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Wellbeing

Fremdverliebt trotz glücklicher Beziehung? Warum ein Crush mehr Chance als Drama ist

16. Juli 2026

geschrieben von Mirja Jochum

Fremdverliebt trotz glücklicher Beziehung? Warum ein Crush mehr Chance als Drama ist

Was tun, wenn man sich trotz intakter Beziehung fremdverliebt hat? Muss das überhaupt ein Problem sein? Das fragt sich unsere Autorin Mirja Jochum. Sie hat einen Crush und bespricht mit Paartherapeutin Nele Sehrt, warum ein wohlwollender Umgang mit sich selbst dabei so wichtig ist. Wie kann es gelingen, sich wieder zu entlieben? Warum fremdverliebt sein mehr Chance als Drama ist, und was wir dabei über uns selbst lernen können: ein ehrlicher Erfahrungsbericht.

"Er hat mich im Club angesprochen, wir haben geredet, getanzt und wenn ich ihn gelassen hätte, hätte er mich geküsst."
Mirja Jochum

Kann man einen Crush auf einen Schweden haben und trotzdem glücklich verheiratet sein? Diese Frage stelle ich mir nachts, während ich auf dem Balkon sitze, melancholisch gen Himmel starre und noch einmal "Mr. Brightside" höre. Das Lied, zu dem ich eben noch mit ihm getanzt habe. L., groß, buntes Hemd, messy Haar, ist genau der Typ Mann*, von dem ich immer schon hin und weg gewesen bin: ein Indie-Boy mit ausdrucksstarken Augen, schönen Wangenknochen und Y2K-Vibes. Ich fühl mich wie in den 2000ern, als ich mich in ebensolche Boys gern schockverknallte.

Er hat mich völlig aus dem Blauen heraus im Club angesprochen, wir haben geredet, getanzt und wenn ich ihn gelassen hätte, hätte er mich geküsst. Es hätte eine Filmszene sein können. Nun sitze ich da und fühle mich komplett neben der Spur. Dabei habe ich doch den besten Ehemann, die besten Kinder und ein herrliches Leben. Bin ich denn von Sinnen?

Fremdverliebt sein kommt in den meisten Partnerschaften früher oder später vor

Eine nicht repräsentative Umfrage unter meinen Freund*innen zeigt: Einen Crush innerhalb einer grundsätzlich glücklichen und soliden Beziehung hat oder hatte fast jede schon mal, in unterschiedlicher Ausprägung und mit unterschiedlichem Dramalevel. Der Arbeitskollege, der einen aus der Fassung bringt. Der Freund, mit dem die Nachrichten öfter mal einen flirty Unterton haben. Diverse "Was wäre wenn"-Männer*, die frau nie aus dem System und aus der persönlichen Umlaufbahn gekriegt hat. Wie geht man damit um? Und: Muss das überhaupt ein Problem sein?

"Es gibt Momente, da will ich einfach nur ich sein. Ein Girl, das macht, worauf es Lust hat."
Mirja Jochum

Psychologin und Paartherapeutin Nele Sehrt gibt erstmal Entwarnung: "'Fremdverliebt in laufenden Beziehungen' ist ein häufiges Phänomen. Es führt nicht automatisch zu Untreue oder muss zwingend Negativeffekte auf die Partnerschaft haben. Meist handelt es sich – auch bei bestehender Beziehungszufriedenheit – eher um vorübergehende Anziehung oder kleinere Fantasien, die nicht ausgelebt werden." Oookay. Aber warum bin ich überhaupt empfänglich für einen Crush? Ich erinnere mich an das, was eine Freundin neulich sagte, nachdem wir feiern waren: "Ein bisschen Male Appreciation tut schon auch mal gut". Ich fühle das.

In den letzten fünf Jahren hat meine Mutterschaft einen Großteil meines Lebens eingenommen. Es ging hauptsächlich um die Bedürfnisse unserer Kinder, was ich damals überhaupt nicht als störend oder belastend empfunden habe. Es war einfach die Lebensphase, in der ich war, solange unsere Kinder noch richtig klein waren. Seitdem unser jüngster Sohn abgestillt ist, will ich wissen, wer ich eigentlich sonst noch bin – außer Ehefrau, Mutter und Mikromanagerin für nervigen Kleinkram (gibt es noch genug frische Unterhosen? Wo ist schon wieder die verdammte Trinkflasche und warum zum Kuckuck sind diese Schuhe schon wieder zu klein?). Es gibt Momente, da will ich einfach nur ich sein. Ein Girl, das macht, worauf es Lust hat. Und dieses Girl in mir ist auf L. angesprungen.

"Mein schlechtes Gewissen nagt an mir, obwohl ja eigentlich nichts Wildes passiert ist. Warum eigentlich?"
Mirja Jochum

Fremdverliebt sein kann ein Schlüssel zu den eigenen Bedürfnissen sein

Ich habe ihm in dieser Nacht auf dem Balkon eine Nachricht geschrieben. Dass ich seinen Vibe mochte und ihn und seine messy Haare gerne mal bei Tageslicht sehen würde. Dass ich wissen will, was sein liebster Song von den "Strokes" ist und noch einiges mehr. Ein Teil von mir wäre gerne einfach komplett unhinged und in der Lage, diese Sache leichten Herzens laufen zu lassen. Einfach mal zu schauen, was passiert. Ein anderer Teil schreit: "Behalt die Nerven, verdammt nochmal! Du willst ja wohl nicht dein ganzes Leben in die Luft jagen für einen Kerl aus Schweden, den du gar nicht kennst!"

Nein, will ich nicht. Mein schlechtes Gewissen nagt an mir, obwohl ja eigentlich nichts Wildes passiert ist. Warum eigentlich? Psychologin Nele Sehrt sagt dazu: "Wir folgen impliziten romantischen Normen wie sexueller Exklusivität oder lebenslanger Monogamie. [Mehr über "Verheiratet, zwei Kinder und eine offene Beziehung"] Daraus leiten wir Grundannahmen ab, wie 'wenn man wirklich jemanden liebt, haben andere Menschen keine Chance'. Haben wir einen Crush, entstehen aus diesen Grundannahmen dann Schuld- und Schamgefühle. " Wichtig sei, zu unterscheiden: Spontan auftretende Gefühle sind etwas anderes als bewusstes Verhalten. "Denn Verantwortung beginnt bei den Handlungen. Gefühle dürfen gefühlt werden. Wer sie sich verbietet und versucht, sie auszublenden, empfindet oft noch mehr Scham und öffnet so einem Crush noch mehr die Tür."

Wie finde ich heraus, worum es mir eigentlich geht?

Okay, klingt logisch. Aber was mache ich nun mit all diesen Gefühlen? Ist es für irgendwas gut, fremdverliebt zu sein? Nele Sehrt sagt, dass man einen Crush ganz produktiv zur Selbstreflexion nutzen kann: Solange ich den Crush als Informationsquelle für das eigene Erleben nutze, könne das sogar förderlich für meine Entwicklung sein. Sie rät, sich folgende Fragen zu stellen:

  • Was genau begeistert mich?
  • Welche Bedürfnisse – wie Autonomie, Lebendigkeit, Bestätigung oder Sexualität – werden durch den Crush sichtbar, die in meinem aktuellen Alltag oder der Beziehung zu kurz kommen?
  • Spiegelt der Crush eine nicht ausreichend erfüllte Beziehungslücke? Oder steht eher eine individuelle Entwicklungsaufgabe an wie z.B. der Umgang mit eigenen Wünschen, Grenzen oder Langeweile?
  • Wie möchte ich in ein paar Jahren – in Einklang mit meinen Werten – auf mein Verhalten in dieser Situation zurückblicken?
  • Wie kann ich mit diesen Bedürfnissen in der bestehenden Beziehung oder im eigenen Leben konstruktiv umgehen, ohne Grenzen zu überschreiten?

Wenn ich tief in mich hineinhöre, sind da vor allem drei Gefühle: ein gewisser Hunger nach Neuem, Nostalgie und Hedonismus. Ich liebe Anfänge, denen doch immer so ein Zauber inne wohnt. Ich denke gerne an meine Zwanziger zurück, als ich ein lustiges Studi-Leben in Frankfurt führte: Zu spät angefangene Hausarbeiten oder die Tatsache, dass die Kohle zum Monatsende hin gern mal knapp wurde, waren meine größten Probleme. Und ich habe öfter mal das dringende Bedürfnis, mich aus dem Familienleben auszuklinken, mein eigenes Ding zu machen und ein hedonistisches Girl zu sein.

Aber ganz ehrlich: All diesen Bedürfnissen kann ich auch gerecht werden, ohne mich in eine heimliche Affäre mit einem Schweden zu stürzen und meinen Mann zu hintergehen.

"Ich habe meinem Mann die ganze Begebenheit erzählt, was sich erst ein wenig seltsam, dann aber goldrichtig angefühlt hat."
Mirja Jochum

Sollte "fremdverliebt" innerhalb der Beziehung zum Thema gemacht werden?

Ich habe meinem Mann die ganze Begebenheit erzählt, was sich erst ein wenig seltsam, dann aber goldrichtig angefühlt hat. Ich schäme mich nicht für diese Geschichte, sie gehört zu mir und sie passt zu der gottlosen Nostalgikerin mit Faible für filmreife, romantische Szenen, die ich immer war und bin.

Darüber reden, so Nele Sehrt, ist allerdings nicht grundsätzlich eine gute Idee: "Es kommt darauf an, wie die Kultur des Paares ist und wie offen es generell über das innere Erleben und Intimes wie Masturbation oder sexuelle Fantasien spricht. Wenn die Beziehung belastbar ist, kann es hilfreich sein, davon zu erzählen: Man zeigt sich mehr, fühlt sich mehr angenommen und tauscht sich über Bedürfnisse aus." Besteht kein handlungsrelevantes Risiko, müsse man den Crush grundsätzlich nicht ansprechen. "In instabilen oder von Eifersucht geprägten Beziehungen würde es mehr Sinn ergeben, erst an einer stabilen Kommunikation und einem verbundenen Miteinander zu arbeiten", sagt die Paartherapeutin.

"Riskant wird es, wenn ich mich anhaltend mit dem Crush beschäftige, dessen Nähe suche und die Intimität sich von der Partnerperson auf den Crush verlagert."
Nele Sehrt, Psychologin und Paartherapeutin

Ich bin ziemlich dankbar, dass mein Mann mir den Raum gegeben hat, ihm diese Geschichte zu erzählen. Er hat mir einfach zugehört, mich nicht verurteilt, Fragen gestellt, die interessiert und nicht inquisitorisch klangen. Ich fühle mich wirklich mehr gesehen und verstanden.

Was bleibt, wenn das Gefühl von Verliebtheit nachlässt?

Die Zeit vergeht und meine Verknallung legt sich. Ein gewisser krawallschachteliger Teil von mir hätte die Lage gern eskaliert, flirty Nachrichten geschrieben, Grenzen getestet. Genau hier liegt die Gefahr, so Nele Sehrt: "Riskant wird es, wenn ich mich anhaltend mit dem Crush beschäftige, dessen Nähe suche und die Intimität sich von der Partnerperson auf den Crush verlagert. Erkennbar wäre das etwa durch Exkommunikation der Person innerhalb der Beziehung oder heimliche Kommunikation mit dem Crush."

Es lohnt sich laut Sehrt, diesem Impuls zu widerstehen: Wird der Kontakt reduziert, nimmt die romantische Verliebtheit ab. Je weniger neue gemeinsame Erfahrungen es nämlich gibt und je geringer die intime Kommunikation ist, desto weniger Belohnungsimpulse empfängt das Gehirn. Klingt so schön wissenschaftlich und rational. Am Ende ist dann doch vieles Chemie: die Verknallung, die Aufregung und auch das Verpuffen. Diese Erkenntnis erdet mich.

Meine Gefühle sind wie ein See, an dessen Ufer ich stehe. Ich kann mich hineinwerfen, darin untergehen oder auch einfach nur ein bisschen hineinwaten. So, dass ich noch stehen kann. Ich lese immer wieder mal die Nachricht, die ich an L. geschrieben habe, in dieser Nacht, in der ich auf absurde aber auch irgendwie herrliche Weise neben mir stand. Ich habe sie in die Notizen-App getippt und nie abgeschickt. Es hat mich gefühlt alle Willenskraft gekostet, die ich habe. Wenn ich sie lese, muss ich immer lächeln. Es ist ein nostalgisches Lächeln, kein trauriges.

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Foto: "Canva"