Nicht zu spät, sondern genau jetzt: Schwanger mit über 40
20. Februar 2026
geschrieben von Lisa van Houtem

Schwanger mit über 40 – für viele noch immer ein Anlass für Stirnrunzeln, medizinische Risikokategorien und ungefragte Kommentare. Dabei ist späte Mutterschaft längst gelebte Realität für zahlreiche Frauen*, die Ausbildung, Karriere, Gesundheit, Beziehung oder schlicht das Leben selbst nicht in einen normierten Zeitplan pressen wollen.
In ihrem persönlichen Text erzählt femtastics Co-Gründerin Lisa van Houtem von ihrer unerwarteten dritten Schwangerschaft mit 42 - von Freude, Angst, gesellschaftlichen Zuschreibungen und der Frage, wem eigentlich die Deutungshoheit über "den richtigen Zeitpunkt" für Kinder zusteht.
"Geschockt und durcheinander war ich nur kurz. Zwei Minuten vielleicht."
Geschockt und durcheinander war ich nur kurz. Zwei Minuten vielleicht. Dann stellte sich sofort eine große Freude oder, nun ja, vielmehr eine zaghafte Hoffnung ein. Denn ein positiver Schwangerschaftstest - diese Erfahrung musste ich leider schon machen – bedeutet noch lange nicht Gewissheit. (Bevor ihr fragt: Ja, auf natürliche Weise, Perimenopause und schwanger werden is a thing).
Hat das Leben also einen anderen, neuen Plan
Mein Freund hat ebenfalls ganz kurz geschluckt und sich dann sofort und sehr doll mit mir gefreut. Und ja, er ist für mich der zentrale Faktor, warum ich sofort positiv auf diese neue Entwicklung schauen konnte. Das liegt zum einen daran, dass er 13 Jahre jünger ist als ich und zum anderen daran, dass er aus einem Kulturkreis kommt, in dem Familie und Kinder nicht nur mit einer anderen Art von Selbstverständlichkeit einhergehen, sondern auch Sicherheit bedeuten bzw. in der kriegsgebeutelten Vergangenheit des betreffenden Landes bedeutet haben (Ausnahmen bestätigen wie immer die Regel).
Anders gesagt: Es ist ziemlich cool und bestärkend (und verdammt sexy!), einen Menschen an der Seite zu haben, der so selbstverständlich und kompromisslos nicht nur für sich selbst, sondern für andere Verantwortung übernimmt und einfach mal mit 30 Jahren Vater von drei Kindern sein wird - und das, obwohl (oder gerade wegen?) er von mehrfacher Diskriminierung betroffen ist.
Als „späte Mutter“ habe ich mich anfangs nicht betrachtet
Das liegt in erster Linie daran, dass späte Mutterschaft immer normaler wird. So hat mich unser empowerndes Gespräch für unseren „femtastics Podcast“ mit Andrea Kubasch, die mit 48 Mutter von Zwillingen wurde, nachhaltig bewegt. Ebenso die Tatsache, dass meine Urgroßmutter ihr fünftes Kind im Alter von 49 bekommen hat.
In Deutschland wurden 2022 5,1 % aller Geburten von Frauen* über 40 vollzogen. Der Anteil hat sich in gut zwei Jahrzehnten mehr als verdoppelt. Allerdings liegt die Wahrscheinlichkeit, mit 40 Jahren spontan schwanger zu werden, unter 10 %, mit 42 Jahren unter 5 %. Auch diese Zahlen müssen an dieser Stelle genannt werden.
"In keiner meiner Schwangerschaften habe ich mich so fit gefühlt wie in dieser dritten mit 42 Jahren."
Fun fact: In keiner meiner Schwangerschaften habe ich mich so fit gefühlt wie in dieser dritten mit 42 Jahren. Okay, fairerweise sei gesagt, dass ich glücklicherweise in keiner Schwangerschaft mit Übelkeit zu kämpfen hatte. Allerdings wurde meine erste Schwangerschaft und Babyzeit von einer zur Geburt hin gravierend werdenden Herzvorerkrankung inkl. Herz-OP überschattet, meine zweite Schwangerschaft von der Pandemie.
Die Sache mit dem Alter
In dieser dritten Schwangerschaft wird mein Alter nur zum Thema, sobald ich mich im Gesundheitssystem befinde, für dessen engmaschige Betreuung ich unfassbar dankbar bin, bitte nicht falsch verstehen. Absolutes Highlight bisher war die Geburtsanmeldung im Krankenhaus, bei der mehrfach der Satz fiel „… normalerweise handhaben wir es so, aber in IHREM Alter …“, was mich trotz aller medizinischen Berechtigung etwas bedröppelt zurückließ, schließlich deckt sich dieses Label so gar nicht mit meinem bisherigen Empfinden ob dieser so unkomplizierten Schwangerschaft.
"Ein drittes Kind war lange nicht geplant, wenn auch nicht vollkommen ausgeschlossen."
Gedanken darüber, wie wenig gemeinsame Zeit ich mit meinem Kind auf diesem Planeten haben werde, mache ich mir allerdings schon. Diese Trauer verspüre ich aber zugegeben seit meinem ersten Kind, das ich mit 35 Jahren auf die Welt gebracht habe. Aber hey, again, dafür ist der Papa ja jung und wer weiß schon, was die Zukunft bringen wird? (Außer vielleicht die Wechseljahre, in die ich vermutlich nach der Stillzeit crashen werde. Vor diesem tiefen Fall habe ich tatsächlich Respekt.)
Aber wieso eigentlich Kinder – und dann auch noch drei?
Ein drittes Kind war lange nicht geplant, wenn auch nicht vollkommen ausgeschlossen. Meine beiden Kinder sind sieben und fast fünf. Die ersten zwei Jahre, nachdem mein jüngstes Kind geboren wurde, hätte ich mir ein weiteres Kind überhaupt nicht vorstellen können. Zu gravierend ist die Umstellung von einem auf zwei Kinder, insbesondere wenn der Altersabstand bei zwei Jahren liegt.
"Ich habe meinen Lebenssinn darin gefunden, für andere, sehr kleine und sehr zauberhafte Wesen Verantwortung zu übernehmen."
Es sind politisch merkwürdige Zeiten, in denen wir leben. Und ja, ich bin mir vollkommen bewusst darüber, wie privilegiert wir unser Leben leben im Vergleich zu sehr vielen Menschen, die tagtäglich von existenziellen Sorgen betroffen sind. Ich habe – wie so viele andere Menschen jeher – meinen Lebenssinn darin gefunden, für andere, sehr kleine und sehr zauberhafte Wesen Verantwortung zu übernehmen. Mit allem, was dazu gehört.
Ciao, Ego!
Ich empfinde es als absolut positiv für meine persönliche Entwicklung, mein Ego für eine Zeit mal gehörig in den Hintergrund zu verfrachten (jajaja, natürlich nicht zu weit, schon klar) und andere Menschen - die nicht der*die Beziehungspartner*in sind, eine gesunde Beziehung hält das safe aus - in den Mittelpunkt zu stellen (das kann und sollte man natürlich auch mit Menschen tun, die nicht die eigenen Kinder sind, logisch).
"Meistens sind es die äußeren, strukturellen Umstände rund um Kapitalismus und Lohnarbeit, die im Alltag extrem stressen – und nie die Kinder selbst."
Und überhaupt: Was auf die Frage danach, ob man Kinder will oder nicht, ja viel zu selten geantwortet wird, ist, dass kleine Menschen, so wie sie sind, einfach toll sind. Dass man gerne in ihrer Nähe ist und sie für eine Zeit begleiten will, weil man sie super cool und faszinierend findet, ohne auch nur irgendwas von ihnen zu erwarten oder irgendeinen Vorteil unmittelbar daraus für sich zu ziehen. Und dass es neben fehlender Gleichberechtigung in der Elternschaft meistens die äußeren, strukturellen Umstände rund um Kapitalismus und Lohnarbeit sind, die im Alltag extrem stressen – und nie die Kinder selbst.
Das Bonusbaby und ich
Wenige Wochen vor der Geburt habe ich das Gefühl, ich würde noch ein Bonusbaby geschenkt bekommen. Eines, das ich voll und ganz genießen kann, auch, weil die beiden älteren Kinder dann in die (Vor-)Schule gehen und zumindest keine kurzfristigen Kita-Schließungen mehr drohen.
"Ich habe mich bewusst für zwei Jahre Elternzeit entschieden."
Ich habe mich das erste Mal bewusst für zwei Jahre Elternzeit entschieden, weil ich zwei Mal erfahren habe, wie rasend schnell die Babyzeit vergeht. Eine Zeit, die so nie wiederkommt. Und wie sehr es mir (und ich spreche hier ausdrücklich nur für mich, wohlwissend, dass es anderen Eltern anders geht) Bauchschmerzen bereitet hat, nach 12 Monaten die Kita-Eingewöhnung mit dem damit verbundenen Abschied zu starten, der sich – so viel Ehrlichkeit darf sein – immer viel zu früh und nicht richtig angefühlt hat. (Was ganz eventuell auch mit der Qualität der jeweiligen Einrichtung zu tun hatte.)
Wird es finanziell und kognitiv herausfordernd? Ja, sicherlich und ich weiß nicht genau, wie wir es schaffen. Aber das ist es mir wert, auch, die eigenen Ansprüche für eine Zeit weiter runterzuschrauben. Denn das größte private (nicht strukturelle!) Privileg – so viel Pathos sei an dieser Stelle erlaubt – in meinem Leben ist es, die Mutter meiner Kinder zu sein (ja, selbst in einem so kinderfeindlichen Land wie Deutschland).