Willkommen bei den „Wues“: Laura Wue hat zwei geflüchtete Ukrainerinnen bei sich aufgenommen

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25. Juli 2022

Laura Wue lebt mit ihrer Patchwork-Familie in einem sanierten Vierkanthof bei Köln, schreibt das Blog „Willkommen bei den Wues“ – und hat ziemlich viele Fans. Kein Wunder, denn sie gibt offen und ehrlich auf ihren Kanälen Einblick in den Patchwork-Familienalltag. „Die Wues“, das sind ihr Mann und seine ältere Tochter, die zwei gemeinsamen Kinder, ein Au-Pair, zwei Katzen und bis vor Kurzem zwei Ukrainerinnen, die Laura zu Beginn des russischen Angriffskriegs gegen die Ukraine bei sich aufgenommen hat. Über diese intensive Zeit sowie ihr ehrenamtliches Engagement sprechen wir im Interview.

Homestory bei Laura Wülfing von "Den Wues"

Als der russische Angriffskrieg in der Ukraine im Februar ausbrach, war mir schnell klar, dass ich nicht in meinem großen Haus sitzen kann, ohne aktiv zu werden.

Laura Wue wohnt mit ihrer Patchwork-Familie in einem Teil eines alten Vierkanthofes bei Köln – eine Hofform, bei der der ehemals landwirtschaftliche Wirtschaftshof von allen vier Seiten von Gebäuden umschlossen ist, die heute bewohnbar sind.

femtastics: Im vergangenen März habt ihr eine geflüchtete Ukrainerin und ihre Tochter bei euch aufgenommen. Was hat dich dazu bewogen?

Laura Wue: Als der russische Angriffskrieg in der Ukraine im Februar ausbrach, war mir schnell klar, dass ich nicht in unserem großen Haus sitzen kann, ohne aktiv zu werden. Ich wusste, dass sehr viele Menschen flüchten werden müssen und krasse Zeiten auf uns zukommen. Das Jugendzimmer meiner Bonus-Tochter wird alle zwei Wochen von ihr bewohnt und so entschlossen wir uns – natürlich in Absprache mit ihr – dieses vorübergehend geflüchteten Ukrainer*innen zur Verfügung zu stellen.

Laura Wülfing im Interview bei femtastics

Wie habt ihr dieses Vorhaben in die Tat umgesetzt?

Ich habe zwei ukrainischen Bekannten Bescheid gegeben, dass wir gern jemanden bei uns aufnehmen möchten. Egal, in welcher Konstellation – also ob mit Baby, Kleinkind oder Kind. So sind wir in Kontakt zu Ivanka, Friseurin, und ihrer Tochter Tanya, Medizinstudentin, gekommen. Tanya spricht zufälligerweise gut Deutsch und wir konnten uns schnell verständigen. Sie haben ziemlich schnell das Land mit wenigen Habseligkeiten verlassen. Der Mann bzw. Vater musste dort bleiben.

Die erste Zeit war erfüllt von Sorgen, da niemand wusste, was in der Ukraine passiert.

Wie war das Zusammenleben? Welche Herausforderungen gab es?

Die beiden waren sehr glücklich, dass sie erstmal hierbleiben können. Wir haben ihnen keine Deadline genannt. Sie haben sich schlecht gefühlt, weil wir ihnen eine sichere Bleibe gegeben haben und sie nichts zurückgeben konnten. Sie haben uns überall unterstützt – obwohl wir das nicht eingefordert haben. Sie haben gekocht und viel im Garten geholfen. Während wir in den Osterferien im Urlaub waren, haben sie sich um unsere Kater und das Haus gekümmert. Das haben sie sich nicht nehmen lassen und wir wollten ihnen das irgendwo auch zugestehen.

Die erste Zeit war erfüllt von Sorgen, da niemand wusste, was in der Ukraine passiert. Der Vater musste ständig in Luftschutzkeller fliehen, da es oftmals Bombenalarm gab. Zum Glück ist keine Bombe in ihrem Ort gefallen, aber die Gefahr war und ist natürlich immer da.

Dunkelgrün gestrichenes Wohnzimmer mit grauer Couch

Wir haben geholfen, geeignete Unterkünfte für Geflüchtete zu finden.

Weiße Küche

Du und Tanya seid auch zusammen aktiv geworden. Was habt ihr gestartet?

Wir haben über „Telegram“-Gruppen, in denen Ukrainer*innen verzweifelt nach Unterkünften suchten, angeboten, zu unterstützen und bei der Suche zu helfen. Über meinen Instagram-Kanal habe ich Follower*innen aktiviert, in unsere „Telegram“-Gruppe zu kommen, die ich mit Tanya und meiner Freundin Reike von Carlowitz in Berlin gegründet hatte, um Suchende und Anbieter*innen von Unterkünften zu vernetzen. Reiki hat sich um die Geflüchteten in Berlin gekümmert und wir waren in Köln aktiv. Teilweise hat Reiki sich auch bemüht, Personen aus Berlin zu uns zu schicken. Wir haben insgesamt circa 400 bis 500 Personen vermittelt. Es waren auch viele allein reisende junge Frauen* dabei, die wir vor Human Trafficking schützen wollten und alle zu Freund*innen oder Freundesfreund*innen vermittelt haben, um sicher zu gehen, dass ihnen nichts passiert.

Viele Familien aus meiner Community haben Geflüchtete bei sich aufgenommen und ich war total froh, zu sehen, dass sich so viele Menschen dafür öffnen, fremden Menschen eine Bleibe zu geben. Bevor wir Kontakt zwischen den Geflüchteten und den Familien aus meiner Community hergestellt haben, habe ich mit den Personen telefoniert oder geschrieben, mir die Adressen und Fotos zusenden lassen. Es war einfach Zeit, zu handeln. Tanya war im engen Austausch mit den Ukrainer*innen und hat sie begleitet, bis sie in der neuen Bleibe waren.

Das alles war kräftezehrend, da wir sehr viel organisieren, telefonieren und abklären mussten, damit alles sicher war. Nach circa drei Wochen haben wir es auslaufen lassen. Tanyas Studium ging online weiter und wir merkten beide, dass es sehr an unsere Substanz ging. Nachdem in unserer „Telegram“-Gruppe, in der mittlerweile 500 Personen waren, komische Menschen Anfragen schickten, haben wir sie geschlossen.

Weißt du, was aus den Ukrainer*innen geworden ist, für die ihr Unterkünfte organisiert habt?

Einige sind mittlerweile wieder in die Ukraine zurück gegangen, andere haben eigene Wohnungen gefunden. Einige sind noch bei ihren Gastfamilien und es sind enge Freundschaften entstanden. Gerade die allein eingereisten Frauen* sind noch bei ihren Familien und werden dort unterstützt. Darüber bin ich so froh.

Und was ist aus Ivanka und Tanya geworden?

Die beiden haben irgendwann die Entscheidung getroffen, auszuziehen. Der Mann von Ivanka ist auch nachgekommen. Er hat starkes Asthma und wurde beim Militär ausgemustert. Die Familie wollte natürlich zusammenleben und sie sind in eine kleine Wohnung von Bekannten gezogen. Irgendwann bekommen sie hoffentlich eine von der Stadt teilfinanzierte Wohnung, zumindest bis sie hier Jobs finden. Es gibt super viele Behördengänge, bei denen ich sie unterstützt habe – besonders beim Ausfüllen von Dokumenten. In Deutschland Fuß zu fassen, ist alles andere als einfach.

Ein Interview mit Laura Wülfing über ihr ehrenamtliches Engagement

Ich bin ein Mensch, der nicht wegschauen mag.

Wie hat euer Umfeld auf eure Initiative reagiert?

Viele fanden cool, was wir gemacht haben. Ich glaube, diese Art der Unterstützung muss jede*r für sich entscheiden und ich verstehe auch jede*n, die/der sich das nicht zutraut – weil der Platz vielleicht nicht vorhanden ist, man keine emotionalen Kapazitäten hat oder man es befremdlich findet, fremde Menschen im Haus zu haben. Natürlich gab es auch einige, die nicht so gute Erfahrungen gemacht haben. Wir hatten einfach super viel Glück und Ivanka und Tanya kommen heute noch gern zum Essen vorbei. Wir haben eine gute, freundschaftliche Basis.

Du warst mit vielen sehr emotionalen Themen konfrontiert. Wie bist du damit umgegangen?

Ich bin ein Mensch, der nicht wegschauen mag. Das ist ein schmaler Grad, klar. Ich habe das aber nicht in Frage gestellt, sondern einfach gemacht. Sie brauchten in diesem bestimmten Moment meine Hilfe und ich habe einfach Ja gesagt. Meinen Mann habe ich damit tatsächlich etwas „überfallen“. Wir hatten zwar vorher kurz darüber gesprochen, dass ich in der großen Not nicht tatenlos hier sitzen kann, aber als ich ihm eines Mittags sagte, dass ich am frühen Abend zwei Ukrainerinnen abhole, war er doch sehr perplex.

Nun waren Ivanka und Tanya zum Glück nicht allzu traumatisiert, da gab es natürlich noch andere Fälle – besonders Menschen, die aus Mariupol kamen. Ivanka und Tanya waren in den ersten Tagen sehr traurig, in sich gekehrt und auf der anderen Seite sehr dankbar. Wir haben sie insofern aufgefangen, indem sie sich im Familienalltag beteiligen konnten – was sie ihrerseits unbedingt wollten. Sei es im Garten werkeln oder an den Rhein fahren und spazieren gehen.

Kinderzimmer Inspiration

Ich habe einen Mehrwert darin gesehen, meinen Kindern zu erklären, dass wir unsere Haustür und unser Herz öffnen für Menschen, die gerade unsere Hilfe brauchen.

Vintage Spielzeugauto
Wohnzimmer mit Ofen

Wie hast du deinen Kindern die Situation erklärt bzw. sie darauf vorbereitet?

Viele haben mich gefragt, wie ich meinen Kindern vermittele, dass Menschen, die vor einem Krieg geflohen sind, jetzt bei uns wohnen – ohne, dass sie sofort Angst bekommen, dass das bei ihnen auch passieren könnte. Ehrlich gesagt hat unser Vierjähriger das nicht verstanden. Die Großen sind sieben und 13 Jahre alt, sie kannten das Thema schon ein wenig aus der Schule. Ich habe zum Schutze der Kinder die beiden Ukrainer*innen gebeten, in ihrer Anwesenheit nicht darüber zu sprechen.

Ich habe einen Mehrwert darin gesehen, meinen Kindern zu erklären, dass Hilfe selbstverständlich ist und wir gerne unser Heim teilen, wenn andere keines haben. Das erweitert ja auch den Horizont unserer Kinder.

Laura Wülfing im Interview bei femtastics
Die Küche von Laura Wülfing

Du engagierst dich schon länger ehrenamtlich – in welchem Bereich genau?

Ich habe ehrenamtlich in einem Seniorenheim geholfen und dort Zeit mit Menschen, die an Demenz erkrankt sind, verbracht. Das Pflegepersonal hat oftmals gar keine Kapazitäten, zusätzlich zu ihren Aufgaben, viel Zeit mit einer Person zu verbringen. Die Heimbewohner*innen bekommen zudem teilweise nicht viel Besuch. Ich habe beim Mittagessen geholfen.

Wohnzimmer im Vierkanthof

Was ist deine Motivation?

Ich möchte gerne ein bisschen meiner Zeit verschenken und mich sozial engagieren. Es gibt viele Möglichkeiten – z.B. sich als Tandem-Partner*in für geflüchtete Personen anzubieten, im Kindergarten Bücher vorzulesen oder sich mit alten Menschen zu beschäftigen. Allen, die zwei Stunden pro Woche ihrer Zeit abtreten können, kann ich nur empfehlen, sich ein kleines Ehrenamt zu suchen. Es bereichert nicht nur andere Menschen, sondern ganz besonders auch das eigene Leben. 

Danke für das Gespräch, liebe Laura!

Hier findet ihr Laura Wue:

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