"Nur Ja heißt Ja": Wie schaffen wir eine Konsenskultur, Düzen Tekkal und Kristina Lunz?
07. Juli 2026
geschrieben von Gastautor*in

Die Autorinnen und Aktivistinnen über die patriarchale Schieflage unserer Sexkultur was sich jetzt ändern muss
"Nur Ja heißt Ja": Diese Woche, am 10. Juli, berät der Bundesrat über die Einführung eines konsensbasierten Sexualstrafrechts. Das würde bedeuten: Entscheidend ist künftig, ob es eine aktive und freiwillige Zustimmung zu sexuellen Handlungen gab. Und nicht wie bisher, ob Betroffene sich ausreichend gewehrt haben und das beweisen können.
Warum die "Nein ist Nein"-Regelung zwar ein wichtiger Schritt war, aber nicht länger ausreicht. Und wie eine Gesellschaft aussehen würde, die auf Konsens basiert, beschreiben Kristina Lunz und Düzen Tekkal in ihrem Buch "Wer hat euch erlaubt, Frauen so zu hassen?". Die Autorinnen und Aktivistinnen fordern: Schluss mit Gewalt gegen Frauen*, Schluss mit dem Täterschutz. Sie haben nach dem Fall Collien Fernandes zehn konkrete Forderungen an die Bundesregierung gestellt und verleihen ihnen mit diesem Buch Nachdruck. Ein Auszug.
Wie würde eine Kultur aussehen, die auf Konsens basiert?
Aktuell gibt es in unserer Gesellschaft alles andere als eine Konsenskultur. 2013 sang Robin Thicke seinen großen Hit "Blurred Lines" mit den Zeilen "I know you want it / I know you want it / I know you want it / You're a good girl" – und machte damit klar: Egal, was sie sagt, sie muss nur erobert werden, sie will es doch auch (...). Die Idee, dass männliches Begehren hartnäckig genug sein müsse, um weiblichen Widerstand zu überwinden, wurde millionenfach mitgesungen, getanzt und kulturell normalisiert.
Daran hat sich bis heute erschreckend wenig geändert. Stattdessen hat KI neue Möglichkeiten geschaffen, Grenzüberschreitungen und Missbrauch so einfach wie nie zuvor zu organisieren – durch Nudify-Apps, Deepfakes oder unterwürfig programmierte Chatbots, die weibliche Unterordnung simulieren und verstärken. Die Grenzüberschreitung ist längst nicht mehr nur gesellschaftlicher Standard. Sie wird zunehmend als technologischer Fortschritt rationalisiert.
"Ob man vorm Vorspiel einen Vertrag unterschreiben muss?"
Auf wie viel Widerstand eine echte Konsenskultur stößt – also eine Kultur, in der klar ist, dass nur ein aktives Ja auch wirklich Ja bedeutet –, merke ich immer wieder in Gesprächen mit Männern. Gespräche, die ich, Kristina, nicht suche, die Männer aber immer wieder suchen, sobald sie erfahren, wofür ich einstehe.
Ein Beispiel von Anfang 2016: Es war kurz nach dem Abschluss meines zweiten Masterstudiums in Oxford und während der Vorbereitungen für die "Nein heißt Nein"-Kampagne zur Änderung des deutschen Sexualstrafrechts, als ich bei einem exklusiven Recruiting-Abendessen eines großen Beratungsunternehmens mit anderen Bewerber:innen von Eliteuniversitäten saß. Für große Beratungsunternehmen sind Absolvent:innen solcher Hochschulen attraktiver Nachwuchs, weshalb ich – wie viele meiner Kommiliton:innen – diese Angebote annahm. Als ich an der Reihe war, mich vorzustellen, sprach ich natürlich über mein Engagement, das mir sehr viel bedeutete.
"Der Widerstand gegen Konsenskultur (...) tarnt sich als vermeintlich pragmatischer Einwand: 'Wie soll man das beweisen?', 'Was ist mit der Romantik?', 'Das ist doch unrealistisch.'"Kristina Lunz und Düzen Tekkal
Einen der Berater beschäftigte das anscheinend derart, dass er beim informellen Teil des Abends das Gespräch mit mir suchte und mir seine Meinung mitteilen musste: dass ich da den falschen Weg einschlage, dass ich die Romantik töten würde, wie das überhaupt funktionieren solle, ob man während des Vorspiels einen Vertrag unterschreiben müsse oder was. Das sei doch völlig realitätsfern, ich würde solche Situationen wohl einfach nicht kennen. Das Interesse an einer Karriere bei diesem Unternehmen hatte sich damit ebenfalls erledigt.
Warum "das ist doch unrealistisch" kein Argument ist
Selten fühle ich Rebecca Solnits "Men Explain Things to Me" so sehr wie in solchen Momenten, in denen Männer* mir bei Themen wie sexualisierter Gewalt versuchen, die Welt zu erklären. (...) Bemerkenswert ist auch, dass der Widerstand gegen Konsenskultur fast nie als offener Wunsch nach männlicher Dominanz formuliert wird. Er tarnt sich stattdessen als vermeintlich pragmatischer Einwand. "Wie soll man das beweisen?", "Was ist mit der Romantik?", "Das ist doch unrealistisch."
Doch hinter diesen Argumenten steckt oft weniger ein juristisches Problem als ein kultureller Abwehrreflex. Denn wer jahrzehntelang persönlich und jahrtausendelang kulturell vermittelt gelernt hat, dass männliches Begehren selbstverständlich Raum einnehmen darf, erlebt Grenzen plötzlich als Einschränkung. Wer sozialisiert wurde zu glauben, Beharrlichkeit sei attraktiv und weibliche Ambivalenz könne als Zustimmung interpretiert werden, empfindet Konsenskultur schnell als Bedrohung vertrauter patriarchaler Selbstverständlichkeiten.
So könnte echte Konsenskultur aussehen
"Kleine Mädchen und Jungen müssten nicht mehr gezwungen werden, dem Onkel oder der Oma ein Küsschen zu geben, sondern würden gefragt werden, ob sie das möchten."Kristina Lunz und Düzen Tekkal
(...) Wie würde also eine wirkliche Konsenskultur aussehen? Kleine Mädchen und Jungen müssten nicht mehr gezwungen werden, dem Onkel oder der Oma ein Küsschen zu geben, sondern würden gefragt werden, ob sie das möchten. Oder sie würden es schlicht unbeeinflusst entscheiden, schließlich wissen auch wir Erwachsenen intuitiv ziemlich genau, wann wir gern küssen würden.
Jungen würden früh lernen, dass Zurückweisung keine Demütigung ist und Grenzen anderer Menschen nichts sind, das überwunden werden muss oder darf. Mädchen würden lernen, dass ihre Grenzen nicht unhöflich, übertrieben oder unbequem sind, sondern selbstverständlich respektiert werden müssen. Es wäre eine Kultur, in der wir alle davon ausgehen, dass etwas keine Zustimmung ist, bis die andere Person diese Zustimmung aktiv geäußert hat.
Genau deshalb war die rechtliche Verankerung von "Nein heißt Nein" ein historischer Schritt. Nicht nur juristisch, sondern auch kulturell. Zum ersten Mal wurde im deutschen Sexualstrafrecht der entgegenstehende Wille zum Maßstab gemacht. Nicht mehr die Frage, ob Frauen sich ausreichend gewehrt hatten, stand im Zentrum – sondern ob ihre Grenze missachtet worden war. Die Reform des Sexualstrafrechts im Jahr 2016 war deshalb ein Durchbruch. Aber sie war nie das Ziel – sie war der Anfang.
Ein Freispruch, der zeigt: Wegrennen reicht nicht als Nein
(...) Ein kürzlich vor dem Amtsgericht Berlin-Tiergarten verhandelter Fall zeigt die schiere Ungerechtigkeit und jene konkrete Schutzlücke auf, die bestehen bleibt, solange wir weder kulturell noch juristisch eine echte Konsenskultur verankert haben. Eine junge Frau lernte in einem Berliner Nachtclub einen Mann kennen. Sie küssten sich, fuhren gemeinsam zu ihm nach Hause – doch vor seiner Wohnung angekommen, rannte sie plötzlich weg, bis in den nächsten U-Bahnhof hinein. Der Mann lief ihr hinterher. Sie brach in Tränen aus. Trotzdem ging sie anschließend mit ihm in die Wohnung.
"Keine einzige Frau, die wir persönlich kennen, würde – nach unserer Überzeugung – jemals versuchen, einen potenziellen männlichen Sexualpartner zum Sex zu überreden, nachdem dieser bereits weinend davongelaufen ist."Kristina Lunz und Düzen Tekkal
Dort, so schilderte sie später, habe sie aus Angst vor weiterer Gewalt versucht, die Situation durch "Kooperation" zu kontrollieren – in der Hoffnung, wenigstens nicht zusätzlich vaginal vergewaltigt zu werden. Sie beschrieb später, sie habe den Sex "über sich ergehen lassen". Das Gericht sprach den Mann frei. Nicht, weil die Richterinnen und Richter überzeugt gewesen wären, dass die Frau den Sex wollte, sondern weil ihr entgegenstehender Wille juristisch nicht "erkennbar" genug gewesen sei.
Sie habe nicht klar genug Nein gesagt, sich nicht ausreichend gewehrt. Der zuständige Staatsanwalt sprach selbst von einem problematischen "Zwischenbereich", von Situationen, in denen Betroffene aus Angst oder Überforderung "freezen", also erstarren oder ins Dulden flüchten. Genau deshalb forderte er eine Weiterentwicklung des Gesetzes hin zu einem echten "Ja heißt Ja".
Die patriarchale Schieflage unserer Sexualkultur
Und tatsächlich hat das Europäische Parlament kürzlich empfohlen, das Prinzip "Nur Ja heißt Ja" europaweit zu verankern. Die Botschaft dahinter ist ebenso einfach wie revolutionär: Nicht die Abwesenheit eines Nein darf der Maßstab sein, sondern das Vorhandensein eines klaren Konsenses. Denn die eigentliche Absurdität liegt woanders: Keine einzige Frau, die wir persönlich kennen, würde – nach unserer Überzeugung – jemals versuchen, einen potenziellen männlichen Sexualpartner zum Sex zu überreden, nachdem dieser bereits weinend davongelaufen ist.
Wir glauben, keine einzige Frau würde denken: Er rennt zwar weg, weint, wirkt verängstigt und ambivalent - aber vielleicht meint er ja trotzdem Ja. Genau darin zeigt sich die ganze patriarchale Schieflage unserer Sexualkultur. Frauen lernen früh, männliche Grenzen als absolut zu respektieren. Männer hingegen lernen noch immer viel zu oft, weibliche Unsicherheit, Angst, Erstarren oder Ambivalenz als etwas Interpretierbares zu betrachten - statt als klares Signal, sofort aufzuhören.
Zustimmung statt Anspruchshaltung: Was "Ja heißt Ja" wirklich bedeutet
"Eine echte Konsenskultur erkennt man daran, dass Zustimmung selbstverständlich wird. Dass ein klares, begeistertes Ja die Norm ist – und alles andere nicht akzeptabel."
Solange das gesellschaftlich normalisiert bleibt, wird sexuelle Selbstbestimmung für viele Frauen eine theoretische Freiheit bleiben. Eine echte Konsenskultur beginnt deshalb genau dort, wo wir aufhören, männliche Anspruchshaltung als Normalität zu behandeln – und anfangen, gegenseitige Zustimmung zum selbstverständlichen Maßstab jeder Intimität zu machen.
"Ja heißt Ja" ist deshalb keine bürokratische Formel und kein Angriff auf Romantik. Es ist der Versuch, Intimität von Macht zu befreien. Der Versuch, Sexualität nicht länger um männliche Anspruchshaltung herum zu organisieren, sondern um gegenseitigen Respekt. Zustimmung aktiv einzuholen, statt Widerstand zu überwinden. Lust und Begehren nicht als Eroberung zu verstehen, sondern als Begegnung auf Augenhöhe.
Das ist keine radikale Forderung. Radikal inakzeptabel ist vielmehr, wie normalisiert Grenzüberschreitungen bis heute sind. Wie sehr Frauen noch immer lernen, Gefahr zu antizipieren, während Männer lernen, Grenzen auszutesten.
Was es jetzt braucht
Doch eine solche Verschiebung passiert nicht von selbst. Sie braucht Sichtbarkeit, Sprache, Vorbilder - und gezielte Kampagnen, die Alltagsnormen verändern. In Schulen, in Medien, in der Popkultur. In Serien, Liedern und Gesprächen. Überall dort, wo gesellschaftliche Vorstellungen davon entstehen, was als normal gilt. Eine echte Konsenskultur erkennt man daran, dass Zustimmung selbstverständlich wird. Dass ein klares, begeistertes Ja die Norm ist – und alles andere nicht akzeptabel. Dass Verantwortung nicht länger bei denjenigen liegt, die sich schützen müssen, sondern bei denen, die handeln. Genau darin liegt die eigentliche Revolution.

Der Textauszug stammt aus dem Buch "Wer hat euch erlaubt, Frauen so zu hassen?" (Heyne) von Kristina Lunz und Düzen Tekkal. Kristina Lunz ist Unternehmerin, Autorin und Menschenrechtsaktivistin. Sie gründete 2018 das gemeinnützige Centre for Feminist Foreign Policy, arbeitet unter anderem für die Vereinten Nationen sowie als Beraterin im Auswärtigen Amt.
Düzen Tekkal ist Politologin, Sozialunternehmerin sowie Publizistin und Menschenrechtsaktivistin. 2015 gründete sie mit ihren Schwestern "HÁWAR.help", um traumatisierten Frauen* und Mädchen weltweit praktische Unterstützung zu bieten. Mit der Initiative "GermanDream "bringt sie Wertebildung in Schulen und lädt junge Menschen zum Dialog über Demokratie und Integration ein.
Fotos: Stevy Hochkeppel