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Feminismus

Heterofatalismus: Einen Freund zu haben, ist nicht peinlich, aber langweilig

15. Januar 2026

geschrieben von Ciani-Sophia Hoeder

Ciani-Sophia Hoeder über Heterofatalismus

Ist ein Freund heute ein Statussymbol – oder einfach nur Content von gestern? Zwischen "Tinder"-Müdigkeit, Therapie-Vokabular und Algorithmus-Liebe hat sich das Begehren vieler heterosexueller Frauen* spürbar verschoben. Während Paar-Content weiterhin zuverlässig Likes einsammelt, wächst parallel eine neue Lust an Autonomie, Single-Sein und der radikalen Dezentralisierung von Männern*.

Ciani-Sophia Hoeder nimmt in ihrer neuen Kolumne dieses Spannungsfeld zum Anlass, um über Heterofatalismus, Social-Media-Romantik und die seltsame Langeweile des heterosexuellen Beziehungsideals zu schreiben.

"Die Dezentralisierung von Männern*: sollten wir feiern."

Sitzt du bei einem Dinner lieber einem Single gegenüber oder einem Paar, das seit zehn Jahren zusammen ist?

Für mich ist der Fall klar: dem Single. Ich durfte so einige Runden im “Tinder”-Karusell drehen. Und ich liebe es, dass Dauersingles nicht mehr als pathologisches Monster gelten. Die vermeintlich einsame Katzenlady: angepinnt auf dem Visionboard. Die Frau*, die am Wochenende nichts vorhat und sich allein in ihrer Wohnung räkelt: Manifestationsmantra. Die Dezentralisierung von Männern*: sollten wir feiern.

Die Sache mit dem Heterofatalismus

Dieses Gefühl greift Chanté Joseph in der britischen “Vogue” auf: „Ist es peinlich, einen Freund zu haben?“, fragt sie. Männerobsessivitäts-Bashing gepaart mit einem Titelbild im Otessa-Moshfegh-Chic: Natürlich ging das viral. Joseph schrieb, dass Frauen*, die Männer* zu sehr zentrieren, „culturally loser-ish“ wirken.

Der Text vermainstreamt einen Begriff, der schon länger zu meinem persönlichen Roman Empire gehört: Heterofatalismus. Der Begriff stammt von Asa Seresin. Er meint, dass heterosexuelle Cis-Frauen*, die Männer* hassen, Heterosexualität zwar peinlich finden – aber trotzdem jeden Morgen aufwachen und denken: Shit, wieder im Schwanzsand untergegangen.

"Viele heterosexuelle Frauen* sind inzwischen so durchtherapiert, dass sie schlicht zu müde sind zu daten."

Viele heterosexuelle Frauen* sind inzwischen so durchtherapiert, dass sie schlicht zu müde sind zu daten. Jahrhunderte des Patriarchat haben dafür gesorgt, dass Frauen* sich bilden, emotional arbeiten und sich reflektieren – während Männer* seit Jahrzehnten einfach Männer* sind.

Die glücklichen Singlefrauen*

Studien zeigen, dass Singlefrauen* innerhalb dieses unfairen Systems glücklicher sind. Der Feminismus hat uns einiges gebracht – aber als heterosexuelle Frau* in einer Beziehung mit einem Mann* zu sein? Weiterhin ein ziemlich großes Opfer.

Social-Media-Content von glücklichen Beziehungen im Zeitalter des Heterofatalismus fühlt sich deshalb an wie Werbung für ein Fitnessprogramm. Irgendwie fake. Social Media zeigt nur Best-ofs, nie die Komplexität von Dating oder Beziehungen. Diese Eindimensionalität steht im krassen Mismatch zu den Erfahrungen vieler Hetero-Frauen*, die sich ernsthaft freuen, wenn ein Typ beim Date gewaschen erscheint. Oder wenn der Freund den Teller tatsächlich in die Spülmaschine stellt, statt darüber.

"Bilder am Strand mit dem Boy lassen Likes regnen, während ein kritischer Take zu Rassismus leer ausgeht."

Der Pro-Liebescontent-Sog auf Social Media

Wenn man Boyfriend-Content sieht, gibt es gefühlt zwei Möglichkeiten: Entweder die Person hat ein Einhorn gefunden – den Pedro Pascal des Datings – wofür man sie heimlich hasst. Oder sie performt einen Pick-me-Deluxe-Wifey-Vibe, den man - je nach politischer Haltung - ebenfalls hasst. Das Paradoxe ist: Bilder am Strand mit dem Boy lassen Likes regnen, während ein kritischer Take zu Rassismus leer ausgeht.

Der Silicon-Valley-Männerclub hat die Socials zu einem voyeuristischen Monster entwickelt, das allergisch auf politische Inhalte reagiert. Für Menschen – und darum geht es in Josephs Artikel –, die auf Social Media Geld verdienen, gibt es einen Pro-Liebescontent-Sog. Es juckt uns also nicht nur in den Fingern, das eigene Glück zu teilen. Knutsch-Videos funktionieren besser als Komplexität. Beziehungen bleiben ein Big Business. Tradwives machen Kohle. Dem Patriarchat geht es weiterhin erstaunlich gut.

"Ich finde es nicht unbedingt peinlich, einen Freund zu haben. Ich finde es einfach langweilig."

Bilder von meinem Boy in meinem Feed würden sich deshalb wie Hetero-Propaganda anfühlen. Als würde Markus Söder mir dann ins Ohr hauchen: gutes Mädchen.

Unter den Heteros haben Singlefrauen* inzwischen einen so guten Ruf, dass es fast weird ist, keine zu sein. Auf der anderen Seite zu stehen wirkt plötzlich Normi, Bürgi, pick me. Ich spreche hier explizit nicht von der alten Schulfreundin, die Fotos von sich und ihrem Mann* unter einem Olivenzweige auf der Kreta-Reise postet. Sondern von Menschen, die mit Likes Geld verdienen.

Ich finde es nicht unbedingt peinlich, einen Freund zu haben. Ich finde es einfach langweilig. Einen zu haben, das Bild kennen wir. Es ist die Gute-Nacht-Geschichte des Abendlandes: Und sie lebten glücklich bis ans Lebensende. Paar-Content ist schlicht ermüdend. Ich kann Nara Smith nicht beim achten Sauerteigbrot zuschauen oder dabei, wie ihr Mann* ihr spielerisch auf den Po klopft. Okay, vielleicht als Hatewatch.

Schluss mit der Bevorzugung von happy heterosexuellen Paar-Stories!

Beiträge von Menschen, die ihre Social-Media-Welt nicht um ihren Freund zentrieren, sind deutlich spannender. Mit Sternchen: Ausgenommen ist Nicht-Hetero Content.

Happy heterosexueller Paar-Stories fühlen sich tone-deaf gegenüber den Herausforderungen aller anderen an. Fast wie Patriarchats-Bullshit. Was ich mir hingegen gern anschaue, sind Parodien von Beziehungen oder Inhalte, die sich ehrlich mit deren beschissenen Seiten auseinandersetzen.

Aber vielleicht ist das zu viel verlangt von Plattformen, die von Vereinfachung leben. Vielleicht ist das Problem nicht, dass Beziehungen auf Social Media langweilig anzuschauen sind – sondern dass es nervt, dass der Algorithmus sie weiterhin bevorzugt.

XOXO Müder Millenial


Journalistin Ciani-Sophia Hoeder ist eine romantische Pessimistin. Sie pendelt zwischen Kritik und Hoffnung, zwischen Gesellschaftsanalyse und Zärtlichkeit. In ihrer neuen femtastics-Kolumne "Soft Optimism" nimmt sie Leser*innen jeden Monat mit in Rabbit Holes, die zwischen Internettrends und politischer Hoffnung liegen.


Foto: Meg-Vada Hoeder