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Feminismus

Male Loneliness Epidemic: Nicht der Feminismus ist das Problem

28. Januar 2026

geschrieben von Gastautor*in

Male Loneliness Epidemic

Die Welt steht unter Druck – und mit ihr die demokratischen Versprechen von Solidarität, Fürsorge und Gleichberechtigung. Soziale Rechte werden abgewertet, Care-Arbeit verhöhnt, Empathie als Schwäche diskreditiert. Diese Entwicklungen sind kein loses Nebeneinander globaler Krisen, sondern Ausdruck desselben politischen Musters.

Besonders deutlich zeigt sich das dort, wo gesellschaftliche Verunsicherung auf tradierte Männlichkeitsbilder trifft. Die vielzitierte „male loneliness epidemic“ ist ein Einfallstor für autoritäre Erzählungen, die Einsamkeit in Wut verwandeln und Schuldige liefern. femtastics Autorin Sarah Kessler legt in ihrem Meinungsstück dar, warum männliche Einsamkeit ernst genommen werden muss – ohne sie gegen Feminismus, Frauen* oder demokratische Errungenschaften auszuspielen.

"Demokratische Grundlagen erodieren schleichend (weiter)."

Es sieht schlecht aus für die Welt

In den USA sprechen selbst zögerliche Beobachter*innen nach den brutalen Einsätzen der Abschiebebehörde "ICE" von offenem Faschismus. Im Iran lässt das Regime brutal die eigene Bevölkerung ermorden. In Sudan werden schwerste Kriegsverbrechen dokumentiert, Russland führt seinen Angriffskrieg fort. Ganz abgesehen von den humanitären Krisen, die medial keinen Raum bekommen, wie zum Beispiel die dramatische Lage der Kurd*innen in Syrien oder die Situation im Kongo.

Ja, im Vergleich dazu wirkt es wie ein Luxusproblem, worüber hierzulande gestritten wird: Das lang erkämpfte Recht auf Teilzeit wird als „Lifestyle“ diskreditiert, Care-Arbeit und Ehrenamt damit verspottet (beides tragende Säulen der Demokratie), Klimaziele infrage gestellt, Solidarität rhetorisch entwertet. Doch eines ist sicher: Wer das nicht ernst nimmt, darf sich nicht wundern, wenn auch hier demokratische Grundlagen schleichend (weiter) erodieren.

"Autoritäre Politik verkauft Härte als Lösung, Stärke als Tugend, Kompromiss als Schwäche."

Das gesellschaftliche Problem einsamer Männer*

All das verbindet ein politisches Muster: Autoritäre Politik verkauft Härte als Lösung, Stärke als Tugend, Kompromiss als Schwäche. Emotionen gelten als Gefahr, Fürsorge als Luxus.

Diese Rhetorik fällt nicht zufällig auf fruchtbaren Boden. Sie knüpft an dominante Männlichkeitsbilder an und dockt somit an ein gesellschaftliches Problem an, das seit Jahren wächst und im Netz unter dem Schlagwort „male loneliness epidemic“ verhandelt wird: Männer*, die sozial isoliert sind, weniger emotionale Bindungen haben als Frauen*, sich überfordert fühlen vom gesellschaftlichen Wandel – und in autoritären Erzählungen Halt, Sinn und Schuldige finden.

"Wer sich leer fühlt, ist empfänglich für Weltbilder, die einfache Antworten versprechen und Feindbilder gleich mitliefern."

Wer gelernt hat, Schwäche zu vermeiden, zahlt dafür mit sozialer Isolation

Einsamkeit ist dabei kein privates Detail. Sie ist politisch. Und genau das haben autoritäre Parteien längst begriffen: Denn wer sich leer fühlt, ist empfänglich für Weltbilder, die einfache Antworten versprechen und Feindbilder gleich mitliefern.

Seit Jahren zeigen Studien, dass Männer* deutlich seltener enge emotionale Freundschaften pflegen als Frauen*. So stellte das "Survey Center on American Life" bereits im Jahr 2021 fest, dass nur noch 27 Prozent der Männer* angaben, sechs oder mehr enge Freund*innen zu haben. 1990 waren es noch 55 Prozent. Gleichzeitig stieg der Anteil der Männer* ohne enge Freund*innen von 3 Prozent (1990) auf 15 Prozent (2021). Eine Verfünffachung innerhalb einer Generation.

Parallel dazu hält sich ein altes Rollenskript hartnäckig: Männer* suchen deutlich seltener therapeutische Hilfe. Untersuchungen zeigen einen klaren Zusammenhang zwischen traditionellen Männlichkeitsnormen und höherer Einsamkeit. Wer gelernt hat, Schwäche zu vermeiden, zahlt dafür mit sozialer Isolation. Um es platt auszudrücken: Hier beißt sich die Katze in den Schwanz.

"Eines haben alle Plattformen gemeinsam: Schuld sind Frauen*. Schuld ist der Feminismus."

Und Schuld ist wieder mal der Feminismus?

Und genau diese Spirale ist gefährlich! Denn Leere macht empfänglich für Erzählungen, die Schuldige anbieten. Gerade online finden viele junge Männer* heute Gemeinschaft in Milieus, die ihre Frustration systematisch umlenken. In „Red Pill“ Foren, Incel Communities, vermeintlichen Selbstoptimierungskanälen oder Coachings wird ihnen erklärt, warum ihr Leben nicht läuft. Eines haben alle Plattformen gemeinsam: Schuld sind Frauen*. Schuld ist der Feminismus. Schuld ist eine angeblich verweichlichte Gesellschaft, die Männern ihre natürliche Dominanz genommen habe.

Diese Erzählungen funktionieren, weil sie einfach sind. Sie ersparen Selbstreflexion. Sie externalisieren jedes Scheitern. Nicht mangelnde soziale Kompetenzen, nicht fehlende emotionale Nähe, nicht gesellschaftliche Umbrüche sind das Problem. Sondern Frauen*. Migrant*innen. Moderne Lebensentwürfe.

"Die Erzählung vom gekränkten Mann ist deshalb so gefährlich, weil sie strukturelle Machtverhältnisse ausblendet."

So lässt sich diese Einsamkeit umdeuten in Wut und Hass

Und dieser Hass richtet sich auffällig oft gegen Frauen*. Er normalisiert Abwertung, Drohungen, Gewaltfantasien. Er beschleunigt Radikalisierungsprozesse.

Aber auch einsame Männer* profitieren im Schnitt weiterhin stärker von politischen, ökonomischen und sozialen Privilegien als Frauen*. Dass diese Vormachtstellung bröckelt, ist kein Angriff. Es ist der Sinn von Gleichberechtigung. Die Erzählung vom gekränkten Mann ist deshalb so gefährlich, weil sie strukturelle Machtverhältnisse ausblendet.

Einsamkeit braucht keine weiblichen Feindbilder

Vielleicht ist es die schwerste Aufgabe der Gegenwart, zu verstehen, dass diese Machtverhältnisse nicht gottgegeben, sondern menschengemacht sind. Wir sollten alles daransetzen, hier aufzuklären: in Schulen, in Jugendarbeit, in sozialen Medien. Hier braucht es eine ausreichende Finanzierung durch unseren Staat.

Denn: Emotionale Bildung ist kein Wohlfühlprojekt, sondern demokratische Infrastruktur. Wer lernt, über Gefühle zu sprechen, Konflikte auszuhalten und Nähe zuzulassen, ist weniger anfällig für radikale Vereinfachungen.

Eines ist entscheidend. Die Krise männlicher Einsamkeit ist real. Aber sie rechtfertigt nichts. Einsamkeit braucht Empathie, ja – auch gegenüber Männern*. Aber sie braucht eines ganz sicher nicht: (weibliche) Feindbilder.

Text: Sarah Kessler
Foto: Julia Löhning, "Canva"