Toxisch reich: Wie extremer Reichtum die Demokratie gefährdet
27. Januar 2026
geschrieben von Lisa Aschenbrenner

Reichtum ist mehr als ein privates Glück – er ist eine gesellschaftliche Machtfrage. Sebastian Klein, Autor des Buchs „Toxisch reich“ und Gründer von „Karma Capital“, beschäftigt sich damit, wie extreme Vermögenskonzentration unsere Demokratie bedroht.
Als 2023 "Blinkist" verkauft wurde, ein Unternehmen, das Sebastian Klein mitgegründet hatte, beschloss er, 90% seines gesamten Privatvermögens aufzugeben und gemeinnützig zu widmen. Sein Unternehmen „Karma Capital“ setzt sich heute für einen verantwortungsvolleren Umgang mit Vermögen ein als Beitrag zu strukturellem Wandel. Im Gespräch erzählt er, warum er selbst lange seine Privilegien nicht sah, welche Gefühle Geld in uns auslöst – und warum er glaubt, dass wir dringend einen neuen Umgang mit Reichtum brauchen.
"Menschen haben mir erzählt, dass sie das Versprechen der angeblichen Leistungsgesellschaft in Deutschland nicht glauben."
femtastics: Du schreibst in deinem Buch, dass dir deine Privilegien lange nicht bewusst waren: als Gründer, als Mann*, als Teil eines progressiven Milieus. Gab es einen Moment, in dem dir klar wurde: Ich bin nicht nur Beobachter, ich bin Teil des Problems?
Sebastian Klein: Mir hat der Austausch mit Menschen geholfen, die weniger privilegiert gestartet sind als ich. Sie haben mir erzählt, dass sie das Versprechen der angeblichen Leistungsgesellschaft in Deutschland nicht glauben.
Ich habe relativ lange an die Leistungsgesellschaft geglaubt, weil das System für mich ja irgendwie funktioniert hat. Und wie die meisten Menschen habe ich in Bubbles gelebt, in denen Menschen sich recht ähnlich sind, in meinem Fall waren das immer recht privilegierte Menschen. In Berlin und in der Welt der Sozialunternehmer*innen sind mir viele Menschen begegnet, die ganz anders gestartet sind. Es hat mich beschämt zu hören, wie viel schwerer sie es hatten, sich was aufzubauen, welche Räumen ihnen verschlossen bleiben, in die ich immer schon ganz selbstverständlich gehen konnte.
Dass ich gemerkt habe, dass ich Teil des Problems bin, liegt an Thomas Pikettys Buch “Das Kapital im 21. Jahrhundert“. Er zeigt ziemlich klar auf, welche Bedrohung für unsere Gesellschaft von der extremen Vermögenskonzentration ausgeht. Während ich das Buch gelesen habe, bin ich selbst immer reicher geworden und auch wenn diese Einsicht sehr unangenehm war: Irgendwann fühlte ich mich als Teil des Problems.
"Irgendwann fühlte ich mich als Teil des Problems."
Welche Bedrohungen für unsere Gesellschaft sind das?
Wir leben in einer Gesellschaft, in der kaum über Geld gesprochen wird, obwohl Geld alle Lebensbereiche dominiert. Diese Gleichzeitigkeit führt dazu, dass wir sehr viele Glaubenssätze mit Geld verbinden, die uns oft nicht bewusst sind. Und Geld löst natürlich komplexe Gefühle in uns allen aus, das schließt mich mit ein.
Dass wir in Deutschland so viel Wohlstand geschaffen haben, der aber nur wenigen Menschen zu Gute kommt, dass in der Welt vor allem Milliardäre den Klimawandel vorantreiben und Demokratien zerstören, das macht mich wirklich wütend. Und es macht mich gleichzeitig optimistisch zu sehen, dass viele Menschen diese Sicht teilen, und ins Handeln kommen wollen.
Verantwortung zu teilen ist schwer – besonders, wenn Einfluss oder Vermögen im Spiel sind. Warum fällt es Menschen so schwer, Kontrolle abzugeben?
Oft denkt man eben doch, man wüsste es besser als die anderen. Beim Thema Geld führt das dazu, dass Überreiche wirklich glauben, sie wüssten besser, wo Geld hinfließen soll als der Staat, als unsere demokratisch legitimierten Vertreter*innen. Dass dieses Denken vorherrscht, hat auch mit antidemokratischer Lobbyarbeit zu tun, die uns den Staat als grundsätzlich unfähig und verschwenderisch verkaufen will.
Wenn wir aber sehen, was Milliardäre mit ihrem Geld machen, wissen wir, dass es viel besser und vor allem demokratisch ist, wenn gewählte Vertreter*innen entscheiden. Was mir hilft, Kontrolle abzugeben: Ich erinnere mich selbst daran, dass es mir letztlich immer darum geht, andere in ihrer Eigenverantwortung zu stärken. Das heißt, ich möchte, dass andere auch ohne mich handeln können. Ich muss sie in die Position bringen, dass sie entscheiden können.
"Wir müssen ein neues Verständnis von Reichtum und Wohlstand definieren."
Reichtum zu kritisieren ist das eine, etwas wirklich zu verändern, das andere. Was müsste passieren, damit sich gesellschaftlich wirklich etwas verschiebt? Und wie kann man mitwirken?
Es geht letztlich darum, wie wir unsere komplette Wirtschaft und Gesellschaft so umgestalten können, dass menschliches Handeln wieder mit planetaren Grenzen im Einklang ist. Dazu gehört auch, dass wir ein neues Verständnis von Reichtum und Wohlstand definieren.
Momentan ist das Wachstum des BIP unsere Zielgröße als Gesellschaft. Alles andere muss sich diesem Ziel unterordnen, obwohl wir wissen, dass das BIP-Wachstum überhaupt nichts darüber aussagt, ob es Mensch und Planeten gut geht. Es misst nur, wie gut es dem Kapital geht, wie gut es sich weiter ausbreiten, Ressourcen verwerten und dabei das Klima aufheizen kann.
Wenn wir keinen Weg finden, von diesem selbstzerstörerischen Kurs runter zu kommen, dann wird es zwangsläufig einen großen Zusammenbruch geben, nach dem Menschen sicher auf vernünftigere Steuerungsgrößen als das BIP kommen werden. Mir wäre lieber, wenn wir es ohne diesen großen Kollaps schaffen.
"Grundlage unserer Arbeit ist immer die Frage: Wie können wir Geld so einsetzen, dass es maximale Wirksamkeit entfaltet?"
„Karma Capital“ setzt sich für einen verantwortungsvolleren Umgang mit Vermögen ein als Beitrag zu strukturellem Wandel. Wie kann Kapital so eingesetzt werden, dass es nicht nur für, sondern mit der Gesellschaft wirkt?
Grundlage unserer Arbeit ist immer die Frage: Wie können wir Geld so einsetzen, dass es maximale Wirksamkeit entfaltet? Um das sicherzustellen, formulieren wir für alles, was wir tun, klare Impact-Thesen: Einerseits für unsere Investments, aber auch für unsere gemeinnützige Arbeit und unsere Spenden.
Wir stellen Unternehmen in Verantwortungseigentum Kapital zur Verfügung, denn wir glauben, dass diese Unternehmen einen wichtigen Beitrag leisten können, die Ungleichheitskrise und die ökonomische Spaltung der Gesellschaft zu überwinden.
Außerdem unterstützen wir gemeinwohlorientierte Medienunternehmen, weil wir glauben, dass unsere demokratische Gesellschaft eine starke Medienwelt braucht. Deshalb investieren wir gezielt in diese Unternehmen und sind außerdem Mitgründerin des "Media Forward Fund", der Medienunternehmen mit philanthropischem Kapital fördert.
Und wie verhindert man, dass alte Machtmuster – oft männlich geprägt – sich dabei einfach neu verpacken?
Ich merke in der Praxis, wie sehr die Welt des Kapitals, aber auch die Welt der Philanthropie geprägt ist von traditionellen Machtstrukturen. Wir versuchen bei „Karma Capital“ unser Bestes, um Entscheidungsprozesse immer so zu gestalten, dass möglichst viele Perspektiven einfließen. Konkret heißt das zum Beispiel, dass meine Mitgründerin Theresa im Lead für unseren größten Fonds ist, auch unsere Finanzrolle ist weiblich besetzt.
Im Hiring achten wir sehr auf Diversität und auch bei den Investment-Entscheidungen: Wir investieren nur in Ausnahmefällen in rein männliche, nicht-migrantische Gründungsteams. Ein weiteres Beispiel, das mir einfällt: Nach der Gründung habe ich unser wöchentliches Regel-Meetings moderiert, bis eine Werkstudentin anmerkte, dass dadurch viel Macht bei mir konzentriert sei. Seitdem moderiert sie unsere Regel-Meetings. Ich denke, es gibt viele kleine Stellschrauben, an denen sich ansetzen lässt, man muss es nur machen.
Hier findet ihr Sebastian Klein:
Foto: Jan Philipp Welchering