Madeleine Daria Alizadeh alias „dariadaria“: „Jeder Aktivismus fängt in der Achtsamkeit an.“

23. Januar 2020
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Madeleine Daria Alizadeh – alias „dariadaria“, so ihr Instagram-Name und ehemaliger Blog-Titel – ist Nachhaltigkeits-Influencerin aus Wien. Seit mehreren Jahren setzt sich die 30-Jährige dafür ein, Themen wie Green Fashion, den Kampf gegen Plastikmüll und Achtsamkeit auf Social Media in den Fokus zu rücken und zu einem Umdenken in der Gesellschaft beizutragen. Seit 2017 spricht sie in ihrem Podcast „A Mindful Mess„, den es exklusiv bei Spotify zu hören gibt, über nachhaltiges Leben, politische und gesellschaftliche Themen. Zudem ist Madeleine Gründerin des nachhaltigen Fashion-Labels „dariadéh“ und seit vergangenem Jahr auch Buchautorin. Wir sprechen mit ihr über Aktivismus, Selbstständigkeit und Einsatz gegen Perfektion.

 

femtastics: Seit 2013 lautet dein Motto „Activism with Optimism“. Was genau meinst du damit?

Madeleine Daria Alizadeh: Ich lebe eine optimistische Art des Aktivismus und versuche optimistisch zu bleiben in Zeiten der Krise.

Wie schaffst du das?

Ich komme immer wieder zu der Überzeugung zurück, dass wenn viele Menschen an dasselbe glauben, sie auch etwas bewegen können. Wenn ich mir anschaue, was seit 2013, seit ich mich dieser Sache verschrieben habe, passiert ist, dann ist es auch gerechtfertigt, optimistisch zu sein. Die Bewegung, die es heute gibt, gab es vor sieben Jahren noch nicht. Als ich angefangen habe, über nachhaltige Mode und die Klimakrise zu sprechen, hat sich noch niemand auf Instagram mit diesen Themen beschäftigt – und jetzt machen das so viele. Es gibt schon auch Grund zum Optimismus.

Gerade den Sozialen Medien wurde lange vorgeworfen, dass sie nur oberflächlich seien. Das ist jetzt widerlegt, oder?

Es dauert einfach, bis eine solche Bewegung eine Intensität gefunden und eine Identität geformt hat. Anfangs waren die Öko-Influencer*innen und der Umweltaktivismus auf Instagram entpolitisiert – ich inklusive. Auch ich habe anfangs geglaubt, wenn man einfach aufhört, Plastikstrohhalme zu nutzen und ein Biobaumwoll-T-Shirt kauft, dann rettet man die Welt. Inzwischen weiß ich, dass es nicht so einfach ist. Die Bewegung wird immer politischer und die Themen gehen immer mehr in die Tiefe.

Ich war immer schon ein politischer Mensch.

Wie kam es dazu, dass Nachhaltigkeit dein Thema wurde?

Es gab tatsächlich einen Schlüsselmoment. Ich war immer schon ein politischer Mensch, meinen ersten Blogbeitrag habe ich über eine Demo geschrieben, ich habe schon als Jugendliche ehrenamtlich gearbeitet, es war mir nicht fremd, mich mit politischen Themen zu befassen – aber ich habe meine ethisch-moralische Ausrichtung nie mit meinem Konsum verbunden. Ich habe 2013 angefangen, mich mehr damit auseinanderzusetzen, woher die Mode kommt, die ich trage. Als im April 2013 „Rana Plaza“ eingestürzt ist, war das ein Awakening für mich, aber noch mehr hat es mich beeinflusst, als ich im Herbst 2013 eine Doku im Fernsehen gesehen habe: „Gift auf unserer Haut„. Diese Doku hat mein Leben verändert. Danach habe ich meinen ganzen Kleiderschrank umgestellt und beschlossen, nie wieder Fast Fashion zu kaufen.

Madeleine Daria Alizadeh bei einem Frühstücks-Event zu ihrem Podcast „A Mindful Mess“ im Hamburger Zero-Waste-Café „In Guter Gesellschaft„.

Was war früher dein Berufswunsch?

Ich wollte immer etwas machen, das eine Mischung aus kreativen, ästhetischen und spirituellen Dingen und rationalen Themen ist. Das mache ich jetzt im Grunde tatsächlich: Aktivismus gepaart mit etwas sehr Oberflächlichem.

Ich habe Politikwissenschaften und Ethnologie studiert – allerdings nicht fertig, weil es mir zu theoretisch war. Dann habe ich noch Modefotografie studiert. Es war für mich früher schwierig, diese Bereiche unter einen Hut zu bringen. Wenn ich nur Mode fotografiert habe, hatte ich das Gefühl, es ist zu oberflächlich. Eine Zeit lang habe ich Dokumentar- oder Kriegsfotografie machen wollen – aber nur politische Arbeit war mir zu trocken. Jetzt habe ich es geschafft, beides zu kombinieren.

Du hast von 2010 bis 2017 dein Blog „dariadaria“ gemacht, und dann deinen Podcast „A Mindful Mess“ und dein nachhaltiges Fashion-Label „dariadéh“ gegründet. Wie kam es dazu?

Die Inhalte auf meinem Blog wurden immer komplexer, das heißt, die Texte wurden immer länger, und ich habe gemerkt, dass kaum Menschen zehn Minuten lang einen Text lesen wollen. Aber zehn Minuten lang zuhören, das würden sie schon. Zu dem Zeitpunkt habe ich selbst wieder viele Podcasts gehört und Podcasts haben eine riesige Renaissance erlebt. Der Launch meines Podcasts kam genau mit dem zweiten Frühling der Podcasts, das war perfektes Timing. Ich wollte es einfach probieren, meine Themen nicht mehr niederzuschreiben, sondern als Podcast aufzuzeichnen. Und dann, nach zwei Jahren, wurde mein Podcast von Spotify ins Boot geholt und ist seitdem exklusiv dort zu hören.

Was reizt dich am Format Podcast?

Erstens muss man nicht auf einen Bildschirm starren, um es zu konsumieren – man kann also zuhören und trotzdem seine Umgebung wahrnehmen. Man kann nebenbei auch etwas Anderes machen: die Wohnung aufräumen, staubsaugen oder sonst etwas. Zweitens kann man Podcasts auch super gemeinsam mit anderen Menschen hören, im Auto zum Beispiel.

In dieser Achtsamkeitsszene ist der Anspruch, ein unfehlbares Lichtwesen zu sein. Das hat mich immer an dieser Bewegung gestört: dass man perfekt sein soll.

Warum der Titel „A Mindful Mess“?

Die Idee ist, dass man „mindful“ sein will, aber auch unperfekt ist. In dieser Achtsamkeitsszene ist der Anspruch, ein unfehlbares Lichtwesen zu sein. Das hat mich immer an dieser Bewegung gestört: dass man perfekt sein soll. Der Titel meines Podcasts beinhaltet, dass man achtsam und aufmerksam, aber eben nicht perfekt sein kann.

Kennst du selbst solche Vorwürfe? Wirst du als Aktivistin oder Nachhaltigkeits-Influencerin kritisiert, sobald du eine Kleinigkeit falsch machst?

Total! Meine Arbeit hat viel damit zu tun, sich von Erwartungshaltungen – eigenen wie fremden – abzugrenzen. Aktivist*innen werden oft mit einem strengeren Maß gemessen als andere Menschen. Ich möchte immer wieder daran erinnern, dass auch Aktivist*innen nur Menschen und die Regeln eigentlich für alle gleich sind. Der Name „A Mindful Mess“ spielt auch mit einem Augenzwinkern darauf an, dass wir alle vielleicht ein bisschen „messy“ sind, dass es aber kein Widerspruch dazu ist, achtsam und liebevoll zu sein. Um derartige Gegensätze, die aber keine Widersprüche sind, geht es auch in meinem Buch. Es ist wie mit meiner Berufswahl: Ich möchte solche Dualitäten gerne verbinden.

Die Themen, die du in deinem Podcast behandelst, sind sehr breit gefächert. Was haben sie alle gemeinsam?

Achtsamkeit. Jeder Aktivismus fängt in der Achtsamkeit an, weil Achtsamkeit bedeutet, dass man eine Lupe in die Hand nimmt und sich Dinge genauer anschaut, um in die Tiefe zu gehen. Achtsamkeit bedeutet auch, Dinge langsamer und aufmerksamer zu tun – und viele Probleme in unserer Welt haben damit zu tun, dass vieles zu schnell geht. Zudem bedeutet Achtsamkeit, Dinge zu sehen, die man vorher nicht gesehen hat. Gerade habe ich eine Podcast-Folge zum Thema Klassismus gemacht – das ist zum Beispiel ein Thema, mit dem ich mich lange nicht beschäftigt habe, das mir nun aber immer bewusster wird.

Dieser Ansatz wird nicht von allen verstanden. Ich wurde schon von Linksradikalen dafür gebasht, dass ich einen Mondkalender habe. Aber ich kann doch ein achtsamer, spiritueller Mensch und dabei auch rational und logisch sein. Das kann doch co-existieren.

Jeder Aktivismus fängt in der Achtsamkeit an, weil Achtsamkeit bedeutet, dass man eine Lupe in die Hand nimmt und sich Dinge genauer anschaut, um in die Tiefe zu gehen.

Wie entstehen die Themen für neue Podcastfolgen?

Idealerweise hätte ich einen Plan und würde alles immer pünktlich vorbereiten und machen (lacht). Ich arbeite aber am liebsten spontan und intuitiv, was inhaltlich sehr gut ist, weil ich so immer aktuelle Themen aufgreifen kann. Ich versuche, auf Gefühle und Themen einzugehen, die gerade viele Menschen beschäftigen. Organisatorisch ist das manchmal natürlich schwieriger als wenn man lange im Voraus plant.

Spielt der Austausch mit deiner Community über Instagram dabei eine Rolle?

Definitiv. Ich schreibe vielleicht auf Instagram etwas über Therapie und die Resonanz ist so groß, dass ich denke: Das wäre auch ein gutes Thema für den Podcast. Es ist eine Wechselwirkung und ich kann auch allen anderen Content Creators empfehlen: Hört und achtet darauf, welche Themen kollektiv alle beschäftigen. Das kann auch mal sehr kurzweilig oder aktuell sein.

Wo und wie zeichnest du deinen Podcast auf?

Normalerweise mache ich das in einem Studio in Wien. Wenn der Gesprächspartner nicht in Wien ist, mache ich eine Audioaufnahme des Gesprächs. Manchmal mache ich die Aufnahmen aber auch zu Hause oder von unterwegs.

Das klingt sehr unkompliziert.

Ich versuche, mir nicht mehr Arbeit zu machen als ich haben muss. Das ist auch ein Learning aus vielen Jahren der Selbstständigkeit: Manchmal macht man Dinge sehr kompliziert und professionell, aber ab und zu ist es gut, Dinge zu vereinfachen. Ich bin keine Freundin von krankhafter Selbstoptimierung. Manchmal hat man eben keine 5-hour-work-week, sondern eine 50-hour-work-week, aber manchmal macht man sich auch unnötig Stress.

Ich habe mit den Jahren gelernt, Dinge einfach abzuschließen. Nach dem Motto: done is better than perfect.

Wenn die eigenen Ansprüche zu hoch sind, meinst du?

Ich bin generell eher ungeduldig und intuitiv, aber gleichzeitig sehr perfektionistisch. Ich habe mit den Jahren gelernt, Dinge einfach abzuschließen. Nach dem Motto: done is better than perfect. Ich mag es nicht, ein Jahr lang an einem Projekt zu arbeiten. Mein Modelabel ist das beste Beispiel dafür, es ist so schlank aufgezogen und bis heute operiert es noch sehr schlank. Es ist wichtig, nicht zu verkopft zu sein. Manchmal möchte man super professionell auftreten, aber das ist gar nicht nötig.

Wir haben zum Beispiel noch nie ein professionelles Foto-Shooting für „dariadéh“ gemacht, alle Fotos für die Website und den Shop habe ich mit dem Handy fotografiert. Teilweise habe ich das Produkt irgendwo im Urlaub auf den Boden gelegt, fotografiert und innerhalb von einer Stunde online gestellt. Natürlich könnte ich das Produkt zu einem Fotografen schicken, damit er Freisteller fotografiert, aber es kostet mich mehr Zeit und Geld – und niemanden interessiert es. Oft ist der eigene Anspruch zu hoch. Vielleicht kommt es bei den Leuten sogar besser an, wenn es nicht total professionalisiert und artifiziell ist. Ein kleines Business lebt von Authentizität und es ist wichtig, sich diese zu bewahren. Viele der heute größten Businesses der Welt wurden in Garagen gestartet! Ich hatte keine Ahnung davon, wie man ein Modelabel macht, als ich „dariadéh“ gestartet habe.

Hast du mittlerweile einen Plan für das Label?

Mittlerweile müssen wir finanziell planen. Bislang war alles selbst finanziert, das heißt, man kann immer nur so viel vorfinanzieren wie man eingenommen hat. Dadurch ist man limitiert. Ich kann nie eine Warenverfügbarkeit schaffen, die die Nachfrage stillt. Im Moment können wir die Nachfrage nicht stillen. Und ich re-investiere alle Gewinne aus „dariadéh“ wieder in das Label. Unser Ziel ist, genug Produkte vorrätig zu haben, um die Nachfrage zu stillen, und dafür müssen wir eventuell mit Fremdfinanzierung arbeiten.

Wie viele Menschen unterstützen dich bei deinem Label?

Ich habe eine Person, die Vollzeit mit mir arbeitet, und zudem Agenturen oder Teams, die outgesourced sind: ein Logistikteam in Passau, die Wareneingang, Versand, Retouren und Kundenservice machen, und das Team in Portugal, wo mir jemand mit dem Sourcing, den Schnitten und den Prototypen hilft, und jemand wöchentlich in die Fabriken fährt, um zu schauen, ob alles passt.

Wie willst du das Thema Fremdkapital angehen?

Ich möchte keinen Investor, denn ich möchte nicht, dass mir ein alter, weißer Mann sagt, was ich tun soll – überspitzt gesagt. Deshalb werde ich eher den klassischen Weg über eine Bank gehen. Einen Kredit können wir recht schnell zurückzahlen, wenn wir klug kalkulieren.

Mein Ziel ist auch, das Unternehmen in eine GmbH umzuwandeln. Aktuell hafte ich noch mit meinem Privatvermögen – das ist potentiell gefährlich, denn bei einem Produkt – auch wenn es noch so nachhaltig und sorgfältig gemacht ist – kann zum Beispiel immer mal ein Produktionsfehler vorkommen. Und falls 1.000 Shirts falsch genäht wurden, hafte dafür ich.

Lass uns noch einmal auf deinen Podcast zurückkommen: Welche Themen stoßen bei deinen Hörern auf die größte Resonanz?

Das sind oft die persönlichen Themen. Jedoch ist mir eine abwechslungsreiche Themenmischung sehr wichtig. Die Folge über Fehlgeburten hört sich vielleicht nicht jeder an, das ist ein spezielles Thema, aber es war mir wichtig. Manchmal möchte man vielleicht lieber etwas Unterhaltsames hören, man kann sich ja nicht immer mit schweren Themen auseinandersetzen. Deshalb strebe ich immer einen Mix zwischen oberflächlichen, lockeren Themen und tiefen Themen zum Nachdenken an. Das mache ich so auch auf Instagram, dass ich immer witzigen Content mit tiefergehenden, ernsten Themen abwechsle. Niemand kann sich den ganzen Tag mit ernsten Themen beschäftigen, man muss zwischendurch auch mal lachen und Spaß haben.

In einer kommenden Podcastfolge geht es auch darum, wie man sich aus dem Weltschmerz herauszieht. Man könnte sich den ganzen Tag mit schlechten Nachrichten befassen. Die Frage ist dann, wie lange man nachhaltig, im Sinne von langfristig, Aktivismus betreiben kann. Denn irgendwann ist man dann kaputt, traurig, am Ende und depressiv. Und das hilft der Sache auch nicht.

Niemand kann sich den ganzen Tag mit ernsten Themen beschäftigen, man muss zwischendurch auch mal lachen und Spaß haben.

Das stimmt, man muss sich auch immer wieder motivieren können – womit wir wieder beim Optimismus sind. Zum Abschluss noch eine „leichte“ Frage: Worin siehst du die größte Aufgabe unserer Generation?

Eine der großen Aufgaben ist, die Probleme unserer Zeit zu identifizieren, die Probleme klar zu formulieren, sich klar zu positionieren, etwas gegen oder für die Sache zu tun und sich dabei dennoch nicht zu verlieren. Und immer global, inklusiv und langfristig zu denken.

Wir danken dir für das Gespräch, liebe Maddie!

 

Hier findet ihr Madeleine Daria Alizadeh:

„A Mindful Mess“ auf Spotify

Madeleine Daria Alizadehs Profil auf Spotify

Fotos: Angela Simi 

– Werbung: In Zusammenarbeit mit Spotify –

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