Ciao, toxische Männlichkeit: So werden Cis-Männer zu feministischen Verbündeten

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25. April 2022

Patriarchale Strukturen bestimmen maßgeblich das öffentliche und private Leben. Alltagssexismus, die Überpräsentation von Männern und ihren Sichtweisen und demzufolge die überwältigende Unsichtbarkeit von nicht-männlichen Personen in vielen Bereichen sind feste Bestandteile unseres Alltags. Um dies zu durchbrechen, braucht es nicht nur das Engagement von Personen, die unter diesen Strukturen leiden, sondern insbesondere die Arbeit von den Menschen, die von patriarchalen Strukturen jeden Tag (unbewusst) profitieren können. femtastics-Autorin Luise Rau schreibt, wie Cis-Männer zu feministischen Verbündeten werden können.

Was mache ich mit dem Wissen um meine männlichen Privilegien? Wie reagiere ich, wenn mir Frauen von sexuellen Übergriffen und sexistischen Kommentaren erzählen?

Es braucht feministische Arbeit von Männern

… aber selbst diejenigen, die zu einem großen Teil feministisch aufgeklärt sind, patriarchale Muster und toxische Männlichkeit durchschauen und aufbrechen wollen, kommen eventuell immer wieder an einen Punkt, an dem sie nicht wissen, wie sie sich als privilegierte Person des Systems verhalten sollen. Was mache ich mit dem Wissen um meine männlichen Privilegien? Wie reagiere ich, wenn mir Frauen von sexuellen Übergriffen und sexistischen Kommentaren erzählen? Ist es okay, auch mal überfordert zu sein, nicht mehr weiter zu wissen und das auszudrücken? Und bin ich ein schlechter Feminist, wenn ich doch mal bei mir selbst toxische Männlichkeitsmuster erkenne?

Für diese Fragen kann ich weder kurze klare Antworten noch allgemeingültige Regelungen formulieren. Aber ich kann von meinen Erfahrungen, Erwartungen und Ratschlägen als Feministin in einer patriarchalen Gesellschaft berichten. Zudem habe ich mit Christoph May, dem Co-Gründer des „Instituts für Kritische Männlichkeit“, gesprochen. Mit seinen Seminaren möchte er anderen Männern dabei helfen, sich stärker und kritischer mit der eigenen Männlichkeit auseinanderzusetzen. Und auch er versucht beständig weiter daran zu arbeiten, sich selbst auf internalisierte patriarchale Denkmuster zu überprüfen.


Als weiblich gelesene Person in einer männlich dominierten Welt gehören für mich sexistische Kommentare, die sich auf mein Äußeres, meine Handlungen oder meine weibliche Existenz an sich beziehen, zum Leben dazu. Sich diesem Umstand immer wieder in den unerwartetsten Momenten stellen zu müssen, ist nicht nur verletzend und kräftezehrend, sondern zerstört manchmal meine gesamte Hoffnung darauf, dass wir das Patriarchat als Gesellschaft irgendwann überwinden werden. Diese Hoffnung kann ich nur wiederherstellen, wenn ich mit feministischen und empathischen Menschen über derartige Situationen und Gefühle spreche – und zwar nicht nur mit Frauen* und anderen diskriminierten Geschlechtern, sondern eben auch mit den Männern, die selbst nicht mehr Teil des Problems, sondern Teil der feministischen Lösung sein wollen. Doch ich habe oft erlebt, dass auch unter feministischen Männern offenbar eine Unsicherheit herrscht, wie man sich in diesen Situationen am besten verhält.



Vielleicht fühlst du dich selbst als Mann angegriffen oder hast ein schlechtes Gewissen, weil du früher selbst einmal sexistische Gedankenstrukturen unreflektiert reproduziert hast? Vielleicht hast du das Gefühl, dich entschuldigen zu müssen, weil du demselben Geschlecht wie der Täter angehörst? Eine solche Unsicherheit ist ohne Frage berechtigt, sollte für dich in diesem Moment jedoch nicht im Vordergrund stehen. Stattdessen solltest du Gedanken und Zweifel zunächst möglichst beiseiteschieben und erst einmal nur Eines tun: Zuhören.

Gib Frauen*, Inter- und Transsexuellen und nicht-binären Personen (kurz FLINTAs) den nötigen Raum, von sexistischen Erlebnissen jeder Art zu berichten und sei als Verbündeter präsent. Empathie, Nähe und Sicherheit sind in solchen Momenten das Wichtigste, das du geben kannst. Wenn die andere Person dazu bereit ist, kannst du im Gespräch deine Unsicherheit ansprechen und eventuell genau nachfragen, was sie in solchen Momenten von dir erwartet. Vermeide es jedoch, diesen Aspekt zu früh und zu dominant anzuführen: So läufst du Gefahr, wieder die männliche Sichtweise ins Zentrum zu stellen und den Bericht der diskriminierten Person an die Seite zu drängen.


Akzeptiere, dass es für dich als männlich sozialisierte Person in diesem Fall Dinge gibt, die du nie ganz nachvollziehen kannst, mit denen du aber trotzdem auf emphatische Weise umgehen kannst.
Eine solche Herangehensweise gilt auch für andere Szenarien, zum Beispiel für Situationen, die unser Sex-Leben betreffen. Als weiblich sozialisierte Person habe ich selbst gespürt, wie stark patriarchale Denkweisen in unsere intimsten Handlungen hineinragen und wie viel Arbeit es kostet sich beim Sex von männlichen Sichtweisen und Idealen zu befreien. Wenn dir deine Sexpartnerin von ähnlichen Sorgen berichtet, gilt auch hier zunächst: Zuhören. Vielleicht fragst du dich verständlicherweise sofort, was du ändern kannst und ob du irgendetwas falsch gemacht hast. Doch auch hier geht es nicht in erster Linie um dich, sondern um die Probleme einer Person, die unter patriarchalen Erwartungshaltungen leidet.

Vielleicht fühlst du dich auch unwohl und nicht ganz so feministisch, weil deine Beziehung oder deine Familie Gender-Klischees reproduziert. Das kann sich darin äußern, dass du arbeiten gehst, während die Frau* zuhause bleibt und die Kinder behütet. Oder darin, dass du bei Fahrradtouren immer voranfährst und den Weg vorgibst. Dann solltest du natürlich das Gespräch suchen und in Erfahrung bringen, wie die andere Seite dazu steht. Doch auch als Feministin kann man sich in solchen traditionellen Rollen wohlfühlen. Und auch innerhalb von traditionellen Konstrukten kannst du als Mann feministisch leben.

Bei Feminismus geht es nicht darum, möglichst progressiv zu erscheinen, sondern es zu sein

Und das bedeutet, dass nicht nur Männer, sondern alle Geschlechter selbstbestimmt leben können, die Wahl zwischen verschiedenen Optionen haben und dann aber auch nicht für die Wahl einer traditionelleren Lebensweise verurteilt werden. Deine Freundin dazu zu überreden, doch bitte mal vorzufahren, obwohl sie es gar nicht möchte, wäre dann genau die falsche Herangehensweise. Zielführender ist es, die Wahl zu akzeptieren und gleichzeitig bereit zu sein, das Zepter in anderen Momenten an deine Freundin abzugeben beziehungsweise es nicht immer sofort an dich reißen zu wollen.

Männer müssen viel kritikfähiger werden und sich mit ihrer eigenen Männlichkeit auseinandersetzen.

Christoph May formuliert die grundlegende Aufgabe von Männern im Kampf gegen das patriarchale System folgendermaßen: „Männer müssen viel kritikfähiger werden und sich mit ihrer eigenen Männlichkeit auseinandersetzen.“ Das kann nur gelingen, wenn du auch nach vielen Jahren feministischer Lektüre nicht aufhörst, dich mit Perspektiven von FLINTAs zu umgeben und diese verstehen zu wollen – auch wenn du misogynes Verhalten und patriarchale Unterdrückung nie am eigenen Leib zu spüren bekommen wirst. Dafür rät May nicht nur im Alltag öfter mit FLINTAs zusammenzuarbeiten, sondern auch das Konsumverhalten dementsprechend zu ändern. Umgibt man sich alltäglich mit Büchern, Musik und Filmen, die von Männern produziert, geschrieben und kreiert worden sind, fällt man als Mann leicht wieder in globale männliche Netzwerke zurück. May empfiehlt deshalb, sich bewusst mit kulturellen Produkten zu umgeben, die von FLINTAs geschaffen wurden, um so internalisierte männliche Denkmuster aufzubrechen. Das heißt natürlich nicht, dass du nie ein Buch von einem männlichen Autor lesen sollst – jedoch ist es essentiell für einige Zeit männliche Narrative zu meiden, um mehr Platz für die Geschichten anderer Geschlechter zu schaffen.

Feminismus ist keine To-Do-Liste, die du irgendwann abgehakt hast und auch kein Wettbewerb, den du mit Glanzleistung bestehen musst.

Selbstkritik ist also einer der wichtigsten Pfeiler für feministische Verbundenheit. „Bevor Männer beginnen, Frauen, Inter-, Trans- und nicht binäre Personen zu kritisieren, sollten sie mit der Kritik immer erst einmal bei sich selbst anfangen“, findet May. Genauso wichtig ist es jedoch zu akzeptieren, dass man eventuell hin und wieder Fehler machen wird. Es sollte für dich nicht darum gehen, feministischer Perfektionist zu werden. Feminismus ist keine To-Do-Liste, die du irgendwann abgehakt hast und auch kein Wettbewerb, den du mit Glanzleistung bestehen musst. Laut May ist Feminismus eine Lebensaufgabe. Eine Lebensaufgabe, die beinhaltet, dass du dein Handeln und deine Gedanken kontinuierlich reflektierst und gegebenenfalls auf patriarchale Muster hinterfragst. Auch wenn du dich bereits seit zehn Jahren mit Feminismus beschäftigst, wirst du vielleicht trotzdem hin und wieder Anflüge von toxischer Männlichkeit in deinem Gedankengut entdecken. Zum Beispiel, wenn du dich fragst, ob du „männlich genug“ aussiehst oder dich im Fitnessstudio gegenüber anderen Männern behaupten willst. Vielleicht hast du auch schon unabsichtlich FLINTAs mit unüberlegten Bemerkungen verletzt. Dann ist es wichtig, nicht frustriert aufzugeben, sondern Fehler einzugestehen, sich auch mal schlecht und schuldig zu fühlen, sich bei der betroffenen Person zu entschuldigen und weiter lernen zu wollen. Feministische Arbeit kostet Zeit, Mühe und Anstrengung, weil du dich nun mal gegen das dominant-gesellschaftliche System bewegst.


Sich dann ab und zu überfordert zu fühlen und das im passenden Moment auch mal zu sagen, ist okay. Aber vergiss nicht, dass es für unterdrückte Geschlechter noch deutlich anstrengender ist! Sich bei diesen Gruppen zu entlasten, ist oft problematisch. In dem Fall ist es zielführender, wenn du das Gespräch mit anderen Männern suchst und ihr diese Gedanken und Gefühle gemeinsam reflektiert. Denn egal wie viele Zweifel und Unsicherheiten euch in der feministischen Auseinandersetzung begegnen – auch May betont, dass der gesamte Planet nach wie vor ein einziger safe space für Männer ist. Umso wichtiger ist es, dass wir nicht aufhören dafür zu kämpfen, dass er endlich auch zu einem safe space für alle anderen Geschlechter wird – und das geht nur gemeinsam.

Text: Luise Rau

Teaserfoto: istockphoto/Ridofranz

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