Team-Event im Museum – die Gründerinnen von „Arteams“ bringen mit Kunst mehr Achtsamkeit, Kreativität und Kommunikation in Unternehmen

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24. Februar 2022

In den vergangenen zwei Jahren haben viele von uns ihre Kolleg*innen meist nur digital gesehen. Das Bedürfnis nach persönlichem Austausch im Team ist dabei oft zu kurz gekommen. Wer jetzt denkt, dass ein Team-Event dem Spirit gut tun würde, aber seinen Kolleg*innen weder beim Paintball hinterherjagen noch unter ihren Kochkünsten leiden will, der könnte an „Arteams“ Gefallen finden. Gegründet von Annika Landmann und Lina Scheewe will „Arteams“ die Kommunikation und die Zusammenarbeit im Team mithilfe von Kunst verbessern. Die beiden Kunsthistorikerinnen nehmen die Teilnehmer*innen ihrer Workshops mit ins Museum – vor Ort oder ortsunabhängig digital – für eine ganz neue Auseinandersetzung mit Kunst. Wir treffen Annika und Lina zum Gespräch über ihre Idee und ihre Workshops im „Bucerius Kunst Forum“ in Hamburg, in der Ausstellung „Minimal Art. Körper im Raum“.


Als Goodie für euch verlosen wir 5 x 2 Tickets für die Ausstellung „Minimal Art. Körper im Raum“, die noch bis zum 24.04.2022 im „Bucerius Kunst Forum“ stattfindet. Um teilzunehmen, schickt uns bis einschließlich 04. März 2022 eine E-Mail mit dem Betreff „Minimal Art“ an winwin@femtastics.com. Die Gewinner*innen werden von uns per E-Mail benachrichtigt. Unsere Gewinnspielbedingungen findet ihr hier.


femtastics: Wie habt ihr zur Kunst gefunden und wie wurde Kunst zu eurem Beruf?

Annika Landmann: In meiner Jugend habe ich selbst gezeichnet, gemalt und hatte ein großes Interesse an Kunstausstellungen. Ich habe dann Kunstgeschichte studiert, promoviert und später in der Wissenschaft gearbeitet. Die Kunstbetrachtung wurde für mich dadurch immer rationaler. Irgendwann hat mir die Freiheit gefehlt.

Lina Scheewe: Mein Opa und meine Großtante waren Maler*innen und Kunst hat in meiner Familie immer eine Rolle gespielt. Als ich nach dem Abi als Au Pair in Rom war, habe ich mich dort so in die Kunst und Kultur verliebt, dass ich danach Italianistik und Kunstgeschichte studiert habe. Annika und ich haben uns im Studium kennengelernt.

Wie kam es dazu, dass ihr zusammen „Arteams“ gegründet habt?

Lina: Ich bin nach einem wissenschaftlichen Volontariat am „Saarlandmuseum“ zurück nach Hamburg gezogen und habe schwerpunktmäßig in der Kunstvermittlung gearbeitet, also Workshops und Führungen gegeben – für Erstklässler*innen genauso wie für Teams. Mich hat schon immer die Vorstellung motiviert, möglichst viele Menschen aus der Breite unserer Gesellschaft ins Museum zu bringen. Mit der eigentlichen Idee kam aber Annika auf mich zu.

Annika: Mich hat jahrelang der Zwiespalt begleitet, dass ich dachte: Ich möchte sowohl mit Kunst als auch mit Menschen arbeiten. Mich haben Coaching-Themen interessiert und die Frage, wie man Kunst den Menschen – und gerade Teams – noch mal anders nahebringen kann als in klassischen Führungen. Die Idee für „Arteams“ ging mir schon lange durch den Kopf und mit Lina war ich länger dazu im Austausch. Durch die Corona-Pandemie hatten wir endlich Zeit, unsere Idee umzusetzen.

Lina: Oft gibt es Berührungsängste gegenüber Kunst – die wollen wir abbauen.

Oft gibt es Berührungsängste gegenüber Kunst – die wollen wir abbauen.

Lina Scheewe (links) und Annika Landmann kennen einander seit dem Studium und haben „Arteams“ gemeinsam gegründet. In der Ausstellung „Minimal Art. Körper im Raum“ im „Bucerius Kunst Forum“ gezeigtes Werk: Charlotte Posenenske: Reliefs Serie C, 1967/2020, Christoph Seibt Collection Contemporary Art, Hamburg und Dan Flavin: untitled (to Barnett Newman) four, 1971, Christoph Seibt Collection Contemporary Art, Hamburg.

Was ist das Prinzip von „Arteams“?

Annika: Wir bewegen uns zwischen Team-Event und Coaching. Unser Prinzip ist, dass die Kunst dabei hilft, Menschen in Teams miteinander in Austausch zu bringen, in einem anderen Raum als im Arbeitskontext. Im Berufsleben dominiert oft das rationale Denken und es gibt klare Regeln dazu, wie etwas abzulaufen hat. In der Kunst gibt es kein Richtig oder Falsch – sie wirkt auf jeden anders und das ist gut so.

Lina: Es geht auch um Diversität. Wie unterschiedlich wir alle Kunst wahrnehmen, zeigt uns, wie unterschiedlich wir ticken und dass unsere innere Wahrnehmung nicht nur bei Kunst verschieden sein kann, sondern auch in anderen Bereichen. Aber das vergessen wir manchmal. So kommen oft Missverständnisse oder Irritationen zustande. Umgekehrt kann eine unterschiedliche Wahrnehmung im Team natürlich auch inspirierend sein und für neuen Input und neue Ideen sorgen. Kunst kann diese Vorgänge erlebbar machen.

Wie unterschiedlich wir alle Kunst wahrnehmen, zeigt uns, wie unterschiedlich wir ticken und dass unsere innere Wahrnehmung nicht nur bei Kunst verschieden sein kann.

Kunst dient also bei euch als Mittel, um Themen wie Kommunikation, Achtsamkeit, Kreativität und ​​Diversität im Team zu bearbeiten?

Annika: Mithilfe von Kunst horchen die Teilnehmer*innen in sich hinein und es entsteht ein Raum für Reflektion. Kunst ist mehrdeutig, das lädt zum Austausch ein und zu einer zwischenmenschlichen Begegnung auf einer neuen Ebene.

Lina: In unserer Wissens- und Leistungsgesellschaft kommen wir selten dazu, freien, kreativen Ideen und Gedanken zu folgen. Wir verlernen die intuitive Annäherung an Kunst, wie wir sie von Kindern kennen. Annika und ich finden es spannend, die Kunst zu nutzen, um mal vom rein Rationalen wegzukommen. Wenn ich meine eigene Wahrnehmung schule und übe mit mir selbst in Kontakt zu sein, dann hilft mir das auch im Austausch mit anderen Menschen.

In der Ausstellung „Minimal Art. Körper im Raum“ im „Bucerius Kunst Forum“ gezeigte Werke: Jeppe Hein: Changing Neon Sculpture, 2006, Exemplar 1/3 SCHAUWERK Sindelfingen

In unserer Wissens- und Leistungsgesellschaft kommen wir selten dazu, freien, kreativen Ideen und Gedanken zu folgen.

In der Ausstellung „Minimal Art. Körper im Raum“ im „Bucerius Kunst Forum“ gezeigte Werke: Jeppe Hein: Changing Neon Sculpture, 2006, Exemplar 1/3 SCHAUWERK Sindelfingen

Wie können wir uns das Teambuilding im Museum vorstellen?

Annika: Wir setzen uns gemeinsam mit ausgewählten Kunstwerken einer Ausstellung auseinander. Zum Beispiel fragen wir die Teilnehmer*innen, was sie jeweils mit dem Kunstwerk assoziieren, wir bitten sie, es zu beschreiben oder fragen sie, wo im Werk sie selbst gerne wären. Dadurch erfahren sie nicht nur etwas über sich, sondern auch über die anderen. Das klingt simpel, wenn man es so ausspricht, aber im Team-Zusammenspiel entsteht daraus sehr viel und es kann zu spannenden Aha-Momenten kommen. In manchen Methoden wird auch gezeichnet. Nebenher vermitteln wir ein bisschen Kunstgeschichte, weil sich die Teilnehmer*innen meist auch nach Information sehnen, aber das soll nicht im Vordergrund stehen. Wir wollen sehen, was passiert, wenn man nicht an die Hand genommen und mit Wissen gefüttert wird. Wir arbeiten übrigens auch in Unternehmen mit Kunstwerken, die sich dort befinden. Dabei geht es auch darum, Kunst, die man vielleicht täglich sieht, neu wahrzunehmen.

Lina: Ganz wichtig ist uns, dass es kurzweilig ist – trockene Vorträge kommen bei uns nicht vor. Es soll Spaß machen, es wird auch gelacht.

Müssen die Teilnehmer*innen ein Vorwissen mitbringen?

Lina: Nein, man muss weder Vorwissen zu Kunst haben, noch zeichnen oder malen können. Wir merken immer wieder, dass es einigen Teilnehmer*innen im ersten Moment schwerfällt, ohne Druck oder Erwartungen an die Sache ranzugehen. Aber genau das ist die Idee. Deshalb versuchen wir von Anfang an, diesen Druck rauszunehmen.

Annika: Eine Voraussetzung sind Neugierde und Offenheit – das wünschen wir uns zumindest.

Lina: Gerne klären wir auch in einem Vorgespräch, ob es bestimmte Themen im Team gibt, die wir aufgreifen sollen.

An wen richtet ihr euch?

Annika: An Teams ab drei Menschen, damit eine gewisse Gruppendynamik entstehen kann. Wir arbeiten gerne mit etwa zehn Personen, aber unsere Methoden lassen sich auch auf größere Teams anpassen. Was die beruflichen Branchen angeht, haben wir keine feste Zielgruppe, weil wir der Überzeugung sind, dass jede*r von der Auseinandersetzung mit Kunst profitiert. Insofern sind bei uns alle willkommen – von der Bank über Handelsunternehmen bis zu Kreativagenturen.

Aktuell habt ihr eine Kooperation mit dem „Bucerius Kunst Forum“. Wie kam diese zustande?

Annika: Ich hatte vorher schon freiberuflich länger mit dem „Bucerius Kunst Forum“ zu tun und wir hatten das Gefühl, dass sie unsere Idee gut aufnehmen würden – und so war es auch. Wir finden es spannend, dass es hier von Yoga- bis Performance-Events eine große Vielfalt und viermal im Jahr wechselnde Ausstellungen gibt – mit Themenschwerpunkten von der Antike bis zur Gegenwart, was sowohl für uns als auch für unsere Teams einen Reiz hat, weil viele mehrmals Workshops mit uns machen. Und für das „Bucerius Kunst Forum“ ist die Kooperation auch super spannend und trägt zu ihrem Ansatz bei, einem breiten Publikum neue Zugänge zur Kunst zu verschaffen.

Lina: Toll ist, dass sie uns machen lassen und uns vertrauen.

In der Ausstellung „Minimal Art. Körper im Raum“ im „Bucerius Kunst Forum“ gezeigte Werke: Charlotte Posenenske: Reliefs Serie C, 1967/2020, Christoph Seibt Collection Contemporary Art, Hamburg und Imi Knoebel: Braunes Kreuz, 1968/2018, Christoph Seibt Collection Contemporary Art, Hamburg

Das Thema Achtsamkeit bietet sich bei „Minimal Art“ besonders an, weil die Kunst durch ihre klaren Formen sehr viel Spielraum bietet für eine freie und entschleunigte Auseinandersetzung mit ihr.

In der Ausstellung „Minimal Art. Körper im Raum“ im „Bucerius Kunst Forum“ gezeigte Werke: Charlotte Posenenske: Vierkantrohre Serie D, 1967/2019, Christoph Seibt Collection Contemporary Art, Hamburg und Charlotte Posenenske: Reliefs Serie C, 1967/2020, Christoph Seibt Collection Contemporary Art, Hamburg 

Die aktuelle Ausstellung im „Bucerius Kunst Forum“ ist „Minimal Art“ gewidmet. Wie bereitet ihr euch auf eure Workshops vor, wie setzt ihr euch selbst mit den jeweiligen Ausstellungen auseinander?

Annika: Unsere Methoden lassen sich im Grunde auf alle Arten von Kunst anwenden bzw. an sie anpassen. Natürlich machen wir uns zu jeder Ausstellung im Vorfeld Gedanken, wie wir mit ihr arbeiten wollen. Das Thema Achtsamkeit bietet sich bei „Minimal Art“ besonders an, weil die Kunst durch ihre klaren Formen sehr viel Spielraum bietet für eine freie und entschleunigte Auseinandersetzung mit ihr. Gerade diese Ausstellung mit nur 17 Werken lädt dazu ein, sich für jedes einzelne Objekt Zeit zu nehmen. Wir empfinden das auch deshalb spannend, weil wir im Alltag ja permanent mit unzähligen Bildern und Eindrücken überschüttet werden, die wir häufig nur auf die Schnelle verarbeiten können.

Macht es für eure Workshops einen Unterschied, ob man sich mit Minimal Art oder figurativer Kunst auseinandersetzt?

Lina: Erfahrungsgemäß fällt es Teilnehmer*innen im ersten Moment leichter, sich mit figürlicher Kunst auseinanderzusetzen, vielleicht weil das Figürliche mehr Sicherheit bietet: Wenn ich zum Beispiel auf einem Gemälde eine Person oder eine Landschaft sehe, liefern diese eine Möglichkeit zur Wiedererkennung und Identifikation. In der „Minimal Art“ ist das anders. Hier lautet die Aufforderung vielmehr: Tretet mit den Formen und Farben der Werke in Kontakt und schaut, was sie mit euch und eurer Wahrnehmung machen.

Annika: Es gibt mittlerweile auch immer mehr Studien dazu, wie sich Museumsbesuche auf die Gesundheit auswirken und nachweislich haben sie einen positiven Effekt auf den Blutdruck und andere Körperfunktionen, die man messen kann.

In der Ausstellung „Minimal Art. Körper im Raum“ im „Bucerius Kunst Forum“ gezeigte Werke: Donald Judd: Untitled (Stack), 1968–1969, Bayerische Staatsgemäldesammlungen, München Pinakothek der Moderne 1979 erworben von PIN. Freunde der Pinakothek der Moderne für die Sammlung Moderne Kunst und Dan Flavin: untitled (to Barnett Newman) four, 1971, Christoph Seibt Collection Contemporary Art, Hamburg

Wer gehört eigentlich zu eurem Team, also zu „Arteams“? Werden die Workshops immer von euch beiden geleitet? 

Lina: Unsere Methoden haben wir in Zusammenarbeit mit einer Kollegin entwickelt, die eine kunsttherapeutische Ausbildung hat und auch Coach ist. Aber im Grunde machen wir alles zu zweit. Jede von uns hat andere Schwerpunkte, aber am meisten Spaß macht es uns, wenn wir die Workshops zu zweit leiten und uns die Bälle zuspielen. Unser Ziel ist es, dass wir irgendwann weitere Mitarbeiter*innen haben, die uns in der organisatorischen Abwicklung unterstützen, aber auch Workshops leiten.

Annika: Unsere Vision ist, möglichst viele Teams mit Kunst in Berührung zu bringen und zwar deutschlandweit oder vielleicht sogar international. In unseren digitalen Workshops ist das ja schon möglich.

In der Ausstellung „Minimal Art. Körper im Raum“ im „Bucerius Kunst Forum“ gezeigte Werke: Robert Morris: Untitled, 1974, Bayerische Staatsgemäldesammlungen, München Pinakothek der Moderne 1980 erworben von PIN. Freunde der Pinakothek der Moderne für die Sammlung Moderne Kunst

Habt ihr persönlich Lieblingskunst – Künstler*innen, Werke oder Stilrichtungen?

Annika: Ich bin auf nordische Malerei spezialisiert und habe Wurzeln in Finnland, deshalb schlägt mein Herz besonders für diesen Bereich. Meine Magisterarbeit habe ich über Elin Danielson-Gambogi geschrieben. Ein Werk von ihr spricht mich besonders an: „After breakfast“. Es zeigt eine junge Frau rauchend am Frühstückstisch. Die Farben sprechen mich total an, aber vor allem wurden zum Entstehungszeitpunkt, 1891, Frauen in der Regel nicht rauchend gezeigt. Das war damals ein echtes Statement. Ich finde es faszinierend, wenn Kunst mit Konventionen bricht und neue Wege beschreitet.

Lina: Ich schätze die österreichische Malerin Maria Lassnig sehr. Sie hat ein Prinzip entwickelt, das sie selbst „Body Awareness“ oder „Körpergefühlsbilder“ nannte. Und zwar hat sie in ihren zahlreichen Selbstporträts immer die Bereiche ihres Körpers gemalt, die sie in dem jeweiligen Moment spürte – emotional und/oder physisch. Es ging ihr also darum, mit ihrem individuellen weiblichen Blick die eigenen körperlichen Empfindungen auf die Leinwand zu projizieren. In ihren Anfängen in den 40ern verstörte sie viele mit ihrer radikalen Kunst. Größere Bekanntheit erlangte sie erst, als sie so um die 60 war. Ihre Bilder berühren mich sehr.

Vielen Dank für das interessante Gespräch und euch weiterhin viel Erfolg!


Die Ausstellung „Minimal Art – Körper im Raum“ findet noch bis zum 24.04.2022 im „Bucerius Kunst Forum“ in Hamburg statt. Mit der Ausstellung präsentiert das „Bucerius Kunst Forum“ herausragende Werke der US-amerikanischen Gründungsväter der Minimal Art der 1960er Jahre und stellt diese deutschen und zeitgenössischen Positionen gegenüber. Im Fokus stehen dabei die Betrachtenden und ihre individuelle Wahrnehmung der objekthaften Werke im Raum. Dadurch wird die Idee einer Demokratisierung der Kunst wieder lebendig, nach der die Minimal Art von jedem gleich und ohne Vorwissen erfahren und verstanden werden kann.



Hier findet ihr „Arteams“:



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