie beispielsweise Handwerker*innen, die im Prozess dreimal die abgesprochenen Preise erhöht haben. Ein Hinweis für die femtastics-Leser*innen: Immer alles schriftlich festhalten, auch mitten auf der Baustelle, wenn es gerade vielleicht turbulent ist!

Wie ist es eigentlich, wenn man ständig Besuch von unterschiedlichen Menschen hat? Seht ihr euch mehr als Hotel oder Community?

Wir sind ganz bewusst kein Hotel. Wir haben auch nicht von montags bis freitags durchweg offen, sondern haben unsere Gäst*innen punktuell nach Absprache oder tageweise für Events bei uns. Das ist sehr inspirierend, wir haben eigentlich nur sympathische Gäst*innen und auch die Start-ups oder kleinen Unternehmen, die für Workshops oder Offsites hier rauskommen, bieten Grundlage für einen spannenden Austausch. Wir sehen uns hier als Accelerator für modernes Landleben und freuen uns über viele Gleichgesinnte und ergänzende Projekte, um es für alle Seiten interessanter und lebenswerter zu gestalten. 

Ihr seid große Fans von Ästhetik, Natur, Interieur und Design, das spiegelt sich auch in „Bahnhofszeit“ wider. Woher kommt diese Leidenschaft?

Es macht uns einfach Spaß. Gleichzeitig brauchen wir die Schönheit der Dinge und eine harmonische Anordnung, um uns wohlzufühlen. Das bedeutet für uns vor allem natürliche Materialien und nicht zu bunt. Ein Orange oder knalliges Rot wird es hier nicht geben. Wir lieben vor allem Gegenstände mit Geschichte und Vintage-Unikate.

Die Kaffeemanufaktur im alten Güterschuppen ist unser Social Business.

Wo findet ihr diese?

In Kleinanzeigen oder in einem der Antiquitätenläden hier draußen in Brandenburg. Oft findet man gar nicht das, was man sucht, sondern Sachen, die dann ganz woanders passen. Man sucht einen Schrank und kommt mit drei Stühlen, einem kleinen Sessel und einer Uhr wieder. (lacht)

Du hast es eben schon kurz angeschnitten: Bei „Bahnhofszeit“ dreht es sich nicht nur um die Vermietung von Apartments, Workspaces und Locations – eure gläserne Kaffee-Manufaktur hat eine besondere Bedeutung.

Das ist eigentlich – neben unseren Kindern – der Grund, warum wir das Haus gekauft haben. Die Kaffeemanufaktur „Roots & Branches“ ist unser Sozialprojekt, unser Social Business. Witzigerweise ist der kleinste Raum das Herzstück des ganzen Projektes. Die Manufaktur befindet sich in der Remise, also im alten Güterschuppen, als Teil des Workshop-Raumes. Hier rösten wir den Kaffee selbst, vermarkten ihn und führen den kompletten Gewinn zurück in die Ursprungsregion in Nordthailand, für soziale Projekte gegen Kinderarmut und gegen Kinderhandel.

Ihr veranstaltet auch selbst Events wie Netzwerk-Partys, Coworking-Retreats oder Konzerte. Es gibt ein Event namens „Berlin kann jeder, Brandenburg muss man (erst) lernen.“ Was meint ihr damit?

Es gibt so viele spannende Projekte in Brandenburg, aber je individueller ein Projekt ist, desto individueller sind auch die Herausforderungen, mit denen die Menschen dahinter zu tun haben. Deswegen haben wir diese Netzwerkparty kreiert. Wir hätten gerne eine Vernetzung zwischen genau diesen Menschen, nicht sternförmig nach Berlin, sondern um Berlin herum.
Es kommt sehr gut an und macht super viel Spaß, weil es einen Austausch gibt und wir damit Synergien schaffen, um gemeinsam Probleme zu bewältigen. Während man in der Stadt mal schnell in die U-Bahn springt und sich dann in einem Café mit einer/einem ehemaligen Kommiliton*in oder einer/einem Arbeitskolleg*in trifft, um sich auszutauschen, hat man als frische*r Brandenburger*in diese natürlichen Kontakte erstmal nicht.

Ihr wart vor dem Hauskauf viel auf Reisen. Wie handhabt ihr es heute mit „Bahnhofzeit“, wenn ihr mal etwas länger unterwegs sein wollt?

Man kann schlecht das Haus voll vermietet haben und für mehrere Tage weg sein, weil immer irgendwas sein könnte, zum Beispiel ein Sturm und Stromausfall, wie es eine Freundin letztens hatte. Es ist so, dass uns eine kleine Auszeit in einem anderen Teil von Deutschland reicht oder wir verreisen im Winter, dann ist hier weniger los. Aktuell macht uns da leider die Pandemie einen Strich durch die Rechnung. Aber auch unsere Familiensituation mit zwei kleinen Kindern ändert natürlich, dass man schnell mal spontan verreisen kann.

Wir haben einen Ort geschaffen, der viele Möglichkeiten bietet, die wir selbst alle gar nicht bespielen können und wollen, daher freuen wir uns immer über den Austausch von Ideen.

Home sweet Home: In diesem Bereich wohnen Lisa, Gero und ihre beiden Kinder.

Habt ihr eigentlich schon Angestellte oder managt ihr alles zu zweit?

Wir haben aktuell noch keine Angestellten, aber es wäre toll, welche zu haben. Wir sind auch sehr offen für Kollaborationen und Kooperationen, zum Beispiel mit Freelancer*innen, die selbst spannende Ideen haben. Wir sind Fans von Win-Win-Situationen und dabei nicht festgelegt, sei es in Richtung Tiny Houses, aber auch generell bezogen auf modernes Landleben oder Entrepreneurship. Wir haben einen Ort geschaffen, der viele Möglichkeiten bietet, die wir selbst alle gar nicht bespielen können und wollen, daher freuen wir uns imme über den Austausch von Ideen.

Lisa hat Interkulturelle Kommunikation, Erziehungswissenschaften, Englisch und Französisch studiert und arbeitet in diesem Bereich.

Was sind eure Pläne für die Zukunft?

Wir möchten gern den kulturellen Teil mehr ausleben: Konzerte, Lesungen, Open-Air Kino, Workshops und Yoga stehen hier auf unserer Liste. Aber auch Ausweitungen des Business-Bereichs. Zum Beispiel brauchten wir für unsere eigene Kaffeesorte eine passende Tasse. Da wir die nicht gefunden haben, haben wir letztlich selbst eine entworfen und in kleiner Charge bereits herstellen lassen. Solche Projekte planen wir zu vertiefen.

Vielen Dank für das Interview. Wir wünschen euch weiterhin viel Erfolg mit eurem Projekt!

Hier findet ihr „Bahnhofszeit“:


Interview: Katharina Heilen


Fotos: „Bahnhofszeit“ (Stephanie Hanke und Gero Dusil)


Layout: Kaja Paradiek

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