Zupfen, Quetschen, Reiben: Warum Skin Picking mehr ist als eine Marotte – und was hilft
01. September 2026
geschrieben von Hannah Jäger

Ständiges Zupfen, Quetschen, Kratzen an der Haut: Für Betroffene der Skin-Picking-Störung ist das mehr als eine schlechte Angewohnheit. Die Skin-Picking-Störung, auch Dermatillomanie genannt, ist eine anerkannte psychische Erkrankung, die mit Scham und sozialem Rückzug einhergehen kann. Psychologin Christina Gallinat leitet die Skin-Picking-Ambulanz der Uniklinik Heidelberg und beantwortet im Interview die wichtigsten Fragen: Wo verläuft die Grenze zur Erkrankung, wer ist betroffen und was hilft?
Skin Picking bezeichnet das wiederholte Bearbeiten der eigenen Haut durch Zupfen, Quetschen oder Drücken. Geht das Verhalten über gelegentliches Ausdrücken eines Pickels hinaus und führt zu Hautverletzungen, Kontrollverlust, psychischem und sozialem Leidensdruck, spricht man von der Skin-Picking-Störung (Dermatillomanie) – einer anerkannten psychischen Erkrankung. Die Störung gehört zu den Körperbezogenen repetitiven Verhaltensstörungen (Body-Focused Repetitive Behaviors, kurz BFRBDs) wie pathologisches Nägelkauen (Onychophagie) oder Haareausreißen (Trichotillomanie).
femtastics: Frau Gallinat, viele Menschen kennen den Begriff Skin Picking wahrscheinlich noch gar nicht. Was ist der Unterschied dazu, gelegentlich einen Pickel auszudrücken?
Christina Gallinat: Skin Picking ist zunächst einmal ein Überbegriff für verschiedene Formen der Hautmanipulation, also zum Beispiel Zupfen, Quetschen, Reiben oder Drücken. Solche Verhaltensweisen kennen sehr viele Menschen. Wir alle kratzen uns mal an der Haut, drücken einen Pickel aus oder bearbeiten eine Stelle, obwohl wir eigentlich wissen, dass wir es besser lassen sollten.
Bei einer Skin-Picking-Störung geht das Verhalten aber deutlich darüber hinaus. Es tritt wiederholt und übermäßig auf, verursacht Hautverletzungen, lässt sich nicht ausreichend kontrollieren und führt zu einem hohen Leidensdruck oder Einschränkungen im Alltag. An diesen Punkten lässt sich unterscheiden, ob es sich noch um ein Verhalten im unbedenklichen Rahmen handelt oder bereits um eine Erkrankung.
Wie häufig kommt die Skin-Picking-Störung vor?
Die Studienlage ist noch nicht eindeutig, für den deutschsprachigen Raum gibt es bisher keine verlässlichen Zahlen. Internationale Schätzungen liegen zwischen 1,4 und 5,6 Prozent, wobei die neueste Metaanalyse eine Prävalenz, also eine Häufigkeit, von 3,45 Prozent berichtet. Das zeigt: Die Skin-Picking-Störung ist keine seltene Erkrankung. Die Prävalenz von Schizophrenie beispielsweise liegt bei ungefähr einem Prozent. Und diese Erkrankung kennt praktisch jede*r.
Trotzdem wissen viele Betroffene selbst nicht, dass ihr Verhalten einen Namen hat und dass es Behandlungsmöglichkeiten gibt. Auch in unsere Ambulanz kommen sehr viele Betroffene und fragen, ob sich überhaupt noch jemand anderes mit diesem Problem meldet. Das zeigt gut, wie allein sich Betroffene fühlen.
"Fast jede Person kann nachvollziehen, wie es ist, an der Haut zu kratzen oder einen Pickel auszudrücken. Wenn das aber in einem sehr starken Ausmaß passiert und Betroffene darunter leiden, wird dieser Unterschied oft nicht gesehen."
Woher kommt dieses Paradoxon? Warum ist die Erkrankung so unbekannt?
Die Skin-Picking-Störung ist erst seit 2013 als eigenständige Störung anerkannt. Als Diagnose ist das relativ jung. Das bedeutet natürlich nicht, dass es das Verhalten vorher nicht gegeben hat. Aber erst seit der offiziellen Anerkennung bekommt das Thema mehr Aufmerksamkeit und wird systematischer erforscht.
Gleichzeitig ist Skin Picking ein Verhalten, das viele Menschen in irgendeiner Form kennen. Fast jede Person kann nachvollziehen, wie es ist, an der Haut zu kratzen oder einen Pickel auszudrücken. Wenn das aber in einem sehr starken Ausmaß passiert und Betroffene darunter leiden, wird dieser Unterschied oft nicht gesehen.
Wer ist von Skin Picking betroffen?
Etwa 75 Prozent oder mehr der Betroffenen sind schätzungsweise weiblich. Allerdings gibt es auch Studien, die auf einen höheren Anteil männlicher Betroffener hindeuten. Männer* fliegen bei diesem Thema möglicherweise häufiger unter dem Radar. Sie nehmen seltener an Studien teil und suchen seltener Hilfe. In unserer Ambulanz sehen wir allerdings überwiegend Frauen*.
Was passiert bei Betroffenen in dem Moment, in dem sie ihre Haut bearbeiten?
Manche Menschen bearbeiten ihre Haut eher automatisch und nebenbei. Sie sitzen zum Beispiel am Schreibtisch, arbeiten oder lernen und tasten währenddessen ständig über ihre Haut, kratzen hier oder drücken da. Das passiert teilweise unbewusst. Andere Betroffene stehen vor dem Spiegel und bearbeiten – teils über längere Zeitspannen – ganz bewusst die eigene Haut. Das kann zum Beispiel passieren, wenn eine Person sehr angespannt ist.
Manche Betroffene erleben dabei eine Art Trancezustand. Sie sind völlig auf ihre Haut fokussiert, verlieren das Zeitgefühl und sind wie in einem Tunnel. Bei anderen läuft parallel im Kopf der ganze Tag ab, während die Aufmerksamkeit stark auf die Haut gerichtet ist. Grundsätzlich ist es sehr individuell, wie und wann Skin Picking im Alltag vorkommt und wie bewusst es abläuft.
"Was für viele Betroffene besonders schwer ist: Sie wissen, dass die Haut danach meistens schlechter aussieht als vorher. Trotzdem können sie das Verhalten nicht einfach stoppen."
Was empfinden Betroffene beim Skin Picking?
Auch das ist sehr unterschiedlich. Bei vielen Menschen stellt sich kurzfristig ein angenehmes Gefühl ein. Das Bearbeiten der Haut kann befriedigend oder entspannend wirken, Stress lösen oder als eine Art Ventil dienen.
Gleichzeitig kommen häufig negative Gefühle hinzu: Ärger über sich selbst, Schuld, Scham oder Schmerzen. Es entsteht dann oft ein komplexer innerer Konflikt, den man in etwa so beschreiben könnte: Ich möchte das gerade machen, weil es sich irgendwie gut anfühlt – aber ich weiß gleichzeitig, dass ich es nicht tun sollte. Ich ärgere mich darüber und kann trotzdem nicht aufhören. Das ist für Betroffene sehr schwer auszuhalten.
Welche Rolle spielt dabei das Schönheitsideal der reinen und glatten Haut?
Manche Menschen bearbeiten ihre Haut, weil sie versuchen, sie möglichst glatt zu machen und Unebenheiten zu eliminieren. Für andere spielt vor allem die sensorische Wahrnehmung eine Rolle: Es fühlt sich besser an, wenn eine Stelle ebenmäßig ist und nichts mehr zu spüren ist.
Skin Picking beginnt häufig in der Pubertät, gerade dann, wenn durch die hormonellen Veränderungen viele Hautunreinheiten da sind. In dieser Zeit hängt der Selbstwert oft stark davon ab, wie andere auf einen reagieren und wie attraktiv man wirkt. Man versucht, seinen Platz in einer sozialen Gruppe zu finden und dazuzugehören.
Wie kann sich aus dem Wunsch, eine Unreinheit loszuwerden, ein Verhalten entwickeln, das sich irgendwann verselbstständigt?
Meist kommen hier verschiedene Risikofaktoren zusammen. Bei manchen bleibt es dabei, einzelne Hautunreinheiten zu entfernen. Bei anderen wird das Bearbeiten der Haut irgendwann zur routinemäßigen Spannungs- und Emotionsregulation oder Stimulationsmöglichkeit. Dann kann sich das Verhalten so einschleifen, dass es bleibt.
Was für viele Betroffene besonders schwer ist: Sie wissen, dass die Haut danach meistens schlechter aussieht als vorher. Trotzdem können sie das Verhalten nicht einfach stoppen. Dadurch entsteht ein weiterer Konflikt. Denn eigentlich entfernen sie sich durch das Skin Picking noch weiter von dem Hautbild, das sie sich wünschen.
"Wenn man sich schämt, zurückzieht, nicht mehr gerne aus dem Haus geht oder viele Stunden vor dem Spiegel verbringt, ist das Belastung genug, um sich Hilfe zu suchen."
An wen können sich Betroffene von Skin Picking wenden?
Viele Betroffene gehen zunächst zur Dermatologie. Sie denken: Wenn meine Haut besser wird, wird vielleicht auch das Verhalten besser. Bei der Skin-Picking-Störung ist üblicherweise Psychotherapie der richtige Ansatz, insbesondere eine kognitive Verhaltenstherapie. Die Skin-Picking-Störung gehört zu den Zwangs- und verwandten Störungen. Sie ist aber keine klassische Zwangsstörung. Diese Unterscheidung ist für Betroffene und Behandelnde wichtig, weil sich daraus auch unterschiedliche Behandlungsansätze ergeben.
Betroffene müssen nicht mit einer fertigen Diagnose kommen. Wenn man sich schämt, zurückzieht, nicht mehr gerne aus dem Haus geht oder viele Stunden vor dem Spiegel verbringt, ist das Belastung genug, um sich Hilfe zu suchen. Man muss auch nicht erst darauf warten, dass es "schlimm genug" ist. Die Frage "Sollte ich mir vielleicht Hilfe suchen?" ist oft schon Indiz genug.
Sind Hautärzt*innen ausreichend für Skin Picking sensibilisiert?
Da ist noch viel Luft nach oben. Das Thema ist zwar bekannter geworden, aber es fehlt häufig an Kapazitäten und an Aufklärung. Gerade in der Dermatologie wäre es wichtig, dass Behandelnde Skin Picking erkennen und Betroffene entsprechend weitervermitteln können.
Gibt es Dinge, die Betroffene im Alltag selbst ausprobieren können?
Dünne Baumwollhandschuhe am Arbeitsplatz können helfen, wenn das Skin Picking dort häufig automatisch passiert. Manche decken Spiegel ab oder dimmen das Licht im Badezimmer. Auch die Hände zu beschäftigen, kann sinnvoll sein – gerade in Ruhephasen wie auf dem Sofa. Akupressurringe sind dafür sehr beliebt.
Grundsätzlich ist es hilfreich, die eigenen Auslöser zu beobachten: Wann passiert es? In welchen Situationen? Was macht meine Anspannung? Kann ich meine Hände anders beschäftigen? Muss ich meine Haut wirklich jedes Mal in einem Vergrößerungsspiegel bei strahlend hellem Licht betrachten?
Menschliche Haut ist nicht perfekt. Wenn man lange genug sucht, findet man immer etwas. Die Frage ist: Muss ich das jedes Mal sehen, wenn ich ins Badezimmer komme?
Sie arbeiten mit Betroffenen und forschen zu dem Thema. Was bewegt Sie in Ihrer Arbeit besonders?
Wenn Menschen erzählen, wie allein sie sich mit dem Thema fühlen. Oft weiß nicht einmal der*die Partner*in Bescheid. Manche Betroffene verlassen kaum ihr Zuhause, weil die Scham so groß ist. Die Menschen in ihrem Umfeld sehen vielleicht, dass sie lange Kleidung tragen oder die Haut mitgenommen aussieht. Vielen ist jedoch nicht bewusst, wie groß der Leidensdruck hinter Skin Picking sein kann. Der innere Kampf bleibt oft unsichtbar.
Es braucht mehr Aufklärung, und zwar auf beiden Seiten: in der allgemeinen Bevölkerung, aber auch bei den Behandelnden. Und ein Bewusstsein dafür, dass Skin Picking eine echte psychische Erkrankung sein kann. Gerade wenn Menschen zum ersten Mal zu uns in die Praxis kommen, ist es schön, ihnen einen Raum geben und sagen zu können: "Sie sind damit nicht allein" und "es gibt Hilfe".
Dr. Christina Gallinat ist Psychologin und systemische Therapeutin. Sie leite am Universitätsklinikum Heidelberg die "Sprechstunde für Skin Picking, Trichotillomanie und andere BFRBDs" (engl. "body-focused repetitive behaviors") und hat den Verein "Skin Picking und Trichotillomanie" mitbegründet: Eine Informations- und Anlaufstelle für Betroffene von körperbezogenenen repetitiven Verhaltensweisen wie Skin Picking (pathologisches Bearbeite der Haut), Trichotillomanie (pathologisches Haareausreißen), Nägelkauen, Wangen- oder Lippenbeißen.
Hier findet ihr Christina Gallinat, ihren Verein und Podcast:
Foto: "Canva"