Social Fashion: Martina Offeh von „Ashes and Soil“ kämpft gegen die Stigmatisierung psychisch kranker Menschen

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5. März 2020

Der Wunsch nach bewussterem Konsum hat schon lange Eintritt in die Modebranche gefunden. Die 28-jährige Gründerin Martina Offeh greift mit ihrem Modelabel „Ashes and Soil“ dieses Bedürfnis auf und geht noch einen Schritt weiter: Sie verweist auf gesellschaftliche Missstände. Als studierte Mode- und Textilmanagerin schlägt ihr Herz für raffinierte Mode und ästhetische Themen. Doch das allein reicht ihr nicht aus. Sie hat es sich zum Ziel gemacht, auf globale, sozialpolitische Themen aufmerksam zu machen und einen Perspektivenwechsel anzuregen. Über die im Juni 2019 erstmalig erschienene Kollektion „Introspection“ erzählt sie die Geschichten von Menschen, die aufgrund ihrer psychischen Erkrankungen Stigmatisierungen ausgesetzt sind. Wir haben die Gründerin in ihrem Büro in der Hamburger Altstadt getroffen und mit ihr über vermeintlich gegensätzliche Themen – Mode und soziales Engagement – gesprochen.

Martina Offeh hat 2017 ihr Modelabel „Ashes and Soil“ gegründet – sie kümmert sich um die kreative Ausrichtung, die orangefarbene Fransenjacke hat Designerin Musa Simone designt.

femtastics: Wie bist du dazu gekommen, dich mit der Stigmatisierung von psychisch kranken Menschen zu befassen?

Martina Offeh: Das Schlimme war, dass ich gar keinen Bezug zu dem Thema hatte. Das wurde mir bewusst, als ich vor zweieinhalb Jahren Rick Wolthusen von On The Move e.V. kennenlernte. Ein Verein, der Entstigmatisierungsarbeit in Deutschland, den USA und verschiedenen Ländern in Afrika betreibt. Er hat mir davon erzählt, wie die Situation in Afrika ist, also wie Menschen mit psychischen Erkrankungen gefoltert und von ihren Familien ausgeschlossen werden. Diese Themen regten mich zum Nachdenken an – insbesondere weil ich vorher keine Berührungspunkte hatte – sodass ich beschloss, diesen Themen meine erste Modekollektion zu widmen. Ich möchte ein Bewusstsein schaffen und die Betroffenen sichtbar machen. Mit der aktuellen Kollektion stellen wir die Geschichten von acht Personen dar, die mit psychischen Störungen diagnostiziert wurden.

Wie wird mit psychischen Erkrankungen in westafrikanischen Communities umgegangen?

Es gibt große Wissenslücken, da die medizinische und wissenschaftliche Aufklärung zu psychischen Erkrankungen nicht so weit ausgereift ist wie in Deutschland. Gerade in afrikanischen Ländern dient der Glaube als Erklärung für so gut wie alle Dinge im Leben. Dementsprechend wird nicht davon ausgegangen, dass eine Person krank ist und Behandlung braucht, sondern dass sie von Geistern dämonisiert ist. Die Alternativerklärungen führen zu dem diskriminierenden Umgang mit den Betroffenen.

Das Interview führt femtastics-Autorin Abina Ntim.

Ich möchte mit meiner Kollektion vermitteln: In deinem Leben können gewisse Dinge passieren. Das muss allerdings nicht bedeuten, dass du ein Opfer dieser Situation werden musst.

Wie kam der Kontakt zu den Menschen zustande, denen deine erste Kollektion gewidmet ist?

Ich habe alle Betroffenen bei meiner vorletzten Ghanareise 2018 durch den Verein „On The Move e.V.“ in der Ostregion in Aflao kennengelernt. Im selben Jahr hat der Verein dort das „Home of Brains“ eröffnet, ein Rehabilitations- und Therapiezentrum für Menschen mit psychischen Erkrankungen. Hier haben die Betroffenen die Möglichkeit Berufsausbildungen in verschiedensten Bereichen zu machen. Wir arbeiten mit „On The Move e.V.“ zusammen und investieren Teile unserer Erlöse in das Ausbildungsprogramm. Ich habe mich viel mit den Leuten vor Ort ausgetauscht. Es war ein unglaublich schönes Gefühl mit tollen Momenten, weil viel Respekt, Anerkennung und Freude auf beiden Seiten bestand.

Gab es eine Begegnung, die dich besonders bewegt hat?

Ich bin kein Freund davon zu pauschalisieren, daher finde ich jede Person besonders in ihrer Geschichte. Eine der Personen, die aber immer wieder für mich heraussticht, ist Rosaline. Sie ist eine junge Frau, die nach Togo gegangen ist, um Pharmazie zu studieren. Nachdem sie nach Ghana zurückkehrte, hat sie angefangen, Stimmen zu hören. Als ihre Mutter bemerkt hat, dass etwas nicht stimmte, ließ sie ihre Tochter in eine Psychiatrie einweisen. Ihr ging es zwar durch die Behandlung etwas besser, allerdings wurde sie von ihrem Mann aufgrund ihrer Schizophrenie verstoßen und zuhause eingesperrt. Er wollte nicht mit ihr gesehen werden, da er nicht mit ihr in Verbindung gebracht werden wollte. Nach einem gescheiterten Rettungsversuch ihrer Mutter konnte sie schließlich mithilfe der Polizei befreit werden. Seitdem lebt sie bei ihrer Mutter und hat an einem Ausbildungsprogramm von „On The Move“ teilgenommen. Zu sehen – gerade weil es eine junge Frau in meinem Alter ist – wie ihr Leben sich gestaltet hat, ist zum einen sehr traurig, aber gleichzeitig ist die Freude, die sie trotzdem verspürt, einfach unglaublich. Sie ist total charismatisch, liebevoll und offen. Und das ist genau das, was ich mit meiner Kollektion vermitteln möchte: In deinem Leben können gewisse Dinge passieren. Das muss allerdings nicht bedeuten, dass du ein Opfer dieser Situation werden musst.

Spiegelt sich der westafrikanische Bezug auch in deiner Mode wider?

Ich habe westafrikanische Wurzeln und bin eine starke Verfechterin davon, dass man authentische und nachvollziehbare Geschichten erzählt. Deswegen möchte ich den Kontinent Afrika gerne weiterhin als Inspirations- und Themenquelle verwenden. Wir verfolgen aber einen sehr kosmopolitischen Ansatz. Man kann es daher nicht als afrikanisches Label festlegen. Nichtsdestotrotz sind es meine Wurzeln und ich würde ihnen innerhalb des Labels gerne treu bleiben. Der westafrikanische Einfluss soll subtil weiterverfolgt werden. Wir haben viele Elemente aus dem westafrikanischen Kente-Muster verwendet, welches ursprünglich bei königlichen Gewändern eingesetzt wird. Das Muster haben wir zum Beispiel komplett extrahiert in die Lederjacken geprägt.

In den Jacken deiner aktuellen Kollektion sind die Geschichten der Betroffenen durch QR-Codes abgebildet, die die Träger zu Testimonials auf deiner Homepage führen. Wird dadurch mehr über psychische Erkrankungen gesprochen?

Jedes Mal wenn ich mich mit jemandem zu diesem Thema austausche, merke ich, dass neue Gedankengänge angeregt und Berührungspunkte geschaffen werden. Weil Leute merken, dass das Thema gar nicht so weit weg ist und sie selbst Betroffene kennen. Einige Leute scannen die Codes und teilen die Geschichten mit ihren Freunden. So werden sie zum Multiplikator und das ist genau das, was wir anvisiert haben. Gerade in Ghana passiert u.a. durch „On The Move e.V.“ ganz viel: es gibt Radiosendungen und regelmäßige Events in den jeweiligen Communities. Die Vereinsmitarbeiter gehen direkt zu den Kirchen, Schulen und Institutionen und warten nicht, bis die Leute zu ihnen kommen.

In POC Communities meiner Generation wird sehr wenig über emotionale Themen gesprochen.

In den Jacken der aktuellen Kollektion sind die Geschichten der Betroffenen durch QR-Codes abgebildet, die die Träger zu Testimonials auf der Homepage führen.

Es tut sich also einiges. Sind PoC mit psychischen Erkrankungen in Deutschland deiner Meinung nach einer ebenso starken Stigmatisierung ausgesetzt?

Ich glaube, dass in diesen Communitys besondere Herausforderungen bestehen. Wenn wir darüber sprechen, dass in afrikanischen Ländern nicht über mentale Gesundheit gesprochen wird, müssen wir uns auch die Haushalte der afrikanischen Diaspora hier in Deutschland anschauen. Ich gehe davon aus, dass über mentale Gesundheit auch zu Hause nicht wirklich gesprochen wird. Symptome werden in der Regel seltener zugeordnet und der betroffenen Person wird dementsprechend nicht unmittelbar geholfen bzw. es wird nicht nach Hilfe gesucht. Themen wie Depressionen, Angststörungen und Psychose finden nur selten Raum.

Dementsprechend denken wir, dass gewisse Dinge normal sind. In POC Communitys meiner Generation wird sehr wenig über emotionale Themen gesprochen. Daher denke ich, dass es hier besondere Herausforderungen und Redebedarf gibt. Das fängt schon bei der Generation meiner Eltern oder wiederum deren Eltern an. Der Vater meines Vaters hätte sich nicht mit ihm hingesetzt und ihn gefragt, wie es ihm geht oder wie sein Zehn-Jahres-Plan aussieht. Solche Konversationen gibt es nicht und das führt dazu, dass man emotional oftmals kälter ist, als wenn solche Gespräche stattgefunden hätten.

Du bist dir selbst als Person nicht nah genug oder hast das Gefühl, funktionieren zu müssen, weil du zum Beispiel auf deine Geschwister aufpassen oder du zu dem Haushalt, in dem du lebst, viel beitragen musst. Du lebst mehr aus einer Verpflichtung heraus als aus Selbstverwirklichungsgedanken. Wir erkennen gewisse Symptome und bestimmte Krankheitsbilder nicht. Ich würde zum Beispiel nicht von der Arbeit fernbleiben, weil es mir „nur“ nicht gut geht, sondern erst, wenn ich mir mein Bein gebrochen habe. „Krieg‘ das hin“ ist der Gedanke dahinter. Gerade schwarzafrikanische Menschen waren immer schon Extremsituationen ausgesetzt und dementsprechend gibt es gewisse psychische Belastungen, die als „nicht so schlimm“ eingestuft werden. Sie sind normal geworden. Und alles, was normalisiert wird, wird selten als schlimm betrachtet.

Lange Zeit nach deinem Mode- und Textilmanagement- Studium war Selbstständigkeit kein Thema für dich. Wie kam es zur Gründung von „Ashes and Soil“?

Ich hatte mich zunächst gegen den Weg in die Modebranche entschieden, weil ich das Gefühl hatte, hier immer wieder auf Themen zu treffen, die mich überhaupt nicht widerspiegeln. Dazu gehört vor allem die Oberflächlichkeit. Das bin ich nicht und da passe ich nicht rein. Ich habe die ersten Jahre nach dem Studium im Retail Management als Team Leadership gearbeitet. Erst vor knapp zweieinhalb Jahren sagte ich mir: Du hast die Affinität und die Ideen, gründe doch einfach etwas, was dir entspricht! Von meinem kulturellen Erbgut und den Werten, für die ich stehe, bis hin zu den Dingen, die ich in der Modebranche verändern möchte. Es gab kein ausschlaggebendes Ereignis für die Gründung, vielmehr sind mir irgendwann die Gründe ausgegangen, es nicht zu tun.

Der Name des Labels beschreibt mit Asche und Erde in der Natur vorkommende Materialien. Was hat es damit auf sich?

Zum einen haben wir bei dem Label eine sehr starke Vernetzung zum Thema Natur, Erde und Herkunft. Zum anderen ist Mode ein Markt, den wir mit Prestige, Schönheit und Anerkennung in Zusammenhang bringen. Ich möchte Mode mit Themen zusammenbringen, die genau das nicht widerspiegeln. Themen, die eher beschämend erscheinen, die man lieber unter den Teppich kehrt, vor allem die Menschen dahinter. Asche gilt auf den ersten Blick als verbranntes Element, das keinen Nutzen mehr hat. Tatsächlich ist es aber so, dass Asche auch als Dünger für Nährboden genutzt wird. Und genau das ist auch der Gedankengang: Wir widmen uns Themen, die vielleicht unschön wirken und stellen die Schönheit dieser Themen durch die Mode die wir machen, dar.

Ich möchte, dass die Mode, die wir kreieren, die Gesellschaft auf eine authentische, neue Art zeigt. Ich möchte Berührungspunkte schaffen, um Wechselwirkungen deutlich zu machen.

Was waren die größten Herausforderungen bei deiner Gründung?

Meistens gründet man nicht aus einer bestimmten Expertise heraus, sondern aus dem Wunsch, etwas schaffen und bewegen zu wollen. Der Zugang zu Ressourcen, Expertise und Netzwerke spielen eine große Rolle: Wie komme ich dahin? Natürlich hatte ich auch ganz viel Sorgen und Ängste. Wie mache ich das? Mache ich das richtig? Wer hilft mir? Ich tausche mich intensiv mit Leuten in- und außerhalb der Branche aus, um Feedback zu erhalten. Es tut gut und ist hilfreich, aus einer anderen Perspektive auf das eigene Unternehmen zu schauen.

Damit schaffst du es, dich immer wieder selbst anzutreiben. Woraus ziehst du außerdem deine Motivation?

Ich bin ein grundmotivierter Mensch mit ganz viel intrinsischer Motivation. Es ist vor allem der Gedanke, dass ich etwas verändern möchte. Ich möchte etwas für mich verändern und für die Generationen, die nach mir kommen. Ich möchte einen Fußabdruck in der Modebranche hinterlassen. Was ich mit dem Label erreichen möchte, ist zu zeigen, dass ein Medium wie Mode mehr machen kann als nur zu bekleiden. Ich möchte, dass die Mode, die wir kreieren, die Gesellschaft auf eine authentische, neue Art zeigt. Ich möchte Berührungspunkte schaffen, um Wechselwirkungen deutlich zu machen.

Martina trägt den Mantel „Rosaline“, den sie für „Ashes and Soil“ designt hat.

Apropos verschiedene Welten: Du bist zusätzlich zur Gründung deines Labels als Solution Consultant tätig und engagierst dich in ehrenamtlicher Vereinsarbeit. Woher ziehst du deine Energie?

Alles, was ich mache, mache ich sehr gerne und aus Überzeugung. Natürlich fehlt einem vorne und hinten die Zeit, Kapazität und manchmal Energie, die Dinge immer konsequent durchzuziehen. Beim Verein „Future of Ghana Germany e.V.“ haben wir zum Beispiel ein unglaublich tolles Team, das ehrenamtlich arbeitet. Als Solution Consultant arbeite ich in Teilzeit. Und ich arbeite mit einem Wochenplan. Ich weiß immer genau, in welcher Woche ich was mache. Für mich ist es einfacher, für eine Woche komplett in einem Thema zu sein, als die ganze Zeit zwischen den Bereichen zu wechseln. So ein Plan ist ein Produktivitäts-Booster für mich.

Bei „Ashes and Soil“ geht es sehr viel um soziales Engagement. Ist dieser Aspekt auch deinen Kunden wichtig?

Die Kundin, die wir ansprechen wollen, hat auf jeden Fall ein soziales Bewusstsein. Wir sehen immer wieder, wie die Umwelt durch unseren Konsum belastet wird. Es geht heutzutage leider nicht stark genug darum, dass wir ökologisch konsumieren. Wir konsumieren oft schnell und günstig, kaufen immer wieder neue Sachen, die uns einfach nichts mehr bedeuten.

Unseren Kund*innen bedeutet ihre Kleidung etwas. Sie möchten wissen, wo und von wem gefertigt wird und was der Hintergrund des Labels ist. Das ist das Schöne, dass unsere Kund*innen, nicht einfach nur coole Mode haben, sondern bewusst konsumieren wollen. Sie wollen nachvollziehen können, wo sie ihr Geld lassen.

An welchem Piece hängst du am meisten?

Es gibt so ein paar Pieces, die meine Herzensstücke sind. Das sind die bunte und die braune Lederjacke „Agbota“, die IVN-zertifiziert ist. Aber auch der orangefarbene „Mawufemor“ Mantel und den Mantel „Celestine“ finde ich unglaublich toll. Ich mag gerne Sachen, die vom Schnitt her simpel sind und trotzdem extravagante Details haben. Die orangefarbenen Jacke „Agbota“ hat zum Beispiel einen Schal mit drin, der auf den ersten Blick nicht zu sehen ist. Bei dem grauen Mantel „Mawufemor“ sind hinten Fransen angebracht, die so gebondet sind, dass sie außen grau und innen orangefarben sind. Das sind Kleidungsstücke, die für den Alltag cool und lässig und gleichzeitig etwas Besonderes sind.

Wohin geht die Reise für „Ashes and Soil“?

Wir werden weiterhin über Modekollektionen Geschichten aufgreifen. Nur strukturell wird sich einiges verändern. Bislang haben wir vorproduziert, in der Zukunft werden wir erst auf Anfrage produzieren, damit wir exklusiver und nachhaltiger werden. Wir wollen außerdem noch stärker in die Kommunikation der jeweils aufgegriffenen Themen gehen. Die Leute wollen einfach bewusster konsumieren und kein Fast Fashion mehr. Daher orientieren wir uns zukünftig nicht an Saisons, sondern machen uns komplett unabhängig vom Fashion Circle. Wir arbeiten derzeit an einer zweiten Kollektion, die ebenfalls einem eigenen Thema gewidmet wird. Sie wird vorausichtlich Ende des Jahres erscheinen.

Uns ist es wichtig, dass wir noch mehr in die internationale Kommunikation gehen und globale Themen behandeln. Unsere Base wird weiterhin in Hamburg sein und wir werden mehr in Richtung Events und Kooperation gehen. Wir arbeiten mit Local Heroes – also Kreative & Künstler aus der Community – zusammen, weil es uns wichtig ist, dass wir nicht nur international kollaborieren. Wir schauen auch, wen es in unserer unmittelbaren Community gibt und wie wir deren Arbeit unterstützen und mit unserer Arbeit verflechten können.

Vielen Dank für das interessante Gespräch, liebe Martina!

Hier findet ihr „Ashes and Soil“:

Layout: Kaja Paradiek

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