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Feminismus

Elterngeldreform: Warum gemeinsame Zeit nach der Geburt zum Luxus wird

09. Juli 2026

geschrieben von Sarah Kessler

Elterngeldreform: Warum gemeinsame Zeit nach der Geburt zum Luxus wird

Es gibt viele gute Gründe, gegen die geplante Elterngeldreform zu sein. Familienministerin Karin Prien (CDU) will die Bezugsdauer von 14 auf zwölf Monate kürzen, und auch die Verteilung soll sich ändern. Väter sollen künftig mindestens drei statt bisher zwei Monate Elternzeit nehmen, sonst verfällt der Anspruch der Familie auf diese Monate. Über einen Aspekt der Reformpläne wird bisher kaum gesprochen, findet femtastics-Autorin Sarah Kessler. Ein Kommentar.

Ein Rückschritt für Familien und das Gegenteil von Gleichberechtigung

Mein "Instagram"-Feed rastet zu Recht aus wegen der geplanten Elterngeldreform (lies: -kürzung) von Bundesfamilienministerin Karin Prien. Und das aus vielen Gründen. Neben der geplanten Kürzung des Höchstbezugs von 14 auf zwölf Monate soll sich auch die Verteilung des Elterngeldes ändern. Erklärtes Ziel der Reform ist es, dass auch Väter mehr Elternzeit nehmen. Dafür sollen künftig drei Monate Elterngeld für jedes Elternteil fest reserviert werden. Werden diese Monate nicht genutzt, verfallen sie.

Das Problem: Viele Familien können es sich schlicht nicht leisten, dass der besserverdienende Elternteil länger zu Hause bleibt. Und weil in Deutschland immer noch Männer* mehr Geld für die gleiche Arbeit bekommen (fuck you, Gender Pay Gap), trifft das besonders häufig Väter. Nimmt der Vater seine reservierten Monate deshalb nicht, gehen sie in Summe verloren. Die Familie erhält dann statt zwölf nur noch neun Monate Elterngeld. Dass der Rechtsanspruch auf einen Kita-Platz erst ab dem ersten Geburtstag gilt? Egal!

"Für viele Familien wird der gemeinsame Monat nach der Geburt faktisch unbezahlbar."

Doch selbst Familien, die es schaffen, die neuen Regeln zu erfüllen und auf die vollen zwölf Monate Elterngeld zu kommen, trifft die Reform noch an einer anderen Stelle. Dann gibt es trotzdem keinen einzigen Monat mehr, in dem beide gleichzeitig Elterngeld beziehen können – jedenfalls nicht, wenn die Familie auf diese zwölf Monate angewiesen ist. Denn der gemeinsame Bezugsmonat fehlt später am Ende. Und genau dort klafft wieder die Lücke zwischen dem Ende des Elterngeldes und dem Anspruch auf einen Kita-Platz. Für viele Familien wird der gemeinsame Monat nach der Geburt damit faktisch unbezahlbar.

Unsere Geschichte: 13 Monate gemeinsame Elternzeit im Wochenbett

Let me tell you: Auf Platz zwei der Sachen, mit denen man vor anderen frischgebackenen Eltern besser nicht angibt, steht, wie entspannt die erste Zeit mit Baby eigentlich war (gleich hinter guten Nächten). Und trotzdem sage ich es jetzt: Wir sind von unserer Wolke 7 zu dritt gar nicht mehr runtergekommen. Das lag aber nicht daran, dass wir das entspannteste Baby der Welt haben (okay, es war schon ein ziemliches Chiller-Baby), sondern vor allem an einer Entscheidung, die sich viele gar nicht leisten können: Mein Mann ist für 13 Monate in Elternzeit gegangen. Das heißt: Während meines gesamten Mutterschutzes war mein Mann ebenfalls zu Hause. Wir waren von Anfang bis Ende zusammen im Wochenbett.

Diese gemeinsame Zeit hat unsere ersten Wochen nicht einfach schöner gemacht. Sie hat sie gesünder gemacht – vor allem für mich, die Mutter. Sobald sich ein Moment der Überforderung eingestellt hat, war immer der andere da. Kein Warten darauf, dass mein Mann von der Arbeit nach Hause kommt und ich endlich einmal allein zur Toilette gehen kann. Kein Ausharren, obwohl zehn Minuten alleine an der frischen Luft oft schon gereicht hätten. Bevor Überforderung groß werden konnte, konnte einer den anderen entlasten.

Das klingt nach kleinen Momenten. Tatsächlich geht es um viel mehr. Die ersten Wochen nach der Schwangerschaft und Geburt gehören zu den verletzlichsten Phasen im Leben einer Mutter und das Wochenbett ist keine Erholungsphase. Es ist eine Zeit körperlicher Heilung, hormoneller Umstellung und emotionaler Ausnahmesituation. Ob Unterstützung verfügbar ist oder nicht, entscheidet mit darüber, ob Erschöpfung, Einsamkeit und Überforderung aufgefangen werden – oder sich festsetzen.

Der Effekt hält an: Gleichberechtigte Bindung zu beiden Eltern

Diese gemeinsame Zeit hat noch etwas bewirkt, das bis heute geblieben ist: Weil wir beide von Beginn an gleich präsent waren, lässt sich unser inzwischen Kleinkind von beiden Eltern gleich gerne ins Bett bringen. Es gibt keine eindeutige Hauptbezugsperson. Diese gleichberechtigte Elternschaft lässt sich kaum etablieren, wenn einer von Beginn an, an fünf von sieben Tagen arbeiten ist. Für sie wird der Grundstein direkt nach der Geburt gelegt.

Ja, auch aktuell kann man nur einen Monat parallel Elterngeld beziehen. Wir haben uns diesen Luxus richtig was kosten lassen. Schon heute ist gemeinsame Elternzeit in Deutschland also ein Privileg und kein Regelfall. Die Reform würde dieses Privileg jedoch für viele Familien vollständig unerreichbar machen.

"Gemeinsame Zeit nach der Geburt wird zum Luxus. Und damit auch das, was aus ihr entsteht: Gesundheit, Bindung und ein gleichberechtigter Start ins Familienleben."

Genau deshalb ist die geplante Reform so gravierend. Wer den gemeinsamen Monat nach der Geburt nutzt, bezahlt ihn später mit einem Monat weniger Elterngeld. Für Familien, die bis zum ersten Geburtstag auf diese Unterstützung angewiesen sind, ist das keine echte Wahl. Der gemeinsame Monat wird zwar nicht offiziell gestrichen. Er wird schlicht unbezahlbar.

Die angekündigte Erhöhung des Elterngeldes um zehn Prozent ist angesichts der gleichzeitigen Kürzungen vor allem eins: ein Hohn. Und selbst die klingt großzügiger als sie ist: Der Mindestbetrag steigt von 300 auf 330 Euro. Beim Höchstbetrag sind es gerade einmal 5,6 Prozent (1.800 Euro auf 1.900 Euro). Klingt nach großzügiger Familienpolitik, ist aber vor allem PR.

Fazit zur Elterngeldreform: Sparpolitik statt Familienpolitik

Kurz: Diese Reform ist ein Rückschritt für Familien und das Gegenteil von Gleichberechtigung. Wer finanziell abgesichert ist, wird sich gemeinsame Zeit im Wochenbett auch künftig kaufen können. Wer es nicht ist? Tja, hier müssen Mütter halt alleine klarkommen. Genau das vertieft soziale Ungleichheit, statt sie abzufedern.

Die Botschaft dieser Reform ist erschreckend klar: Gemeinsame Zeit nach der Geburt wird zum Luxus. Und damit auch das, was aus ihr entsteht: Gesundheit, Bindung und ein gleichberechtigter Start ins Familienleben.

Und das ist keine Familienpolitik. Das ist Sparpolitik auf Kosten der Familien.

Foto: Julia Löhning, "Canva"