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Wellbeing

Hochsensibilität: Warum sie ein Geschenk und keine Krankheit ist

27. November 2018

geschrieben von Gastautor*in

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Laut Schätzungen sind weltweit rund 20 Prozent der Menschen hochsensibel. Richtig wissen tun es die wenigsten Betroffenen. Oft freuen sie sich, wenn sie davon erfahren und danach stellt sich eine große Erleichterung ein. So war es auch bei Nina Miltner, die als Expertin auf dem Gebiet gilt und unter dem Pseudonym „Der weisse Hund“ Einzelcoachings, psychologische Beratungen und Workshops für feinfühlige und hochsensible Menschen anbietet – mit und ohne Hund. Für uns hat sie ihre Geschichte aufgeschrieben und erklärt, warum Hochsensibilität ein Geschenk sein kann und wie man im Alltag mit ihr umgeht.

Hochsensible nehmen viele Dinge in ihrem Leben besonders intensiv wahr.

„Schon oft habe ich erlebt, dass Hochsensible ihre Gabe nicht wirklich (er)kennen und sich damit ‚falsch‘ oder auch nicht richtig angenommen fühlen. Dafür gibt es viele Gründe. Ein ganz wichtiger ist, dass Menschen mit HS (Hochsensibilität) der innere Filter für äußere Reize fehlt. Das heißt, sie werden ständig stimuliert – ungefiltert und ungeschützt. Und somit sind sie meist anfälliger für Stress, Krankheiten und psychische Belastungen.

Daran erkennt man Hochsensibilität

Was aber bedeutet es genau, hochsensibel zu sein? Hochsensible nehmen viele Dinge in ihrem Leben besonders intensiv wahr. Unter anderem Geräusche, Gerüche, Temperaturschwankungen und Lärm, um nur einige wenige Faktoren zu nennen. Menschliche Schwingungen können sehr schnell erfasst werden und für eine eigene diffuse Gefühlslage sorgen. Ihr Schmerzempfinden ist intensiver, sie neigen schnell zu Erregungszuständen und sind weniger belastbar. Auch funktionieren sie in ’normalen‘ Arbeitsverhältnissen nur bedingt, denn Hochsensibilität zeugt oft von Kreativität und Intuition.

Dass das in unserer Arbeitswelt nicht gerade an erster Stelle steht, sondern eher Produktivität und Geradlinigkeit, bringt noch ganz andere Probleme mit sich. Man funktioniert einfach nicht so gut auf Dauer. Deswegen wagen viele Hochsensible den Schritt in die Selbstständigkeit, wenn der Druck zu groß wird. Meist nehmen sie eine lange Leidenszeit in Kauf.

Genauso war es auch bei mir. Lange habe ich im Messegeschäft gearbeitet. Die ersten Jahre habe ich meine Arbeit sehr gerne gemacht. Organisation, Projektassistenz, Fremdsprachen, Kunden betreuen und immer ein Lächeln auf den Lippen. Irgendwann veränderte sich mein Berufsbild aufgrund von Umstrukturierungen und ich stieß immer öfter an meine Grenzen: Überstunden, Wochenenddienste, festgezurrte Strukturen und unglückliche Kollegen gaben mir nach fast fünf Jahren in diesem Business den Rest. Ich wurde krank.

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Die 48-jährige Nina Miltner bietet Coachings für feinfühlige und hochsensible Menschen an. Credit: Der weisse Hund

Burnout – Hochsensible sind prädestiniert

Über ein halbes Jahr war ich weg vom Fenster. Erst fiel es mir gar nicht auf, dass ich in meinem Hamsterrad nicht mehr zur Ruhe kam. Ich machte einfach weiter, überhörte innere Alarmglocken und litt ständig unter Migräne und Schlafproblemen. ‚Die anderen schaffen das doch auch‘, sagte ich mir. Denn Hochsensible haben wahnsinnig hohe Ansprüche, vor allem an sich selbst – Perfektionismus bis in die Haarspitzen.

In dieser Zeit ist mir vieles bewusst geworden und ich habe einen Namen für das Ganze gefunden. Durch Zufall bin ich auf einen Vortrag zum Thema Hochsensibilität gestoßen und mir wurde schlagartig klar – das bin ich! Endlich fühlte ich mich erkannt und konnte vieles, was mich seit meiner Kindheit begleitete, verstehen. Auch, wenn mit dieser Erkenntnis nicht gleich alles einfacher wurde, half es mir, milder mit meiner Person umzugehen und mich nicht ständig zu entwerten. Denn Hochsensibilität ist für mich ein Geschenk. Eine Gabe, die mit vielen bunten Facetten verknüpft ist.  

Stark ausgeprägte Intuition

Unter anderem eine stark ausgeprägte Intuition, die mir bei meiner jetzigen Arbeit extrem gute Hilfe leistet. Bis dahin war mir nämlich überhaupt nicht klar, dass meine ‚Anfälligkeit‘ nicht nur dem Job geschuldet war, sondern auch meiner sensiblen Seite, die sich ohne Wenn und Aber meldete. Zum Glück. Wahrscheinlich hätte ich noch ewig so weitergemacht, damit ich meinem Anspruch gerecht werde und andere nicht enttäusche.

Leider glauben manche Kritiker, dass es Hochsensibilität gar nicht gibt oder gerne vorgeschoben wird, damit Feinfühlige endlich einen Grund für ihr Anderssein haben. Eine Ausrede sozusagen, um dem Alltag zu entfliehen, sich Aufgaben bzw. dem Leben nicht zu stellen. Ich denke, dass man uns damit Unrecht tut. Es gibt immer einzelne Personen, auf die das zutreffen mag, aber die gibt es überall. Hochsensible ruhen sich nicht aus, weil sie faul oder lebensunfähig sind, sondern weil sie die Welt als großes Ganzes sehen, analysieren und viel Energie in Dinge stecken, die anderen verborgen bleiben.

Hochsensibel zu sein, bedeutet innerlich zu leuchten

Als Hochsensible/r ist es extrem wichtig, seine Bedürfnisse wahrzunehmen und auch anzunehmen. Nicht nur im Privaten, sondern auch in Alltag und Beruf. Pausen machen, wenn ich sie brauche. Nein sagen, auch wenn es schwer fällt. Ja sagen, zu Dingen, die ich von Herzen möchte, die vielleicht auch ungewöhnlich sind. Gefühle und Emotionen sind bei Hochsensiblen äußerst intensiv. Das, was man sieht, wird oft sofort gefühlt. Stimmungen anderer werden gut wahrgenommen. Gedanken, die andere hegen, können Menschen mit HS manchmal schon im Vorfeld aussprechen. Und das hat nichts mit Hokuspokus zu tun. Es ist einfach nur das ‚feinere Fühlen‘, welches sich seinen Weg sucht.

Komme ich zum Beispiel in eine Gruppe mit Menschen, die ich noch nicht kenne, dann fühle ich mich schnell wie aufgeladen oder auch erschlagen von den Stimmungen und Schwingungen, die die anderen ausstrahlen. Konflikte erspüre ich bereits, wenn sie noch unter der Oberfläche liegen. Öfter habe ich den sogenannten 7. Sinn. Das kann manchmal ängstigen oder auch bedrücken. Es wird dann sogar als Makel empfunden oder Stigma. Abgrenzen fällt vielen schwer in solchen Momenten. Allerdings ist genau dieses Abgrenzen extrem wichtig für Menschen mit HS. Denn nicht nur die eigenen Befindlichkeiten kosten Kraft, die der anderen nämlich auch.

Selbstständigkeit ist ein großes Thema bei den Sensiblen, denn meist geht es ihnen damit viel besser.

Die richtige Balance finden zwischen zu viel Gefühl und Alltag

Hochsensible sind mit vielen Reizen konfrontiert. Es ist hilfreich, seinen ganz eigenen Weg zu finden und zu gehen. Manchmal wird man belächelt. Auch ich muss manchmal über mich lachen, da ich mich in bestimmten Situationen als ’schräg‘ bezeichnen würde. Es hat mir sehr geholfen, das anzunehmen und nicht als Makel zu sehen. Bei Treffen oder auch intensiven Gesprächen wird meine ganze Aufmerksamkeit gefordert. Danach falle ich oft komatös ins Bett und schlafe. Ich habe gelernt, dass zu akzeptieren, um nicht ständig mit mir zu kämpfen. Ich liebe es alleine mit mir zu sein. Ruhe, Stille und die Natur sind mein ganz persönliches Seelenheil.

Meine Wahrnehmung ist immer ganz sensibel und wach. Tue ich etwas mit dem Herzen, dann sprühe ich vor Energie. Ich brenne für meine Arbeit und meine Selbstständigkeit. Nach meiner Krankheit habe ich mein Leben radikal verändert. Nach 10 Jahren Messegeschäft, habe ich meinen Büroplatz mit der Natur getauscht. Nun arbeite ich mit Menschen und ihren Hunden. Nach einer Ausbildung zur Hundetrainerin, hat sich noch die Ausbildung zum Personal Coach und zur psychologischen Beraterin angeschlossen.

Immer mehr Hochsensible finden den Weg zu mir. Es tut mir gut, diesen Schritt gemacht zu haben, auch wenn es nicht gerade einfacher ist. Selbstständigkeit ist ein großes Thema bei den Sensiblen, denn meist geht es ihnen damit viel besser. Sie können kreativ sein und vor allem können sie wieder leuchten mit all ihren Vorzügen, die Hochsensibilität mit sich bringt. 

Wie eine bunte Persönlichkeit mit vielen Facetten: Hochsensibilität kann das Leben bereichern

Hochsensibilität ist meiner Meinung nach etwas, das angeboren ist. Viele verlieren diese natürliche Gabe, wenn sie erwachsen werden. Sie geht buchstäblich verloren, weil wir sehr rational unterwegs sind. Wer hat nicht schon gehört ‚Sei nicht so empfindlich!‘ Es ist einfach nicht gewollt in unserer Gesellschaft, fein und empfindsam zu sein. Angeblich wird HS vererbt und kann ebenfalls durch bestimmte Lebensumstände und Erfahrungen entstehen oder sich verändern. Ich denke, gerade bei traumatischen Erlebnissen kann sie entstehen. Für mich ist es allerdings eine andere Art der Hochsensibilität. Meist ist sie mit einem unschönen Ereignis verknüpft. 

Egal aus welcher Perspektive ich es betrachte, für mich ist HS weder ein Krankheitsbild noch eine Einbildung. Viel mehr ist sie wie eine bunte Persönlichkeit mit vielen Facetten. Eine Gabe, die, wenn man sie akzeptiert und pflegt, das Leben durchaus bereichert. Ich würde mir wünschen, dass unsere Gesellschaft Menschen, die anders erscheinen, nicht gleich in eine Ecke schiebt und mit ‚Sensibelchen oder Heulsuse‘ abstempelt. Aber das betrifft nicht nur uns, die Hochsensiblen, sondern alle, die eben ‚anders‘ sind.“ 

Text: Nina Miltner

Mehr zum Thema lest ihr auf Ninas Blog.

Illustration: Stefanie Berkmann