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Feminismus

Pretty Privilege ist real – aber nicht so, wie du denkst

16. Februar 2026

geschrieben von Ciani-Sophia Hoeder

Warum es bei Pretty Privilege einen Gender Gap gibt

Es ist ein offenes Geheimnis unserer Leistungsgesellschaft: Wer attraktiv ist, kommt weiter. Doch der Schönheitsbonus funktioniert nicht für alle gleich. Während Männer* nahezu uneingeschränkt von Pretty Privilege profitieren, wird Attraktivität für Frauen* schnell zur Hypothek – spätestens dann, wenn sie mehr wollen als nur gefallen.

In ihrer neuen "Soft Optimism" Kolumne schreibt Ciani-Sophia Hoeder über diesen wenig bekannten Gender Gap. Sie erklärt, was der "Beauty-is-Beastly"-Effekt damit zu tun hat – und warum Lookismus bis heute darüber entscheidet, wer schön sein darf und wer mächtig.

"Wer als attraktiv gilt, kommt weiter, verdient mehr, kriegt mehr."

Pretty Privilege oder: Schöne Menschen haben es leichter im Leben

Darüber sind wir uns einig. Die Wissenschaft mit ellenlangen Fußnoten, die Popkultur, jeder Smalltalk und natürlich jede Kommentarspalte, sobald jemand Schlaues und Hübsches das Patriarchat genüsslich roastet: überall dasselbe Ergebnis. Wer als attraktiv gilt, kommt weiter, verdient mehr, kriegt mehr – mehr Aufmerksamkeit, mehr Aufträge, mehr Dates. Läuft bei den Schönlingen. 

Kein Wunder, dass die Creatorin "queerpolybaby" auf "TikTok" einräumt: "I would rather be hot than have a great personality". Knapp 200 Jahre Feminismus – und der Kopf scheint immer noch weniger wert als der Look. Autsch.

"Lookismus wird gerne unterschätzt, vielleicht weil Schönheit auf den ersten Blick veränderbar wirkt."

Menschen, die ganz offen sagen, sie möchten hübscher sein, wirken schnell so, als hätten sie das Patriarchat mit einem Strohhalm aufgesaugt. Dabei haben wir alle die -ismen unserer schönen Welt tief im Gehirn internalisiert: Sexismus, Rassismus, Ableismus – und auch Lookismus, also die Diskriminierung von Menschen, die nicht den geltenden Beautystandards entsprechen. Wer diesen Normen nicht genügt, wird oft schlicht übersehen. Das gibt es auch, wird aber gerne mal vergessen. Weil Schönheit auf den ersten Blick demokratischer wirkt als Schwarz- oder Weißsein.

Lookismus wird gerne unterschätzt, vielleicht weil Schönheit auf den ersten Blick veränderbar wirkt. Man kann ja am Aussehen arbeiten: zum Sport gehen, sich in die Ohnmacht hungern oder gleich unters Messer legen. "Es gibt keine hässlichen Frauen, nur faule", soll Kosmetikunternehmerin Helena Rubinstein diagnostiziert haben. Sie checkte schon früh: Schönheit ist halt gut fürs Geschäft. Oder vielmehr Hässlichkeit.

Warum Aussehen heute mehr zählt denn je

Wir leben im Zeitalter der Optik. Früher war etwa kaum bekannt, wie Journalist*innen aussahen, wenn sie nicht gerade im Fernsehen vor der Kamera standen. Schreibende waren unsichtbar. Irgendwann gab es – wenn überhaupt – ein kleines, kaum entzifferbares Porträtbild in einem kreisförmigen Rahmen neben dem Text. Heute drehe ich ein Reel für diesen Artikel. Aussehen ist keine Nebensache mehr. Aussehen ist Teil des Jobs. Aussehen wird zur Bedingung. 

"Das Spannende an Pretty Privilege ist nicht, dass es existiert – sondern wie unterschiedlich es funktioniert."

Das Spannende an Pretty Privilege ist nicht, dass es existiert – sondern wie unterschiedlich es funktioniert. Laut Forschung gibt es dabei einen massiven Gender Gap. Und von dem profitieren, oh Wunder, Männer* stärker als Frauen*. Eine Untersuchung aus dem Jahr 2022 zeigt: Attraktive Geschäftsführer verdienen im Schnitt bis zu 24 Prozent mehr als ihre weniger schönen Kollegen. Kein besseres Leadership, keine höhere Kompetenz – nur ein vermeintlich besseres Gesicht. Bei Männern* funktioniert Pretty Privilege erstaunlich linear: hübscher Mann*, mehr Geld, mehr Macht. Ende der Geschichte.

Bei Frauen* ist es komplizierter

Denn ja, auch Frauen* profitieren davon, wenn sie als hübsch wahrgenommen werden. Aber nur, solange sie bedienen, repräsentieren, verkaufen, dekorieren. Nicht, sobald sie Macht für sich beanspruchen.

Eine hübsche Frau* darf kellnern. Sie darf modeln. Sie darf Influencerin sein. Aber eine hübsche Frau* als Führungskraft? Als MINT-Expertin? In der Politik? Plötzlich wirkt sie irgendwie unsympathisch, oder nicht? Fehl am Platz, man könnte sagen inkompetent. Oder beides. Alles. Vielleicht sogar arrogant!

Pretty Privilege bei Frauen*: Der Beauty-is-Beastly-Effekt

Die Forschung nennt das den "Beauty-is-Beastly"-Effekt: Schönheit wird bei Frauen* zur Hypothek. Sobald sie Autorität beanspruchen, kommt der Backlash. Vielleicht kriegst du den Job als Assistentin, doch den Job auf dem Chefsessel kriegen die attraktiven UND die weniger schönen Männer*. Attraktive Frauen* werden bei Führungsrollen härter bewertet und seltener befördert, während Männer* unabhängig von Optik profitieren. 

"Solange Frauen* sich in genderkonformen Positionen bewegen, wird ihre Attraktivität belohnt. Überschreiten sie diese Grenze, folgt der Backlash."

Und hier zeigt sich, was Pretty Privilege für Frauen* tatsächlich ist: kein Bonus, sondern ein Kontrollinstrument. Solange Frauen* sich in genderkonformen Positionen bewegen, wird ihre Attraktivität belohnt. Überschreiben sie diese Grenze, folgt der Backlash. Na na na, du willst mehr? Dann bist du nicht mehr klug, sondern auf einmal hast du den Job bestimmt nur bekommen, weil du hübsch bist. Ist ja klar. Je hetero-un-normativer die Position, desto stärker der Beastly-Effekt.

Diese stillen Regeln sind kein Zufall. Die Kulturwissenschaftlerin Bell Hooks beschreibt Schönheitsideale als Teil eines imperialistischen, kapitalistischen, weißen, patriarchalen Systems. Schönheit ist hier keine individuelle Vorliebe, sondern eine Ordnungskategorie: Sie entscheidet darüber, wer gehört wird, wer gesehen wird – und wie viel Macht jemand haben darf. 

Warum Pretty Privilege Frauen* härter trifft

Ja, wir dürfen uns alle über Pretty Privilege aufregen. Auffällig ist: Die Empörung fällt bei weiblich gelesenen Personen weitaus exorbitanter aus als bei männlichen. Frauen* sind im Shame-Game gefangen. Sie stecken in einem doppelten Dilemma: Sind sie nicht hübsch, ist das ein Problem. Sind sie hübsch, irgendwie auch – nur subtiler.

"Man soll zwar schön sein, aber bitte unangestrengt."

Wenn man öffentlich sagt, dass man hübsch sein will, ist das ganz schlimm. Man soll es zwar sein, aber bitte unangestrengt. Und wenn man so viel Geld auf der Bank liegen hat und sich schnipp-schnapp eine kleine Hilfe gönnt, hat diese Frau* den Feminismus verraten.

Egal, wie man’s macht, macht man es falsch. Außer der Mann*. Der macht alles, wie er will. Pretty Privilege ist real. Zumindest für Männer*.

XOXO MÜDER MILLENIAL


Journalistin Ciani-Sophia Hoeder ist eine romantische Pessimistin. Sie pendelt zwischen Kritik und Hoffnung, zwischen Gesellschaftsanalyse und Zärtlichkeit. In ihrer neuen femtastics-Kolumne "Soft Optimism" nimmt sie Leser*innen jeden Monat mit in Rabbit Holes, die zwischen Internettrends und politischer Hoffnung liegen.


Hier findet ihr Ciani-Sophia Hoeder:

Foto: Meg-Vada Hoeder
Collage: "Canva"