Kolumne „Wir renovieren eine Villa!“ #7: Sanieren oder neu bauen?

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14. November 2022

Du bist gerade auf Haussuche, möchtest dieses Jahr ein Haus renovieren oder hast ein großes Faible für Vorher/Nachher-Interior-Stories? Dann bist du bei unserer femtastics-Kolumne „Wir renovieren eine Villa!“ genau richtig. Büsra Qadir, Gründerin von „Nindyaa“ und Marketingexpertin bei „Twitter“, und ihr Mann haben eine Altbauvilla in Niedersachsen gekauft. Diese werden sie kernsanieren – ein Glücksfund nach sechsmonatiger Suche und rund 20 Hausbesichtigungen zuvor. Büşra, die Mutter einer Tochter und eines frisch geborenen Sohnes ist, nimmt uns ab sofort monatlich mit auf ihre Reise als neue Hausbesitzerin – im letzten Teil folgt dann die große femtastics-Homestory!

Büşra ist mit ihrer Familie aufs Land in die Nähe des Hauses gezogen, welches sie sanieren. Diesmal schreibt sie darüber, wie sich das neue Landleben anfühlt. Außerdem haben sie und ihre Mann eine Entscheidung getroffen: Sanieren oder neu bauen? Lest selbst!

Büsra Qadir und ihr Sohn vor ihrer Altbauvilla
Büşra Qadir und ihr Sohn vor ihrer Altbauvilla in Niedersachsen.

Hallo, Landleben!

Wir leben seit gut sechs Wochen auf dem Land. In einer süßen “AirBnB”-Wohnung, die circa 15 Minuten Fußweg von unserem Haus entfernt ist. Nach ein paar holprigen Wochen der Eingewöhnung für uns alle muss ich sagen, dass der Plan, schon eher aufs Land nach Niedersachsen zu ziehen, eine sehr gute Entscheidung war. 

Wir können flexibel Termine mit den Gewerken vereinbaren und die Baustelle jederzeit besuchen. Und wir haben nicht mehr hundert Fragezeichen im Kopf, wie das Leben hier so ist, die Kita unserer Tochter, die Einkaufsmöglichkeiten, die Menschen… wir wissen es jetzt einfach. Wir wissen leider nur nicht, wie es ist, in unserem Traumhaus zu leben, aber das kommt ja hoffentlich noch. 

Wenn wir mit Menschen auf dem Spielplatz quatschen, ist mir aufgefallen, dass sich die Leute vom Land mehr Zeit für eine Unterhaltung nehmen.

Die Gemeinde konnten wir bereits ein bisschen kennenlernen und wir finden es hier großartig. Beim Anmelden im Rathaus mussten wir keine Nummer ziehen, sondern kamen sofort dran. Beim Einkaufen im Supermarkt sehen wir im Schnitt zwei bekannte Gesichter – und dabei wohnen wir keine zwei Monate hier. Wenn wir mit Menschen auf dem Spielplatz quatschen, ist mir aufgefallen, dass sich die Leute vom Land mehr Zeit für eine Unterhaltung nehmen. Von gestressten Small Talks und Termin-Hetzerei keine Spur.

Man sieht an jeder Ecke weidende Kühe, Schafe und Ziegen. Und diese Luft! Der Sauerstoff wirkt hier irgendwie ganz anders, ganz frisch und befreiend. Oder ich bilde es mir nur ein. Wenn die Sonne scheint, so erwärmt sie uns viel direkter als in der Großstadt. Aber auch das könnte nur eingebildet sein. 

Haussanierung
Links: Selbst in diesem Zustand kann man den Charme des alten Hauses erahnen. Rechts: Büşras Mann und ihre Tochter bei der Gartenarbeit.

Sanieren oder neu bauen?

Es soll hier in meiner Kolumne aber nicht um die Stadt vs. Land Unterschiede gehen, daher jetzt ein Schwenker zum Haus. Was ist in den letzten Wochen passiert? Und wie haben wir uns entschieden: Erhalten wir das Haus oder reißen wir es ab und bauen neu?

Bevor wir zu einer endgültigen Entscheidung gekommen sind, haben mein Mann und ich mehrere Abende lange diskutiert. Teil unserer Diskussionen war irgendwann eine simple Pro- und Contra Auflistung. So ungefähr sah unsere aus:

Vorteile Neubau:

  • Kein Holzwurm (ganz klar!) und keine Altlasten des Hauses, die saniert werden müssten
  • Bessere Kostenübersicht
  • Neue Grundrissplanung der Lebensräume, angepasst an unsere individuellen Wünsche
  • Möglichkeit der energieeffizienten Bauweise

Nachteile Neubau:

  • Neuer Bauantrag muss gestellt werden und eine neue Planung mit einer*einem Architekt*in ist erforderlich
  • Verzögerung des Baubeginns um mindestens sechs Monate
  • Wir müssten gefühlt wieder bei null anfangen, die Motivation ist aber im Eimer
  • Es herrscht noch immer Knappheit bei Baumaterialien
  • Der Neubau würde nicht ins Dorfbild mit den vielen Bauernhäusern und alten Villen passen. Die Umgebung sollte man nämlich auch bedenken
Walnüsse aus dem Garten
Die ersten Walnüsse wurden im eigenen Garten geerntet!

Vorteile Altbausanierung:

  • Ganz klar: Wir erhalten diese wunderschöne alte Villa mit ihrer Fassade und dem Mauerwerk. Ein Stück Geschichte geht nicht verloren!
  • Die “Seele” (oder Energie) des Hauses bleibt bestehen, wenn man es betritt. Es fühlt sich einfach ganz anders an als ein Neubau und sowas kann man einfach nicht herstellen
  • Die ganze Planung, die wir in den letzten Monaten mühselig erstellt haben, können wir weiter benutzen und müssten nicht von 0 beginnen
  • Wir brauchen keine Baugenehmigung und wir verlieren keine weitere Zeit 
  • Eine Sanierung ist klimafreundlicher als ein Neubau (weniger CO2 Ausstoß) 
  • Der ideelle Wert des Hauses bleibt bestehen

Nachteile Sanierung:

  • Wir haben noch immer keine klare Kostenübersicht. Momentan fühlt sich das Projekt wie ein Fass ohne Boden an
  • Was kommt nach dem Holzwurm? Wie gehen wir mit anderen Problemen des Altbestandes um?
  • Finden wir die richtigen Gewerke, die sich mit solchen Altbauten auskennen und sie wirklich gut und energieeffizient sanieren können?

Als Bauherr*in ist an erster Stelle wichtig, selbst klar und entschlossen zu sein, was man machen möchte. Niemand sonst kann und sollte dir Entscheidungen abnehmen.

Die Gewerke und Bauleiter, mit denen wir bisher gesprochen hatten, haben uns alle unterschiedliche Ansichten vermittelt. Viele Meinungen waren subjektiv angehaucht. Von „Seid ihr euch sicher?“ oder „Ein Neubau wäre wahrscheinlich günstiger“ bis hin zu „So eine Villa abzureißen wäre eine Sünde“ war alles mit dabei. 

Wir haben gemerkt, es ist als Bauherr*in an erster Stelle wichtig, selbst klar und entschlossen zu sein, was man machen möchte. Niemand sonst kann und sollte dir Entscheidungen abnehmen. Und erst nach dem Treffen einer Entscheidung sollte man sich die Gewerke heranziehen, die einem dabei helfen, deine Vision umzusetzen. 

Wenn man sich aber (wie auch wir vorher) direkt von den vielen Meinungen der Freunde, den Familien und Gewerken lenken lässt, so bekommt man verwirrende Aussagen aufgedrückt und die Unentschlossenheit geht weiter. Daher mein größtes Learning bisher: Aufhören andere Menschen zu fragen, was man machen sollte, sondern der eigenen inneren Stimme folgen. Und eine Lösung findet man für fast alle Probleme. 

Wir wollen das Haus erhalten und es sanieren. So. Jetzt ist es raus.

Unsere Pro und Contra Listen half uns dabei, unsere eigene Stimme zu finden und letztendlich zu einer Entscheidung zu kommen: Wir wollen das Haus erhalten und es sanieren. So. Jetzt ist es raus.

Die Vorteile der Sanierung überwiegen für uns ganz klar. Die alte verwunschene Villa war der Grund, warum wir sie gekauft haben. Wäre ich Team Neubau, dann hätte ich direkt nach Grundstücken gesucht. Und ja, wir haben Probleme mit dem Altbestand, aber wer hat sie denn nicht? Alte Häuser sind nicht unbedingt energieeffizient, oftmals haben sie Probleme mit der Feuchtigkeit oder die Dächer sind marode. Aber ist dies der Grund sie abzureißen und neu zu bauen? Wie würden unsere Stadtbilder aussehen, wenn nach und nach die charmanten Altbauten verschwinden?

An dieser Stelle möchte ich aber betonen, dass ich selbstverständlich Bauherr*innen verstehe, die ihre alten Häuser aufgrund von Problemen in der Bausubstanz abreißen und neu bauen, aber für mich kommt das einfach (noch) nicht in Frage. Dafür gibt es viele erhaltenswerte Gründe für unser Haus. Vom persönlichen und ideellen Wert des Hauses ganz zu schweigen. Manch einer würde unseren Ansatz als ein Liebhaber-Projekt bezeichnen, das rational keinen Sinn ergibt und zu höheren Kosten führen wird, aber so haben wir uns entschieden. Eine Entscheidung getroffen zu haben, fühlt sich unbeschreiblich gut an. 

Sanieren oder Neubau? Eine Kolumne

Der ideelle Wert eines Hauses

Beim Abwägen der Pro- und Kontra-Argumente habe ich gemerkt, dass oftmals eine weitere Ebene eine große Rolle gespielt hat, nämlich die emotionale – auch bekannt als Bauchgefühl. Später sagte mir meine neue Bauleiterin, dass alte Immobilien einen persönlichen und ideellen Wert haben, der sich nicht mit Zahlen darlegen lässt. Diesen Gedanken finde ich sehr spannend und  er spielt auch eine Rolle beim Verkauf.

Im Internet heißt es, dass der ideelle Wert, ein emotional, nicht rational messbarer Wert ist, der einem Objekt aufgrund eines persönlichen Bezugs zugeschrieben wird. Weiter heißt es “Im Gegensatz zu materiellem und rationalem Wert, ist der ideelle Wert ein subjektiver Wert, der nur auf der Wertvorstellung einer*eines Einzelnen Bezug nimmt. Dieser Wert entsteht aufgrund einer emotionalen Bindung zu dem Gegenstand, den meist die*der Einzelne hat. Diese Bindung lässt diesen Menschen eine weitaus höheren Wert einem Objekt zu schreiben, als dieses auf dem freien Markt wert wäre.” (Quelle: https://www.reboundstuff.de/post/der-ideelle-wert)

Ich finde es krass, dass ich eine so große Verbundenheit zu einem Haus aufgebaut habe, das ich weder vererbt bekommen habe (I wish!) noch, worin ich gelebt habe. 

Jetzt wurde mir klar, warum ich so sehr an unserer Villa hing. Ich hatte schon eine tiefe Verbindung zu ihr aufgebaut. Seit einem Jahr beschäftige ich mich mit ihr. Ich kenne alle ihre Ecken und Kanten. Ihre Geschichte. Fast jedes Geheimnis. Ich weiß genau, wie ich in ihr leben möchte. Ich finde es krass, dass ich eine so große Verbundenheit zu einem Haus aufgebaut habe, das ich weder vererbt bekommen habe (I wish!) noch, worin ich gelebt habe.

Und ein weiteres großes Learning des letzten Monats ist es, unbedingt mit regionalen Gewerken zu arbeiten. Sie kennen nämlich die Besonderheiten und Gegebenheiten des Ortes mitsamt ihren Häusern und ihr Fachwissen ist wertvoll. Wir haben in diesem Zuge auch die Entscheidung getroffen, unsere Bauleitung zu einem ortsgebundenen Unternehmen zu wechseln, das Häuser wie unsere kennt und an unsere Sanierung glaubt. Der Holzwurmbefall ist natürlich kein Joke und daher sprechen wir aktuell mit einem Zimmermann und einem Maurer über mögliche Maßnahmen. Die Bausubstanz ist nämlich das A und O. Das Holz und der Stein müssen einfach stimmen und das Haus nachhaltig tragen können.

Sichtbare Veränderungen am Haus nach der Entkernung gibt es leider noch keine, aber dafür steht die Entscheidung, wie es weitergehen soll. Ich habe ein gutes Gefühl und kann wieder schlafen. 

Hier findet ihr Büşra Qadir:

Fotos: Büşra Qadir

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