Loyal, nicht exklusiv: Über ein neues Verständnis von Treue

4. August 2022

Im 21. Jahrhundert werden Beziehungsmodelle langsam aber sicher immer bunter, flexibler, freier und weniger exklusiver. Wie zeitgemäß ist da der Wert Treue? Und was bedeutet Treue überhaupt bzw. wie wird sie heute definiert? femtastics-Autorin Helena Dolderer schreibt, warum nicht Untreue ein Problem ist, sondern unser Verständnis von Treue – und warum wir dringend mehr Freiheit in der Liebe brauchen.

Was ist Treue?

Der Duden definiert das Adjektiv treu als zuverlässig, beständig, anhänglich, hingebungsvoll. „Treue bedeutet, einem Menschen gegenüber verlässlich zu sein. Ein Versprechen über einen langen Zeitraum zu halten. Sich so zu benehmen, wie man es angekündigt hat“, schreibt Friedemann Karig in seinem Buch „Wie wir lieben„. Treue schafft Vertrauen. Und das ist das Grundgerüst, auf dem eine Beziehung baut.

Der Begriff Treue wird fast immer gleichgesetzt mit sexueller Exklusivität.

Der Begriff Treue wird jedoch fast immer gleichgesetzt mit sexueller Exklusivität. Mit anderen Worten: Wenn ich meinem/meiner Partner*in treu bin, dann gehe ich nur mit ihm/ihr ins Bett. Jede erotische Interaktion (manchmal auch nur die gedankliche) mit einem anderen Menschen, flirten, küssen, Sex, bedeutet automatisch Untreue. Untreue bricht Vertrauen und Herzen. Und das führt in der Konsequenz häufig zu Trennungen.

Nicht Untreue ist das Problem, sondern unser Verständnis von Treue

Vielleicht zerstört aber gerade nicht Untreue viele unserer Beziehungen, sondern stattdessen unser Verständnis von Treue? Diese Frage stellt sich die Autorin und Journalistin Michèle Binswanger. In ihren Augen würden wir Fremdgehen pathologisieren, obwohl es uns zugleich nicht überrasche. Wir würden es als normal empfinden, von einer Beziehung in die nächste zu hüpfen, und gleichzeitig außerpartnerschaftlichen Sex stigmatisieren und verurteilen.

Dabei sei sexuelle Treue im umfassenden Sinn unmöglich, urteilt Binswanger: „Wir können uns die Lust versagen, wir können so tun, als gäbe es sie nicht. Aber es ist eine Täuschung.“ Denn, so Binswanger, wir seien zwar romantisch veranlagt, aber reichlich sexbesessen. Diese Diskrepanz würde laut der Autorin kommerzialisiert und veräußert in der Pornografie, Prostitution, in Partnerbörsen und Paartherapien.

Ähnlich sieht es die SZ-Kolumnistin Katja Lewina: „Obwohl das Ideal der lebenslangen sexuellen Treue kaum der Wirklichkeit standhält, sind unsere Erwartungen ans Lieben und Geliebtwerden himmelhoch.“ Wir würden nach einem „Alles mit einem für immer“ streben, nach der einen großen Liebe, mit der wir alles teilen können. Wirklich alles? Mit Freund*innen Party machen, Urlaube verbringen, ins Kino gehen, das ist okay. Nur körperliche Nähe bis hin zu Sex? Das bitte nur mit dem/der Partner*in.

Sex wird häufig überschätzt

Dabei sei eine Liebesbeziehung viel mehr als nur körperliche Intimität, so Lewina. Und manchmal auch gerade das nicht: Ob ein Paar glücklich zusammenwohnt, währenddessen aber selten oder womöglich gar keinen Sex hat, oder täglich miteinander schläft, sich aber nicht aufeinander festlegen will, sei nicht der Indikator für eine Beziehung. Stattdessen gehe es um die einvernehmliche Absicht, in Zukunft zusammenzubleiben.

Warum definieren wir uns und unsere Beziehung so stark über das Körperliche? Ich denke, weil Sex etwas sehr Intimes ist, das wir nicht mit jeder und jedem teilen möchten. Das muss aber nicht heißen, dass es nur eine einzige Person ist, mit der wir körperlich intim werden können (und dürfen), wenn wir das möchten. Und nicht nur das. Der Autor Friedemann Karig ergründet in seinem Buch unterschiedliche Formen von Treue und trifft dafür verschiedene Paare, die für sich den Begriff neu definiert haben. Da geht es nicht nur um das Ausleben sexueller Bedürfnisse, sondern auch um die Entkoppelung von Treue und emotionaler Exklusivität.

Menschen sind sich treu, weil sie lieben, und sie gehen fremd, weil sie lieben, analysieren die Psycholog*innen Holger Lendt und Lisa Fischbach in ihrem Buch „Treue ist auch keine Lösung“. Auch sie plädieren für ein neues Verständnis von Treue in der Partnerschaft, losgelöst von ihrer klassischen Auffassung, nämlich der Abwesenheit Dritter. Stattdessen solle Treue als eine bewusste Entscheidung für die Beziehung und nicht gegen Dritte verstanden werden und sich in Verlässlichkeit uns und unserem/unserer Partner*in gegenüber äußern.

Karig resümiert: „[Treue] hat wenig oder gar nichts mit sexueller Exklusivität zu tun. Aber dafür umso mehr mit emotionaler, geistiger ‚Kooperation‘, mit Offenheit, mit totaler, manchmal schmerzhafter Ehrlichkeit. (…) Sich nicht zu schonen, indem man verschweigt, wenn man außer dem Partner noch andere Menschen begehrt. Sondern sich davon zu erzählen. Und gemeinsam einen Weg zu finden. (…) Treue ist viel mehr als Sex, dem würden die meisten Menschen zustimmen.“ Denn wenn ein Beziehungshaus ein festes Fundament habe, dann könne es kein Wirbelsturm der Welt so schnell wegreißen. Das würde ich so unterschreiben.

Treue muss nicht zwangsläufig Exklusivität bedeuten, sondern stattdessen: Loyalität. Aufrichtigkeit, Verlässlichkeit, Verständnis, Offenheit, Vertrauen.

Loyalität statt Exklusivität

Was ist Treue? Die klassische Treue im Sinne von sexueller und emotionaler Exklusivität ist in meinen Augen viel zu oft die Sollbruchstelle in romantischen Beziehungen. Ich denke, Treue muss nicht zwangsläufig Exklusivität bedeuten, sondern stattdessen: Loyalität. Aufrichtigkeit, Verlässlichkeit, Verständnis, Offenheit, Vertrauen. Und zwar einvernehmlich.

Ich habe für mich persönlich herausgefunden, dass mein Freund und ich für uns nicht exklusiv sein müssen, und dass wir uns trotzdem treu sein können. Dass es okay und sogar schön ist, wenn mein Partner jemand anderes kennenlernt, ohne dass ich unsere Beziehung in Frage stellen muss. Dass das nicht immer so war, ist glaube ich selbstverständlich. Denn ein Umdenken ist jederzeit möglich, unser Treue-Verständnis flexibel, verhandelbar und anpassungsfähig. Das können wir uns viel öfter bewusst machen.



Foto: Adobe Stock

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