Maria González Leal: Warum Gewichtsdiskriminierung uns alle betrifft

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6. April 2021

Das Private ist politisch. Wenn das jemand deutlich macht, dann ist es Maria González Leal, auch bekannt als „Body Mary“. Ob auf ihrem Instagram-Kanal, an Schulen, in Workshops oder bei ihrer Arbeit als körperpositive Stylistin: Sie setzt sich dafür ein, uns allen klarzumachen, wie Gewichtsdiskriminierung, Unterdrückung von Frauen* und Rassismus zusammenhängen – und welche politischen und gesellschaftlichen Konsequenzen damit verknüpft sind. Bei einem Ausflug aufs Tempelhofer Feld erzählt Mary uns, warum Wut ihre größte Quelle der Inspiration ist, wie man sie richtig dosiert und weshalb sie sich selbst als „fett“ bezeichnet.

femtastics: Du arbeitest als Antidiskriminierungsberaterin gemeinsam mit der Berliner „Gesellschaft gegen Gewichtsdiskriminierung e.V.“. Wie genau kann man sich diese Arbeit vorstellen und worum geht es euch?

Maria González Leal: Anders als beispielsweise rassistische Diskriminierung ist die Diskriminierung wegen des Gewichts kein Bestandteil des Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetz. Wir haben es uns deshalb zur Aufgabe gemacht, ehrenamtlich darüber aufzuklären, was Gewichtsdiskriminierung ist und welche Auswirkungen sie hat – was gar nicht so einfach ist, wenn es keinerlei finanzielle Unterstützung vom Staat gibt.

Ich leiste Öffentlichkeitsarbeit und Sensibilisierungsarbeit, indem ich zeige, warum wir das Merkmal Gewicht im AGG brauchen und mache deutlich, dass es sich hier um ein feministisches Thema handelt. Ich leite Workshops und Panels, schreibe Texte und gehe an Schulen. Dort arbeite ich mit Kindern und Pädagog*innen zusammen, die zum Beispiel wissen wollen, wie sie damit umgehen sollen, wenn Kinder aufgrund ihres Körpers gemobbt werden. Leider sehe ich oft, dass vor allem Mädchen von Eingriffen in die Entwicklung ihres Körpers betroffen sind, wodurch ihr Verhältnis zum Körper, zur Ernährung, zu Bewegung oft lebenslang gestört wird. Das ist für mich nicht akzeptabel.

Du sagst, es handelt sich um ein feministisches Thema. Woran liegt es, dass besonders Mädchen und Frauen für ihr Gewicht geshamed werden und sich selbst so stark damit auseinandersetzen?

Bereits im Alter von fünf Jahren fangen Mädchen das erste Mal an, sich Gedanken über ihren Körper zu machen. Was dazu führt, dass manche bereits über eine Diät nachdenken. Mit fünf Jahren! In einer US-Studie wurde außerdem herausgefunden, dass das Selbstbewusstsein von Mädchen mit neun Jahren auf dem Höhepunkt ist. Das heißt, danach sinkt das Selbstbewusstsein. Bei der Frage nach ihrer größten Angst gab der Großteil der befragten Mädchen zwischen 11 und 17 Jahren an, Angst davor zu haben, dick zu werden. Das muss man sich mal klarmachen: Ihre Angst, dick zu werden kam noch vor der Angst vor einem nuklearen Krieg, einer Krebserkrankung und davor, die eigenen Eltern zu verlieren.

Alle Kinder haben ein Recht darauf, sich frei in ihrer Körperidentität, ihrem Selbstbewusstsein, ihrer Geschlechtsidentität zu entfalten, doch vor allem bei Mädchen wird diese Möglichkeit gesellschaftlich zerstört. Die Konsequenz ist, dass sie später bestimmte Berufe ergreifen, seltener die gläserne Decke durchstoßen, einen massiven Gehaltsunterschied aufweisen und oft in Teilzeit, im Niedriglohnsektor arbeiten. Ihr geringes Selbstbewusstsein ist einer der Gründe, warum sie die ganze Care- und Erziehungsarbeit machen und die Eltern- oder Großelternfürsorge unbezahlt annehmen. Ihnen wird von klein auf zugeschrieben, dass dies ihre Aufgabe sei.

Alle Kinder haben ein Recht darauf, sich frei in ihrer Körperidentität, ihrem Selbstbewusstsein, ihrer Geschlechtsidentität zu entfalten, doch vor allem bei Mädchen wird diese Möglichkeit gesellschaftlich zerstört.

Frauen, die ihr ganzes Leben lang gearbeitet haben und parallel im Haushalt und in der Erziehung gearbeitet haben, werden für diese Entscheidung gesellschaftlich hart abgestraft. Das Gesicht der Altersarmut ist weiblich. Wir müssen uns also klarmachen, dass die Unterdrückung in der frühen Kindheit alle Lebensbereiche angreift. Die Perspektive auf das, was Frauen eigentlich alles machen können, wird früh zerstört.

Was verinnerlichen Frauen durch diese Prägung?

Meiner Meinung nach liegt dabei das größte Problem darin begründet, dass Mädchen und Frauen denken, dass sie immer in allem perfekt sein müssen und dadurch nicht mutig genug sind. Wir sind nie zufrieden mit dem, was wir machen. Mädchen und Frauen sollten lernen, Fehler machen zu dürfen. Wir können unsere Erfolge gar nicht so feiern wie Männer das machen. Wir bewerben uns auf berufliche Stellen, für die wir mindestens 120 Prozent der Qualifikationen erfüllen, während Männer sich auf Stellen bewerben, bei denen sie gerade mal 30 Prozent abdecken. Diese unterschiedliche Herangehensweise hat etwas mit unserer Sozialisierung zu tun. Das, was uns Frauen passiert, ist im Grunde systematische Gewalt.

„Comply or die“ – entweder du nimmst dieses System an oder du gehst in diesem System unter. Und dieses System bietet Mädchen oder Menschen, die nicht in dieses System passen, nicht viel Spielraum, um sich zu entfalten.

Meiner Meinung nach liegt das größte Problem darin begründet, dass Mädchen und Frauen denken, dass sie immer in allem perfekt sein müssen und dadurch nicht mutig genug sind. Wir sind nie zufrieden mit dem, was wir machen.

Du wehrst dich mit dem, was du tust, jedoch vehement gegen die Regeln dieses Systems. Wie hat sich dein eigenes Verhältnis zu dir und deinem eigenen Körper über die Jahre entwickelt?

Es war ein langer Prozess. Ich bin ost-sozialisiert, ich bin Schwarz of mixed race, meine Identität setzt sich aus vielen Aspekten zusammen. Ich habe schon immer von anderen gesagt bekommen, wie ich zu sein habe. Mich hat man nie gefragt, wie ich sein möchte, was ich für richtig empfinde und vor allem die Gewichtsdiskriminierung hat schon sehr früh in meinem Leben begonnen.

Mit acht Jahren wurde ich in eine Klinik geschickt, obwohl es keine gesundheitlichen Gründe dafür gab. Außer der Angst aus meinem Umfeld und von Ärzt*innen, dass wir zuhause nicht wüssten, wie man sich richtig ernährt und Sport macht, weil mein Vater Schwarz ist. Diese Erfahrung war eine Zäsur für mich, sie hat echt viel zerstört: die Beziehung zu Essen, aber auch zu Vertrauenspersonen, weil ich nicht verstehen konnte, warum ich in diese Klinik musste. Ich habe mich gefragt: Warum bin ich hier? Und dort ganz viele andere Kinder gesehen und mich gefragt: Warum sind die hier? Man hat dort mit uns Sport gemacht und wir sollten Dinge essen, die wir nicht essen wollten, aber man hat nicht mit uns gesprochen. Uns hat niemand gefragt, wie wir uns fühlen oder erklärt, was das alles soll.

Die zweite Zäsur erlebte ich, als ich schließlich als Jugendliche aufhörte, Kleider zu tragen, obwohl Mode mich immer begeistert hat. Ich finde es total schön, mich mit Mode auszudrücken, mit Mode zu spielen, zu zeigen, wie ich mich fühle oder wer ich sein möchte. Ich habe nie verstanden, warum Körper, die größer sind als Größe 42, nicht mehr mitspielen dürfen. Und das hat mich irgendwann wirklich wütend gemacht. Besonders als ich festgestellt habe, dass die Durchschnittsgröße der deutschen Frau 42-44 ist! Das heißt, die Mehrheit kann gar nicht mitmachen bei Mode. Und wenn ich Mode sehe, die mir passt, dann ist sie teurer oder von niedriger Qualität, hat schlechte Schnitte oder ist im stationären Handel nicht zu finden.

Ich finde es total schön, mich mit Mode auszudrücken, mit Mode zu spielen, zu zeigen, wie ich mich fühle oder wer ich sein möchte. Ich habe nie verstanden, warum Körper, die größer sind als Größe 42, nicht mehr mitspielen dürfen.

Was war deine Reaktion auf diese Erlebnisse?

All diese Erkenntnisse haben zu genug Wut geführt, die mich politisiert hat. Ich habe nicht verstanden, wie bei solch alltäglichen Dingen eine derart massive Ungleichbehandlung stattfinden kann. Und ich habe erkannt: Selbst wenn ich versuchen würde, meinen Körper zu reduzieren und in die Maße zu passen, die als Ideal gelten, wäre ich am Ende aber immer noch nicht weiß. Und das Ideal ist weiß und schlank und nicht behindert, ist akademisiert, ist verhältnismäßig reich, ist cis-heterosexuell und so weiter. Egal, wie sehr ich es versuche, never ever könnte ich das werden.

Dann habe ich mich gefragt: Wer will eigentlich, dass ich so bin? Wer hat etwas davon, dass ich meine Energie darein investiere, mich anzupassen und selbst zu hassen? Ich habe erkannt, dass eine Struktur dahinter steckt und dass es nicht nur mich betrifft, sondern uns alle! Wir alle werden auf eine unterschiedliche Art und Weise attackiert und gezwungen, in eine Form zu passen, ohne gefragt zu werden, ob wir das überhaupt wollen.

Gewichtsdiskriminierung betrifft nicht nur weiblich gelesene Körper, sondern auch Männer. Es betrifft aber auch alle, die Angst davor haben, dick zu werden, die in eine Essstörung geraten oder die mit Diet Talk beginnen.

Du sagst, Gewichtsdiskriminierung geht uns alle etwas an. Was sollten wir uns alle klarmachen?

Auch wenn du vielleicht im ersten Moment den Eindruck hast, dass eine Form der Diskriminierung dich nicht akut betrifft, so solltest du doch vielleicht ein Interesse daran haben, wenn du siehst, dass andere Menschen leiden. Die Realität ist nun einmal, dass niemand die Welt alleine ändern kann. Ich habe natürlich keine Lösung für alle Probleme. Aber ich werde einen Teufel tun, irgendwann zu sagen: Es interessiert mich nicht. Denn alle Diskriminierungen sind miteinander verknüpft. Wenn dir also Gewichtsdiskriminierung egal ist als Feministin, dann bist du keine Feministin.

Gewichtsdiskriminierung basiert in der Unterdrückung von weiblich gelesenen Körpern, basiert auf Rassismus, basiert auf Ableismus. Außerdem betrifft Gewichtsdiskriminierung nicht nur weiblich gelesene Körper, sondern auch Männer. Es betrifft aber auch alle, die Angst davor haben, dick zu werden, die in eine Essstörung geraten oder die mit Diet Talk beginnen. Also zum Beispiel diejenigen, die ihren Kolleg*innen in der Büroküche erklären, dass sie nur Magerjoghurt essen, um im Sommer in den Bikini zu passen. Das ist Gewalt, nicht nur dem eigenen Körper gegenüber, sondern auch jedem, der zuhört, weil klar wird: So wie du über deinen eigenen Körper redest, redest du auch über andere Körper. Sei dir also bewusst, wie du über deinen Körper sprichst und was du nach außen trägst. Du kannst vieles denken, aber fang‘ vielleicht damit an, nicht alles auszusprechen.

Hinzu kommt die politische Dimension?

Warum sollte es uns außerdem interessieren? Abgesehen davon, dass Menschen – insbesondere Frauen, mit einem großen Körper – weniger verdienen, im Gesundheitswesen selten ernst genommen werden und vielen Frauen das Recht abgesprochen wird, eine Familie zu gründen und Führungspositionen zu bekleiden?

Frauen mit einem BMI über 25 gelten seit letztem Sommer als chronisch krank und kaum jemand interessiert sich dabei für die übrigen Vitalwerte und Muskelanteile, den Herzkreislauf oder Cholesterinwert. Allein aufgrund der Körperform darf ich dich als krank lesen und muss dafür nicht mal Medizin studieren. Wir leben in einer Welt, in der Wahrsagen eine bessere Diagnose ist als der BMI. Ich verstehe nicht, warum uns die Ungleichbehandlung im Gesundheitssystem nicht alle betreffen sollte.

In einem Instagram Post schreibst du: „As a political activist but also as a human being with a beautiful diverse identity, I dare to call out people for their actions. I want you to know, if I am calling you out for your discriminatory behavior or language, I am doing this from a place of appreciation and love.“ Wie schaffst du es, trotz deiner Wut, diese Ruhe, Sanftheit und Offenheit auszustrahlen?

Ich bin konstant wütend über die Zustände, in denen wir leben, über die Möglichkeiten, die Menschen genommen werden, ihr Leben zu gestalten, weil einige Menschen davon profitieren, andere Menschen zu unterdrücken. Das kann man nicht nett beschreiben und das tue ich auch nicht. Allerdings habe ich irgendwann in meinem politischen Aktivismus gemerkt, dass ich zwar für das brenne, was ich mache, aber aufpassen muss, dass ich dabei nicht verbrenne.

Ich habe mich gefragt, wie ich diese Wut schiften kann, damit ich immer noch in Verbindung mit den Menschen bleibe, die ich erreichen möchte, anstatt mit erhobenem Zeigefinger zu schimpfen – auch wenn ich das am liebsten die ganze Zeit machen würde. Die Erfolgschancen, damit jemanden zu erreichen, sind relativ gering. Deshalb versuche ich mir immer wieder zu vergegenwärtigen: Wir alle stehen an einem bestimmten Punkt unseres Reflektionsprozesses. Wir sind unterschiedlich sozialisiert, uns betreffen verschiedene Diskriminierungsformen, wir haben verschiedene Wissensstände und ich möchte nicht diejenige sein, die andere Leute verurteilt und sagt: „Oh no, guck mal, was du nicht weißt!“ Denn genau da stand ich auch mal. Wie also kann ich die Leute mitnehmen und als Unterstützer*innen gewinnen, die verstehen, dass sich etwas ändern muss?

Das kann ich nur machen, indem ich immer wieder bei mir anfange und frage: Wie gehe ich mit einem Thema um? Wie gehe ich damit um, dass ich Teil der Unterdrückung anderer Menschen bin? Denn das bin ich, indem ich beispielsweise Kleidung und Lebensmittel kaufe und an der hässlichen Seite des Kapitalismus partizipiere. Davon kann ich mich nicht frei machen. Wenn ich gut sein will, muss ich gut handeln. Und das bedeutet auch, sanft und zart mit mir zu sein. Und geduldig zu sein. Hätte ich früher manches besser gewusst, hätte ich es besser gemacht. Aber ich wusste es nicht. Ich habe mich gebildet, ich habe innerliche Kämpfe mit mir ausgefochten. Und ich sage es gleich vorweg: Es ist nicht lustig oder angenehm, moralisch zu handeln. Und du kriegst dafür auch keinen Preis und wirst auch nie durch eine Finish Line laufen. Es ist ein ständiger Prozess, der immer wieder an deine Schuldgefühle und deine Scham ran will, der immer wieder Wut und Trauer auslöst – das alles sind starke Emotionen, die dich davon abhalten können, das Richtige zu tun. Ich versuche radikal zart zu bleiben, weil eine psychologische Auseinandersetzung entscheidend ist, um politische Arbeit zu machen.

Es ist nicht lustig oder angenehm, moralisch zu handeln. Und du kriegst dafür auch keinen Preis und wirst auch nie durch eine Finish Line laufen. Es ist ein ständiger Prozess, der immer wieder an deine Schuldgefühle und deine Scham ran will, der immer wieder Wut und Trauer auslöst.

Wie kommen deine Offenheit und dein politisches Engagement online bei anderen an?

Ich bekomme tatsächlich zu 90 Prozent positives Feedback. Die anderen 10 Prozent sind jedoch oft sehr unangenehm. Wenn du als weiblich gelesener Mensch sagst: Ich bin okay und ich möchte atmen, hast du schnell Maskulinisten vor dir, deren Reaktionen von Vergewaltigungsfantasien bis zu Morddrohungen reichen. Das ist eine Realität, mit der sich sehr viele weiblich gelesene Menschen konfrontiert sehen oder Menschen, die sich für die Freiheit aller Menschen einsetzen – vor allem die, die tagtäglich in der politischen Arbeit aktiv sind. Du brauchst ein Sicherheitskonzept, denn anscheinend leben wir in einer Gesellschaft, in der es nicht okay ist, einfach nur zu sein.

Wie sieht dein Sicherheitskonzept aus?

Ich versuche, ganz rigoros und konsequent Accounts zu blockieren, zu melden, Screenshots zu machen und diese weiter zu leiten – wenn ich die Kapazitäten habe. Grundsätzlich versuche ich mir immer wieder zu vergegenwärtigen, was soziale Medien eigentlich sind und welche Verantwortung ich dort übernehme. Aber auch, worüber ich keine Kontrolle habe. Und damit meine ich strukturelle Gewalt und Hate gegenüber Frauen und allen marginalisierten Menschen. Und dann in den Intersektionen: weiblich und dick, weiblich und Schwarz und so weiter.

Ich habe das Gefühl, dass sich derzeit vieles tut, allerdings auf beiden Seiten. Melodie Michelberger, die gerade ihr Buch „Body Politics“ veröffentlicht hat, sagt beispielsweise, dass sie sich eine dicke Disney Prinzessin wünscht. Dieser Wunsch reicht aus, um der Gewalt von Internet-Trollen ausgesetzt zu werden.

Wenn man so etwas bei anderen Frauen mitbekommt, kann man ja durchaus Angst haben, dass einem Ähnliches widerfährt, wenn man sich als Frau politisch äußert. Was rätst du anderen Frauen und jungen Mädchen? Wie können sie lauter werden und sich engagieren?

Sehr viele Frauen sind schon wahnsinnig laut. Die Frage ist, ob man sie hören will. Ganz aktuelles Beispiel: die Diskussion über den Impfstoff AstraZeneca und dessen Thromboserisiko. Während Frauen, die seit Jahren auf das Thromboserisiko durch die Einnahme der Pille hinweisen, ignoriert werden, ist der Protest im Falle des Impfstoffs groß, weil das Risiko alle Menschen einschließt. Die Pille hat so massive Nebenwirkungen auf die Gesundheit von Frauen und es interessiert nicht. Wir leben im patriarchalen System.

Andererseits muss man aber auch nicht immer öffentlich sein, um politisch aktiv zu sein. Alles, was du tust, ist politisch, dein ganzes Leben ist politisch. Alles, was du sagst, ist politisch. Wenn du also aktiv werden willst, solltest du genau entscheiden, wie du deine Energie investieren willst und überlegen, welche Unterstützung du dir suchen kannst, wenn du dabei mit Hate konfrontiert wirst. Nicht umsonst hat das „Frieda Frauenzentrum“ eine Sonderstelle für Cybermobbing und Cyberstalking eingerichtet. Weil das etwas ist, wovon Frauen überproportional betroffen sind, wenn sie in den sozialen Netzen unterwegs sind. Wieder andere werden online Opfer von Revenge Porn – oder was Menschen sonst alles machen, um Frauen zu erniedrigen und Gewalt auszuüben.

Wir erleben in Deutschland jeden Tag, dass ein Mann versucht, seine Ex-Partnerin zu töten. Jeden dritten Tag ist dieser Versuch erfolgreich. Bei einer solch massiven Gewalt an Frauen kann ich durchaus nachvollziehen, laut zu sein in einer Gesellschaft, die dich dazu sozialisiert, leise und gefällig zu sein. Laut zu sein ist aber nicht easy, denn du bekommst sofort einen Konterschlag. Egal in welchem Alter und egal, was du sagst.

Das Interview führt femtastics-Autorin Marie Krutmann (links).

Body Positivity hört nicht dadurch auf, dass du mehr Freiheit gewonnen hast oder mehr Liebe zu deinem Körper gefunden hast. Das ist cool, aber solange du nicht die gleiche Liebe und Freiheit für andere Körper empfindest, weiß ich nicht, ob das tatsächlich Body Positivity ist.

Dennoch tut sich aktuell viel. Auf Instagram sorgen zum Beispiel Posts unter dem Schlagwort #BodyPositivity für viel Aufsehen. Wie bewertest du diese Bewegung und die Tatsache, dass auch vermehrt schlanke Frauen diese für sich beanspruchen?

Es gibt eine allgemeine Definition von Body Positivity, die sagt, dass es sich um eine politische Bewegung handelt, die marginalisierte Körper, besonders Schwarze, große Körper, in den Fokus stellt, wenngleich innerhalb der Body Positivity-Bewegung alle Körper politisch sind. Demzufolge sind auch alle Körper in der Bewegung willkommen. Wichtig ist, nicht zu vergessen, dass die Bewegung aus der Fatacceptance-Bewegung entstanden ist.

Der Kern ist jedoch, dass es eine antirassistische, feministische, antikapitalistische Bewegung ist, die gegen die Ausgrenzung von behinderten Menschen, von Transmenschen, von marginalisierten Menschen ist. Wenn man also body positive sein will, dann muss man diese Kategorien mitdenken. Angefangen mit der Sprache, die man inklusiver gestalten muss und der Überlegung, wie man sich selbst positioniert. Wer bin ich und wo ist mein Platz innerhalb dieser Bewegung? Es besteht die Gefahr, dass diese Bewegung – wie so viele – von weißen Cis-heterosexuellen Frauen vereinnahmt wird.

Ja, auch sie erleben Diskriminierung, aber nicht ansatzweise in der Quantität und Qualität wie Schwarze, fette Frauen oder Schwarze, fette, behinderte Frauen. Das ist eine ganz andere Dimension und da geht es um die Verantwortung jeder einzelnen. Wenn du Teil dieser Bewegung werden willst, dann kann das Ziel nicht nur sein, dass es dir nützt. Es muss allen Menschen nützen. Und es hört nicht dadurch auf, dass du mehr Freiheit gewonnen hast oder mehr Liebe zu deinem Körper gefunden hast. Das ist cool, aber solange du nicht die gleiche Liebe und Freiheit für andere Körper empfindest, weiß ich nicht, ob das tatsächlich Body Positivity ist. Ich würde sagen, nein.

Begriffe wie “fett” oder “dick” gelten in unserer Gesellschaft oft als abwertend. Wie stehst du dazu? Wie würdest du gerne von anderen bezeichnet werden und welche Begriffe empfindest du diskriminierend?

Ich selbst durchlaufe immer wieder Lernprozesse und wurde kürzlich darauf hingewiesen, dass ich eine bestimmte Person nicht korrekt bezeichnet habe. Deshalb ist es meiner Meinung nach das Allerwichtigste, die betreffende Person zu fragen – vorausgesetzt das bietet sich überhaupt an – wie sie sich selbst bezeichnen möchte. Denn nicht jede Person, die einen großen Körper hat, fühlt sich damit wohl, als fett oder dick bezeichnet zu werden. Es stellt sich aber auch immer die Frage: Warum spreche ich dieses Thema an? Welches Interesse steckt dahinter? Es sollte kein Voyeurismus entstehen.

Dick und fett sind eigentlich nur beschreibende Worte, genauso wie dünn. Aber dünn wird gleichgesetzt mit schön und gesund. Demzufolge gilt dick als das Gegenteil von dünn, sowie als Gegenteil von schön und gesund. Wenn du die Intention hast, Menschen nicht zu diskriminieren, lohnt es sich, sich diesbezüglich etwas mehr einzulesen und zu schauen, welches Wort welche Bedeutung hat und in welchem Kontext es welche Konnotationen hat. Gleichzeitig gilt auch: Sprache ist fließend, weshalb sich die Bedeutungen immer wieder ändern. Ich persönlich habe die Bezeichnung „fett“ für mich gewählt, als Reclaiming. Es ist ein Sichtbarmachen von dem, was ich bin und ein Sichtbarmachen von dem, was das Gegenüber über das Wort „fett“ denkt. Manche Menschen straucheln, wenn sie dieses Wort aus meinem Mund hören und sagen dann reflexartig etwas wie: „Aber du bist doch hübsch!“. Ja, ich bin hübsch – und fett. Wieso ist es entscheidend, ob ich hübsch bin oder nicht? Warum ist das so wichtig für einen weiblich gelesenen Menschen?

Ich finde, wir sollten alle mehr darüber nachdenken, wie viel Raum wir Schönheit geben und warum das problematisch ist. Frag dich selbst: Wie möchte ich behandelt werden? Wie möchte ich, dass die Leute mit mir umgehen, wenn es um meine Identität geht? Und ich glaube, dann kommen wir auf einen guten Nenner.

Vielen Dank für das inspirierende Gespräch, Mary!

 

Hier findet ihr Maria González Leal:

 

Layout: Kaja Paradiek

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