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Haus & Garten

Von Trockenbau und Trollen: Cindy Speich saniert Häuser und Rollenbilder

02. Februar 2026

geschrieben von Dorothée Hübscher

Cindy Speich

Wo andere eine Bruchbude sehen, sieht sie ihren Traum vom Eigenheim: Mit wenig Budget und noch weniger handwerklicher Erfahrung kauft Cindy Speich ein Haus, das in den Augen von Freund*innen und Familie abrissreif ist. Die Eigenrenovierung hält sie in einem Bautagebuch auf „Instagram“ fest. Heute folgen ihr über eine Million Follower*innen – nicht nur wegen ihrer kompetenten DIY- und Hausbau-Tipps, die sie selbst als „Edelpfusch“ bezeichnet, sondern auch wegen ihrer klugen, humorvollen Reaktionen auf männliche Hasskommentare.

Content Creatorin Cindy Speich aka „die Bauleitung“ spricht im Interview über Feminismus, die therapeutische Wirkung des Selbermachens und Männer*, die sich von Frauen* am Bau provoziert fühlen.

"Aufgeben ist keine Option für mich."

femtastics: Deine Reels „Heute baue ich XY ohne meinen Mann“, in denen du zum Beispiel die Garage verputzt oder eine Terrasse baust, erzielen zum Teil mehrere hunderttausend Likes. Warst du schon immer handwerklich begabt?

Cindy Speich: Nein, ich habe mich zum ersten Mal damit beschäftigt, als wir das Haus gekauft haben. Professionelle Handwerker*innen waren einfach zu teuer. Unsere Fassade zum Beispiel hätte 50.000 Euro aufwärts gekostet – das hätten wir finanzieren müssen und waren nicht bereit so viel zu zahlen.

Mein Impuls war sofort es selbst zu machen: Ich habe angefangen auf „YouTube“ zu recherchieren und einfach mal was auszuprobieren. Besonders stolz bin ich auf unsere Außenfassade. Das Gerüst konnte ich mir von einem Kollegen leihen und habe es zusammen mit meinem Mann aufgebaut. Ich weiß noch, als ich da zum ersten Mal draufstand – ich habe Höhenangst bekommen und dachte mir „Super Cindy, jetzt hattest du so eine große Klappe, jetzt musst du auch durchziehen!“ Aufgeben ist keine Option für mich – so ist auch der Name des Accounts entstanden „Haus Plan B“.

"Ich habe auf meine Art und Weise, mit meinem trockenen Humor einfach so frei Schnauze rausgehauen, was ich wirklich dachte. Das hat den Humor und den Nerv vieler Leute getroffen."

Dein Content ist ein Mix aus Feminismus, Comedy und Hausbau-DIY. Wie kam es zu dieser einzigartigen Mischung?

Vor knapp drei Jahren habe ich meinen „Instagram“-Kanal gestartet, um die Fortschritte zu dokumentieren. Ich habe mir sehr viel Mühe gegeben und ungefiltert über Kosten gesprochen. Von Anfang an habe ich viele negative Kommentare bekommen, die ich einfach ignoriert und gelöscht habe. Vor circa einem Jahr hat es mir gereicht: Ich stand den ganzen Tag im Garten und habe unseren Sichtschutz gebaut, während mein Mann auf der Arbeit war. Ich habe alles mitgefilmt, stundenlang das Video geschnitten und stolz wie Bolle hochgeladen.

Einer der ersten Kommentare war wieder von einem Mann*, der mir unterstellt hat, dass ich das gar nicht selbst gebaut hätte – ich würde ja nur vor der Kamera stehen. Das hat mich so wütend gemacht, dass ich auf den Kommentar öffentlich reagiert habe. Ich habe auf meine Art und Weise, mit meinem trockenen Humor einfach so frei Schnauze rausgehauen, was ich wirklich dachte. Das hat den Humor und den Nerv vieler Leute getroffen – ich bekam tausende positive Kommentare und Nachrichten. Seitdem zieht es sich wie ein roter Raden durch meinen Content und auch das Format „Ich baue XY ohne meinen Mann“ ist so entstanden. Ich wollte wichtigen Themen wie Feminismus und Gleichberechtigung bewusst Raum geben auf meinem Kanal, da ich solche Anfeindungen täglich erfahre – nicht nur online, sondern auch im realen Leben.

Cindy Speich
Cindy Speich im Interview mit femtastics
Cindy Speich
Cindy Speich
Cindy Speich im Interview mit femtastics
Cindy Speich
Cindy Speich
Cindy Speich im Interview mit femtastics
Cindy Speich
Cindy Speich
Cindy Speich im Interview mit femtastics
Cindy Speich

Credit: Tommy Artus

Credit: Tommy Artus

Credit: Tommy Artus

Credit: Tommy Artus

Credit: Tommy Artus

Credit: Tommy Artus

Credit: Tommy Artus

Credit: Tommy Artus

Credit: Tommy Artus

Credit: Tommy Artus

Credit: Tommy Artus

Credit: Tommy Artus

01/03

Mit deinem Alter Ego der „Bauleitung“ hast du eine humorvolle und effektive Methode gefunden die Hass-Kommentare zu entwaffnen. Wie gehst du mit Anfeindungen im echten Leben um?

Neulich im Baumarkt hat mich ein Mann*, der mich von „Instagram“ kennt, in der Fliesenabteilung angesprochen. Er war nicht so begeistert davon, dass ich dafür stehe, dass auch Frauen* im Handwerk arbeiten dürfen und sollen und hat mit mir diskutiert: Was denn dann die Männer* jetzt machen sollen, wenn die Frauen* auf den Bau gehen? Ob Männer* dann jetzt zuhause den Kindern den **** abputzen oder kochen sollen? Ich habe gesagt: „Ja freilich! Das machen wir doch auch – das machen wir während wir Fliesen legen.“

Es ging noch weiter, er hat mir unterstellt Männer* zu hassen und dass wir Frauen* die Männer* dann ja für nichts mehr bräuchten. Ich habe gesagt: „Natürlich brauchen wir Männer*! Aber nicht zum Fliesen verlegen …“. Das fand er nicht so lustig. Für mich war die Situation damit aber beendet.

"Eine Frau* auf dem Bau – das ist für viele Männer* immer noch unbegreiflich."

Dere Hass im Netz überträgt sich also ins echte Leben?

Ja. Vor Kurzem habe ich herausgefunden, dass ein Mann*, der mir sehr heftige Beleidigungen hinterlassen hat, aus dem Nachbardorf kommt – er ist verheiratet mit Frau* und Kindern. Als ich seine Hasskommentare öffentlich gemacht habe, hat er gleich mit dem Anwalt gedroht. Das ist übrigens Standard: Ich kriege ständig irgendwelche Abmahnungen von Männern*, die mich beleidigen und denen ich in meinen Videos den Spiegel vorhalte.

In vielen dieser Hasskommentare wird dir dein handwerkliches Können abgesprochen oder dein Körper bewertet. Kannst du dir erklären, was diese Männer so reizt, dass sie glauben, bei dir ihren Frust abladen zu müssen?

Ich bewege mich mit meinem Content in dieser Bau- und Handwerks-Bubble, die immer noch vor allem Männer* anspricht. Die sehen dann mich, eine junge Frau* in Adiletten-Badelatschen auf dem Bau und haben sofort den Zwang mir zu sagen, was ich alles falsch mache. Dabei habe ich nie behauptet Profi-Handwerkerin zu sein. Strenggenommen bin ich das sogar, als gelernte Friseurin, aber alles, was ich auf unserer Baustelle gemacht habe, habe ich zum ersten Mal gemacht. Deswegen sage ich auch immer „ich betreibe Edelpfusch“. Ich baue so, wie ich denke, dass es für uns passt.

Eine Frau* auf dem Bau – das ist für viele Männer* immer noch unbegreiflich. Ich habe öfters ältere Herren vor meinem Haus stehen, die ganz genau beobachten, was ich mache. Als ich Ende letzten Jahres am Sockel gearbeitet habe, wollten sie mich belehren, dass man außen keine Trockenbauplatten verwendet. Ich habe geantwortet: „Ach Mensch, hätte ich das mal vorher gewusst, dann hätte ich nicht die Gipsplatten an mein Haus geschraubt.“ Obwohl es Zementplatten waren, die ich verarbeitet habe und auf jeder einzelnen Platte in fetter schwarzer Schrift „Outdoor“ stand.

Cindy Speich
Influencerin Cindy Speich
"Die Bauleitung" Cindy Speich
Cindy Speich
Influencerin Cindy Speich
"Die Bauleitung" Cindy Speich
Cindy Speich
Influencerin Cindy Speich
"Die Bauleitung" Cindy Speich
Cindy Speich
Influencerin Cindy Speich
"Die Bauleitung" Cindy Speich

Credit: Björn Vogel

Credit: Björn Vogel

Credit: Björn Vogel

Credit: Björn Vogel

Credit: Björn Vogel

Credit: Björn Vogel

Credit: Björn Vogel

Credit: Björn Vogel

Credit: Björn Vogel

Credit: Björn Vogel

Credit: Björn Vogel

Credit: Björn Vogel

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Vielen Frauen*, die öffentlich sichtbar sind (besonders, wenn sie sich für feministische Themen stark machen), erfahren digitale Gewalt - mit der Konsequenz, dass sie sich von den Plattformen zurückziehen. Wie gehst du mit dem Druck um und welche Rolle spielt deine Community dabei?

Ich sage immer „Ich mache aus *** Gold“ und das ist wirklich so. Ich finde, meine Kommentarspalte ist ein super Spiegel der Gesellschaft. Der Hass ist da und ich weiß, daran wird sich nichts ändern, solange man sich in sozialen Netzwerken anonym und ohne Verifizierung anmelden kann. Ignorieren macht es nicht besser, es ist wichtig, zu zeigen, was da passiert.

Ich habe mir also meinen eigenen Weg überlegt mit der Negativität umzugehen und daraus ist etwas Gutes entstanden: Ich bringe die Leute zum Lachen, inspiriere und motiviere andere. Der Zuspruch meiner Community ist das Gegengewicht zu all den Hasskommentaren. Ich bekomme täglich so viele tolle Nachrichten von Frauen*, denen ich mit meinen Videos Mut mache.

Neulich hat mir eine Architektin geschrieben, die seit über 20 Jahren ähnliche Dinge im Berufsalltag erfährt und nicht ernst genommen wird. Oder junge Handwerkerinnen, die gerade in Ausbildung sind und mit dem Chef Schlimmes erleben. Gegen manche dieser Geschichten ist das, was mir passiert, noch gar nichts. Ich hätte niemals damit gerechnet, dass meine Videos so eine krasse Wirkung haben. Es tut so gut diese Nachrichten zu lesen und den Zuspruch zu bekommen. Das motiviert mich dranzubleiben, weiter darauf aufmerksam zu machen und es macht mich auch stolz.

 Du wirkst sehr selbstbewusst - war das schon immer so?

Nein, vor zehn Jahren war ich überhaupt nicht selbstbewusst – das kam alles mit der Zeit. Als wir hier angefangen haben zu bauen, habe ich mir viele Dinge nicht zugetraut und war unsicher. Ich habe mich auch nicht getraut etwas zu sagen, wenn ältere Handwerker unangebrachte Kommentare von sich gegeben haben.

Wenn mir das heute passieren würde, würde ich natürlich sofort antworten. Die Hausbaureise und auch das positive Feedback, das ich über „Instagram“ bekomme, haben viel dazu beigetragen, dass ich heute so selbstbewusst bin. Wenn dir jeden Tag so viele Menschen sagen, dass sie toll finden was du machst oder was du gebaut hast – das macht schon was mit dir. Dabei wollte ich anfangs einfach nur den Dachboden fertig haben und hatte kein Geld für Handwerker*innen.

"Ich versuche immer das Positive zu sehen, auch wenn es gerade nicht viel Positives gibt."

Du vereinst viele Talente und Rollen: Creatorin, ausgebildete Friseurin, Handwerks-Talent, Ehefrau, Mama – und es wirkt, als würde dir alles mit Leichtigkeit von der Hand gehen. Gibt es etwas, was dich aus der Ruhe bringt?

Alles, was ich mache, mache ich aus dem Bauch heraus. Natürlich gibt es auch schwierige Situationen – zum Beispiel als wir den Keller ausgeschachtet haben bei Minusgraden. Ich hatte gerade erst ein Baby bekommen und noch gestillt. Da war ich körperlich am Ende, hatte nachts keinen Schlaf. Ich empfehle übrigens nicht das nachzumachen. (lacht) Es gab gerade während des Baus Momente, wo es mir nicht gut ging und ich alles hinwerfen wollte.

Was bist du damit umgegangen?

Ich habe diese Momente offen und ungefiltert geteilt und irgendwie sind wir dann dadurch. Manchmal muss man die Situation für den Augenblick akzeptieren wie sie ist und etwas ganz anderes machen. An besagtem Tag, als es so schien, als sei kein Ende in Sicht, habe ich spontan mit den Kindern eine Zeitkapsel gebaut mit Brief und Fotos von uns und sie im Keller vergraben. Ich versuche immer das Positive zu sehen, auch wenn es gerade nicht viel Positives gibt.

Ich halte mir oft vor Augen wie gut es uns eigentlich geht. Wer hat schon das Glück sich heutzutage noch ein Eigenheim zu leisten – das allein ist schon Luxus geworden. Für die Probleme, die wir haben, gibt es immer eine Lösung. Und wenn es beim ersten Mal sch*** wird, machst du es halt nochmal. Ich sage immer „wenn Sch***, dann Sch*** mit Schwung! (lacht) Das Wichtigste ist, dass es uns allen gut geht, dass wir gesund sind, und den Rest verpacke ich gerne in meinen Humor.

"Mein Mann und ich haben noch nie den klassischen Rollenklischees entsprochen."

In deiner Rolle als Mutter: Wie wichtig ist es dir, dass deine Kinder mit feministischen Werten aufwachsen?

Mein Mann und ich haben noch nie den klassischen Rollenklischees entsprochen. Dann stand ich auf dem Bau und er hat sich ums Essen und die Kinder gekümmert. Es gab letztes Jahr einen Moment, als ich draußen die Garage saniert habe und meine Tochter angelaufen kam und sagte: „Mama, ich finde das so cool, was du da machst!“. Da habe ich realisiert, dass wir unseren Kindern – unbewusst – ganz tolle Werte vorleben: Egal welches Geschlecht, es spielt überhaupt keine Rolle, was man macht, wenn man es gerne macht.

Hier findet ihr Cindy Speich:

Fotos: Tommy Artus, Björn Vogel