Murali Nair von „āsmi Ayurveda“: „Es ist falsch, Ayurveda nur auf die Küche zu reduzieren.“

7. Juni 2021

Die Natur und der Mensch im Einklang. Ein Lebensstil, der gerade während des pandemiebedingten Innehaltens wieder mehr Anklang findet. Murali Nair lebt Ayurveda seit seiner Kindheit. Der gebürtige Inder, der seit elf Jahren in Deutschland wohnt, davon seit rund sechs Jahren in Bielefeld, wagte 2019 den Schritt zur Gründung seines eigenen Labels, das ihn wieder zu seinen Wurzeln zurückführt: Mit „āsmi Ayurveda“ kombiniert der 40-Jährige traditionelle Ayurveda-Rezepte mit einem modernen europäischen Design. Wir sprechen mit Murali über den Unterschied zwischen Ayurveda in Indien und in Deutschland, den Drang zur Selbstoptimierung im Westen und Nachhaltigkeit in der Unternehmensgründung.

femtastics: Ayurveda ist als uralte Heilkunde aus Indien bekannt. Was macht sie aus?

Murali Nair: „Ayur“ bedeutet Leben und „Veda“ Wissen. Ayurveda ist also das Wissen des Lebens. Ich lebe seit elf Jahren in Deutschland und hier wird unter Ayurveda immer ayurvedische Küche verstanden. Aber Ayurveda ist viel mehr als das. Für mich ist es eine Lebensweise, die wir in Kerala, Südindien, praktizierten, wo wir die Natur und die Lebewesen gleichermaßen respektierten. Es werden viele Naturzutaten verwendet – beim Kochen oder in der Medizin – aber die Natur wird nicht als Vorratskammer genutzt. Man kümmert sich um die Natur, genauso wie um seine Mitmenschen. So bin ich aufgewachsen und das ist für mich die Bedeutung von Ayurveda.

Murali Nair ist der Gründer von „āsmi Ayurveda“

In vielen Industrieländern wird Ayurveda auf Kräuter und Küche reduziert.

Was ist der Unterschied zwischen Ayurveda in Indien und im Westen?

In vielen Industrieländern wird Ayurveda auf Kräuter und Küche reduziert. Aber Ayurveda kann für Körper und Geist von größerem Nutzen sein, wenn wir es nicht nur bei einem Wochenend-Retreat, sondern auch in unserem Alltag praktizieren. Ayurveda muss ganzheitlich gedacht werden. Wir haben hier in Deutschland einen stressigen Arbeitsalltag, sodass versucht wird, Ayurveda in kleine Pakete zu stecken. Aber natürlich funktioniert das nicht, wenn der Rest nicht geändert wird. Das ist der grundlegendste Unterschied.

Gerade in Europa geht der Trend zu alten indischen Praktiken wie Yoga oder Ayurveda. Steht dahinter der scheinbar allgegenwärtige Drang nach Selbstoptimierung oder eher die Suche nach der Verbindung von Körper und Geist?

Im Westen geht es manchmal darum, die perfekte Pose, die perfekte Asana zu erreichen. Natürlich wird dieser Trend durch Instagram und andere soziale Medien noch beschleunigt. Das wird natürlich auch von Instagram unterstützt. Man sieht Influencer, die unmögliche Positionen halten. Wenn man in Indien ins Yogastudio geht, gibt es diesen Drang zum Perfektionismus nicht. Es wird sich weniger mit anderen verglichen. Die Stimmung ist ganz anders. Jede*r macht so weit, wie er oder sie kann.

Seit Corona sind wir auch zunehmend digitaler unterwegs und verbringen weniger Zeit mit der Natur oder unserem Körper. Da helfen natürlich Rituale wie Yoga oder auch Produkte, die man nutzen kann, um eine halbe Stunde abzuschalten. Das ist definitiv gut, aber wir müssen ein besseres Gleichgewicht zwischen Technologie, die nützlich ist, und Technologie, die uns süchtig machen kann, finden.

Wann und wieso hast du begonnen, dich mit Ayurveda zu beschäftigen?

Ich weiß nicht, wann ich mit Ayurveda angefangen habe, da es immer ein Teil unseres Lebens war, wie es von meinen Großeltern und Eltern gelebt wurde. Stereotyp gedacht ist es so, als würde man einen Deutschen fragen, wann er mit der Pünktlichkeit angefangen hat! Meine Familie war sehr wählerisch, was wir aßen und wann wir aßen.
Gewürze und Kräuter von unserem Hof füllten unsere Küche. Frisch zubereitete Hibiskuspaste war unser Shampoo. Wir tranken die Kräutertees, wenn wir krank waren; ich hatte jeden Mittwoch und Samstag eine Ölmassage, solange ich mich erinnern kann. Das sind die Traditionen, die wir mit unseren Produkten zum Leben erwecken.

Welche Bedeutung hat Ayurveda für Dich persönlich?

Ayurveda bedeutet für mich, auf meinen Körper und meinen Geist zu hören und beide mit Respekt zu behandeln. Es bedeutet, zu wissen, wie mein Körper und Geist reagiert und meinen Lebensstil so anzupassen, dass ein Gleichgewicht entsteht. Ein Gleichgewicht zwischen Gesundheit und Geschmack, Glück und Vergnügen sowie Verbindung und Freiheit.

Untrennbar davon ist die Liebe und der Respekt für die Natur und alle Lebewesen. Sei es für den Maulwurf, der unseren Garten mit seinen Hügeln bedeckt, oder für die Wespe, die sich zu uns auf einen Sommertrunk gesellt. Wir sind nur eine unter vielen Schöpfungen der Natur und sollten uns nicht zu wichtig nehmen.

Wie Sri Aurobindo sagte: Wenn man sich aus dem Mittelpunkt herausnimmt, sieht man das ganze Bild.

Mit „āsmi Ayurveda“ möchtest du Ayurveda in einem modernen europäischen Kontext neu definieren. Wie gelingt dir das?

„Āsmi“ bedeutet auf Sanskrit „ich bin“. „āsmi Ayurveda“ ist also für Menschen gedacht, welche die Veränderung wollen. Es geht nicht darum, ein Produkt zu kaufen, damit es mir gut geht, sondern dass dieses auch verantwortlich hergestellt wird. Bei uns gibt es kein Lifestyle-Ayurveda-Produkt ohne eine ayurvedische Basis. Unsere Tees sind von unserem Familienarzt entwickelt, der seit 40 Jahren als Ayurveda-Arzt tätig ist. Das Design ist von Nina Bruun. Nina kommt aus Kopenhagen, hat dort ein Designstudio und ist ein großer Yoga- und Indien-Fan, weshalb es zwischen uns geklickt hat. Diese Kombination von einem modernen Design aus Kopenhagen und einem traditionellen Arzt aus Indien funktioniert gut. Wichtig sind auch die Produktion der Verpackungen und die Abfüllungen. Da haben wir Glück, dass wir tolle Partner in Deutschland haben, die nachhaltig und inklusiv arbeiten.

Diese Kombination von einem modernen Design aus Kopenhagen und einem traditionellen Arzt aus Indien funktioniert gut.

Du hast viele Jahre im Marketing im Bereich Motorsport gearbeitet, dann in der Entwicklungshilfe und schließlich in der Forschung zur Wirtschaftsethik. Wie kam es dazu, dass du dein eigenes Label gegründet hast?

Ich war immer auf der Suche nach dem idealen Job. Natürlich gibt es sowas nicht. Aber als Junge war ich verrückt nach Autos, deshalb der Job in der Autoindustrie. In meinem Sabbatical habe ich mich gefragt: Was mache ich eigentlich mit meinem Leben? Ich habe dann mit einem Social-Entrepreneurship-Projekt in Kerala zusammengearbeitet und damals kam der Drang nach mehr Wissen und Forschen. Ich arbeite immer noch einen Tag in der Woche im Bereich nachhaltige Innovationen für die Bertelsmann Stiftung. Das ist eine sehr kognitive Arbeit, aber ich wollte es im echten Leben umsetzen. Vor drei Jahren habe ich überlegt, was ich machen kann, womit ich mich auch identifizieren kann. Die Suche hat mich zurück zu meinen Wurzeln geführt. Maßgeblich zum Gründen hat mich auch meine Tochter beeinflusst. Sie ist jetzt sechs Jahre alt und hat noch ein langes Leben vor sich, weshalb ich mich mit der Frage beschäftigt habe, wie wir diese Welt verlassen wollen.

Zum Sortiment von „āsmi Ayurveda“ gehören u.a. verschiedene Tees.

Maßgeblich zum Gründen hat mich auch meine Tochter beeinflusst. Sie ist jetzt sechs Jahre alt und hat noch ein langes Leben vor sich, weshalb ich mich mit der Frage beschäftigt habe, wie wir diese Welt verlassen wollen.

Welche Erkenntnisse deiner Berufserfahrung haben dir beim Gründen geholfen?

Es gibt sehr viele gute Ayurveda-Produkte. Aber meine Erfahrung im Marketing hat mir gezeigt, dass die Leute ohne ein stimmiges Design und ein Storytelling nicht mal die Zutaten lesen. Das heißt, dass man im Design ein paar Punkte erfüllen muss, um Ayurveda-Produkte zu verkaufen. Ich bringe meinen Schwiegereltern immer Ayurveda-Produkte aus Indien mit, deren Verpackung nicht ästhetisch ist, aber die wirklich gut wirken. Das zeigt, dass Ayurveda gut ankommt, aber die Überzeugung muss über Design und Marketing laufen.

Du hast kurz vor der Coronakrise gegründet. Hat dich das vor Schwierigkeiten gestellt?

Mir haben damals alle geraten, eine Pause zu machen. Aber wenn man in der ersten Krise aufgibt, dann gründet man nie im Leben. Also habe ich weitergemacht. Das hat besser funktioniert als ich dachte. Allerdings kann man unsere Produkte durch die sinnliche Erfahrung wie Geruch oder auch die Wertigkeit besser in Wellnesshotels und Yogastudios vor Ort verkaufen als nur online. Jedes Label macht gerade Facebook- und Instagram-Werbung. Um da mitzuhalten, braucht man viel Budget, was wir als Start-up nicht haben. Aber mittlerweile verkaufen wir auch in mehreren Läden und über der Lieferdienst „Gorillas“.

Wenn man in der ersten Krise aufgibt, dann gründet man nie im Leben. Also habe ich weitergemacht.

Ayurveda ist ein ganzheitliches Konzept im Einklang mit der Natur. Nachhaltigkeit ist daher ein wichtiger Teil von „āsmi Ayurveda“. Wie wirkt sich das konkret auf eure Produkte aus?

Die Zutaten für unsere Tees kommen aus Indien und anderen asiatischen Ländern. Wir arbeiten mit einer Hamburger Teemanufaktur, die seit 140 Jahren Teemischungen herstellt. Für sie ist Nachhaltigkeit wichtig und sie garantieren, dass es weder Ausbeutung noch Kinderarbeit bei der Teeernte gibt. Wir wissen auch genau, von welcher Plantage unser Tee kommt. Wir kaufen also nicht im Großhandel, sondern arbeiten mit einem etablierten Partner zusammen.

Die Teedosen kommen von den letzten Blechdosenherstellern in Deutschland aus Landshut in Bayern. Alle anderen sind durch die Konkurrenz in China pleite gegangen, denn der Preisunterschied ist mehr als das Doppelte. Aber wir können nicht Nachhaltigkeit als Teil unseres Konzepts haben und die Verpackungen aus China importieren. Das hat sich am Ende mit den Lieferschwierigkeiten während Corona aus China auch ausgezahlt. Die Etiketten sind aus Steinpapier aus Bielefeld, für dessen Herstellung weder Wasser noch Holz benötigt wird und das bis zu 200 mal recycelt werden kann. Abgefüllt wird der Tee in einer integrativen Einrichtung. Wir haben also versucht, Nachhaltigkeit mit sozialer Verantwortung zu kombinieren. Den Versand mache ich oft selbst oder wir arbeiten mit Bethel, eine integrative Einrichtung im Bereich Versand und Logistik, zusammen.

Kann man heute überhaupt noch gründen, ohne nachhaltig zu sein?

Die Frage ist, wie man Nachhaltigkeit definiert. Wie tief geht die Nachhaltigkeit? Wir sind wahrscheinlich der einzige Teehersteller, der mit deutschen Teedosen arbeitet. Für viele bedeutet Nachhaltigkeit einfach CO2-Kompensation. Wir haben zwar auch den CO2-Ausstoß für die Teeherstellung kompensiert, aber gehen noch darüber hinaus. Nachhaltigkeit muss Teil des Kerngeschäfts sein. Leider ist die Mehrheit immer noch mainstream-nachhaltig unterwegs, denn Nachhaltigkeit ist natürlich auch teuer. Es stellt sich immer die Frage, was die Kund*innen bereit sind zu zahlen.

Ich habe auch ein paar Dinge auf meiner Liste, die ich noch nicht erreicht habe. Ich möchte zum Beispiel, dass unser Onlineshop auf einem grünen Server steht. Aber als Start-up muss man entscheiden, was finanziell überhaupt möglich ist. Selbst die großen Firmen haben langjährige Partner und Manufakturen und können nicht so schnell umswitchen. Deshalb ist das Kerngeschäft leider immer noch Business as usual und im Nachgang werden Wald-Rettungs-Kampagnen und Spenden hinzugefügt.

Wir sind wahrscheinlich der einzige Teehersteller, der mit deutschen Teedosen arbeitet. Für viele bedeutet Nachhaltigkeit einfach CO2-Kompensation.

Aber das Bewusstsein dafür ändert sich.

Auf jeden Fall. Und die Pandemie hat in dieser Hinsicht auch etwas bewirkt. Aber es ist immer noch ein Trend, der sich vielleicht nicht etablieren wird. Die junge Generation, die direkt vom Klimawandel betroffen ist, wird das in ein paar Jahren verlangen, aber die großen Unternehmen sind nicht darauf vorbereitet.

Was würdest du jemanden raten, der sich dem Konzept von Ayurveda erstmals nähert?

Halbwissen kann gefährlich sein. Deshalb haben wir auch kein Dosha-Quiz, das dich einem der drei ayurvedischen Doshas zuordnet. So etwas ist unseriös, denn man kann nicht mit einem Online-Formular sein Dosha herausfinden. Das würde auch kein guter ayurvedischer Arzt so machen. Es ist also besser mit einem Termin bei einer qualifizierten Person zu starten, um erste Einblicke zu erhalten.

Das Körperöl von „āsmi Ayurveda“ ist eines der Lieblingsprodukte von Murali Nair.

Wir sind sehr pingelig bei dem, was wir essen und trinken, aber welche Gedanken wir in unseren Kopf lassen, wird kaum gefiltert.

Man sollte auch mehr auf seinen Körper hören, denn der eigene Körper sagt einem viel. Man muss nur genau zuhören – ohne Ablenkung. Das kann bei einem Spaziergang sein, aber auch einfach mit Ruhe und Zeit für sich selbst zuhause. Dies ist etwas, das viele von uns verlernt haben. Schließlich können wir mit unseren Smartphones jede Sekunde füllen, sodass keine Langeweile aufkommt. Wenn man aber seinem Körper zuhört, kann man die bewusste Entscheidung treffen, was man sowohl körperlich als auch geistig konsumieren möchte. Wir sind sehr pingelig bei dem, was wir essen und trinken, aber welche Gedanken wir in unseren Kopf lassen, wird kaum gefiltert. Wenn wir Nachrichten schauen oder über unsere Handys kommen so viele Informationen und Impulse in unseren Kopf. Unser Gehirn ist nicht darauf programmiert, diesen Tsunami an Informationen und Impulsen zu empfangen. Digital Detox an den Abenden und Wochenenden ist eine gute Möglichkeit, sich selbst, die Menschen und die Umgebung bewusster wahrzunehmen.

Welches Produkt von „āsmi Ayurveda“ ist dein persönlicher Favorit und wie unterstützt es dich im Alltag?

Ich bin ein großer Fan von unserem „Energise“-Tee. Das ist eigentlich auch ein Hausrezept von meiner Mutter. Damit kann ich gut mein Nachmittagstief überbrücken. Das Body Oil „Fire“ ist auch einer meiner Favoriten, denn es kombiniert Gewürze und Kräuter, die mich an meine Heimat in Indien erinnern.

Vielen Dank für das Interview, Murali!

Hier findet ihr „āsmi Ayurveda“:

 

Fotos: Kai Uwe Oesterhelweg

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