One-Woman-Show mit Siebdruck und Wallhangings – Tina Tenoth von Ambacht

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Tina Tenoth sorgt mit ihren kunterbunten Wallhangings gerade für ordentlich Wirbel in der Interior-Welt. Vor fünf Jahren gründete die 38-Jährige ihr Label Ambacht. Ihre Steckenpferde: Handarbeit und Siebdruck. Ihre Tücher mit Motiven aus der Flora und Fauna fertigt sie komplett selbst, von der Illustration über den Druck bis hin zur letzten Naht. Wir haben die gebürtige Hamburgerin, die mit Mann und Tochter Linda (2) am Stadtrand von Hamburg in einem Reihenhaus lebt, zu Hause besucht und sie bei ihrer Arbeit begleitet – unterm Dach entstehen die Ideen und die Woll-Wallhangings, im Keller wird gesiebdruckt.

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Tina lebt mit ihrer Familie in einem 92-Quadratmeter großen Reihenhaus am Stadtrand von Hamburg. Unterm Dach befindet sich Tinas Arbeitsplatz, im Keller fertigt sie die Siebdrucke.

femtastics: Du fertigst schon seit einigen Jahren Tücher im Siebdruck-Verfahren. Neu dazugekommen sind deine Wallhangings. Wie bist du auf die Idee gekommen?

Tina Tenoth: Ich hatte immer eine “Strickoma”, die mir die Mützen gestrickt hat, die ich auch verkaufe. Leider ist sie vor einem Jahr gestorben und ich habe ganz viele Wollreste von ihr bekommen. Das waren aber zum größten Teil einzelne Knäule und ich habe überlegt, was man daraus noch machen kann. Ursprünglich wollte ich einen riesengroßen Wandteppich mit Siebdruck und Wolle daraus fertigen – mir hat das Ergebnis aber nicht gefallen. Die Wallhangings sind dann durch Zufall entstanden.

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Dir ist Handarbeit besonders wichtig. Machst du immer noch alles selbst?

Ja, es ist eine richtige One-Woman-Show. Mir ist es total wichtig, dass ich alles selbst mache. Das können nicht alle verstehen, besonders die BWLer in meinem Bekanntenkreis sagen oft: Du musst doch wachsen! Du musst die Produktion outsourcen! (lacht). Die verstehen nicht, dass der eigentliche Grund, warum ich Ambacht mache, ist, dass ich alles selbst herstellen möchte. Ich möchte den Druck selber machen und das macht das Produkt ja auch aus.

Es geht ja auch nicht immer darum zu wachsen und irgendwann mit zehn Mitarbeitern in einem Atelier zu stehen …

Genau! Ich möchte mein eigenes Ding machen und selbstbestimmt sein. Ich mache mein Label, weil ich Spaß daran habe und öfters mal experimentieren und etwas Neues machen möchte und nicht primär, um damit viel Geld zu scheffeln. Wenn ich das wollen würde, müsste ich das ganz anders angehen.

Du hast Modedesign an der Hochschule für Angewandte Wissenschaften, kurz HAW, in Hamburg studiert – wie ging es danach weiter?

Ich habe am Ende des Studiums ein halbes Jahr in Antwerpen gelebt und dort ein Praktikum bei der Modedesignerin Anna Heylen gemacht. Nach dem Studium war ich erstmal festangestellt und habe in einem Textilunternehmen erst im Denim- und später im Outdoorbereich gearbeitet. Währenddessen gründete ich gemeinsam mit einer Kommilitonin unser Label Ambacht – wir haben damals gemeinsam Lederhandtaschen gefertigt.

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Ihre Tücher und Wallhangings verkauft Tina in ihrem Onlinshop, aber auch in Hamburger Stores wie Hello Love, „LUV“, „Wie es euch gefällt“ oder dem Berliner „Hygge Store“.

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Wenn ich nur das Label machen würde, wäre mir der Druck zu groß und unter Druck kann ich nicht kreativ sein.

Heute machst du das Label aber alleine.

Wir sind damals gescheitert, weil wir direkt nach dem Studium das Label gestartet haben und gar keinen Plan hatten, wie es mit Vertrieb und Presse läuft, und was an einer Labelgründung noch alles dranhängt. Im Designstudium wird man auf so etwas leider nicht vorbereitet.

Irgendwann war uns das beiden zu viel. Wir hatten beide einen 40-Stunden-Job und haben Ambacht nur nebenbei gemacht – meine Kollegin ist dann ausgestiegen und ich habe weitergemacht und meinen Fokus auf Siebdruck gelegt.

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Tinas Moodboard.

Das heißt, du hast das Label schon immer nebenbei und nie hauptberuflich gemacht?

Ja, die ganze Zeit. In der Elternzeit war es natürlich ein bisschen anders und ich konnte mehr machen. Ich bin aber nie dazu gekommen das komplett auf eigene Füße zu stellen. Da fehlt mir das letzte Fünkchen Mut, ich bin ein Sicherheitsmensch. Seit kurzem bin ich bei dem Concept-Store Luv in Teilzeit fest angestellt und arbeite dort sechszehn Stunden in der Woche im Büro. Nebenbei mache ich weiterhin Ambacht.

Das klingt nach einem guten Konzept, mit dem du happy bist.

Ja, auf jeden Fall. Wenn ich nur das Label machen würde, wäre mir der Druck zu groß und unter Druck kann ich nicht kreativ sein.

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Ambacht kommt aus dem Niederländischen und heißt übersetzt Handwerk.

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Vor kurzem hat Tina gemeinsam mit dem Hamburger Label Bridge & Tunnel dieses schöne Laptop-Sleeve gelauncht.

Wann war für dich klar, dass du ein eigenes Label gründen willst?

Das hat sich schon im Studium gezeigt. Ausschlaggebend war das Praktikum in Antwerpen, weil ich da gemerkt habe, dass es viel Platz für eigene Kreativität lässt. Wenn man in einem Modekonzern angestellt ist, hat man nicht immer das Glück wirklich kreativ zu arbeiten – man muss auf die Wünsche der Kunden und die Zielgruppe eingehen und designt nur selten etwas, das einem auch persönlich gefällt.

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Wie bist du auf den Namen Ambacht gekommen? Was bedeutet er?

Ich hatte in Antwerpen ganz viel mit Niederländern zu tun – auch meine Mitbewohnerin kam aus den Niederlanden – aber komischerweise wenig mit Belgiern (lacht). Ambacht kommt aus dem Niederländischen und heißt übersetzt Handwerk. Das ist ein schöner Begriff, der genau das beschreibt, was ich mache.

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Fehlt es dir manchmal im Team zu arbeiten, also Feedback zu bekommen oder mal über Designs zu diskutieren?

Ja, auf jeden Fall. Bei einer Freundin, die auch bei LUV arbeitet und Interior Design studiert hat, hole ich mir ab und zu Feedback, weil sie sich mit der Materie auskennt und wir auf einer Wellenlänge sind.

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Bei dir stehen Unikate im Fokus der Arbeit.

Bei den Wallhangings ist jedes Produkt anders. Bei den Tüchern mache ich Serien, aber jedes Tuch ist anders, weil es handgefärbt und handgedruckt ist.

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Bist du mit Handarbeit aufgewachsen?

Meine Mutter ist, was Handarbeiten angeht, total unbegabt (lacht), mein Vater ist handwerklich sehr begabt – vielleicht habe ich das von ihm. Mir ist es total wichtig, ein Produkt zu schaffen. Wenn ich nicht im Mode- oder Textilbereich arbeiten würde, könnte ich mir auch vorstellen als Schreinerin zu arbeiten. Mir geht es immer darum, etwas mit den Händen zu schaffen.

Siebdruck ist bei dir ein großes Thema. Wie kam es dazu, dass du darauf den Fokus gelegt hast?

Mir gefällt am meisten, dass man so viel mit Farben experimentieren kann und die Erstellung des Druckes an sich macht mir auch total viel Spaß – der ganze Arbeitsprozess ist einfach toll!

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Eine alte Wendeltreppe führt nach oben zum Schlaf- und Kinderzimmer.

Spielen nachhaltige Materialien bei dir eine Rolle?

Die Stoffe, die ich benutze, kommen alle aus Italien, die Farben sind wasserbasierend und kommen aus Deutschland – das ist mir wichtig, allein schon wegen meiner eigenen Gesundheit. Ich möchte bei der Arbeit in meinem Atelier nichts Giftiges einatmen.

Hat es lange gedauert bis die Tücher so aussahen, wie du es dir vorgestellt hast?

Über die Jahre hat sich bei eine Perfektion entwickelt und ich habe immer mehr dazu gelernt. Wir haben Siebdruck damals zwar auch im Studium gelernt, wenn man frei arbeitet, entwickelt man aber ganz eigene Techniken.

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Du druckst selbstgezeichnete Illustrationen auf deine Tücher. Wovon lässt du dich inspirieren?

Ganz viel Inspiration finde ich in der Natur und in der Tierwelt. Im Studium hat schon unsere Professorin zu uns gesagt, dass wir unsere Gedanken und Ideen aufschreiben sollen. Das habe ich immer gemacht und, wenn ich mal nicht weiß, was ich in der nächsten Kollektion machen soll, schaue ich in mein kleines Notizbüchlein. Das ist ein ziemlich guter Tipp – ich habe auch immer ein Notizbuch neben dem Bett liegen.

Warum wolltest du damals Modedesign studieren, erinnerst du dich noch an den Auslöser?

Ich habe schon immer gezeichnet und gemalt. Nach der Schule habe ich erst eine Ausbildung zur Groß- und Einzelhandelskauffrau gemacht, weil meine Eltern für einen bodenständigen Beruf waren, und nicht für etwas total Freies. Während der Ausbildung habe ich gemerkt, dass mir das zu langweilig ist und nicht zu mir passt. Direkt nach der Ausbildung habe ich dann mit der Mappenvorbereitung begonnen und mich an der HAW beworben.

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Du hast eine 2-jährige Tochter und arbeitest von zu Hause aus. Machst du dir einen Arbeitsplan oder fertigst du deine Produkte spontan, wenn du Zeit hast?

Oft mache ich etwas zwischendurch. Mit meiner Tochter Linda muss ich mir aber einen Plan machen, sonst schaffe ich das zeitlich nicht. Besonders im Frühjahr, wenn ich meine neuen Tücher an die Geschäfte ausliefere und ein fixes Lieferdatum habe, muss ich alles genau timen.

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Details in der Küche.

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Hier wohnt Tochter Linda – die Kissen hat Tina selbst gemacht.

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Du bist Hamburgerin, wie würdest du die Hamburger Mode- und Textilszene aus deiner Sicht beschreiben?

Ich glaube, dass sich in letzter Zeit etwas verändert hat, besonders durch Melodie Michelberger, durch euch und viele tolle Labels, die mittlerweile aus Hamburg kommen. In Belgien und Antwerpen wurde Mode und Textil schon immer mit der Kunst gleichgestellt, dort gibt es auch viel mehr Beachtung von der breiten Masse für die Designer. Das Bild verändert sich in Hamburg gerade ebenfalls – das finde ich gut und wichtig.

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Where the magic happens: im Keller entstehen Tinas tolle Siebdrucke.

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Gerade hast du in Kooperation mit Bridge & Tunnel, die wir auch schon besucht haben, ein Laptop-Sleeve gelauncht. Wie hat sich die Zusammenarbeit ergeben? Kanntet ihr euch vorher?

Wir kannten uns vorher nicht persönlich. Ich habe mal ein Kissen im Patchwork-Stil gemacht und meine Freundin und Bloggerin Kathrin von Kathrynsky hat zu mir gesagt: Das ist total super und würde perfekt zu Bridge & Tunnel passen. Dann habe ich die beiden Gründerinnen angeschrieben und bin hingefahren. Das Projekt, das sie machen, ist wirklich unterstützenswert. Sie fanden die Idee einer Zusammenarbeit toll: Das Laptop-Sleeve gab es bereits unbedruckt und dann haben wir zusammen eine Special Edition mit einem bestehenden Druck von mir herausgebracht. Wir hatten ein tolles Launch-Event in der B-Lage. Die ganze Zusammenarbeit hat so Spaß gemacht, weil beide sehr unkompliziert sind und wir die gleichen Ziele und die gleichen Vorstellungen von Mode und Design haben.

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Wenn man etwas möchte, muss man es einfach machen.

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Kannst du dir vorstellen, solche Kooperationen in Zukunft öfters zu machen?

Ja, auf jeden Fall. Davor hatte ich so etwas noch nie gemacht. In der Zusammenarbeit habe ich wieder gemerkt, dass es so schön ist, dass die beiden sich haben, weil sie immer etwas besprechen können. Das ist etwas, was mir häufig fehlt und deshalb ist es auch mein Anliegen, Drucke für andere Designer zu entwerfen, also ab und zu auch mal im Team zu arbeiten.

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Tina zeigt uns, wie sie ein Tuch bedruckt. Ambacht-Tuch

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Der Beginn des Jahres ist für viele auch ein Neustart. Was würdest du Lesern, die selbst ein Label starten wollen, mit auf den Weg geben?

Wenn man etwas möchte, muss man es einfach machen. Man darf gar nicht so viel darüber nachdenken – es ergibt sich schon alles von selbst. Bei mir ist es so: Je weniger ich darüber nachdenke, desto mehr tolle Sachen entstehen. Viele machen den Fehler und gehen mit dem Wunsch, ganz viel Geld zu verdienen, an eine Labelgründung heran. Man muss eine Leidenschaft haben und auch gewillt sein, viel dafür zu arbeiten. Das fällt einem aber auch nicht schwer, weil es die eigene Sache ist. Wenn ich abends noch bis 1 Uhr arbeite und um 6 Uhr wieder aufstehen muss, stört es mich nicht, weil ich das gerne mache und es sich für mich nicht wie Arbeit anfühlt.

Und natürlich ist Rückhalt in der Familie toll.

Ambacht-Textildesignerin

Bist du jemand, der sich Vorsätze macht?

Eher nicht, ich finde, man muss das Leben so nehmen, wie es kommt und immer das Beste aus jeder Situation machen. Man sollte Spaß daran haben, was man macht. Und zu viele Pläne sollte man sich auch nicht machen, es kommt sowieso immer anders als man denkt und dann muss man flexibel darauf reagieren.

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Was planst du fürs neue Jahr?

Ich werde die Wallhangings auf jeden Fall weitermachen, weil die so super ankommen – vielleicht wird es doch noch eine Kombination mit Siebdruck geben. Außerdem gibt es natürlich bald wieder neue Tücher. Ich mache immer eine neue Kollektion im Jahr.

Vielen Dank für das Interview! Wir wünschen dir weiterhin ganz viel Erfolg!

Hier findet ihr Tina & ihr Label Ambacht:

Fotos: Sophia Mahnert

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