Von der Weltenbummlerin zur Barbesitzerin

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Die gelernte Hotelfachfrau Vera Heimsoth machte eine Weltreise und eröffnete nach ihrer Rückkehr zwei Bars: die Luba Luft Bar und die Savvy Bar. Beides zwei ganz unterschiedliche, aber gleich charmante Plätze für Barkultur in Hamburg. Wir haben Vera in der wunderschönen Savvy Bar besucht und sprechen über die Herausforderungen des Jobs der Barbesitzerin.

 

Femtastics: Was hat Dich ins Bar-Business gezogen?

Vera Heimsoth: Ich bin gelernte Hotelfachfrau und habe schon überall und nirgends gearbeitet. Damals bin ich nach Hamburg gekommen und dachte mir: Hm, jetzt muss ich mich wieder in Hotels bewerben. Und das war irgendwie nicht mehr das Wahre. Ich war Ende 20 und das Hotelgewerbe ist ein wahnsinnig anstrengender Job, den man wirklich nur machen kann, wenn man eine Leidenschaft dafür hat. Dazu ist er noch extrem schlecht bezahlt – selbst auf Managementebene. Ich dachte: Solange ich noch Energie und Power habe, möchte ich sie gerne in Selbstständigkeit investieren. In meine eigene Zukunft und nicht die eines großen Konzerns.

Woher kamst Du denn damals?

Ich war ein Jahr lang auf Weltreise bevor ich nach Hamburg kam. Rucksack gepackt und los. Das habe ich zweimal gemacht. Das erste Mal war ich komplett alleine unterwegs, da war ich Anfang zwanzig, hatte in London gearbeitet und bin von dort aus los. Wenn einen das Reisefieber einmal packt, lässt es einen nicht mehr los – deshalb habe ich so eine Reise später noch einmal gemacht.

Würdest Du das raten, dass man, wenn man nicht genau weiß, was man machen will, dann erst einmal weit wegreist?

Mir hat das Reisen auf jeden Fall viel für mein Leben gebracht. Die Grundeinstellung zum Leben hat sich geändert. Man steckt hier in Deutschland so im Luxusleben drin und die Leute beschweren sich trotzdem über alles. Auf Reisen lernt man, über den Tellerrand zu schauen und merkt, wie gut wir es hier haben. Die Lebensqualität in Deutschland ist so gut. Hier haben wir die Möglichkeit, uns zu entfalten und es ist zum Beispiel so einfach, sich selbstständig zu machen. Wir sind schon ein Unternehmerland.

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Wie bist Du denn in die Selbstständigkeit gestartet?

Der limitierende Faktor ist natürlich immer das Geld. Ich wollte das ganz gerne ohne Kredit machen, hatte ein bisschen Geld auf der hohen Kante. Ich hatte nie den großen Traum, dass ich unbedingt Barbesitzerin sein möchte, es lag einfach am nächsten. Meine erste Bar war die Luba Luft. Der Laden stand leer, da wollte keiner hin, die Ecke war total unbekannt.

Das ist doch an der Ecke zur Paul-Roosen-Straße?!

Aber es ist ja jetzt schon über neun Jahre her, dass ich dort angefangen habe. Damals war da gar nix los. Da konnte ich recht easy starten, hab alles selbst gemacht jahrelang und mir höchstens am Wochenende mal eine Aushilfe geholt. Ich hatte wenig laufende Kosten, außer der Miete.

Das heißt, Du hast jahrelang durchgeackert?

Ja, mit Magengeschwür und Tinnitus. Die Zeit am Anfang war sehr schwer. Ich war auch sehr naiv: Ich wusste nicht, wie die Buchhaltung geht, wie man sich in dem Kiez bewegt, wer da Einfluss hat, … das war learning by doing. Am meisten durch Fehler.

Gab es auch Phasen, in denen Du fast alles hingeworfen hättest?

Mehrere.

Warum hast Du durchgehalten?

Weil ich dran geglaubt habe. Ich hab an die Ecke geglaubt, ich wusste, das Viertel kommt in Hamburg. Ich wusste nur nicht, dass es so lange dauert.

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Hattest Du anfangs das Problem, dass zu wenig Kundschaft kam?

Ich war neu in Hamburg, ich hatte kein Netzwerk, keine Kumpels, die vorbeikommen und Bescheid sagen. Manchmal saß ich abends alleine in der Bar und dachte: O Gott, was hast Du getan? … Ich dachte, das entwickelt sich durch Hörensagen schneller als es letztlich gedauert hat. Anfangs habe ich am Wochenende viele Agenturpartys ausgerichtet und so was. In Hamburg hat es circa vier Jahre gedauert, bis der Laden bekannt wurde. Hamburg ist da sehr speziell.

War das mit Deiner zweiten Bar, der Savvy Bar, auch so?

Ja, auch. Es war nicht so ein Kaltstart wie mit der Luba Luft Bar. Man kennt mich ja schon und weiß, dass ich gute Drinks mache. Und die Savvy Bar richtet sich auch an ein etwas erwachseneres Publikum. Die Neustadt wird sich definitiv zum Trend-Viertel entwickeln, hier passiert gerade sehr viel. Es ist ein ganz tolles Viertel! Coole neue Agenturen, neue Galerien … viele inhabergeführte, kleine Läden. Nach und nach lerne ich alle Leute in der Gegend kennen, wie in einem kleinen Dorf. Aber auch hier dauert es etwas länger, dass die Bar sich etabliert, als ich anfangs gedacht habe.

Und sag mal, die Arbeit in einer Bar ist doch sicher hart, oder? Wie schaffst Du das?

Ich halte mich an die gute alte Regel, dass man nicht selbst sein bester Kunde sein darf. Ich trinke während der Arbeit gar nicht. Ich habe nichts gegen einen Feierabend-Gin-Tonic, aber meistens zieht es mich nach der Arbeit nach Hause, zum Hund und ins Bett. Bei mir geht die Arbeit ja auch schon morgens weiter.

Und die Arbeit ist auch körperlich fordernd, oder?

Total. Du trägst ganz viel, du stehst die ganze Zeit, du shakst, du hast Flaschen in der Hand … Ich war neulich bei der Massage und die Masseurin hat gefragt: „Boxt Du? So eine krasse Rückenmuskulatur habe ich noch nie gesehen.“

Mit anstrengenden Gästen hast Du nicht viel zu tun?

Nein, mein Publikum ist total angenehm und höflich. Der Grund dafür ist, dass ich bei der Luba nie Werbung gemacht habe. Das war mein Konzept, dass es ein Hamburger Laden sein sollte, keine „Szene-Bar“.

 

Wenn einer zur Bar kommt, um mich anzumachen, und fragt: „Was machst Du denn hier?“, dann sage ich einfach: „Ich bin hier die Besitzerin.“ Das funktioniert immer. Das will kein Mann hören.

 

Wirst Du als Frau hinterm Tresen nicht viel angemacht?

Ich habe da meine Mechanismen. Wenn einer ankommt und fragt: „Was machst Du denn hier?“ Dann sage ich einfach: „Ich bin hier die Besitzerin.“ Das funktioniert immer. Das will kein Mann hören. Die drehen sich sofort wieder um. Die denken sich, ich sei so eine „Bar-Ische“. … Männer denken sowie nie, dass ich die Besitzerin bin. Ich höre oft: „Kannst Du Deinem Chef mal sagen …?“ Oder wenn ich alleine in der Bar stehe, kommen Typen an und sagen: „Letztens war der Chef da, der hat mir so einen tollen Drink gemacht. Kannst Du das auch?“ Ich sage dann manchmal: „Ach, ich weiß nicht, vielleicht nimmst Du lieber ein Bier, solange ich da bin.“ Für mich ist das total lustig. Manchmal zwar auch ärgerlich, aber ich nehme es mit Humor.

Wann ist es schwierig?

Auf der Business-Ebene. Da bin ich lange ignoriert worden. Ich habe als Frau zwei Bars und wenn aus der Industrie ein Meeting gemacht wird, um eine neue Spirituose vorzustellen, laden die mich nicht ein. Aber nach und nach kommen sie jetzt alle an. Ich will gar keinen Respekt haben, es geht nur darum, dass man mich fair behandelt.

 

Old-Fashioned-Drinks liegen im Trend. Burboun ist wieder im Kommen.

 

Kannst Du uns verraten, welche Drinks 2015 besonders angesagt sind?

Wenn es darum geht, was die Leute bestellen, dann ist der Trend dieses Jahres immer noch Gin. Die Destillerien sprießen ja auch aus dem Boden. Wenn Du uns fragst, dann sind wir Gin schon wieder leid. Ich denke, die Klassiker kommen wieder. Auf jeden Fall Negroni. Auch Old-Fashioned Drinks liegen im Trend. Burboun wird wieder ein Thema sein. Wir arbeiten auch viel mit Mezcal. Das ist auch eine echt hochwertige Spirituose, weil die Herstellung in Mexiko extrem kontrolliert wird.

In den letzten Jahren hat sich der Trend ja generell weg von grell bunten, hin zu qualitativ hochwertigen Drinks entwickelt, oder?

Ja, der Trend geht zu Qualität. Ich habe Sirupe, Fruchtsäfte und künstliche Aromen aus meinen Bars verbannt. So etwas gibt es bei mir nicht. Wenn ich ein Fruchtaroma in einem Drink möchte, dann arbeite ich mit Infusionen, die wir selbst machen. Wenn du eine hochwertige Spirituose, die 50 Euro pro halben Liter kostet, in einen Fruchtsaft aus Fruchtkonzentrat schüttest, dann geht das Aroma total verloren.

Was ist Dein persönlicher Lieblingsdrink?

Ich war auch immer eine Gin-Tonic-Trinkerin. Aber ich mag auch „Old Cuban“ sehr gerne, einen Drink mit Rum, Minze, Zucker und Limette, und dann kommt Champagner dazu. Das wird in einer gefrosteten Martinischale serviert.

Zeigst Du uns, wie man den macht?

Klar, gerne!

Und vielen Dank für das Interview.

 

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Hier findet ihr Vera:

Fotos: Linda David

 

 

2 Comments

  • Wolfgang sagt:

    Schöne Geschichte! Und besser als her („Auf Reisen lernt man, über den Tellerrand zu schauen und merkt, wie gut wir es hier haben.“) lässt sich das wohl kaum ausdrücken… ;)

    Der „Old Cuban“ („mit Rum, Minze, Zucker und Limette, und dann kommt Champagner dazu“) klingt auch sehr lecker! Mal schau´n, ich bin ja bestimmt irgendwann mal wieder in Hamburg… ;)

    LG, Wolfgang

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