Deutschlands Upcoming Fashion Talent: Taschendesignerin Alesya Orlova

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Céline, Chloé, Mansur Gavriel – Taschen von den großen Designern werden international rauf- und runtergebloggt und auf ein gehyptes Modell folgt schnell das nächste. Eine deutsche Designerin, die Potential hat, lokal und international mitzumischen, heißt Alesya Orlova. Die geborene Ukrainierin lebt in Hamburg, hat vor einem Jahr mit ihrem Mann das Label Alesya Orlova gegründet und kurzerhand ihr Wohn- und Esszimmer in ein hochprofessionelles Büro und Atelier verwandelt. Ihr neuestes Modell, die „Geo Bucket Bag“, zieht bereits ihre ersten Runden auf Instagram und war innerhalb von kürzester Zeit ausverkauft. Wie sie ihr Label jetzt größer aufziehen möchte, welche bedeutende Rolle die Musik in ihrem Leben spielt und wie der Entstehungsprozess einer handgemachten Tasche aussieht, verrät die 31-Jährige im Interview.

 

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Wir starten entspannt mit dem Interview in Alesyas Küche – mit Erdbeerkuchen und Tee.

femtastics: Du hast Interior Design in Hamburg studiert, wie bist du Taschendesignerin geworden?

Alesya Orlova: Ich bin in der ehemaligen Sowjetunion geboren – alle Waren sahen in den Läden gleich aus. Es gab nur eine Puppe und alle Kinder hatten diese eine Puppe, genauso war es mit den Taschen. Es gab nur eine Tasche und jeder lief damit herum – alles war auf Massenproduktion ausgerichtet. Mit 14 Jahren habe ich angefangen Taschen selbst zu machen. Wenn ich damals in Kiew zu Besuch war, hatte ich nur Augen für die Taschen. Dort haben sich die Menschen anders gekleidet, mich hat das immer total fasziniert. Bevor ich Interior Design studiert habe, habe ich aber erst Musik studiert.

Auch ein kreativer Beruf, aber ein ganz anderer Weg.

Es war immer mein Traum Designerin zu werden, aber meine Mama hat mich damals überredet, in der Ukraine Musik zu studieren. Heute sagt sie, dass es richtig ist, was ich mache – damals wollte sie aber unbedingt, dass meine Schwester und ich Musik studieren.

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Ich wusste: Jetzt ist der richtige Moment mein Leben anzufangen. Ich habe lange auf diesen Moment gewartet.

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Wie lange hast du Musik studiert?

Mein halbes Leben. Mit der Musik habe ich früh begonnen. Bis zu meinem 14. Lebensjahr habe ich es neben der Schule gemacht. Dann wurde es sehr professionell – ich habe Klavier gespielt und ein typisch ukrainisches Instrument, die Bandura, gespielt, das wie ein Harfe aussieht. Damit habe ich an vielen Wettbewerben teilgenommen. Alle dachten, dass ich eine tolle Musikerin werde. 2007 habe ich meinen Hochschulabschluss im Alter von 23 Jahren gemacht. Das war ein ganz anderes Leben, ich stand auf der Bühne und bin aufgetreten, jetzt stehe ich hinter meinen Produkten.

Und wann kam dann der große Cut?

Mein Mann ist 2005 aus beruflichen Gründen nach Deutschland gezogen. Ich bin dann immer zwischen der Ukraine und Deutschland gependelt. Als ich meinen Abschluss 2007 gemacht habe, bin ich auch nach Deutschland gezogen, ohne meine Mutter. Ich wusste: Jetzt ist der richtige Moment mein Leben anzufangen. Ich habe lange auf diesen Moment gewartet.

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Das Wohn- und Esszimmer wurden zum Office und Atelier umfunktioniert.

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Ich habe zu meinem Mann gesagt: Ich habe mich entschieden, ich mache jetzt die Taschen.

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Creative Hotspot: Hier entstehen die tollen Taschen.

Klingt kitschig, aber du konntest endlich deinen eigenen Traum leben.

Ja! ich war mir zunächst aber nicht sicher, was ich studieren sollte. Ich wollte schon immer Taschen machen, aber Deutschland ist nicht der richtige Ort, wo man das lernen kann. Man kann Sattler werden, aber ich wollte Design machen und es nicht nur technisch können. Ich habe mir dann in einem Vorbereitungssemester bei der Akademie Mode und Design in Hamburg die Studiengänge Modedesign und Interior Design angeschaut.

Und warum dann der Entschluss für Interior Design und gegen Modedesign?

Ich habe schon im Vorbereitungssemester gemerkt, dass das Interior-Design-Studium besser zum Thema Taschen passen würde, weil es einige Projekte gab, wo man das integrieren konnte. Außerdem gab es das Fach Produktdesign. Modedesign ist auf den Körper einer Person begrenzt, im Accessoire-Bereich kann man sich mehr ausleben und mich haben schon immer Details fasziniert.

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Alesyas momentaner Bestseller: Die „Geo Bucket Bag“, die es auch in bordeaux, schwarz und creme gibt.

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Und was hast du nach dem Studium gemacht?

Ich habe erstmal in einem Designbüro für klassische Innenarchitektur gearbeitet. Zu dem Zeitpunkt wurde mir bewusst, dass ich unbedingt Taschen designen möchte. Es war ein Sonntag, das weiß ich noch ganz genau: Mein Mann und ich haben gefrühstückt, ich war still, habe nachgedacht und dann hat es Klick gemacht. Ich habe zu meinem Mann gesagt: „Ich habe mich entschieden, ich mache jetzt die Taschen.“

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Alesyas Arbeitsmaterial

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Ein Traum, der schon seit deiner Kindheit in dir heranwuchs.

Ja, das einzige Problem: Ich wusste nicht, wie ich aus Leder Taschen machen kann. Ich hatte vorher in meinem Studium zwar mit Leder gearbeitet, Taschen hatte ich bis zu dem Zeitpunkt aber nur aus Stoff gefertigt.

Wie hast du dir das Handwerk dann beigebracht?

Durchs Internet, ausprobieren und recherchieren. Ich habe viele Handwerker-Videos geguckt – Videos, die nichts mit Ästhetik zu tun haben, sondern bei denen es wirklich nur um das Handwerk geht. Da habe ich dann auch gesehen, welche Werkzeuge und Maschinen man braucht.

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Faszinierend, dass du und dein Mann euch das Handwerk selbst beigebracht habt. Wie entstehen deine Taschen?

Ich skizziere nie, ich muss immer alles 3D machen. Am Computer zeichne ich den Schnitt, drucke es aus und falte aus Papier den Prototypen, der sich im Laufe der Zeit natürlich immer wieder verändert. Bei der „Geo Bucket Bag“ gab es vorher zum Beispiel zehn Prototypen. Wenn ich mit dem Prototypen aus Papier zufrieden bin, suche ich mir ein Leder aus und schneide zwei Schichten aus, dazwischen kommt der Leserfaserstoff – ich klebe alles zusammen und ritze vorsichtig die Linien ein. Dann muss die Tasche erstmal zwei Tage stehen und trocknen und danach schneide ich alle Kanten sauber ab und färbe sie. Als letztes werden die Riemen an die Tasche genäht. Für eine Bucket Bag brauche ich insgesamt circa drei Tage. Bei meinen Clutches sieht die Arbeit wieder ganz anders aus, da mache ich viel an den Nähmaschinen.

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Die „Supernova Clutch“ mit slawischen Ornamenten.

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Und woher hast du die Maschinen dann bekommen? Das sind ja teilweise sicherlich auch alte Maschinen?

Um den Part hat sich vor allem mein Mann gekümmert, wir bestellen alles online. Vorab habe ich viel darüber nachgedacht, was ich alles brauchen werde. Dann hat mein Mann Nägel mit Köpfen gemacht: Als ich eines Tages nach Hause kam, stand eine Maschine da – er hat mich damit überrascht.

Dein Mann ist ebenfalls Teil des Labels, richtig?

Genau, wir machen das zu zweit. Er arbeitet noch in seinem Job, aber unser großer Traum ist, dass wir uns irgendwann beide voll und ganz auf das Label konzentrieren können.

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Alesya und ihr Mann Alexander besprechen neue Designs.

Als ich den ersten Prototypen aus Leder gesehen habe, habe ich geweint – das hätte ich vorher nie gedacht.

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Produziert ihr noch alles selbst?

Bisher haben wir alles selbst produziert. Da unsere Bucket Bag aber in kürzester Zeit ausverkauft war und wir mit der Produktion zu zweit nicht hinterherkommen sind, haben wir uns vor ein paar Wochen eine Produktionsstätte in Italien angeschaut. Die machen für Miu Miu, Escada und viele weitere High-Fashion-Labels die Taschen – auch wir wollen diesen Weg gehen. Die Muster werden wir weiterhin bei uns im Atelier in Hamburg fertigen, es soll in Zukunft aber immer mehr ausgelagert werden. Zurzeit haben wir noch nicht die komplette Kollektion, die ich mir als Designer vorstelle – die wird aber in den nächsten Monaten entstehen.

Alesya_orlova_rollenAlesya_orlova_Sneakers Alesya_orlova_portrait Planst du nach Kollektionen zu arbeiten oder willst du deine Range immer mehr erweitern?

Ich möchte vor allem mit Klassikern arbeiten. Ich möchte mit fünf Modellen starten, die meine Handschrift haben. Ich möchte auch die Farben nicht saisonal wechseln. Ich möchte, dass unser Produkt sehr exklusiv ist. Wenn es in einer Farbe ausverkauft ist, dann ist das so.

Wie willst du dich positionieren?

Der Fokus liegt erstmal auf dem deutschen Markt, ich möchte langsam wachsen und mich irgendwann auf jeden Fall internationalisieren – alles aber step-by-step. Ich möchte mich weiterentwickeln. Mein Ziel war es immer eine Tasche zu designen, die mich erfüllt und meinen Stil zu 100 Prozent widerspiegelt. Als ich die „Geo Bucket Bag“ designt habe, was noch nicht lange her ist, hatte ich dieses Gefühl das erste Mal. Als ich den ersten Prototypen aus Leder gesehen habe, habe ich geweint – das hätte ich vorher nie gedacht.

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Links: Alesya erstellt die technische Zeichnung für die neue Produktionsstätte in Italien. Rechts: Farben auswählen für das nächste Modell.

Wahrscheinlich, weil es ein langer Prozess ist, bis man sich und seinen Stil als Designer findet.

Ja, ich habe vorher ja schon viel gemacht, auch im Interior-Design-Bereich. Aber zum ersten Mal hat es mich extrem berührt.

Jetzt die typischste Designfrage: Von was lässt du dich inspirieren?

Ich finde meine Inspiration zum größten Teil in den Geschichten von Menschen. Erstmal suche ich mir eine Person heraus, die mich inspiriert und schaue dann, was dahinter steckt. Für meine erste Clutch hat mich zum Beispiel die Geschichte von Natalia Vodianova inspiriert. Sie ist ein Model aus Russland und kommt aus ganz armen Verhältnissen. In ihrer Kindheit durfte sie nicht zur Schule gehen, hat auf ihre behinderte Schwester aufgepasst und der Mutter geholfen, Obst auf dem Markt zu verkaufen. Eines Tages hat eine Freundin ihr von einer Agentur erzählt, die Models sucht. Natalia hatte gar nichts Richtiges zum Anziehen, dann hat sie aus den Klamotten ihrer Oma einen Rock zusammengenäht und ist zum Casting gegangen. Heute ist sie sehr erfolgreich. Es macht mir total Spaß diese Geschichten zu recherchieren: Was ist das für eine Person und wie hat sie es geschafft, erfolgreich zu werden?

Die Frauen, die dich inspirieren, sind also richtige Powerfrauen.

Ja, starke Persönlichkeiten inspirieren mich – durch die Geschichte hinter Nathalie sind auch die slawischen Ornamente auf den Clutches entstanden.

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Gerade passiert endlich wieder viel in der Hamburger Modeszene. Warum hast du dich für Hamburg als Standort für dein Label entschieden?

Was ich an Hamburg toll finde, ist, dass man sich hier entspannt fühlt – hier ist man irgendwie geschützter als zum Beispiel in Berlin. Und wenn hier das Wetter gut ist, ist Hamburg für mich die beste Stadt überhaupt.

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Hier findet ihr Alesya Orlova und ihr Label:

Fotos: Sophia Mahnert

 

 

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