Longevity für Frauen* mit Prävention statt Luxus-Medizin – wie altern wir wirklich gesund, Dr. med. Viyan Sido?

"Longevity" – der Begriff ist zum Buzzword geworden. Denn obwohl er wörtlich übersetzt schlicht "Langlebigkeit" bedeutet, so meint der Longevity-Trend viel mehr: nicht einfach nur möglichst alt werden, sondern dabei jugendlich, gesund und leistungsfähig bleiben. Zu diesem Ziel bieten Tech-, Wellness-, Beauty-, Nahrungsergänzungsmittel-, Fitness- und Pharma-Unternehmen uns eine Vielzahl von Produkten an, die alle versprechen: Wenn du dieses oder jenes kaufst, nimmst, buchst, dann wirst du gesund altern.
Dr. med. Viyan Sido, Fachärztin für Herzchirurgie und Allgemeinmedizin mit Fokus auf Prävention und Frauengesundheit, hat ein Buch über Longevity geschrieben, in dem sie den Trend-Begriff viel weniger kommerziell versteht. In "Die Longevity-Strategie für Frauen", erschienen bei "Rowohlt Polaris", erläutert sie sieben Säulen für ein langes und gesundes Leben, ohne Perfektion, teure Routinen und Druck, sondern alltagstauglich, einfach und mit Fokus auf den individuellen Körper. Wir sprechen mit Dr. med. Viyan Sido über ihr Buch und darüber, was uns denn nun wirklich möglichst lange gesund hält.
"Longevity ist das Ziel und der Weg dahin ist Prävention. Es geht nicht um Luxusmedizin oder Biohacking, sondern darum, wissenschaftlich fundierte Prävention für möglichst viele von uns zugänglich zu machen."
femtastics: Du schreibst in deinem Buch: “In meiner Sprechstunde saßen Frauen mit Erschöpfung, diffusen Brustschmerzen, Schlafstörungen oder Gewichtszunahme, oft mit einem Gefühl von großer Verunsicherung oder Verzweiflung. Ihre Laborwerte waren teilweise „im Normbereich“, ihre Beschwerden dagegen nicht.“ Was hast du daraus für dich und deine Arbeit erkannt?
Dr. med. Viyan Sido: Medizin ist mehr als Laborwerte. Manche Beschwerden spiegeln sich nicht in Blutwerten wider, sollten deshalb aber trotzdem nicht einfach ignoriert oder aufs Alter geschoben werden. Ich habe gelernt, Medizin und meine Patient*innen ganzheitlicher zu betrachten. Das fängt damit an, dass ich meine Patient*innen frage, wie sie schlafen, sich ernähren, wie es um ihre Hormone und ihr Stresslevel steht.
Wir wissen mittlerweile von den geschlechterspezifischen Unterschieden und Diskriminierung in der Medizin. Aber was heißt das konkret für den medizinischen Alltag?
Frauen und Männer unterscheiden sich biologisch, zum Beispiel in Bezug auf Stoffwechsel, Immunantwort und Blutdruckregulation oder auch die Wirkung von Medikamenten. Über Jahrzehnte wurde die medizinische Forschung aber nur bei Männern durchgeführt und die Erkenntnisse wurden unkritisch auch auf Frauen* bezogen. Das hat dazu geführt, dass wir Diagnosen, Grenzwerte und Therapien haben, die auf dem männlichen Körper basieren und Frauen* nicht optimal berücksichtigen. Das ist einer der Gründe, warum ich mein Buch speziell für Frauen* schreiben wollte.
Endlich ist es soweit, dass sich viele Menschen mit ihrer eigenen Gesundheit beschäftigen möchten. Früher hat man gewartet bis man krank wurde und ist dann zur*zum Ärzt*in gegangen. Heute sind insbesondere Frauen* gut informiert.
Du schreibst auch: “Fakt ist: Wir leben heute länger als jede Generation vor uns. Gleichzeitig fühlen sich viele von uns Frauen innerlich älter und erschöpfter als je zuvor. Das ist eines der großen Paradoxe unserer Zeit.” Woher rührt es?
Unsere Lebenserwartung ist jetzt schon sehr hoch: Bei Frauen* liegt sie durchschnittlich bei 84 Jahren – bei Männern* bei 79 Jahren – und es wird erwartet, dass sie in den nächsten zehn Jahren weiter zunimmt. Aber damit gewinnen wir nicht zwingend auch gesunde Lebensjahre. Die Gründe sind vielfältig: Durchschnittlich schlafen wir weniger und schlechter, wir bewegen uns weniger, sitzen mehr, leben in einer stressigen Welt mit permanenter Reizüberflutung. Es fällt auf, dass die Patient*innen immer jünger werden. Sie haben ein sehr hohes Stressniveau, das fängt schon in der Schule an.
Man unterscheidet deshalb zwischen "Lifespan", also der Lebensspanne, und "Healthspan", der Spanne der gesunden Lebensjahre. Die Differenz zwischen den beiden sollte idealerweise möglichst gering sein.
Da kommt das Thema “Longevity” ins Spiel, das auch im Titel deines Buches steckt. Der Trendbegriff “Longevity” ist oft verbunden mit Optimierung, Tracking, Disziplin, und auch mit großen Privilegien. Wie interpretierst du diesen Begriff für dich?
Für mich bedeutet "Longevity" nicht, möglichst alt zu werden, sondern möglichst lange gesund zu bleiben – mit einer guten Lebensqualität ein selbstbestimmtes Leben zu führen. Nach dem Prinzip: Longevity ist das Ziel und der Weg dahin ist Prävention. Es geht nicht um Luxusmedizin oder Biohacking, sondern darum, wissenschaftlich fundierte Prävention für möglichst viele von uns zugänglich zu machen.
Warum wolltest du diesem Thema ein Buch widmen?
Es liegt sicher auch an meinem Hintergrund, dass ich mich dem Thema Prävention zugewandt habe: Ich komme aus der Herzchirurgie, da habe ich viele schwere und chronische Krankheiten gesehen. Menschen, die schwer krank waren und von uns operiert werden mussten. Oft haben sie danach ein Leben weitergeführt, das nicht gesund war, obwohl sie erlebt hatten, wohin das führen kann.
"Die Frage lautet: Was kann ich heute tun, damit ich mich in zehn oder zwanzig Jahren noch gesund fühle?"
Prävention ist kein neues Thema. Aber warum ist es, obwohl es so einfach klingt, so relevant und warum hat es bislang noch nicht genug Aufmerksamkeit bekommen?
Wir wissen heute, dass wir extrem viel Geld in Krankheit investieren und zu wenig Geld in Gesundheit. Das deutsche Gesundheitssystem gibt über 500 Milliarden Euro pro Jahr aus, wobei der Anteil für Prävention und Gesundheitsschutz nur bei etwa 5 Prozent liegt. Unser System betreibt also vor allem Reparaturmedizin. Für mich bedeutet Prävention nicht nur, einen Herzinfarkt oder Krebs zu verhindern, sondern auch Erschöpfung, Osteoporose und Demenz vorzubeugen. Deshalb kann man gar nicht früh genug mit der Prävention beginnen. Die Frage lautet: Was kann ich heute tun, damit ich mich in zehn oder zwanzig Jahren noch gesund fühle?
Und wenn man sich die Stellschrauben anschaut, sind sie eigentlich überraschend einfach: Alkohol, Tabak und hochverarbeitete Lebensmittel weglassen, viel Bewegung in den Alltag integrieren, ausreichend schlafen ... Diese Themen kann man relativ leicht beeinflussen und viele sogar kostenlos! Es geht um Routinen und Konsistenz.
Wird dabei aber nicht Gesundheit zur Verantwortung von Individuen gemacht: "Wenn ich persönlich das richtige Leben führe, dann bleibe ich gesund." – was ja auch umgekehrt implizieren kann: "Wenn du krank wirst, bist du selbst Schuld."? Wie stehst du dazu?
Gesundheit ist natürlich nicht nur persönliche Willenskraft oder Eigenverantwortung. Sie wird auch durch unsere Umgebung beeinflusst. Deshalb denke ich, dass die Rahmenbedingungen stimmen müssen. Wir brauchen auch politische Rahmenbedingungen, damit Prävention eine übergeordnete Rolle spielen kann. Natürlich haben wir durch unseren Lebenswandel einen großen Einfluss auf unsere Gesundheit, aber Gesundheit hängt auch von so vielen anderen Faktoren ab, die wir nicht selbst kontrollieren können: Genetik, die soziale Herkunft, Bildung, Umwelt ... Wenn Tabak und Alkohol so frei verfügbar und auch angesehen sind, wenn hochverarbeitete Lebensmittel oft günstiger als Obst und Gemüse sind, dann geht es nicht nur um Willenskraft.
Deshalb darf Prävention niemals bedeuten, Menschen die Verantwortung für ihre Erkrankung zuzuschieben. Wir brauchen neben Eigenverantwortung auch politische und gesellschaftliche Verantwortung.
Welche Faktoren oder Parameter entscheiden wirklich darüber, ob wir gesund sind und bleiben oder nicht? Und welche Rolle spielt dabei Genetik im Vergleich zu unserem individuellen Lebensstil?
Wir dürfen nicht außer Acht lassen, dass unsere Gene natürlich eine Rolle spielen. Aber sie bestimmen nicht unser zukünftiges gesundheitliches Schicksal. Man geht heute davon aus, dass der größte Teil unseres Gesundheitszustandes vor allem durch Umwelt, Lebensstil und soziale Faktoren beeinflusst wird.
"Ich glaube, Menschen verändern ihr Verhalten vor allem, wenn sie sehen, was sie damit gewinnen können."
Warum fällt uns Prävention im Alltag so schwer?
Ein Faktor ist sicher, dass wir die Vorteile von Bewegung oder gesunder Ernährung nicht direkt spüren. Für die meisten Menschen ist es nicht motivierend, zu hören: "Du wirst den Benefit in zehn Jahren sehen und spüren". Ich glaube, Menschen verändern ihr Verhalten vor allem, wenn sie sehen, was sie damit gewinnen können. Wichtig ist also, den Menschen die Vorteile und den Sinn ihres Handelns vor Augen zu halten. Wenn man weiß, wofür man etwas tut, dann macht man es auch eher.
Statt sich zu sagen: "Ich muss Sport machen!", kann man es für sich auch positiver formulieren, wie zum Beispiel: "Ich möchte gesund bleiben, damit ich noch lange reisen kann." oder: "Ich möchte lange selbstständig leben können" oder: "Ich möchte möglichst lange Zeit mit meiner Familie verbringen können."
Das ist vielleicht für viele Menschen auch motivierender als gesagt zu bekommen: "Tu das, damit du leistungsfähig bleibst!" – gerade, wenn es darum geht, sich nach einem langen Arbeitstag noch zum Sport zu motivieren.
Genau deshalb brauchen wir einen Perspektivwechsel! Prävention soll sich nicht nach Zwang und Verzicht anfühlen, sondern nach Gewinn, von Energie, Lebensqualität und Gesundheit.
Mein Buch beinhaltet deshalb auch Alltags-Hacks, die meine Leser*innen inspirieren und motivieren sollen. Das ist mein persönliches Highlight.
Du definierst in deinem Buch sieben Säulen der Langlebigkeit. Welche sind das?
Ausgewogene Ernährung, regelmäßige Bewegung mit Kraft- und Ausdauer-Training, ausreichend Schlaf, gesunder Umgang mit Stress, oxidative Entgiftung, gute soziale Beziehungen und Sinn im Leben.
Das alles sind Bereiche, die man beeinflussen kann und die Bereiche beeinflussen sich wiederum gegenseitig. Wenn wir besser schlafen, bewegen wir uns am Folgetag mehr, wenn wir uns mehr bewegen, können wir unseren Blutzucker besser regulieren. Und wer gute soziale Beziehungen hat, der lebt nachweislich gesünder. Wir brauchen keine Wunderpillen, sondern ein gutes Zusammenspiel dieser Säulen.
Gerade die von dir letztgenannten Aspekte sind ja medizinisch schwer messbar, aber sehr interessant, oder?
Die so genannten "Blue Zones" – also die Regionen auf der Erde, in denen Menschen überdurchschnittlich oft und gesund das Alter von 100 Jahren erreichen – haben etwas gemeinsam: Die Menschen dort haben einen Grund, morgens aufzustehen, sie leben in starken Gemeinschaften, sie tragen Verantwortung und empfinden einen Sinn im Leben. Das verhindert nicht nur Depressionen, sondern kann auch ein längeres, gesundes Leben bewirken.
"Gesund altern heißt nicht, dass wir in jeder Lebensphase das Gleiche tun müssen."
Du schreibst auch, dass es wichtig ist, die Empfehlungen für ein gesundes Leben den unterschiedlichen Lebensphasen anzupassen, insbesondere bei Frauen*: “Der Körper einer 25-jährigen Frau funktioniert nicht wie der einer 45-Jährigen in der Perimenopause oder einer 70-Jährigen.” Was ist da zu beachten?
Gesund altern heißt nicht, dass wir in jeder Lebensphase das Gleiche tun müssen. Vielmehr sollten wir versuchen, unseren Körper zu verstehen. Deshalb habe ich auch mein Buch geschrieben, damit meine Leserin* die Prävention an ihren eigenen Körper anpassen kann. Während es mit Anfang 20 darum geht, gesunde Routinen aufzubauen, ist es mit Mitte 40 wichtig, die Muskeln zu stärken und uns vor Herz-Kreislauf-Erkrankungen zu schützen. Vielleicht auch die Frage, ob eine auf mich abgestimmte Hormontherapie sinnvoll ist. Und das verändert sich im Laufe des Lebens weiter. Dann stehen die Muskelkraft, die Sturzprävention und die geistige Fitness im Fokus.
Wir sollten uns nicht von Marketing-Hypes leiten lassen oder davon, was andere machen, sondern unseren eigenen Körper verstehen und schauen, was wir persönlich gerade in unserer Lebensphase brauchen, was sich in unseren Alltag integrieren lässt und für uns dauerhaft tragfähig ist, damit wir möglichst lange gesund bleiben können.
Hier findet ihr "Die Longevity-Strategie für Frauen" von Dr. med. Viyan Sido

Fotos: Asja Caspari, Collage: "Canva"
– Werbung: In Kooperation mit dem "Rowohlt" Verlag –