Politikwissenschaftlerin Anna von Fritsch über gelungene Integration

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Wie sieht gelungene Integration aus? Und was können wir alle tun, um die Situation der Flüchtlinge und unserer Mitmenschen mit Migrationshintergrund zu verbessern? Um über diese wichtigen Fragen zu sprechen, haben wir uns mit Anna von Fritsch getroffen. Die 32-Jährige hat Politikwissenschaft studiert und arbeitet als Projektleiterin bei der Deutschlandstiftung Integration. Nebenher ist sie dabei, sich mit ihrem Schmucklabel ANNA BERLIN ein zweites Standbein aufzubauen. Was genau die Stiftung macht und wie Annas Alltag aussieht, das erzählt sie uns an einem heißen Berliner Tag bei Saftschorle und Eiskaffee.

 

Unser Hauptziel ist, das Thema Integration positiv zu besetzen.

femtastics: Was genau macht die Deutschlandstiftung Integration?

Anna von Fritsch: Die Stiftung wurde 2008 vom Verband deutscher Zeitschriftenverleger gegründet vor dem Hintergrund, dass über Integration oft sehr negativ in der Presse berichtet wird. Unser Hauptziel ist, das Thema Integration positiv zu besetzen und der Mehrheitsgesellschaft in Deutschland zu zeigen, wie gelebte Integration in Deutschland aussehen kann.

Wie bist du zur Stiftung gekommen?

Ich war nach dem Studium bei Scholz + Friends in der PR-Abteilung und habe da schon Stiftungskunden beraten. Die Schnittstelle von politischen Inhalten und gesellschaftlichen Themen hat mich sehr interessiert. Vor vier Jahren bin ich dann zur Deutschlandstiftung gewechselt.

Was umfasst dein Job als Projektleiterin?

Das größte Projekt bei uns heißt „Geh Deinen Weg“, das ist ein Stipendien- und Mentorenprogramm. Wir nehmen jedes Jahr hundert bis hundertfünfzig Menschen mit Migrationshintergrund auf und fördern sie mit dem Förderprogramm über zwei Jahre hinweg. Jeder bekommt einen Mentor zur Seite gestellt, besucht Workshops und Netzwerkveranstaltungen.

Die Förderung bezieht sich also auf die individuellen Ziele der Stipendiaten?

Jeder Stipendiat befindet sich in einer unterschiedlichen Situation. Sie sind zwischen 16 und 29 Jahren alt, von Schülern bis Berufsanfängern ist alles mit dabei.

Wie findet ihr die Stipendiaten?

Wir machen jeden Sommer eine Ausschreibung von Juni bis August und arbeiten mit Partnerorganisationen zusammen, damit dies so breit wie möglich gestreut wird. Im Herbst ist das Auswahlverfahren und im Januar werden die neuen Stipendiaten aufgenommen.

Wer kann sich bewerben und welche Kriterien gibt es?

Unsere Aufnahmekriterium ist, dass ein Elternteil nach 1949 in die Bundesrepublik eingewandert sein muss. Du kannst also selbst in Deutschland geboren sein. Die Bewerber bringen einen anderen kulturellen Hintergrund mit – durch den Namen, die Hautfarbe oder die Religion stoßen sie in der Gesellschaft bei der Jobsuche immer wieder an eine gläserne Decke. Hier wollen wir ansetzen und sie fördern und unterstützen. Meistens zeichnet die Bewerber aus, dass sie sich engagieren und sich vielleicht selbst für das Thema Integration einsetzen.

Wie sieht gelungene Integration aus?

Gelungen Integration ist, wenn beispielsweise bei der Einstellung für einen Job nicht darauf geachtet wird, ob jemand einen anderen Namen hat. Oder wenn Leute, die in Deutschland geboren wurden und Deutsch sprechen, nicht ständig im Alltag gefragt werden, wo sie denn eigentlich wirklich herkommen.

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Wir treffen uns mit Anna im St. Oberholz zum Interview.

Positiver Rassismus ist hier wahrscheinlich auch ein großes Thema.

Ganz genau, damit beschäftigen wir uns sehr viel. Es sind oft Sachen, die von den Menschen gar nicht böse gemeint sind, aber trotzdem für die Integration nicht förderlich sind.

Ebenso schwierig finde ich das Abschieben von Migranten in die Peripherie, die sogenannte Ghettoisierung.

Dadurch werden Parallelgesellschaften erzeugt. Den Fehler haben wir in den Sechziger Jahren mit den Gastarbeitern aus der Türkei und Italien gemacht. Damals dachte man, die Menschen würden wieder zurückgehen. Was mir im Rahmen der Flüchtlingspolitik auffällt, ist, dass die Flüchtlinge, nachdem sie ihren Status bekommen haben und sich auf eine Wohnung bewerben dürfen, zum Beispiel nicht in Wohngemeinschaften mit Deutschen ziehen dürfen. Das finde ich total kontraproduktiv. Die Flüchtlinge wollen schnell Deutsch lernen und mit einem deutschen Mitbewohner wäre das deutlich einfacher. Da das Jobcenter in Wohngemeinschaften aber die Finanzen nicht gut separieren kann, wird dies nicht erlaubt.

Also ziehen Flüchtlinge alleine oder mit anderen in gemeinsame Wohnungen. Welche Punkte denkst du, müssten noch dringend geändert werden?

Das betrifft eigentlich alle Gesellschaftsebenen, in Politik und Wirtschaft. Wenn man allein schon schaut, wo Menschen mit Migrationshintergrund überhaupt vertreten sind. Beispielsweise hat kaum ein deutscher Botschafter Migrationshintergrund.

Es ist ein Job, der mir Spaß macht und mir viel zurückgibt.

Überwiegen in deinem Job die Erfolgserlebnisse oder gibt es auch viel Frustration?

Es gibt natürlich beides. Es ist auf jeden Fall ein Job, der mir Spaß macht und mir viel zurückgibt. Ich kann viel mitgestalten und neue Projektideen mit einbringen. Ich habe zum Beispiel initiiert, dass wir bei den Stipendiaten künftig 10 Prozent Flüchtlinge mit aufnehmen, also Menschen, die erst seit wenigen Monaten in Deutschland sind.

Du bekommst wahrscheinlich auch viel positives Feedback von den Stipendiaten, oder?

Die sind natürlich sehr dankbar, wenn du dich richtig reinhängst und geben dir auch viel Positives zurück. Sehr anspruchsvoll und mühsam dagegen ist das Thema Fundraising. Wir müssen immer wieder versuchen, öffentliche Mittel zu generieren und Partner zu gewinnen, die das Projekt auch längerfristig unterstützen. Das Thema Diversity haben viele immer noch nicht auf dem Schirm.

Du wirst mit vielen Schicksalen konfrontiert. Lässt du das an dich ran oder versuchst du, distanziert zu bleiben?

Mir fällt es eher schwer, das von mir fernzuhalten, weil ich mich persönlich für die Stipendiaten verantwortlich fühle. Ich treffe mich auch privat mit ihnen und engagiere mich im Flüchtlingsheim Spandau, wo einige von den Stipendiaten leben und in dem furchtbare Bedingungen herrschen.

Wenn man nur davon in der Presse liest, ist es natürlich ein Stück weiter weg, als wenn man selbst aktiv vor Ort.

Es gibt zum Beispiel drei eritreische Mädchen, die ich sehr ins Herz geschlossen habe. Sie haben die ganz krasse Afrika-Route durch die Wüste und sieben Tage übers Mittelmeer nach Italien hinter sich und haben teilweise ihre Eltern und Geschwister verloren. Wenn ich das höre, denke ich, uns geht es so gut! Trotzdem darf man sich nicht persönlich dafür verantwortlich fühlen.

Wenn dieser Junge zurückgeschickt werden würde, dann würde mir das Herz brechen.

Aber man erkennt noch mal, dass es tausende Einzelschicksale sind und man nicht verallgemeinern darf. Jeder hat einen Grund, warum er diese Strapazen auf sich genommen hat und hierher gekommen ist.

Ich habe noch einen jungen Afghanen dabei. Afghanistan gilt als sicheres Herkunftsland, jedoch wäre er nach seiner Rückkehr unmittelbaren Gefahren ausgesetzt. Wenn dieser Junge zurückgeschickt werden würde, dann würde mir das Herz brechen.

Wie hast du die Lage am Lageso wahrgenommen?

Ich war selbst nicht oft da, bin aber gegenüber dem Lageso und dem Bundesamt für Migration und Flüchtlinge etwas ambivalent eingestellt. Natürlich ist es einfacher gesagt, als getan, so viele Menschen in so kurzer Zeit zu integrieren. Aber dass die Politik und die zuständigen Ämter erst so spät auf den Ansturm reagiert haben, ist mir schleierhaft. Außerdem würde weniger Bürokratie und mehr Pragmatismus allen Beteiligten mehr als gut tun. Jetzt haben wir diese Flüchtlinsströme seit anderthalb Jahren und sie kriegen es immer noch nicht hin.

Das heißt, die Lage hat sich immer noch nicht wirklich gebessert?

Hier in Berlin ist es noch immer sehr chaotisch. Andere Bundesländer kriegen es deutlich besser hin. In den Heimen werden viele Stellen eingestrichen, um Gelder zu sparen.

Viele Menschen möchten was machen und sich engagieren, wissen aber nicht genau wie. Was können sie tun?

Bei mir war es ganz ähnlich. Ich wusste auch nicht genau, wo ich hingehen kann und was ich machen kann mit der Zeit, die mir zur Verfügung steht. Durch meinen Job hat sich dann alles angenähert. Der beste Tipp ist aber: einfach machen. In ein Flüchtlingsheim gehen und Hilfe anbieten. Die freuen sich – auch, wenn man nur alle vierzehn Tage kommt. Es gibt tolle Partnerprogramme, bei denen man einen Stipendiaten betreut und ihn in das gesellschaftliche Leben der Stadt integriert und als sein Ansprechpartner fungiert. Jeder sollte schauen, wo seine Stärken liegen und was ihm Spaß macht.

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Jetzt lass uns über deine kreative Leidenschaft sprechen, das Schmuckdesign. Für dein Label “ANNA BERLIN” fertigst du Ohrringe, Ketten und Armbänder, die du über deinen Onlineshop verkaufst.

Schon während der Schule habe ich gern Schmuck für mich und meine Freundinnen gebastelt. Ich wollte immer ein Label gründen und habe es dann im letzten Sommer einfach über Nacht in die Tat umgesetzt. Ich habe ein Nebengewerbe angemeldet, Material bestellt, das Logo und den Namen entwickelt und bin im November letzen Jahres online gegangen.

Wie entwickelst du deinen Schmuck?

Ich bekomme die Einzelteile von einem Goldschmied in der Türkei und setze sie so zusammen, wie ich es mir vorstelle. Perlen und kleine Anhänger mache ich selbst. Ich mag Statement-Schmuck und trage gern große Ohrringe.

Ist das eine Art Ausgleich für dich?

Absolut! Beide Inhalte interessieren mich total und ich finde es schön, dass ich beide kombinieren kann. Tagsüber bin ich in der Stiftung und abends und am Wochenende mache ich das Label. Es macht Spaß und fühlt sich nicht wie Arbeit an.

So soll es sein, danke dir für das Gespräch!

Hier findet ihr Anna:

Fotos: femtastics

 

 

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