Zur Startseite
Familie

Realitätscheck: So läuft gleichberechtigte Elternschaft wirklich

04. Februar 2026

geschrieben von Gastautor*in

Elena Berchermeier über gleichberechtigte Elternschaft

Elternschaft kann zwar unbeschreiblich schön sein, sollte aber nicht romantisiert werden. Wichtig ist, über Gleichberechtigung und faire Aufteilung zu sprechen – genau das macht femtastics Autorin Elena Berchermeier, die seit letztem Jahr Mutter ist, zusammen mit ihrem Partner. Unverblümt und mit konkreter Benennung der Aufgabenverteilung. Wo stehen sie heute? Für uns hat sie einen Lagebericht und ihre Learnings aufgeschrieben.

"Wieso wird kaum darüber gesprochen, wie man sich die Elternschaft vorstellt? Insbesondere, was die Aufteilung von Care-Arbeit, Finanzen und Mental Load angeht?"

Können wir bitte vor der Geburt über die Aufteilung von Care-Arbeit sprechen?

Wenn man über 30 und in einer Beziehung ist, kommt gefühlt von allen Seiten ständig die Frage, wann man denn Kinder bekomme? Dass das ebenso übergriffig wie überflüssig ist, sollte selbstredend sein. Stattdessen frage ich mich, wieso kaum darüber gesprochen wird, wie man sich die Elternschaft vorstellt? Insbesondere, was die Aufteilung von Care-Arbeit, Finanzen und Mental Load angeht? Es ist so wichtig, offen und vor allem vor der Schwangerschaft über diese Themen zu sprechen.

Mir war diese Planung enorm wichtig, noch bevor mein Partner und ich überhaupt an Eisprung-Tracking oder Ähnliches gedacht haben. Wir wollten unsere eigenen Regeln etablieren, haben diese durch etliche Diskussionen festgelegt und mit dem positiven Schwangerschaftstest schließlich besiegelt.

"Wir sprechen in unserem Jour fixe zwar auch über Gefühle, aber vor allem über Planung, Aufteilung und unsere gemeinsamen wie individuellen Ziele."

Die wirklich wichtigen Fragen in Bezug auf Elternschaft

Folgende Fragen haben mein Partner und ich uns dabei gestellt:

  • Wie stellen wir uns unser Leben mit Kind vor?
  • Wer übernimmt wieviel Care-Arbeit – und wer kann wie viele Stunden im Job reduzieren?
  • Wie teilen wir unsere Finanzen auf?
  • Wie soll der Support durch meine Familie aussehen?

Fast forward: Mittlerweile ist unsere Tochter sieben Monate alt und unser Alltag zwar noch weit davon entfernt, easy und routiniert abzulaufen, aber es gibt ein paar Basics, die für uns unabdingbar sind.

Dafür haben wir seit Neuestem sogar einen monatlichen Jour fixe. Das klingt ultra unromantisch. Und das ist es auch. Wir sprechen zwar auch über Gefühle, aber vor allem über Planung, Aufteilung und unsere gemeinsamen wie individuellen Ziele. So sprechen wir immer wieder ganz rational über den Status quo.

"Ich habe mir genau überlegt, an welchem Punkt meiner Karriere ich etwas flexibler sein kann und dennoch nicht finanziell abhängig werde."

Wie teilen wir unsere Finanzen auf?

Diese Frage wurde uns bisher erstaunlich selten gestellt – obwohl sie für mich die entscheidendste ist. Mein Freund arbeitet festangestellt, ich bin freiberufliche Journalistin. Das heißt, dass ich mir wirklich genau überlegt habe, an welchem Punkt meiner Karriere ich etwas flexibler sein kann und dennoch nicht finanziell abhängig werde. Konkret sieht unsere finanzielle Situation so aus, dass mein Freund jeden Monat ein festes Gehalt hat und ich ständig schwankende Honorare. Weil uns ein fixer Betrag daher unfair erschien, zahlen wir beide jeweils ein Drittel des monatlichen Einkommens, also aller Honorare, Gehälter und Boni, auf ein Gemeinschaftskonto.

Das Thema Geld liegt eher in meiner Verantwortung, das heißt, ich lege immer wieder etwas zum Sparen beziehungsweise für Reisen auf die Seite und weiß auch, wann größere Anschaffungen realistisch betrachtet drin sind.

Wie viel arbeiten wir?

Obwohl mein Freund vor einem Jahr eine Führungsposition übernommen hat, hat er seine Arbeitszeit auf 30 Stunden pro Woche gekürzt. Weniger war erstmal nicht drin, aber so hat er zwei freie Nachmittage und einen freien Vormittag, den er mit unserer Tochter und Care-Arbeit verbringt. Als Freiberuflerin bin ich flexibler. Das heißt, ich arbeite zu seinen freien Zeiten und zudem oft abends, weil ich da am kreativsten bin, und immer mal am Wochenende. Wenn weniger ansteht, haben wir auch mal unter der Woche einen freien Nachmittag zusammen.

"Wir haben mit meinen Eltern ganz offen darüber gesprochen, wie wir hier zusammenleben wollen."

Wie sieht unser Support aus?

Vor knapp zwei Jahren haben wir die Wohnung meiner Großeltern auf dem Land renoviert und wohnen jetzt seit eineinhalb Jahren mit meinen Eltern in einem Haus. Dieser Umzug war eine ganz bewusste Entscheidung in Sachen Familienplanung. Denn ganz ehrlich, ohne diesen Support müssten wir uns natürlich anders aufteilen.

Wir haben mit meinen Eltern ganz offen darüber gesprochen, wie wir hier zusammenleben wollen. Ich bin selbst in einem Mehrgenerationenhaus mit meinen Großeltern aufgewachsen. Das bedeutet, dass das Aufpassen nicht konkret benannt, sondern einfach als fließender Übergang gelebt wurde.

Genauso wollten wir es auch machen. Unsere Tochter ist mal alleine bei meiner Mama, mal sind wir dabei. Mal kochen wir bei uns und essen hier, mal bei meinen Eltern. Wenn wir abends essen gehen oder Freund*innen treffen, übernehmen meine Eltern. Und auch bei alltäglichen Aufgaben wie Haushalt unterstützt uns meine Mama aktiv und mein Papa macht die abendliche Hunderunde.

Aber ganz ehrlich: Obwohl das wirklich harmonisch abläuft, bitten wir auch hier immer aktiv um Hilfe, wenn wir beispielsweise Urlaubsplanung machen oder unseren Jour fixe haben. Wenn meine Eltern etwas vorhaben oder planen, hat das Priorität. Es ist also ein Zusammenspiel aus gemeinsamer Zeit und regelmäßiger Planung – wofür ich nicht dankbarer sein könnte.

"Wir checken beide regelmäßig, ob wir genug Fieberzäpfchen oder andere Medikamente haben."

Mental Load – oder auch: Wo sind die Fieberzäpfchen?

Als wir zwei Tage vor der Geburt noch bei einer Lesung von Evelyn Weigert zu ihrem neuen Buch “Peace, Moms” waren, hat sie noch halb sarkastisch, halb ernst darüber gesprochen, dass wohl die wenigsten Männer* wissen, wo der Fiebersaft der Kids ist. Ich weiß, dass das bei vielen Realität ist – bei uns nicht.

Es gibt To-dos wie Gläschen, Windeln und Kleidung kaufen, die ich komplett übernehme. Weil es mir Spaß macht, mich darum zu kümmern und ich es generell mag, mich um Lebensmittel und Einkäufe zu kümmern. Gerade in schlaflosen Nächten liebe ich es, Schnäppchen für Kinderkleidung auf “Vinted” zu schießen.

Umgekehrt klärt mein Freund alle Aufgaben rund um Bürokratie, Passbeantragung, Kita-Anmeldung und Elterngeld. Wir checken beide regelmäßig, ob wir genug Fieberzäpfchen oder andere Medikamente haben. Bei den Terminen bei der Kinderärztin ist er meistens dabei und weiß genauso über die Gesundheit unserer Tochter Bescheid wie ich.

"Dadurch, dass ich knapp vier Wochen nach der Geburt abgestillt habe, gab es keine Aufgabe mehr, die mir exklusiv zugeordnet werden konnte."

Daily Business – wie sieht Gleichberechtigung im Alltag aus?

Noch vor der Geburt und wenn wir erzählt haben, wie wir uns aufteilen wollen, kam meistens die gleiche Reaktion: Als Mann* könne man doch gar nicht so viel machen. Vor allem am Anfang. Ich sag mal so: Wenn man keinen Bock hat, läuft das wohl so.

Dadurch, dass ich knapp vier Wochen nach der Geburt abgestillt habe, gab es keine Aufgabe mehr, die mir exklusiv zugeordnet werden konnte. Windeln wechseln, füttern, kuscheln, spielen, spazieren gehen, Einschlafbegleitung machen, Buch anschauen, singen, baden, eincremen und noch mehr. All das machen wir beide. Tag und Nacht. Mal gemeinsam, mal abwechselnd.

"Jetzt klingt das ein bisschen so, als würde es perfekt laufen. Tut es safe nicht."

Reality Check: Läuft es wirklich so perfekt?

Jetzt klingt das ein bisschen so, als würde es perfekt laufen. Tut es safe nicht. Denn neben den Aufgaben teilen wir auch die Erschöpfung durch schlaflose Nächte und das Zubereiten der Flaschenmilch. Es gibt genauso immer wieder Abende, die von Weinen geprägt sind – vor allem ich habe anfangs oft vor Erschöpfung geweint – und da kann es natürlich vorkommen, dass man sich mal anmeckert. Die wichtigste Regel ist: Was in solchen Situationen gesagt wird, bleibt auch in dieser Situation und wird nicht im Nachhinein übel genommen.

Und natürlich gibt es auch Phasen, in denen unsere Tochter nur zu mir möchte und das ist okay. Im Hintergrund gibt es ja trotzdem jede Menge Aufgaben, die erledigt werden müssen. Auch das ist Gleichberechtigung. Es geht weniger darum, jedes To-do 50/50 zu teilen, sondern eine faire Verteilung zu finden. Zusätzlich ist es durch meine Endometriose so, dass ich an manchen Tagen kaum Energie habe, um mich zu kümmern. All das ist Teil unserer Realität.

Immer, wenn ich gefragt werde, wie es ist, ein Kind zu haben, sage ich: Ich bin unfassbar glücklich und sehr müde. Zu diesem Glück gehört aber eben nicht nur unser Kind, sondern mein Partner, meine Eltern, mein Bruder, unser Hund und unser Zusammenleben. Das macht die Müdigkeit sehr oft wett, wenn wir alle zusammen am Tisch sitzen und es genau in diesem Moment dann doch sehr perfekt ist.

Text: Elena Berchermeier