Tschüss Plastik! So sorgt das Start-up „gaia“ für einen nachhaltigeren Alltag

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20. Mai 2020

Wie kann man Nachhaltigkeit am besten in den Alltag integrieren? Diese Frage treibt das Hamburger Start-up „gaia“ stetig an. Das Gründer-Team hat es sich zum Ziel gemacht, plastikfreie Alternativen zu herkömmlichen Küchenhelfern anzubieten. Das erste Produkt ist ein handgefertigtes Bienenwachstuch. Mit weiteren Küchentools wie dem Luffaschwamm und dem Nussmilchbeutel aus der eigenen Manufaktur leistet „gaia“ seinen Beitrag zu einer plastikfreieren Welt. In ihren Workshops klären sie über umweltschonende Alternativen auf und treiben so die Nachhaltigkeitsbewegung voran. Hinter dem 2018 gegründeten Unternehmen steckt das befreundete Gründertrio Lucas Grunhold, Paol Gross und Karla Janssen. Die 30-Jährige kümmert sich um den Vertrieb, das Marketing und eine transparente Kommunikation. Wir haben mit der Wahlberlinerin darüber gesprochen, wie sich Mikroplastik vermeiden lässt und wie leicht jeder seinen Alltag nachhaltiger gestalten und somit soziale Verantwortung übernehmen kann.

Unsere Bienenwachstücher sind eine tolle Alternative zur Frischhaltefolie aus Plastik. Es werden nicht nur Verpackungsmüll, sondern auch Rückstände von Mikroplastik vermieden.

Das erste Produkt des Hamburger Start-ups „gaia“ ist ein Bienenwachstuch.

femtastics: Wofür steht der Name „gaia“?

Karla Janssen: Der Name „gaia“ stammt aus der griechischen Mythologie und verkörpert die personifizierte Erde. Lucas Bruder hat uns damals den Namen vorgeschlagen. Unser Entschluss, ihn anzunehmen, stand sehr schnell fest, da uns ein verantwortungsvoller Umgang mit der Natur und den Menschen enorm wichtig ist und „gaia“ dies widerspiegelt.

Wie kam es zu der Gründung?

Während seiner Ausbildung zum Yoga-Lehrer in Indien sprach Luca mit  seiner Lehrerin über Bienenwachstücher als Alternative zu Frischhalte- und Alufolie. Nachdem er aus Indien zurückkam, hat er viel mit Wachs ausprobiert und mit Paol die Rezeptur immer wieder optimiert. Es hat etwa ein Jahr gedauert, bis die richtige Leinwandbindung vorhanden war. Als die Tücher dann unseren Vorstellungen entsprochen haben, hat Lucas zunächst nur Freunde und einige Märkte ausgestattet. Die Firma haben wir schließlich im August 2018 gegründet und sind seitdem ziemlich schnell gewachsen.

Die Gründung ist aus einer Freundschaft heraus entstanden. Lucas und ich haben gemeinsam die Grundschule besucht und Paol kennen wir, seitdem wir 15 Jahre alt sind.

Wer gehört zu eurem Kernteam und wie ist die Verbindung zwischen euch?

Paol ist handwerklich sehr geschickt und leitet die Produktion. Lucas kümmert sich um die Strategie, Beschaffung, den Social Ads-Bereich und die Buchhaltung. Ich übernehme den Marketing, PR und Sales Bereich. Unterstützt werden wir durch ein 25-köpfiges Team. Die Gründung ist aus einer Freundschaft heraus entstanden. Lucas und ich haben gemeinsam die Grundschule besucht und Paol kennen wir, seitdem wir 15 Jahre alt sind. Wir gehören zu einem großen Freundeskreis, der sich über Hamburg und Berlin erstreckt.

Was ist das Besondere an den Bienenwachstüchern?

Unsere Bienenwachstücher sind eine tolle Alternative zur Frischhaltefolie aus Plastik. Es werden nicht nur Verpackungsmüll, sondern auch Rückstände von Mikroplastik vermieden. Bis auf das natürlich gewonnene Baumharz sind alle Bestandteile bio-zertifiziert. Mit den Wraps kann man sein angeschnittenes Gemüse und Obst frisch halten, Schüsseln abdecken, Brote einpacken und Lebensmittel einfrieren. Sie sind wiederverwendbar und sehr langlebig; bei richtiger Pflege können sie bis zu mehreren Jahren halten.

Das komplette „gaia“-Team!

Klingt nach einem Allrounder.

Deshalb ist es auch unser Bestseller, mit dem wir bei etwa 700 Point-of-Sales vertreten sind. Dabei ist die Save the ocean-Edition in Kooperation mit „dariadaria“ das beliebteste Produkt. Unser Ziel war es dabei, auf die Verschmutzung der Meere aufmerksam zu machen. Aktuell haben wir in Kooperation mit der Künstlerin Bodil Jane zwei neue Designs entworfen. Durch den hier verwendeten Jungle-Print wollen wir das Roden des Regenwalds im Amazonas thematisieren. Bei der „Female Edition“ haben wir das Thema „The Future is equal“ beleuchtet, da es noch immer keine Gleichstellung der Geschlechter gibt und oft Diskriminierung am Arbeitsplatz stattfindet. Wir streben eine Gleichberechtigung an, die Frauen genauso gute Chancen auf dem Arbeitsmarkt einräumt und Vätern die gleichen Rechte eingesteht, wenn es um Themen wie Elternzeit oder Kindererziehung geht. Es geht also letztlich um viel mehr als um die Tücher. Fakt ist: Es ist ein absolut nachhaltiges Produkt, das unter fairen Bedingungen in Hamburg von Hand gefertigt wird.

Stichwort Hamburg: Stellt ihr alle Produkte hier her?

Wir versuchen, unsere Produkte so regional wie möglich zu beziehen und achten darauf, dass unsere Textilprodukte GOTS-zertifiziert ist. Das bedeutet, dass sie aus kontrolliert biologischem Anbau stammen und die Arbeitsbedingungen fair sind. Das Bienenwachs für die Wraps beziehen wir von Bio-Imkern aus Deutschland und Österreich, denen wir sehr vertrauen. Die Bio-Baumwolle beziehen wir aus einem Fairtrade-Projekt in Kirgisistan. Das Jojobaöl stammt aus Israel und ist ebenfalls Bio-zertifiziert und daher komplett unbedenklich.

Die Nussmilchbeutel lassen wir in einer GOTS Näherei in Deutschland herstellen. Bei den Luffaschwämmen handelt es sich um ein nachwachsendes Naturprodukt aus dem inneren Teil der Luffapflanze. Die Schwämme beziehen wir aus Ägypten, wo sie auch genäht werden.

Mikroplastik gelangt auf verschiedene Wege in die Natur, in das Grundwasser und somit auch in unsere Nahrung. Das führt dazu, dass unser Körper mit Plastik kontaminiert ist, welches nicht abgebaut werden kann.

Wie seid ihr auf die Idee zu den Produkten gekommen?

Mikroplastik gelangt auf verschiedene Wege in die Natur, in das Grundwasser und somit auch in unsere Nahrung. Das führt dazu, dass unser Körper mit Plastik kontaminiert ist, welches nicht abgebaut werden kann. Laut einer Studie des WWF nehmen wir bis zu 5 Gramm Mikroplastik in der Woche zu uns. Das entspricht der Größe einer Kreditkarte. Das sind alarmierende Umstände, die uns dazu gebracht haben uns zu fragen, wie wir unseren Alltag nachhaltiger gestalten können. Da die meisten Plastikprodukte in der Küche im Gebrauch sind, haben wir uns um Alternativen bemüht. Mit dem Bienenwachstuch hat alles angefangen. Es folgten Nussmilchbeutel und Luffaschwamm, die ebenfalls dabei helfen Plastik im Alltag einzusparen.

Auf die Idee zum Nussmilchbeutel sind wir gekommen, weil uns aufgefallen ist, dass sich immer noch das Gerücht hält, dass Getränkekartons gut recycelbar sind. Tatsächlich entsteht jedoch viel Müll und die Aluminiumbeschichtung führt dazu, dass die Verpackung oft nur zu ungefähr 36 % recycelt werden kann. Wir haben den Passierbeutel in unser Sortiment aufgenommen, um das zu vermeiden und die Möglichkeit zu bieten, sich in einfachen Schritten einen veganen Drink zu Hause zuzubereiten. Der Beutel besteht aus GOTS-zertifizierter Bio-Baumwolle und ist wiederverwendbar. Uns geht es nicht darum, jeden dogmatisch vom Anti-Plastik-Lifestyle zu überzeugen, sondern wir wollen zeigen, dass jede nicht genutzte Milchverpackung schließlich eine weniger ist, die auf der Deponie landet.

Die Bienenwachstücher werden in der Hamburger Manufaktur gefertigt und sollen den plastikfreien Alltag schöner und praktischer machen.

Und was hat es mit dem Luffaschwamm auf sich?

Auf die Idee zum Luffaschwamm sind wir gekommen, da bei der Verwendung eines regulärem Abwaschschwamms unfassbar viel Mikroplastik in das Grundwasser und die Nahrung gelangen. Die herkömmlichen Schwämme bestehen in der Regel aus Plastik, Stahlwolle und Schaumstoff und werden mit chemischen Farben gefärbt. Um diese Umstände zu vermeiden, vertreiben wir den Luffaschwamm, den man auch als Bade- und Massageschwamm nutzen kann. Hier hat er sogar eine pflegende Wirkung, weil er die Durchblutung und somit die Zellerneuerung anregt. Der Luffaschwamm kann gewaschen werden, wodurch aber kein Mikroplastik durch die Maschine in den Wasserkreislauf gerät. Außerdem ist er ein Naturprodukt, was die Bildung von Bakterien hemmt. Jeder nicht genutzte Schwamm ist eine Einsparung von Mikroplastik im Wasserkreislauf. Es sind kleine Schritte, die jeder gehen kann. Wenn alle diese Schritte gehen, dann bedeutet das einen großen Schritt in der Gesamtheit.

„Tu Gutes und Gutes kommt zu Dir zurück“ ist unser Credo.

Einer dieser Schritte sind eure Workshops. Was hat es damit auf sich?

Die zweite Säule von „gaia“ sind unsere Bildungsprojekte, die aufgrund der aktuellen Krise pausieren. Wir haben ein Team aus Umweltwissenschaftlern, die wöchentlich in Schulen Workshops geben. Sie bringen den Kindern das Thema Nachhaltigkeit sowie die Problematik um Plastik und Mikroplastik nahe. Sie empowern die Schüler, sodass ihnen bewusst wird, dass sie einen großen Einfluss und eine Stimme haben. Kinder und Jugendliche sind die wichtigsten Influencer, da sie begeisterungsfähig sind, voller Elan aus den Workshops kommen und den Eltern auf die Finger schauen. Sie haben einen großen Einfluss auf die ältere Generation, was sich auch an Initiativen wie Fridays for Future zeigt. Ihnen ist bewusst, dass es um ihre Zukunft geht.

Außerdem geben wir Workshops, bei denen wir den Teilnehmern zeigen, wie sie selbst ihr Bienenwachstuch machen können. Wir haben mit „Lemonaid“ und dem „Camp Utopia“ auf vielen Festivals Workshops gegeben und während der Fashion Week auf der „NEONYT“. Die Teilnehmer bekommen einen Roh-Baumwollzuschnitt ohne Print, sodass sie ihr Tuch selbst designen können. Wir wollen damit zeigen, wie einfach es ist plastikfreie Alternativen herzustellen.

Wir teilen unser Wissen, weil wir an die Idee von Nachhaltigkeit glauben. „Tu Gutes und Gutes kommt zu Dir zurück“ ist unser Credo. Uns ist bewusst, dass die Tücher nicht günstig sind und nicht jeder sich diese leisten kann. Deshalb wollen wir allen Menschen die Möglichkeit geben, sich ein eigenes Tuch zu machen und stellen auf unserer Website eine DIY-Anleitung zur Verfügung.

Was möchtet ihr mit „gaia“ erreichen?

Unser Motto ist: Be the change you want to see. Das bedeutet, dass jeder zu einem ökologischen Wandel beitragen kann. Wir möchten die Social Responsability unseren Mitmenschen und der Welt gegenüber wahrnehmen und unsere Community dazu empowern das Gleiche zu tun. Wir wollen eine Bewegung schaffen, um mit kleinen Aktionen etwas Großes in Gang bringen zu können. Wir als Gründer möchten außerdem ein Unternehmen führen, in dem wir selbst gern arbeiten würden.

Links: Der Nussmilchbeutel ist ein DIY-Filterbeutel, um in nur wenigen, einfachen Schritten vegane Drinks (oder Milchalternativen) zu Hause zuzubereiten.

Nachhaltigkeit und Social Responsability sind bei „gaia“ ein großer Teil der DNA. Wie sieht Euer Nachhaltigkeitskonzept aus?

Bei uns bedeutet Nachhaltigkeit, nicht nur die Rohstoffe nachhaltig zu behandeln, sondern auch die Ressourcen unserer Mitarbeiter und Partnern mit einzuschließen. Wir versuchen, Beziehungen aufzubauen, um die Idee eines nachhaltigen Miteinanders zu stärken. Uns ist wichtig, dass auch die sozialen Situationen der Menschen berücksichtigt werden, von denen wir unsere Rohstoffe beziehen. Dazu gehört auch eine gute Bezahlung. Um diese sicherzustellen, haben wir uns bewusst dagegen entschieden unsere Produktion auszulagern.

Unserer sozialen Verantwortung versuchen wir durch Kooperationen mit Hilfsprojekten gerecht zu werden. Wir spenden zum Beispiel pro Bienenwachstuch 50 Cent an soziale Projekte wie „Stop! Micro Waste“, die ein großer Partner von uns sind. Aber auch an kleine Organisationen wie „Ozeankind“ spenden wir in Zusammenarbeit mit „Kauf Dich glücklich“. Zudem haben wir eine weitere Kooperation mit „Warchild“, einer Initiative, die sich um Flüchtlingskinder kümmert. Gerade weil es viel Greenwashing gibt und immer noch viel intransparent ist, versuchen wir so transparent wie möglich zu sein. Nicht alle unsere Prozesse sind vollendet optimiert. Wir erzeugen auch CO2 durch die Verschiffung der Baumwolle. Diesen Umstand können wir derzeit leider noch nicht anders lösen. Dort, wo wir daran arbeiten können, geben wir aber unser Bestes.

Wir sehen gerade, was für enorme Auswirkungen die Corona-Pandemie auf die ganze Welt hat. Es sollte nicht vergessen werden, dass die Klimakrise ebenso lebensbedrohliche Konsequenzen mit sich bringt; auch wenn direkte Folgen noch nicht ganz so drastisch spürbar sind.

Inwiefern hat die Corona-Krise einen Einfluss auf das Thema Nachhaltigkeit? In den Medien ist immer wieder die Rede davon, dass die Pandemie das Klima schützt und gleichzeitig bedroht.

Die Medien legen den Fokus derzeit natürlich sehr auf Corona. Allerdings passieren nach wie vor unsoziale und unnachhaltige Dinge auf der Welt. Die Berichterstattung hierzu kommt aktuell zu kurz. Uns ist es wichtig, dass die Nachhaltigkeitsziele nicht außer Acht gelassen werden. Wir sehen gerade, was für enorme Auswirkungen die Pandemie auf die ganze Welt hat. Es sollte nicht vergessen werden, dass die Klimakrise ebenso lebensbedrohliche Konsequenzen mit sich bringt; auch wenn direkte Folgen noch nicht ganz so drastisch spürbar sind. Obwohl jetzt gerade weniger Flugzeuge und Autos in Betrieb sind, wird die Klimakrise ein globales Problem bleiben. Es wäre eine Katastrophe, wenn die Klimaziele zugunsten von wirtschaftlichen Zielen über den Haufen geworfen werden.

Wohin geht die Reise für „gaia“?

Wir werden weiterhin an der Optimierung unserer Produkte, wie zum Beispiel dem Bienenwachstuch arbeiten. Bienenwachs ist natürlich ein sensibles Thema, da dieser in der Industrie zum Teil aus Massentierhaltung stammt. Uns beschäftigt daher auch die Frage, wie groß wir werden dürfen, um zu garantieren, dass das Bienenwachs ethisch korrekt gewonnen wird. Wir testen gerade vegane Alternativen hierzu. Aber auch hier schwingen zum Teil andere Themen wie CO2-Ausstöße mit. Es ist also immer ein Abwägen.

Wir sind gerade dabei einen gemeinnützigen Verein zu gründen, um bei den Themen, die uns am Herzen liegen, mehr in die Tiefe gehen zu können. Wir wollen uns in Zukunft noch intensiver um Bildungsprojekte kümmern. Außerdem arbeiten wir an „gaia care“ und anderen tollen Produkten. Mehr darf ich noch nicht verraten!

Welche Tipps hast du für Neulinge, die Nachhaltigkeit in ihren Alltag integrieren wollen?

Ich rate, sich keinen Stress zu machen und gleichzeitig zu schauen, welche Gewohnheiten man im Alltag verändern kann. Ob es die Spülbürste, der Plastikschwamm oder die Alufolie ist … Auch bei einem kleineren Budget kann man darauf achten, vermehrt unverpackte Lebensmittel und in größeren Mengen einzukaufen. Wichtig ist: nicht verzagen. Auch wenn man mal eine Plastikflasche kauft, ist das kein Weltuntergang. Die Summe macht es letztlich aus. Man kann es als Challenge sehen und sich fragen, was man noch einsparen kann und sich an DIY-Rezepten ausprobieren. Aluminium- und mikroplastikfreie Pflegeprodukte wie Deos, Duschgels und Shampoos können durch Seife und selbst gemachte, einfache Rezepturen ersetzt werden. Man sollte meiner Meinung nach nichts davon als Gesetz sehen, sondern vielmehr als kleine Umstellungen.

Das klingt auf jeden Fall machbar. Wir wünschen euch weiterhin viel Erfolg und danken dir für das Gespräch, liebe Karla!

Hier findet ihr „gaia“:

Fotos: gaia

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