Mental Health Warrior – Wie Bloggerin Candy Wasteland mentale Erkrankungen aus der Tabu-Zone holen will

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Ihre pinken Haare kündigen sie schon in der Ferne an und je näher sie kommt, desto mehr Tattoos werden sichtbar – wer Sammy persönlich kennenlernt, trifft auf eine starke junge Frau. Dass Sammy an einer Borderline Persönlichkeitsstörung, Depressionen und Angststörungen leidet, sieht und vor allem merkt man ihr nicht an. Auch nicht, während man mit der Leipzigerin bei einem Kaffee in der Sonne sitzt und plaudert. Seit Anfang des Jahres bloggt die 23-jährige Studentin als Candy Wasteland über ihre mentalen Erkrankungen, um anderen Betroffenen Mut zu machen und um eine Plattform für Themen zu schaffen, über die noch immer nicht ausreichend öffentlich gesprochen wird.

 

femtastics: Du bezeichnest dich selbst als “Mental Health Warrior” – was verstehst du du darunter?

Sammy: Den Begriff habe ich mal in einem Internetforum aufgegriffen und viele Illustrationen zu dem Thema gefunden. Ich finde ihn sehr passend, weil er widerspiegelt, erkrankt zu sein, aber in einem starken Sinne. Eine mentale Krankheit ist immer ein Kampf. Und die Rolle als Kämpferin sehe ich darin, diesen Kampf aufrecht und selbständig nach außen zu tragen und damit anderen zu helfen.

Wann hast du das erste Mal das Gefühl gehabt, du könntest eine mentale Erkrankung haben?

Als ich 14 Jahre alt war ist mein Papa bei einem Unfall gestorben. Aus der Trauer heraus hat sich eine Depression entwickelt, die auch bei anderen Punkten meines Lebens angegriffen hat. Zum Beispiel durch Mobbing in der Schule und allgemeinen Problemen mit dem Selbstwertgefühl. Irgendwann habe ich gemerkt, dass ich Hilfe brauche, weil ich alleine nicht mehr aus der Depression raus kam.

Als ich 14 Jahre alt war ist mein Papa bei einem Unfall gestorben. Aus der Trauer heraus hat sich eine Depression entwickelt.

Kannst du sagen, wodurch die Krankheiten ausgelöst wurden?

Die Depression wurde ganz klar dadurch ausgelöst, dass ich eine wichtige Person in meinem Leben verlor und nicht wusste, wie ich mit meiner Trauer umgehen sollte. Das ist in eine extreme Einsamkeit umgeschlagen: Ich habe mich durch den Verlust einsam gefühlt, aber ich habe mich auch in die Einsamkeit zurückgezogen, mich nach allen Seiten abgeschottet. Die Einsamkeit war mein Lebensinhalt, bis ich gemerkt habe, dass sie nicht mehr gesund ist.

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Sammy trägt ihr Haar seit kurzem Pink: “Ich fühle mich extrem gut mit meiner neuen Haarfarbe. Das ist die Person, die ich wirklich bin.”, sagt sie.

Wie bist du mit dieser Erkenntnis umgegangen?

Am Anfang fiel mir das extrem schwer – ich konnte nicht einfach googlen, was ich dagegen tun kann. Deshalb habe ich zunächst mit meiner Mama geredet, weil ich wusste, dass es mit der Trauer zusammenhängt. Dann ging es darum, Hilfe zu bekommen, aber ich wollte nicht zu einem richtigen Arzt gehen. Wir haben daher die Möglichkeit von gemeinnützigen Verbänden wie zum Beispiel der AWO genutzt, die Hilfe für trauernde Familien anbietet. Da ging es für mich erstmals Richtung Therapie. Es hat extrem viel Mut gebraucht, um zu sagen: Ich brauche Hilfe! Im Nachhinein bin ich unglaublich froh darüber, dass ich gleich entschieden habe, jemanden an der Hand zu haben.

Es hat extrem viel Mut gebraucht, um zu sagen: Ich brauche Hilfe! Im Nachhinein bin ich unglaublich froh darüber.

Wann ist deiner Meinung nach der richtige Zeitpunkt, sich Hilfe von außen zu holen?

Der Punkt, an dem man mit seinem Leben allein nicht mehr klar kommt. Ich habe vor zwei Jahren gemerkt: Ich kann den Alltag nicht mehr bewältigen. Ich kann nicht mehr in die Uni oder einkaufen gehen, ich kann alleine gerade gar nichts mehr. Wenn diese Hilflosigkeit Übermaß nimmt, ist der Punkt längst erreicht, sich Hilfe von außen zu holen.

Wie hat deine Familie auf deine Erkrankung reagiert?

Von meiner Mama kam anfangs etwas Unverständnis. Sie hatte ja selbst mit der Trauer zu kämpfen, aber eben auf eine andere Art. Im ersten Moment war ihre Reaktion eher: Uns geht es gerade allen so und es geht schon wieder weg. Aber mit der Zeit kam immer mehr Verständnis, auch als eine fachliche Meinung von außen bestätigte, dass es sich bei mir um ein Krankheitsbild handelt. Darüber war ich froh.

Bevor ich mich hinter gestellten Selfies und viel Schminke verstecke, schreibe ich jetzt einfach wie es ist. Ich schreibe: Ich bin erkrankt, ich habe Depressionen und Borderline.

Wann hast du dich dazu entschieden, deine Krankheit öffentlich zu thematisieren?

Das war vor ungefähr zwei Jahren. Ich war genervt von der scheinbar perfekten Instagram-Welt und den gestellten schönen Leben. Jeder trägt tolle Klamotten, geht zu zig Events, macht dies und das. Ich habe mich damit gemessen und gedacht: Ich habe das alles nicht. Bin ich dadurch weniger Wert? Ich hatte damals eine gewisse Reichweite an Followern und dachte mir: Bevor ich mich hinter gestellten Selfies und viel Schminke verstecke, schreibe ich jetzt einfach wie es ist. Ich schreibe: Ich bin erkrankt, ich habe Depressionen und Borderline. So ist es, mein Leben ist nicht immer toll und Sonnenschein. Ich habe damals nicht mit einer so positiven Reaktion gerechnet. Absolut nicht. Aber das hat mich noch mehr darin bestärkt.

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Wie waren die Reaktionen, die du bekommen hast?

Ganz, ganz motivierend und toll. Viele haben gesagt, was für ein starker Mensch ich bin, meine Krankheit öffentlich zu machen, dass ich überhaupt schon so lange damit kämpfe und dass ich das einfach in diese gestellte Instagram-Welt reinwerfe und sage, es gibt auch beschissene Tage, an denen will ich gar nicht aufstehen. Viele Leute haben geschrieben, dass es ihnen nicht anders geht. Da kam ein ganzer Schwung an Nachrichten, in denen Leute ihre Geschichte erzählt und sich bedankt haben. Mir hat es geholfen, zu sehen, dass ich nicht alleine bin, dass unter meinen Followern Leute dabei sind, die auch Depressionen oder eine depressive Episode haben und wissen, wie man sich fühlt.

Mir hat es auch geholfen, zu sehen, dass ich nicht alleine bin, dass alleine unter meinen Followern Leute dabei sind, die auch Depressionen haben.

Und wie hat deine Familie darauf reagiert, dass du deine Erkrankung öffentlich gemacht hast?

Ich habe inzwischen ein sehr enges Verhältnis mit meiner Mama, mit ihr rede ich immer als erstes über alles. Zuerst fand sie es gut, aber sie sagte auch, dass ich mich damit angreifbar mache. Daran hatte ich lange zu knabbern. Das kann jetzt beispielsweise jeder zukünftige Arbeitgeber sehen. In meiner momentanen Situation würde ich aber sowieso jedem offen von meiner Krankheit erzählen. Der Punkt, dass sich Leute aus meiner Vergangenheit an den Dingen, die ich schreibe, hochziehen können, war meine größte Angst – dass Leute zu mir kommen und sich darüber lustig machen. Aber das ist zum Glück bisher nicht passiert.

Du hast als nächstes dein Blog Candy Wasteland gestartet. Warum?

Der erste Post ging im März online. Ich hatte die Idee schon lange im Kopf. Ich wollte eine Plattform, auf der ich meine Gedanken teilen, aber auch andere Leute mitnehmen kann. Auf Instagram hat mir einfach der Platz gefehlt. Ich konnte nicht eine ganze Geschichte in die paar Zeichen packen. Ich wollte es auch interaktiv gestalten, sodass auch andere Menschen von ihren Erfahrungen erzählen und Dinge nachlesen können.

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femtastics-Autorin Lea Braskamp trifft Sammy zum Interview in Berlin.

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Warum ist es dir wichtig, das Thema aus der Tabu-Zone zu holen?

Aufgrund meiner Erfahrungen. Ich habe oft gehört, dass jetzt ja jeder Depressionen habe oder zumindest so tue, dass die Leute aber nur traurig seien und sich zusammenreißen sollen. Das ist eine ganz dumme Reaktion. Man sollte sich lieber mit der betreffenden Person auseinandersetzen. Ich habe oft mitbekommen, dass Betroffenen – auch in klinischen Aufenthalten – geraten wurde, nicht öffentlich zu sagen, dass sie erkrankt sind. Das ärgert mich sehr. Das macht viele Leute fertig. Man hat eh schon mit der Krankheit zu kämpfen und dazu kommt der Druck, sie verstecken zu müssen. Es herrscht immer noch das Bild, dass man in der Gesellschaft als depressiver Mensch nicht funktioniert. Das ist meiner Meinung nach falsch – man braucht mit einer psychischen Erkrankung vielleicht nur mehr Zeit oder andere Umstände.

Es herrscht immer noch das Bild, dass man in der Gesellschaft als depressiver Mensch nicht funktioniert. Das ist meiner Meinung nach falsch!

Was bedeutet es für dich persönlich, über das Thema zu sprechen?

Ich habe in der Schulzeit viele Probleme gehabt, ich wurde mein Leben lang gemobbt, das hat tiefe Wunden hinterlassen. Ich möchte nicht, dass so etwas jemand anderem geschieht.

Was ist dein Tipp für Menschen mit ähnlichen Krankheiten?

Wende dich als erstes an eine Vertrauensperson! Einfach mit jemandem darüber zu reden, der die persönliche Situation nachvollziehen kann. Du solltest schauen, wie das Gegenüber die Situation bestätigt. Dann solltest du überlegen, was du konkret machen kannst. Es gibt viele Betroffene, die sich nicht trauen, direkt zu einem Arzt zu gehen. Websites können helfen, die anonym Hilfe leisten. Es gibt auch eine Hotline von der deutschen Depressionshilfe, die ich früher ebenfalls genutzt habe. Dort kann dir jemand Informationen geben, dich bestätigen oder auch einfach nur beruhigen, das ist ja ein großes Gefühlschaos. Mir hat es immer geholfen, Informationen zu sammeln und zu erfahren, wie sich andere Betroffene fühlen. Damit bin ich wieder bei dem Punkt, warum ich das alles überhaupt mache.

Was könnte man deiner Meinung nach noch tun, um das Thema zugänglicher zu machen?

Aufklärung ist das allerwichtigste. Es gibt bekannte Persönlichkeiten wie Victoria van Violence, die mit der Depressionshilfe zusammenarbeitet. Manchmal habe ich das Gefühl, dass gerade ältere Generationen dieses veraltete Bild haben, dass psychisch Kranke nicht in unsere Gesellschaft, sondern hinter verschlossene Türen gehören. Denen sollte man zeigen, dass es sich um ganz normale Menschen handelt. Es gibt Filme, in denen das sehr gut dargestellt wird, auf der anderen Seite gibt es Filme, in denen das komplett verdreht und ins Absurde gezogen wird. Das sind die Bilder, die hängen bleiben. Nicht jeder, der Borderline hat, rastet sofort aus und schlägt wild um sich.

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Viele Menschen haben Angst das Thema anzusprechen. Wie geht man als Außenstehender mit einem depressiven Menschen um?

Ich habe gelernt, dass Offenheit hilft. Also direkt ansprechen, wenn man merkt, dass es einem Bekannten nicht gut geht und anbieten darüber zu reden und sagen, dass man für die Person da ist. Das Wichtigste ist es den Leuten zu vermitteln, dass sie nicht alleine sind. Gerade bei Depressionen fühlt man sich einfach alleine, egal ob man in einem komplett vollen Raum ist oder seine Liebsten bei sich hat. Aber zu wissen, da sind Leute, auf die ich zählen kann, hilft einfach ungemein.

Gerade bei Depressionen fühlt man sich einfach alleine, egal ob man in einem komplett vollen Raum ist oder seine Liebsten bei sich hat.

Was sind die schlimmsten Vorurteile, mit denen du zu kämpfen hast?

Das schlimmste Vorurteil in Bezug auf Depressionen ist, dass man faul sei. Dabei hat man einfach nicht die Kraft etwas zu tun. Nach außen wirkt das für viele vielleicht wie Faulheit. Viele Menschen nehmen Borderline-Erkrankte als Menschen wahr, die sofort ausrasten, um sich schlagen und rumschreien. Das kann ich gar nicht bestätigen. Ich bin ein sehr zurückhaltender Borderliner, ich wende die Aggression, die sich in mir aufbaut, eher gegen mich selbst und mache mir Vorwürfe.

Gerade erst hast du einen Artikel über Selbstliebe geschrieben. Warum ist es wichtig, sich selbst so zu akzeptieren wie man ist und wie gelingt das?

Bei psychischen Erkrankungen entwickelt man viel Hass gegen sich selbst. Ich habe mich jahrelang selbst verletzt. Ich habe mir immer Druck gemacht: Warum bin ich nicht so wie die anderen, warum kann ich nicht normal funktionieren? Erst durch jahrelange Therapie habe ich gelernt, mit mir selbst klarzukommen, weil ich die einzige Person bin, die ich immer habe. Umso wichtiger ist es, mit mir innerlich und äußerlich klarzukommen. Es hilft ungemein, wenn man nicht in diesem andauernden Kampf mit sich selbst ist. Man muss in den Spiegel schauen und sagen: Ich finde mich gut so wie ich bin. So kann man auch die Aufgaben, die einem durch die Krankheit schwer fallen, besser bewältigen.

Erst durch jahrelange Therapie habe ich gelernt, mit mir selbst klarzukommen, weil ich die einzige Person bin, die ich immer habe.

Heute findet man online auch Fotos von dir in Unterwäsche. Was hat sich verändert?

Diese Bilder haben mich sehr viel Überwindung gekostet, aber ich bezeichne mich als “Mental Health Warrior”, als Kämpferin. Das Foto war eine Art zu sagen: Auch wenn ich mich heute nicht zu 100 Prozent wohl fühle, zeige ich mich so. Dieses Bild ist an schlechten Tagen für mich auch eine Art Erinnerung. Da fand ich mich gut, kam wunderbar mit meinem Körper klar – warum kann ich es heute nicht? Auch die positive Resonanz, die ich darauf bekommen habe, war wichtig für mich. Das hat mir wahnsinnig viel Kraft gegeben, auf dem Weg, mich so zu akzeptieren wie ich bin.

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“Auf der Rückseite meiner Beine steht “Still ill”. Ein Zitat von den Smiths und meine Erinnerung daran, dass eine mentale Krankheit nicht weggeht. Ich werde immer depressiv sein und Borderline haben, aber man muss lernen, damit zu leben. Ich lebe mein Leben wie es ist und versuche, das Beste daraus zu machen. Außerdem habe ich eine Laterne als Tattoo, ebenfalls ein Smiths Zitat: “There is a light, that never goes out”. Das Zitat spiegelt für mich Mut wider.”, sagt Sammy.

Fällt es dir heute schwer, Komplimente anzunehmen?

Nein. Ich finde es sehr, sehr schön, welche zu bekommen – vor allem, wenn sie meiner Stärke oder meiner Arbeit gelten. Aber ich verteile auch gern Komplimente, weil ich weiß, welche tolle Wirkung sie haben.

Warum sollten wir alle mehr Komplimente verteilen?

Damit wir alle glücklicher sind. Mit Komplimenten können wir den ganzen Hass und den Wettstreit mit einander bekämpfen. Leider gibt es noch sehr häufig einen gefühlten Konkurrenzkampf – “diese Frau hat schönere Haare als ich, deswegen finde ich sie kacke!” Das muss nicht so sein!

Als Kind wurdest du in der Schule gemobbt. Was rätst du Menschen, denen das auch wiederfährt?

Früher habe ich nie etwas gesagt, sondern immer alles ertragen. Das würde ich heute anders machen. Einfach mutig sein und sagen: “Vielleicht sehe ich heute nicht perfekt aus, aber du siehst manchmal auch so aus und das ist okay.” Nicht zurückfeuern, sondern sagen: “Das ist total in Ordnung, wenn ich heute mal komische Haare habe” oder so. Aber wie bei allem denke ich auch immer, es geht vorbei. Gerade die Schulzeit ist für mich ein Horror-Szenario, aber es ist vorbeigegangen. Und mit dem Ende der Schulzeit ging es mir viel besser.

Würdest du anderen empfehlen, in einer Konfliktsituation eine dritte Person mit einzubinden?

Auf jeden Fall! Ich rate immer, außenstehenden Menschen Bescheid zu geben. Gerade im Schulsystem. Vielleicht einen Vertrauenslehrer ansprechen oder die Eltern, auch wenn man nie will, dass die Eltern einschreiten. Aber ich finde es wichtig, dass so viele Leute wie möglich davon wissen – auch, weil du alleine gegen eine andere Person nichts ausrichten kannst; wenn aber mehrere auf sie einwirken, ändert sich hoffentlich etwas.

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Du sprichst auch offen über das Thema Beziehung mit Borderline-Persönlichkeitsstörung. Wie gut geht das miteinander einher?

Ich habe unterschiedliche Erfahrungen gemacht. Ich hatte eine Beziehung, in der es drunter und drüber ging. Jetzt führe ich eine unglaublich harmonische Beziehung, also das komplette Gegenteil. Es ist also beides möglich und es gehören auch immer Zwei dazu. Die Verfassung beider ist ausschlaggebend. Außerdem muss man komplett offen sein. Von vornherein habe ich über meine Krankheit mit meinem Freund gesprochen. Es ist von Vorteil, dass er die Ruhe in Person ist – das hilft mir in bestimmten Situationen, auch ruhig zu bleiben. Ich erkläre ihm aber auch, warum ich in manchen Situationen aufgebracht bin, warum mich etwas stresst oder wieso so viele Menschen in mir Angst auslösen. Und dieses Erklären hilft uns beiden.

Wie kann man einen erkrankten Partner am besten unterstützen?

Einfach Hilfe anbieten. Auch wenn es die Person vielleicht manchmal nicht annehmen kann, ist es immer gut, im Hinterkopf zu haben, dass da jemand ist, der Lust hat, Zeit mit dir zu verbringen, auch wenn du gerade traurig oder genervt bist. Diese offene Kommunikation ist einfach sehr wichtig. Es hilft, zu wissen: Mein Partner ist mein bester Freund und ich kann ihm zu 100 Prozent vertrauen.

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In welchem Zustand befindest du dich momentan?

Momentan habe ich ein Hoch. Vieles läuft gerade sehr gut bei mir. Ich habe einen neuen Job, durch den ich jetzt öfter nach Berlin pendle. Ich schreibe nebenbei auch noch für ein Magazin, durch das ich sehr viel Arbeit habe und das erfüllt mich. Ich fühle mich nicht nutzlos, sondern mache Dinge. Und das gibt mir ein sehr gutes Gefühl.

Wird dieses Gefühl durch dein Blog verstärkt?

Auf jeden Fall. Mein Blog ist mein Herzensprojekt und ich stecke sehr viel Arbeit hinein. Durch die Beschäftigung mit den Themen und durch das Schreiben therapiere ich mich ein Stück weit selbst. Zudem weiß ich, dass ich damit anderen Leuten helfen kann. Wenn Betroffene keine Angst mehr haben, in eine Tagesklinik zu gehen, weil ich den Ablauf geschildert habe, bedeutet mir das viel mehr als 100 Likes auf ein Selfie.

Durch die Beschäftigung mit den Themen und durch das Schreiben therapiere ich mich auch ein Stück weit selbst.

Und du schreibst über Musik. Inwiefern hilft dir Musik in bestimmten Lebensphasen?

Musik war besonders in meiner Jugend immer für mich da. Auch wenn ich keine Person hatte, mit der ich mich identifizieren konnte, ich hatte immer die Musik. Gerade die Smiths haben sehr melancholische Texte, in denen ich mich wiederfinden konnte. Dadurch hatte ich nicht das Gefühl, alleine zu sein. Im Laufe der Zeit ist Musik ein Stimmungsveränderer geworden. Wenn ich gut drauf bin, höre ich auch gern Musik, die mich bei Laune hält. Wenn es mir schlecht geht, höre ich aufmunternde Musik. Ich habe ein paar Gute-Laune-Alben, die immer wirken.

Was macht dich glücklich?

So viele Dinge. Zeit mit meinem Freund und meinen Freunden zu verbringen, macht mich wirklich glücklich. Einfach das Hier und Jetzt genießen zu können, weil ich das jahrelang nicht konnte. Und dieses Gefühl, frei zu sein, ein Wochenende in Berlin zu verbringen, zu tun, was ich möchte, das auch wahrzunehmen und mir das nicht durch Kleinigkeiten kaputt machen zu lassen.

Wir wünschen dir alles Gute und danken dir für das ehrliche Gespräch!

 

Hier findet ihr Candy Wasteland:

  

Fotos: Sophia Lukasch

Layout: Carolina Moscato

 

 

2 Comments

  • Lisa sagt:

    Vielleicht könntet ihr “depressiver Mensch” (“Wie geht man als Außenstehender mit einem depressiven Menschen um”) in “Personen, die an Depressionen leiden/erkrankt sind” umändern.

    Ich schreibe meine Masterarbeit gerade zum Thema Stigmatisierung psychischer Erkrankungen und mir sticht sowas einfach direkt ins Auge. Mir ist schon klar, dass es nicht so gemeint ist, aber es klingt einfach nach Eigenschafts/Persönlichkeitszuschreibung/Generalisierung auf die ganze Person.. In der klinischen Praxis (und sogar auch langsam in der Forschung) wird zB. immer mehr darauf geachtet, nicht von “den Depressiven” zu sprechen, was nach einer (fälschlicherweise!) stabilen Abgrenzung klingt. Das Interview ist toll und bereichernd und ich freue mich sehr, dass das Thema hier Platz findet und Bewusstsein schafft – aber weil das hier eben auch so ein breites Publikum erreicht, und sich einige vielleicht noch garnicht mit dem Thema auseinandergesetzt haben, finde ich solche Formulierungsdetails so wichtig :)

    Liebe Grüße, Lisa

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