Hallo, #Tentlife: „Phil & Lui“ leben auf einer griechischen Insel im Zelt

3. Januar 2022

Raus aus München, rein ins Zeltleben. Nachdem Philipp Seidl und Caroline Luisa Klein vom Fair Fashion Label „Phil & Lui“ mit ihrem alten Bus „Dalí“ die Welt bereisten, haben die gebürtige Münchnerin und der Oldenburger 2021 ihre Wohnung aufgegeben und sind auf eine griechische Insel in ein Zelt gezogen. Im Gespräch mit Luisa, die studierte Modedesignerin ist, erfahren wir, was für die 35-Jährige zu den schönsten Naturerinnerungen gehört, warum jede große Wunscherfüllung mit einem ersten Schritt beginnt und wie die Liebe auf Reisen nicht auf der Strecke bleibt.

Caroline ist Modedesignerin, Phil ist Sinologe. Seit 12 Jahren sind sie ein Paar, vor 8 Jahren haben sie gemeinsam das Modelabel „Phil & Lui“ gegründet. Gemeinsam leben sie mit Hund Luky im Zelt auf einer Ionischen Insel in Griechenland. Im Winter wohnen sie momentan in einem kleinen Ferienhaus.
Ihr Zelt steht auf einer Ionischen Insel in Griechenland.

femtastics: Vom #Vanlife zum #Tentlife auf einer griechischen Insel. Wie kam es dazu?

Caroline Luisa Klein: Dafür muss ich ein paar Schritte zurückgehen. Naturverbundenheit ist die Essenz unseres Reisestils. Um ganz ehrlich zu sein, reisen wir schon immer so. In unserem „Hippie Freundeskreis“ war es damals die günstigste und einfachste Variante zu reisen. Man hatte einen alten Bus, eine Matratze darin, einen Gaskocher. Fertig. Natürlich war das gut ausgestattete #VanLife immer ein Traum, aber wir hatten am Anfang gar nicht das Geld dafür. Phil und ich sind die ersten Jahre nur mit Isomatte und Rucksack losgezogen – selbst ohne Zelt. Dann kam ein Wurfzelt dazu. Und vom ersten Geld kauften wir unseren „Dalí“, den Feuerwehr-Van.

Das Geld für ein Haus fehlt noch. Und so ist es ein Zelt geworden.

Dann ist euer jetziges Zelt quasi „back to the roots“. Darf man denn einfach irgendwo sein Lager aufschlagen?

So einfach ist das nicht. Den Platz für unser Zelt kenne ich schon lange. Meine Mutter hat vor 30 Jahren ein 4.500 Quadratmeter großes, verwildertes Grundstück auf dieser Ionischen Insel gekauft. Dort habe ich schon als Kind oft Urlaub gemacht und die wunderschönen Erinnerungen daran bei all den Van-Abenteuern mit mir getragen. In der Pandemiezeit war das Reisen mit dem Van so frei nicht mehr möglich, aber wir wollten trotzdem einen Rückzugsort in der Natur haben. Zusammen sind wir dann auf die Inseln meiner Kindheit gefahren. Wir haben uns beide direkt in das Grundstück, das meiner Mutter gehört, verliebt. Nachdem wir die Wohnung in München aufgegeben hatten, wollten wir einen Ankommens-Ort kreieren – das Geld für ein Haus fehlt noch. Und so ist es ein Zelt geworden.

Mit den Jahreszeiten leben, das Wetter spüren. Die innere Stimme besser hören, weil es Drumherum nicht so laut ist. Das naturverbundene Leben ist pures Glück für mich.

Der Sprung von einer Wohnung in München zu einem Zelt scheint riesig. Was macht euch so mutig?

Wenn man einmal die Erfahrung gemacht hat, wie wunderschön das naturnahe Leben ist, dann ist das eine gute Basis. Die Ruhe. Zu sich finden. Erkennen, worauf es ankommt und wirklich zu spüren, dass weniger mehr ist. Das ist so wertvoll! Mit den Jahreszeiten leben, das Wetter spüren. Die innere Stimme besser hören, weil es Drumherum nicht so laut ist. Das ist pures Glück für mich. Nach jeder Reise war es ein bisschen beklemmender, zurück in die Wohnung nach München zu kommen. Die Enge, die Menschen überall. Klar hatten wir auch Naturerfahrung in der Stadt. Aber es fällt oft schwerer, sich da rauszureißen. Ich habe es besonders gemerkt, als wir die Wohnung aufgelöst haben – und sie war wirklich wunderschön! Wir waren frei.

Kleine Schritte in die Richtung, in die man sich traut, zu gehen. Und dann wird man immer mutiger.

Was rätst du Menschen, die selbst einen großen Wunsch nach Veränderung haben, aber noch zögern?

Jeder kleine Schritt zählt. Man sollte sich nicht dazu drängen, alles von einen auf den anderen Tag zu verändern. Mal ein Wochenende im Auto am See schlafen und schauen, wie es sich anfühlt. Kleine Schritte in die Richtung, in die man sich traut, zu gehen. Und dann wird man immer mutiger. Bei uns hat es sich Stück für Stück entwickelt. Unsere Wohnung war eine Traumwohnung in München zu einem bezahlbaren Preis. Da haben wir auch nicht im ersten Jahr gesagt: „Kein Problem, das geben wir einfach so auf.“ Wir haben die Wohnung erstmal untervermietet für ein Jahr. Und dann wurde der Blick klarer. Ich finde, wir dürfen auch mutiger sein, auszuprobieren, ohne immer gleich zu wissen, ob es jetzt wirklich das Richtige ist. Vielleicht haben wir jetzt zwei, drei Jahre im Zelt Freude und dann kommt vielleicht ein Haus. Das eine schließt das andere nicht aus. Man kann sich zum Beispiel das Zelt auch erstmal dauerhaft in den Garten stellen und schauen, wie es sich darin lebt.

Euer Zelt sieht wirklich fabelhaft aus. Wo bekommt man denn so ein Zelt zum „richtig drin leben“?

Unser Zelt ist von „Canvas Camp“. Es besteht aus gewachster Baumwolle, sodass kein Regen reinkommt. Es besitzt Belüftungsschlitze, die man im Sommer unten aufmachen kann und es hat Stehhöhe. Wir wollten gut darin schlafen und Sachen darin lagern können. Das Zelt ist super schnell aufgebaut. Das ist toll, weil wir es, wenn wir wieder auf Reise gehen, mitnehmen wollen. Weil es hier in Griechenland aber länger steht, wollten wir es gemütlicher haben und deshalb haben wir uns entschieden, die Terrasse darunter zu bauen. So können wir auch davor bequem und entspannt sitzen.

Heute ist alles, was wir besitzen, mit uns in Griechenland in Zelt und Bus. Bis auf ein paar Steuerunterlagen, zwei große Bilderrahmen und meine Nähmaschine.

Was war euch wichtig bei der Einrichtung? Woher habt ihr die Accessoires und Möbel?

Wir lieben Upcycling. Wir sind auf Flohmärkten unterwegs oder schauen auch im Sperrmüll und restaurieren alte Möbelstücke oder Lampen. In München haben wir fast alles verkauft. Ein paar Sachen vermisse ich schon. Zum Beispiel meine Danish Design Stühle mit Teak und Samtstoff. Gleichzeitig habe ich so Lust darauf, aus wenig das Beste zu machen. Und auch die Möbel unseren neuen Bedürfnissen im Zelt anzupassen. Wir haben einen handgemachten, türkischen Teppich aus unserem Münchner Zuhause mitgenommen. Unser altes Paletten-Bett durfte auch mit einziehen. Eine Holzkiste von meiner Omi ist Lager für Geschirr. All unsere Sachen haben in „Dalí“ gepasst. So sind wir dann losgefahren in Richtung Insel. Heute ist alles, was wir besitzen, mit uns in Griechenland in Zelt und Bus. Bis auf ein paar Steuerunterlagen, zwei große Bilderrahmen und meine Nähmaschine. Und das fühlt sich so gut an!

Zu eurem Zelt gehört eine wunderschöne Outdoor-Küche. Wer hat euch beim Bau geholfen? Welche Herausforderungen gab es?

Geplant haben wir alles alleine. Beim Bau hatten wir Hilfe, weil wir noch nie so richtig mit Beton gearbeitet haben. Unser lieber Freund Afrim, der uns oft hilft, hat uns unterstützt. Er kann noch im alten Stil Mauern bauen, das ist großartig. Aber auch einige Freund*innen unterstützten uns. Denn auf unser Grundstück gibt es keine Zufahrt. Wir mussten also alles zu Fuß zum Ort des Küchenbaus tragen. Ein paar Mal unterstützen uns sogar Follower*innen, die in der Nähe Urlaub gemacht haben. Das war so cool.

Eure Vision ist es, in Griechenland auf lange Sicht eine Community aufzubauen. Was wünscht ihr euch? Wie darf dieses gemeinschaftliche Leben aussehen?

Wir wollen Menschen zeigen, wie schön es ist, wenn man wieder so nah an und mit der Natur lebt. Aber auch, sich aufs Wesentliche zu konzentrieren. Es gibt zum Beispiel nur heißes Wasser, wenn die Sonne scheint. Eine heiße Dusche wird dann wieder etwas ganz Besonderes. Es soll ein Haupthaus geben, mehrere, kleine Tiny Houses und ein Zelt. Zum Ausruhen, Runterkommen und zusammen sein, wenn man das möchte. Dafür eignet sich unsere Outdoor-Küche als Ort der Begegnung auch großartig. Gleichzeitig kann jede*r hier seinen oder ihren ganz eigenen Space haben und sich vollkommen zurückziehen.

Früher hatten wir einen eigenen Laden und belieferten rund 200 Modegeschäfte – heute haben wir einen Onlineshop, über den wir unsere Kleidung verkaufen.

Das ist eine wunderschöne Vision, die auch finanziert werden muss. Wie verdient ihr denn aktuell Geld? Seid ihr mit Ersparnissen gestartet oder arbeitet ihr die ganze Zeit?

Wir haben letztes Jahr ein paar Kooperationen über unseren Instagram-Kanal gemacht – aber unsere Haupteinnahmequelle ist unser nachhaltiges Modelabel „Phil & Lui“. Allerdings haben wir unser Konzept mit unserem Umzug auf die Insel umgestellt: Früher hatten wir einen eigenen Laden und belieferten rund 200 Modegeschäfte in Deutschland, Österreich und der Schweiz. Wir waren auf Messen unterwegs, voll drin im Modetrubel. Aber irgendwann hat es einfach nicht mehr mit unseren Werten zusammengepasst. Heute betreiben wir einen eigenen Onlineshop und versenden unsere Lieblingsstücke über einen Logistiker in Deutschland. Wir sind regelmäßig in Portugal bei einem wunderbaren Familienunternehmen, welches unsere Kleidung produziert und mit denen wir ganz eng zusammenarbeiten.

Ihr beide habt „Phil & Lui“ bereits 2014 gegründet. Was macht eure Fair Fashion aus?

Weniger ist mehr. Wir legen ganz viel Wert auf hohe Qualität und ein mega Hautgefühl. Menschen, die unsere Kleidung tragen, sollen Liebe bei der ersten Berührung fühlen. Durch unsere Reisen und auch das Leben im Zelt haben wir nur noch mehr verinnerlicht, wie wichtig es ist, eine langlebige, vielgeliebte und hochwertige Garderobe zu besitzen – mit Teilen, die wir immer wieder gerne tragen. Wir haben so viele Kund*innen, die unsere Pieces mit auf Reisen nehmen, weil sie einfach nicht ohne sie sein wollen. Das ist die schönste Bestätigung für uns. Teilweise sind sie wie Erinnerungsstücke: Der Hoodie riecht noch nach Meeresluft und in der Beuteltasche findet man noch etwas Sand.

Man muss einfach annehmen, dass es Phasen gibt und sich die Beziehung nicht immer gleich anfühlt. Nach Business steht vielleicht wieder das Sexuelle, die Erotik im Vordergrund, dann wieder Lust auf Feiern und Tanzen.

„Phil & Lui“ – das steht für Philipp und Luisa. Ihr reist zusammen im Van, ihr lebt auf engstem Raum zusammen, ihr habt ein gemeinsames Unternehmen. Auf euren Fotos wirkt ihr so innig, sexy, verspielt. Wie haltet ihr bei all der Verantwortung und nach all der Zeit den Zauber aufrecht?

Wir sind jetzt seit 12 Jahren ein Paar. In der Uni haben wir auf 12 Quadratmetern in einem WG-Zimmer gelebt und unsere Abschlüsse gemeistert. Das lief super! Wir bringen da schon eine gute Grundbasis mit. Klassische Vanlifer-Frage: Wie hält man es so gut auf engem Raum zusammen aus? Wir sind zusammen und dann doch nicht. Wir machen einfach voll unser Ding, ohne dass der oder die andere sich dadurch gestört fühlt. Als wir das Label gegründet und aufgebaut haben, waren wir mehr Business Buddies als Liebesbeziehung. Es geht darum, diesen Status dann anzunehmen und sich darauf zu einigen, dass man gemeinsam für etwas brennt. Nach vier Jahren ohne Urlaub und nur Arbeit mussten wir uns dann aber fragen: „Wo sind wir?“ Da hatten wir fast einen Beziehungs-Burn-Out. Dann kam eine Zeit, in der wir super bewusst viel Paar-Zeit verbracht haben. Ich denke, dass man einfach annehmen muss, dass es Phasen gibt und sich die Beziehung nicht immer gleich anfühlt. Nach Business steht vielleicht wieder das Sexuelle, die Erotik im Vordergrund, dann wieder Lust auf Feiern und Tanzen. Dann kommen wieder fokussierte Arbeitsphasen. Wir wissen einfach, dass wir zusammengehören und vertrauen auf unsere Liebe.

Was wünscht ihr euch für 2022? Wollt ihr dauerhaft im Zelt wohnen bleiben? Habt ihr schon was vor oder seid ihr einfach spontan?

Nächstes Jahr soll der neue Ausbau von „Dalí“ fertig werden, damit wir wieder auf Reisen starten können. Der Busausbau ist ein Herzensprojekt, wir wollen uns da aber nicht unter Druck setzen. Im Frühjahr möchten wir fertig sein. Und wenn es nicht so ist, dann bleiben wir eben noch im Zelt. Einen Schritt nach dem anderen eben. Wir wollen so lange reisen, wie wir spüren, dass es macht Spaß. Und dann freuen wir uns auch wieder, hier auf unserer Insel anzukommen. Es wird noch nicht nächstes Jahr soweit sein, aber ein großer Wunsch ist es, in Richtung Indien und Asien zu reisen. Vielleicht sogar „over sea“ mit dem Bus. Aber am liebsten, wie immer, dem Gefühl hinterher.

Vielen Dank, Luisa, für diesen inspirierenden Austausch!


Hier findet ihr „Phil & Lui“:

Text: Lara Keuthen


Fotos: „Phil & Lui“


Layout: Kaja Paradiek

1 Kommentar

  • Anne Klein sagt:

    Super toller Artikel. Es tut so gut zu sehen/lesen, wenn Menschen ihre Visionen umsetzen und gleichzeitig bodenständig und realistisch ihr Geld verdienen, indem sie, wie hier phil und lui, ihr Modelabel weiter führen.

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