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Feminismus

Contra geben ohne Streit: Wie wir in schwierigen Gesprächen handlungsfähig bleiben

23. Juli 2026

geschrieben von Maike Knorre

Contra geben ohne Streit: Wie wir in schwierigen Gesprächen handlungsfähig bleiben. Ein Interview mit Kirsten Herrmann vom Verein "Mein Grundeinkommen".

Das Taschenbuch "Das stimmt so nicht!" liefert Argumente gegen Falschaussagen

"Wir sind doch längst alle gleichberechtigt", "Wenn wir ein bedingungsloses Grundeinkommen hätten, hören alle auf zu arbeiten", "Krass mit deiner Behinderung, ich, ich könnte das ja nicht": Viele Gespräche im Alltag sind schwieriger geworden, die Diskriminierung marginalisierter Gruppen ist Realität. Und spalten unsere Gesellschaft immer mehr, wie die Demokratieforschung seit Jahren zeigt.

Wie gehen wir mit abwertenden Aussagen um und geben Contra, ohne Streit zu provozieren oder uns in Gefahr zu bringen? Und wie bleiben wir in schwierigen Gesprächen handlungsfähig, wenn wir nicht sofort das passende Gegenargument parat haben? Darüber sprechen wir mit Kirsten Herrmann von "Mein Grundeinkommen". Der Verein hat zusammen mit anderen Non-Profit-Organisationen das Taschenbuch "Das stimmt so nicht!" herausgebracht: Eine kompakte Argumentationshilfe, um gängigen Falschbehauptungen und Parolen zu widersprechen.

femtastics: Wenn ein fragwürdiger Satz oder Kommentar fällt, sowas wie "Wir sind doch längst alle gleichberechtigt!" und ich merke, dass ich innerlich zusammenzucke oder zu brodeln anfange – wie reagiere ich?

Kirsten Herrmann: Es gibt kein Universalrezept und es ist völlig okay, erst einmal wütend zu sein. Entscheidend ist, wie man damit umgeht. Oft lohnt sich der Versuch, trotzdem in ein Gespräch auf Augenhöhe zu gehen – wenn die Situation es zulässt. Weil das oft gar nicht so leicht ist, wollen wir Menschen mit unserem Taschenbuch eine kompakte Argumentationshilfe in die Hand geben. Und damit Mut machen, Fake News und Stammtischparolen zu widersprechen. Sei es in der Familie, im Freundeskreis oder bei der Ärztin im Wartezimmer.

Oft ist es ja so, dass fragwürdige Kommentare uns aufwühlen, aber für eine Antwort fehlen irgendwie die konkreten Fakten. Mit "Das stimmt so nicht!" kann man sich für schwierige Gespräche rüsten oder währenddessen kurz nachlesen.

"Wenn diskriminierende Aussagen salonfähig werden, dann werden es auch diskriminierende Handlungen. Gewalt gegen verschiedene marginalisierte Gruppen ist Realität."

Warum ist es wichtig, innere Hürden zu überwinden und schwierige Gespräche zu führen?

Wer das aktuelle gesellschaftliche Klima kritisch beobachtet, merkt, dass sich etwas verschiebt. Nämlich die Grenze dessen, was als sagbar gilt. Und wenn diskriminierende Aussagen wieder salonfähig werden, dann werden es auch diskriminierende Handlungen. Gewalt gegen verschiedene marginalisierte Gruppen ist Realität.

Trotzdem muss man sich nicht in schwierige Gespräche zwängen, wenn die Situation keinen sicheren Rahmen dafür bietet. Widersprechen zu können, ohne um die eigene mentale und körperliche Unversehrtheit zu bangen, ist ein Privileg. Gerade deshalb ist Solidarität so wichtig. Wenn Menschen angegriffen werden, die sich in der Situation nicht selbst wehren können, etwa weil es für sie nicht sicher ist oder weil sie nicht dabei sind, sollten diejenigen für sie einstehen, die es können.

Bei dem Buchprojekt sind viele Organisationen beteiligt. Wie ist es dazu gekommen?

Bei "Mein Grundeinkommen" rütteln wir immer mal wieder an den gängigsten Falschbehauptungen, Mythen und Stammtischparolen zum Thema finanzielle Ungleichheit. Die Fehlannahme, Menschen würden mit bedingungsloser finanzieller Absicherungen aufhören zu arbeiten, hält sich ja trotz zahlreicher Gegenbeweise noch immer sehr hartnäckig.

Irgendwann haben wir gedacht: Wie praktisch wäre es, für noch mehr große und schwierige Themen eine kompakte Argumentationshilfe zu haben, um auf solche Aussagen souverän reagieren zu können? Andere Organisationen fanden die Idee super und haben mit uns eine Allianz gebildet: Die "Amadeu Antonio Stiftung", "Freunde fürs Leben", "Fridays For Future", der "LSVD Berlin-Brandenburg", "PINKSTINKS", "Sea Watch", "HateAid", "Sozialheld*innen" und der "Volksverpetzer". Wir alle beobachten mit Sorge, dass die gesellschaftliche Debatte in Schieflage geraten ist. Und wünschen uns einen sachlichen Austausch, um die Demokratie zu retten.

"Ich muss mein Gegenüber nicht in zehn Minuten komplett überzeugen. Oft ist schon viel erreicht, wenn jemand merkt: Es gibt auch eine andere Perspektive."
“Das stimmt so nicht!”: Das Taschenbuch liefert hilfreiche Gegenargumente gegen Falschaussagen.

Konkret: Wie gehe ich rein in ein herausforderndes Gespräch? Welche innere Haltung ist dabei wichtig?

Für mich beginnt alles mit der Frage: Ist diese Situation überhaupt geeignet für ein Gespräch? Es ist keinem geholfen, wenn wir uns mit diesen Gesprächen maßlos überfordern oder sogar in Gefahr bringen.

Generell hilft eine Haltung, die nicht aufs Gewinnen aus ist. Ich muss mein Gegenüber nicht in zehn Minuten komplett überzeugen. Oft ist schon viel erreicht, wenn jemand merkt: Es gibt auch eine andere Perspektive. Und natürlich hilft es, Debatten mit Fakten zu versorgen, wo uninformierte Meinungen – oder schlimmer: Falschbehauptungen – irgendwie überhandnehmen. Häufig ist hier mit dem Widerspruch selbst schon viel gewonnen, weil die Falschbehauptung nicht einfach so stehen bleibt, sondern auf Widerstand stößt.

Hilfreich finde ich außerdem, neugierig zu bleiben. Es geht ja trotz allem auch um Verständnis. Woher kommt die andere Person mit ihrer Einstellung? Welche Sorgen oder Erfahrungen stecken vielleicht dahinter? Genau da besteht oft ein Anknüpfungspunkt für Empathie.

Was hilft gegen die innere Schockstarre? Wie bleibe ich handlungsfähig, wenn mich ein Gespräch irritiert oder verletzt?

Miteinander in Kontakt bleiben. Wenn der Rahmen es zulässt und ein Gespräch mich irritiert oder verletzt, dann wirkt es – die Erfahrung mache ich immer wieder – häufig Wunder, genau das direkt in Kontakt zu bringen: "Hey, ich bin gerade irritiert", "Wenn du so etwas sagst, dann verletzt es mich persönlich" oder auch "Mich macht es wütend, was du sagst, aber ich möchte mit dir darüber sprechen".

Hinter den großen politischen und gesellschaftlichen Themen stecken ja am Ende immer echte Menschen mit Gefühlen. Und gerade, wenn es Menschen sind, die mir nahe stehen, dann hilft es oft, ihnen das in Erinnerung zu rufen. Aber die eigene Sicherheit sollte trotzdem immer Priorität haben. Etwa wenn ich mein Gegenüber (noch) nicht (so gut) kenne.

"Zuhören, aussprechen lassen, nachfragen, echtes Interesse zeigen, und trotzdem klar benennen, wo Aussagen oder der Ton Grenzen überschreiten."

Und wenn mir auf die Schnelle keine Fakten oder schnelle Gegenargumente einfallen?

Auch hier sinnvoll, Grenzen zu ziehen: "Ich fühle mich gerade in diesem Gespräch nicht wohl, es gibt mir ein schlechtes Gefühl und es fällt mir aber schwer, mein Gegenargument zu formulieren. Aber ich würde gern mit dir gemeinsam auf die Fakten schauen und verstehen, wo diese starke Meinung bei dir herkommt.".

Wenn ich die Argumente dann parat habe, etwa dank eures Buches: Wie vermittle ich meinen Standpunkt am besten? Worauf kommt es bei dem Ton eines Gesprächs an? Wie gelingt es, mich nicht in Rage zu diskutieren?

Ganz wichtiger Punkt! Argumente und Fakten an der Hand haben, ist die eine Sache. Die andere ist ruhig bleiben – im Zweifel einmal tief durchatmen – und das Gegenüber so behandeln, wie wir im Gespräch auch selbst behandelt werden wollen: mit Respekt, Offenheit und auf Augenhöhe. Auch wenn das manchmal sehr herausfordernd ist. Was hilft ist zuhören und aussprechen lassen, nachfragen, echtes Interesse zeigen, und trotzdem klar und deutlich benennen, wo Aussagen oder der Ton des oder der anderen Grenzen überschreiten.

Und wenn Fakten nicht helfen?

Das kann leider passieren. Häufig reicht es eben nicht aus, nur mit Fakten zu kontern. Dann ist es wichtig, sich abzugrenzen und deutlich zu machen, dass man nicht auf Basis von reiner Meinung diskutieren möchte, weil das wenig zielführend ist.

Manchmal funktioniert auch ein Perspektivwechsel. Wenn jemand pauschale Vorurteile über eine Gruppe äußert, kann es helfen, ein Beispiel zu wählen, das die Person aus dem eigenen Leben kennt. Wer sich selbst schon einmal über Vorurteile geärgert hat, versteht oft besser, wie verletzend Verallgemeinerungen sind.

Also: Die Fakten nehmen und daraus Gefühle und Geschichten machen. Das aber nur aus meiner ganz persönlichen Diskussionserfahrung. Wer da viel tiefer drin steckt, ist Thomas Laschyk von unserer Partnerorganisation "Volksverpetzer", der mit "Werbung für die Wahrheit" ein Buch darüber geschrieben hat, warum eben mit Fakten kontern manchmal nicht reicht und wie wir sie in überzeugende Geschichten packen. Mit wärmster Empfehlung!


"Das stimmt so nicht!" ist im Verbund entstanden und bei der verantwortlichen Herausgeberin "Mein Grundeinkommen" für einen Euro als PDF oder Taschenbuch erhältlich.


Fotos: Marcel Maffai (Portrait), "Mein Grundeinkommen", Collage: "Canva"