Abina Ntim treibt mit „JONA“ die natürliche Haarrevolution voran

19. November 2019

Sisterhood, Community, Selfcare – drei Schlagwörter, die im Leben jeder Frau relevant sind beziehungsweise sein sollten, die für Women of Color in einer weißen Mehrheitsgesellschaft aber noch mal eine ganz andere Dimension haben. Eine wichtige Rolle in diesem Themenkosmos spielen die Haare. Sie sind Teil der Identität, wurden aber gerade im Fall von Afrohaaren durch über Generationen weitergegebene Anpassungspraktiken vernachlässigt und nicht richtig gepflegt. Chemische Relaxer, die zur permanenten Glättung der Haare teilweise schon im Kindesalter verwendet werden, sind weltweit Praxis. Langsam schreitet die Aufklärung voran, wie gesundheitsschädlich diese Relaxer eigentlich sind – dies ist unter anderem auch Abina Ntim zu verdanken. Die 31-jährige Hamburgerin, die freiberuflich in der Markt- und Trendforschung unterwegs ist, hat JONA gegründet: Join Our Natural Association. Mit JONA schafft sie meist im Rahmen von Workshops einen Space und ein Forum für Frauen mit naturkrausem Haar, in dem sie nicht nur lernen können, wie sie ihre Haare natürlich pflegen, sondern auch positive wie negative Erfahrungen austauschen, die das Beautythema weit übersteigen.

Immer mehr People of Color entscheiden, das chemische Glätten sein zu lassen.

Abina hat gerade einen Natural Hair Workshop im Rahmen des „Kindred Afro Pop-up Shop“ in Hamburg veranstaltet.

femtastics: Was hast du vor JONA gemacht?

Abina Ntim: Ich habe meinen Bachelor und meinen Master in Kulturanthropologie gemacht. Während des Studiums habe ich gejobbt und in der qualitativen Marktforschung sowie in der Trendforschung gearbeitet.

Wann wurde Natural Hair ein größeres Thema für dich?

Ich habe seit Kindheitstagen meine Haare chemisch und dauerhaft mit Relaxern geglättet, eine gängige Praxis, die viele schwarze Frauen weltweit durchführen. Da meine Mutter weiß ist und glatte Haare hat, wusste sie nicht, wie man meine Haare und die meiner Schwester richtig pflegt. Und auch mein Vater, der zwar selbst Afrohaare hat, war mit unseren Haaren überfordert.

Vor ein paar Jahren erst ist herausgekommen, wie schädlich die Relaxer sind. Sie führen zu Uterusmyomen bei Frauen, Mädchen bekommen ihre Periode viel zu früh und sie können sogar Blindheit verursachen. Diese Auswirkungen werden gern unter den Teppich gekehrt, doch langsam gibt es eine gewisse Awareness – sei es aus ästhetischen Gründen, aus Trendgründen, aus gesundheitlichen oder identitätspolitischen Gründen. Das Resultat ist, dass sich immer mehr People of Color entscheiden, das chemische Glätten sein zu lassen.

Die Problematik ist also, dass das Verfahren weit verbreitet ist, viele sich eine Alternative wünschen, aber nicht wissen, wie sie das angehen können?

Es gibt zwei Problematiken: Die eine ist, dass binationale Familien zum Teil überfordert sind mit der Pflege von Afrolocken, die komplett gegenteilig ist zu der von glatten Haaren. Meine Mutter konnte sich nur bis zu einem gewissen Grad informieren, da es das Internet noch nicht gab und deutsche Friseure lernen in der Ausbildung nur glattes Haar zu stylen. Du wirst von Friseursalons zum Teil weggeschickt, weil die Mitarbeiter überfordert sind. Dann gibt es noch Afroshops, aber in den Herkunftsländern wird neben Flechtfrisuren ebenfalls nur an glatten Haaren gelernt beziehungsweise beigebracht, wie die chemische Glättung funktioniert. Natürliche Krause richtig zu pflegen ist auch hier meist Fehlanzeige. Das wiederum geht geschichtlich ganz weit zurück. Es ist eine Anpassung, die seit Anfang des 19. Jahrhunderts praktiziert wird. Früher mit Natronlauge, dann mit Relaxern.

Es gibt also praktisch überhaupt kein Know-how über den Umgang mit naturkrausem Haar.

Genau. Mit dem Natural Hair Movement erfolgt eine Rückbesinnung und neues Wissen wird sich gemeinsam angeeignet.

Deswegen hast du JONA gegründet?

Ich habe gemerkt, dass ich was aus dem Thema machen muss. Zumal ich behaupten würde, dass jede afrodeutsche Frau von der Problematik betroffen ist und sich Input zu dem Thema wünscht, sei es durch Produkte, Service oder eine Anlaufstelle.

Gab es einen Auslöser, dass du das Projekt wirklich angegangen bist?

2011 habe ich meine Haare zusätzlich zur chemischen Glättung hellbraun gefärbt und dann sind mir einfach von der ganzen Chemie die Haare ausgefallen. Ich habe dann angefangen, mich auf eine andere Art mit meinen Haaren auseinanderzusetzen – nämlich mit natürlicher Haarpflege anstatt mit Styling. Ich habe viele Youtube Videos geschaut und meine Haare kurz geschnitten, damit sie in der natürlichen Struktur rauswachsen können. Das war total spannend, denn ich kannte meine natürlichen Haare gar nicht. Freunde und Familie habe ich mit meinem neuen Wissen angesteckt und es wurde zu einem Mini Movement. Sie haben Erfolge gesehen und wir haben uns untereinander ausgetauscht.

Ich habe dann ein Workshop-Konzept entwickelt und meine Master Arbeit geschrieben über den Vergleich des Natural Hair Movements in den USA und in Deutschland mit Fokus auf das Thema Wissensvermittlung. Die ersten Workshops habe ich in Kooperation mit dem iaf e.V., das ist der Verband für binationale Familien und Partnerschaften, gemacht. Viele Eltern, die jahrelang alles versucht haben und am Ende mit ihrem Latein bezüglich der Haarpflege ihrer Kinder sind, kommen zu meinen Workshops und lernen von Grund auf umzudenken.

Letztes Jahr habe ich dann den Namen JONA entwickelt und bin seitdem am Start mit meinen individuellen Beratungen und Workshops. Ich stelle Haarroutinen zusammen, bei denen Schritt für Schritt für jeden Tag Anleitungen erstellt werden mit Produktinfos und Co. Es gibt Produktchecklisten: Welche Produkte brauche ich für mein Haar? Wie wende ich sie an und wo bekomme ich sie her?

Außerdem hast du die Satin Caps entwickelt. Was hat es damit auf sich?

Normale Baumwollkissenbezüge absorbieren Feuchtigkeit. Afrohaare neigen eh stark zu Trockenheit, weil viel weniger natürliche Öle und Fette von der Kopfhaut produziert werden. Nach dem Waschen machen wir sehr viele Produkte in unsere Haare, um ihnen Feuchtigkeit zu geben – die ganze Feuchtigkeit von den Produkten wiederum landet beim Schlafen im Kissenbezug. Außerdem raut Baumwolle bei Reibung die Haarstruktur auf und begünstigt Haarbruch und Spliss. Hinzu kommt, dass Menschen mit Problemhaut es nicht gut abkönnen, wenn irgendwelche anderen Produkte auf der Haut landen. Mit der Satinhaube kann all das nicht passieren. Außerdem hält die Frisur deutlich länger und du hast weniger Frizz am nächsten Tag. Das ist auch für Frauen mit glatten Haaren interessant, die Babyhaare am Haaransatz werden super lang durch das Tragen. Die brechen sonst leicht ab.

Unsere Gesellschaft wird immer gemischter, somit wird es auch mehr Menschen mit naturkrausem Haar geben.

Produzierst du die Satin Caps selbst?

Ja, die lasse ich in Hamburg von einem diversen Team produzieren. Ich habe dieses Produkt nicht komplett neu erfunden, aber es gab sie nicht auf dem deutschen Markt. Die ersten Prototypen habe ich selbst genäht, denn ich wollte verschiedene Größen für verschiedene Haarvolumina entwickeln. Innen sind sie mit Satin gefüttert und außen habe ich afrikanische Waxprints verarbeitet.

Natural Hair ist viel mehr als nur ein Beautythema, es geht um Community und Sisterhood. Wie ist der Status Quo der Bewegung?

Die Bewegung ist gerade am boomen und das wird noch mehr wie zu sehen an der Curl, die erste Messe in Deutschland für Afrohaare. Ich war mit einem Stand vertreten und überrascht, von woher die Leute extra angereist sind – nämlich aus ganz Europa. Der Markt ist da und es gibt einen Need, der gestillt werden möchte. Unsere Gesellschaft wird immer gemischter, somit wird es auch mehr Menschen mit naturkrausem Haar geben. Das Wissen über die gesundheitlichen Auswirkungen von Relaxern kommt jetzt erst bei den Menschen an, teilweise bekommen immer noch ganz kleine Kinder im Alter von zwei Jahren die Haare geglättet, das muss und wird sich ändern.

Es braucht also noch viel mehr Aufklärung.

Zum Glück geht der gesamtgesellschaftliche Trend in Richtung Natürlichkeit. Mehr Menschen setzen sich damit auseinander, was in ihren Produkten drin ist und wo sie ihr Geld lassen. Es wird bewusster konsumiert. Berlin ist in Sachen Natural Hair übrigens wegweisend, hier gibt es mittlerweile sogar einen Friseurladen, der darauf spezialisiert ist – der einzige in ganz Deutschland.

Was hat dir zu mehr Selbstakzeptanz verholfen?

Ich habe das große Glück, dass ich im Gegensatz zu vielen anderen Leuten, die ich kenne oder die in meine Workshops kommen, kein Problem mit meiner Selbstakzeptanz habe. Meine Mutter hat mich und meine Schwester zu sehr selbstbewussten Menschen erzogen. Ich bin in sehr gemischten Kontexten aufgewachsen und zur Schule gegangen, das hat das begünstigt. Witzig finde ich allerdings, was für unterschiedliche Reaktionen ich besonders von Männern bekomme, wenn ich mir mal alle paar Monate die Haare glätte. Das ist wie ein Sozialexperiment.

Hast du eine Selfcare Routine?

Das ist bei mir tatsächlich der Sonntag, hier nehme ich mir ganz viel Zeit für die Pflege meiner Haare. Ich trage Öl auf die Kopfhaut auf, wasche sie, trage eine Kur auf, entklette sie, frisiere sie … das kann mehrere Stunden dauern. Wenn ich ganz ehrlich bin, kann das auch mal nerven. Manchmal habe ich auch keinen Bock drauf. Außerdem gehe ich gern ins Spa!

Vielen Dank für den spannenden Einblick, liebe Abina!

Hier findet ihr „JONA“:

Fotos: Anissa Carrington, Omi Photography

Layout: Kaja Paradiek

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