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Familie

Warum transracial Adoptionen aus dem Ausland problematisch sind

07. Januar 2026

geschrieben von Lisa van Houtem

Elli Maryama Manneh über Auslandsadoptionen

Elli Mariyama Manneh wird 2001 als einjähriges Baby illegal in Gambia über eine katholische Mission adoptiert. Sie kommt zu einer streng katholischen Familie mit sechs leiblichen Kindern nach Brandenburg. Hier ist sie die einzige Schwarze, hat keinen Zugang zu ihrer Kultur oder Herkunftsfamilie und wird mit ihren Erfahrungen von Othering und Rassismus vollkommen allein gelassen.

Im Alter von 17 zieht Elli zu Hause aus. Sie stellt den Kontakt zu ihrer Herkunftsfamilie in Gambia her und erfährt Ungeheuerliches über die Umstände ihrer Adoption. Heute lebt sie in Hannover in einem persönlichen Umfeld, in dem fast alle Schwarz sind, und klärt über die Problematik von Auslandsadoptionen auf. Kann eine transracial Auslandsadoption überhaupt sinnvoll sein? Elli sagt ganz klar nein - und erklärt dies im Interview.

"Die Ganzheitlichkeit der Emotionen der Adoptierten wird vollkommen ausgeblendet."

femtastics: Auslandsadoptionen sind immer wieder Thema in Filmen und Serien, hauptsächlich weiße Menschen adoptieren Kinder im Ausland, woraufhin meist Harmonie pur folgt. Werden Auslandsadoptionen in unserer Gesellschaft romantisiert?

Elli Mariyama Manneh: Total. Die Ganzheitlichkeit der Emotionen der Adoptierten wird vollkommen ausgeblendet. Im Adoptionssystem selbst und in der Medienwelt liegt der Fokus so gut wie immer auf den Adoptierenden, ihrem Umfeld und ihrer Perspektive. Die Betroffenenperspektive der Erstfamilie und der Adoptierten fällt weg oder wird in einem antagonistischen Pendant dargestellt zur “richtigen” Perspektive der Adoptiveltern.

Es ist ein klares Machtgefälle?

Genau. Gerade die Erstfamilie wird oft als “die Bösen” dargestellt, die Familien zerstören, weil sie ihr Kind wieder zurück haben wollen.

"Meine Familie wurde durch Fehlinformation manipuliert."

Du bist selbst adoptiert. Unter welchen Umständen hat deine Adoption stattgefunden?

Ich wurde im Jahr 2000 in Gambia geboren. Einige Monate nach meiner Geburt ist meine Mama gestorben und ich wurde sehr krank, weil ich keine andere Milch angenommen habe und unterernährt war. Ich hatte eine Pflegemama aus dem gleichen Dorf meiner Familie, die viel mit mir im Krankenhaus war. Sie hat sich zusammen mit meiner Tante um mich gekümmert. Es gab eine weiße, katholische Mission aus Polen, an deren Nonnen sie sich hilfesuchend gewendet haben.

Die Obernonne beschloss, dass ich nach Europa kommen soll. Es gab zwei Adoptionsverfahren, das gambische vor Ort und später ein deutsches.

Wurde deine Familie bei diesem Prozess eingebunden?

Ja, aber sie wurden durch Fehlinformation manipuliert. Meine Tante kann nicht lesen und schreiben. Meine Pflegemama hat alles geglaubt, was die Nonne - eine weiße Glaubensperson, die es zu respektieren galt - gesagt hat, ohne es zu hinterfragen. Meine Tante hat per Fingerabdruck unterschrieben, dass ich für ein Jahr nach Deutschland komme, damit ich gesundheitlich stabilisiert werden kann. Danach sollte ich zurückkehren.

Das war der Nonne aber nicht genug und sie hat drei Tage später von meinen Großeltern verlangt, dass ich für immer adoptiert werden kann. Dabei sieht das gambische Adoptionsrecht vor, dass ein Kind spätestens ab dem achten Lebensjahr mindestens alle zwei Jahre nach Gambia zu seiner Familie zurückkommt.

"In Gambia kappen wir keine Verbindungen zur Herkunftsfamilie und entziehen ihnen auch nicht ihre Rechte."

Warum ist das so und inwiefern unterscheidet sich das gambische Adoptionsrecht da vom deutschen?

Es geht darum, dass die Verbindung des Kindes zur eigenen Familie und Kultur aufrechterhalten wird. Nach gambischem Recht gibt es keine geschlossene Adoption, sondern nur die offene. Offen heißt, dass der Kontakt und die Ansprüche gegenüber der Herkunftsfamilie bestehen bleiben. Nach gambischem Recht kann das Kind bei einer anderen Person leben, die sich um das Kind sorgt, aber die Herkunftsfamilie weiß immer, wo das Kind ist und hat auch Kontakt zur anderen Familie. So adoptieren wir in unseren Communitys. Wir kappen keine Verbindungen zur Herkunftsfamilie und entziehen ihnen auch nicht ihre Rechte.

Eine geschlossene Adoption, oder auch Volladoption, so wie in Deutschland üblich, ist das komplette Gegenteil. Der Kontakt und alle Ansprüche an die Herkunftsfamilie werden gekappt. Es gibt keine Pflicht für die Adoptivfamilie, Kontakt zur Herkunftsfamilie zu halten. Rechtlich wird das Adoptivkind gleichgestellt wie ein leibliches Kind. Mein Geburtsname wurde gestrichen und ich habe den Namen meiner Adoptiveltern bekommen. Ich habe die gleichen Erbschaftsansprüche wie meine Adoptivgeschwister etc. Und es bedeutet, dass ich erst mit 16 Jahren meine Adoptionsunterlagen einsehen darf.

Wie verlief es rechtlich bei dir?

Ich wurde nach gambischem Recht in Gambia adoptiert. Zu dem Zeitpunkt, zu dem ich nach Deutschland gekommen bin, ging es mir übrigens gesundheitlich längst wieder gut. Mit einem Jahr bin ich 2001 in Deutschland eingereist. Sobald wir hier waren, haben meine deutschen Adoptiveltern mit Hilfe der Nonne die Adoption nach gambischem Recht angefochten.

Was war ihre Motivation? Waren ihnen die Fakten des gambischen Adoptionsrechts bekannt?

Meine Adoptivmutter sagt bis heute, sie wusste das alles nicht - allerdings hat sie die Anfechtungspapiere ja unterschrieben. In meinen Adoptionspapieren steht, dass meine Adoptiveltern einem Kind helfen und einen Beitrag zum interkulturellen Austausch leisten möchten. Meine Adoptivmutter hat gesagt, dass sie immer schon ein Schwarzes Kind haben wollte und der Mann meiner Mutter meinte, das würde sich gut in der Kirche machen.

"Ich habe meiner Adoptivmutter ein Ultimatum gestellt und gesagt: Entweder du bildest dich jetzt antirassistisch weiter, oder ich kann diese Beziehung nicht mehr führen."

Wie ist dein Verhältnis zu deinen Adoptiveltern heute?

Der Mann meiner Mutter ist 2018 verstorben. Damit hat sich bei mir eine Erleichterung eingestellt, weil dieser Mann eine Person war, die mich jahrelang emotional, psychisch und körperlich missbraucht hat. Mit seinem Tod hat sich bei mir ein Gefühl von Freiheit eingestellt. Die Beziehung zu meiner Adoptivmutter ist deutlich besser, wir hatten aber auch mal zwei Jahre lang keinen Kontakt.

Ich habe ihr irgendwann ein Ultimatum gestellt und gesagt: Entweder du bildest dich jetzt antirassistisch weiter, oder ich kann diese Beziehung nicht mehr führen. Sie sagte, das sei ihr zu anstrengend und dann haben wir zwei Jahre lang nicht wirklich miteinander gesprochen. Heute tauschen wir uns eher oberflächlich aus, über meine Adoption kann ich gar nicht mit ihr sprechen.

Du hast deine biologische Familie später ausfindig machen können. Hast du dafür Kontakt zu der verantwortlichen Nonne aufgenommen?

Ich habe sie mit 19 Jahren kontaktiert, um den Kontakt zu meiner Familie herzustellen. Das hat sie dann auch gemacht. Ich konnte mit meinen Verwandten telefonieren und bin 2020 das erste Mal hingeflogen. Es war ein unglaubliches Gefühl, zum ersten Mal Menschen gegenüber zu stehen, die so aussehen wie ich. Seitdem fliege ich alle zwei Jahre hin. Ich bin eine von wenigen, die zurückgekommen sind. Die meisten Kinder sind “lost children” und kommen nie wieder zurück.

Später habe ich von meiner Herkunftsfamilie erfahren, dass mein leiblicher Vater in Dakar lebt und es noch weitere Verwandte gibt. Mir wurde mein Leben lang erzählt, dass mein Vater ein niemand sei und kein*er wisse, wo er sich befinde - und, dass meine Oma väterlicherseits gestorben sei. Völlig aufgebracht habe ich daraufhin die Nonne kontaktiert, die antwortete, ich solle das nicht glauben. Sie hat in mir Zweifel gesät, dass dies ausgedacht sei, damit der vermeintliche Vater mir gegenüber Ansprüche stellen kann. Ich habe ihr das aber nicht abgenommen.

Tatsächlich war es so, dass mein Vater, nachdem ich damals nach Deutschland gebracht wurde, zu der Nonne gegangen ist und mich zurückhaben wollte. Sie hat geantwortet, dass, wenn er das nötige Geld hätte, sie mich zurückholen könne.

"Kolonialismus, Christentum und Adoptionen - egal, ob transracial Adoptionen, Auslands- oder Innenlandsadoptionen - gehen Hand in Hand."

Was war aus deiner Sicht das Hauptmotiv der Nonne damals für ihr Handeln? Waren das religiöse Gründe?

Das plus White Saviorism. Kolonialismus, Christentum und Adoptionen - egal, ob transracial Adoptionen, Auslands- oder Inlandsadoptionen - gehen Hand in Hand. Die Geschichte von transracial Adoption geht darauf zurück, dass mit der Kolonialisierung Afrikas und der Entstehung des Sklavenhandels Schwarzen Frauen* aus christlichen Gründen der Wohltätigkeit die Kinder weggenommen wurden. Sie wurden an andere Christen verschenkt. Das Narrativ war, man würde den Kindern somit ein besseres Leben mit christlichen Werten ermöglichen.

Hinzu kam die rassistisch-sexistische Erzählung, Schwarze Frauen* seien nicht in der Lage, ihre Kinder zu erziehen. Das ist die Geburtsstunde von transracial Adoptionen. Viele christliche Organisationen fungieren bis heute als Adoptionsvermittlungsagenturen.

Das heißt, White Saviorism und Klassismus sind die Hauptmotive von weißen Menschen, Kinder mit einer anderen Hautfarbe bzw. aus Drittländern zu adoptieren?

Ja. Es ist extrem niedrigschwellig, Kinder über Adoptionsvermittlungsagenturen aus dem Ausland zu adoptieren. Es ist sicherlich kostspielig, die Kosten lassen sich teilweise öffentlich einsehen. Menschen, hauptsächlich aus der Mittelschicht, nehmen Kredite auf, um ein Kind zu adoptieren. Es ist viel einfacher als innerdeutsch zu adoptieren, weil in den Herkunftsländern die Infrastrukturen fehlen, um diese Kinder zu schützen.

Die meisten innerdeutschen Adoptionen sind Stiefkindadoptionen. Dass Deutsche ihr Kind zur Adoption freigeben, ist höchst selten. On top ist das deutsche Elternrecht sehr strikt geregelt. Diese Schutzmechanismen für Eltern gibt es in vielen Ländern so nicht.

"Der beste Platz für ein Kind ist bei seinen Eltern, eine Trennung von den eigenen Eltern kann einen immensen Schaden anrichten."

Kann eine Auslandsadoption aus deiner Sicht überhaupt sinnvoll sein für das betreffende Kind - oder lehnst du es komplett ab?

Es kann dann sinnvoll sein, wenn es eine innerfamiliäre und informelle Adoption ist. So, wie wir es jahrhundertelang gemacht haben. Also zum Beispiel, wenn eine Cousine im Ausland ein Kind aufnimmt.

Der beste Platz für ein Kind ist bei seinen Eltern, eine Trennung von den eigenen Eltern kann einen immensen Schaden anrichten. Damit sage ich nicht, dass alle Kinder, die jemals von ihren Eltern getrennt wurden, völlig am Ende sind - es gibt immer Ausnahmen. Aber die Frage, warum kann ich nicht bei meinen Eltern bleiben, die bleibt. Wenn ich dann wenigstens noch Familienmitglieder und meine Kultur um mich habe, ist das ein riesengroßer Unterschied, als zu völlig fremden Menschen in ein fremdes Land verfrachtet zu werden. Das sollte immer die allerletzte Instanz sein! In den meisten Fällen hätte es immer noch eine andere Möglichkeit gegeben.

Der Fokus müsste viel mehr darauf liegen, dass Eltern bestärkt und unterstützt werden, dass es gelingt, ein Kind großzuziehen. Und auch Waisenkinder sollten möglichst in ihren Communitys bleiben, um nicht entwurzelt zu werden?

Das Thema “Waisenkinder” ist ein sehr heißes Thema in Afrika. 80% der afrikanischen Kindern, die als Waisen gestempelt werden, sind gar keine Waisen. Auch ich wurde so gelabelt. Wie kann ich ein Waisenkind sein, wenn ich einen Vater, Tanten und Großeltern habe? In Gambia ist es so: Wenn meine Schwester ein Kind bekommt, dann ist das auch mein Kind.

Und selbst wenn ein Kind nicht in dem betreffenden Land bleiben kann, nehmen wir als Beispiel Sudan oder Kongo, dann ließe sich doch überlegen, ob Familienmitglieder das Kind begleiten können oder ob es alternativ Menschen aus dem betreffenden Land vor Ort in Deutschland gibt, die das Kind aufnehmen können. Warum wird nicht in den Communitys gefragt? Ich verstehe, dass es Ausnahmesituationen gibt oder dass Kinder manchmal nicht in einem bestimmten Umfeld bleiben können, aber warum ist der erste Ansatz immer, das Kind zu “Karin und Peter” zu geben?

"Ich möchte ändern, dass Menschen wie ich sich allein fühlen."

Du sagst, dass du erst als Erwachsene erfahren hast, dass du Schwarz bist. Was meinst du damit, bzw. wie sieht die Lebensrealität insbesondere von Schwarzen Menschen aus, die von weißen Menschen adoptiert werden?

Ich wurde als Schwarzes Kind komplett allein gelassen mit meinen Themen. Wenn mir überhaupt eine Idee gegeben wurde, wer ich als Schwarze Afrikanerin bin, dann war dies immer eine kolonialistische Version: Wir sind ja alle so naturverbunden, tanzen wild, tragen alles auf dem Kopf - das wurde mir gesagt und über Fotos und Filme vermittelt. Es gab nur eine einzige Schwarze Person in meinem Umfeld und das war die Moderatorin Shari Reeves aus dem Kinderfernsehen.

Andersrum war ich die erste Schwarze Person, zu der mein Umfeld Kontakt hatte. Meine ursprüngliche Kultur wurde zu Hause nicht gelebt. Es gab kein Verständnis von Rassismus und Macht. Gleichzeitig ist es krass, welchen Zugang zu Privilegien du als Schwarzes Adoptivkind von weißen Eltern hast, aber die gibt es eben nur, wenn deine Adoptiveltern ihre Privilegien für dich nutzen bzw. wenn du mit ihnen bist. Ich war auf einer katholischen Privatschule und habe meinen Führerschein bezahlt bekommen. Aber meine Realität, als Schwarzes Kind auf dem Gymnasium gemobbt zu werden oder als Schwarze Frau Auto zu fahren, war ja ein ganz andere und dafür gab es kein Verständnis. Ich wurde zu Hause nicht empowered.

Was möchtest du heute mit deiner Stimme ändern?

Ich möchte ändern, dass Menschen wie ich sich allein fühlen. Das möchte ich nicht mehr. Es ist so wichtig, andere Schwarze Menschen zu treffen, die von Weißen adoptiert wurden - nachdem du jahrzehntelang mit deiner mentalen Gesundheit gestruggelt hast und nicht wusstest, dass wir alle die gleichen Erfahrungen gemacht haben. Es gibt so viele von uns. Und ich will, dass unsere Stimmen gehört werden und dass über dieses Thema gesprochen wird.

Hier findet ihr Elli Maryama Manneh:

Foto: Elli Maryama Manneh