Wo und wie werden wir in Zukunft wohnen?

24. Mai 2023

Das Wohnen in deutschen Städten wird für viele Menschen immer unbezahlbarer. Außerdem fehlen laut dem „Verbändebündnis Soziales Wohnen“ aktuell rund 700.000 Wohnungen. Ist das Umland von Städten, wo die Immobilienpreise ebenfalls stark angestiegen sind, noch eine Alternative? Oder doch das Leben in dörflichen Regionen? Warum ist das Einfamilienhaus, lange ein Ideal in Deutschland, heute nicht mehr zeitgemäß – und wie können alternative Wohnformen aussehen? Und welche Rolle spielt der Klimawandel beim Thema Wohnen in der Zukunft?

Prof. Dr. Christine Hannemann ist Soziologin und Professorin für Architektur- und Wohnsoziologie an der Universität Stuttgart mit Fokus auf den Wandel des Wohnens. Mit ihr sprechen wir über all diese Fragen und suchen Antworten darauf, wie und wo wir in Zukunft leben können. 

Wohnsoziologin Prof. Dr. Christine Hannemann im Interview - femtastics!

femtastics: Dass es, besonders in deutschen Ballungszentren schwer ist, eine Wohnung zu finden, wissen viele aus eigener Erfahrung. Laut „Verbändebündnis Soziales Wohnen“ fehlen 700.000 Wohnungen in Deutschland. Wissen Sie mehr dazu, wo genau diese fehlen bzw. wo es besonders prekär ist?

Prof. Dr. Christine Hannemann: Nehmen wir als Beispiel Berlin: Sie finden schon eine Wohnung. Die Frage ist nur, was für eine Wohnung das ist und in welcher Lage sie sich befindet. Durch den Lebensstil in Deutschland haben sich sehr ähnliche Wohnpräferenzen entwickelt.

Generell fehlen die Wohnungen natürlich in den größeren Städten. Das hängt auch damit zusammen, dass ein Studium inzwischen selbstverständlich geworden ist und keine Ausbildung. Und die Universitäten und Hochschulen sind eher nicht im ländlichen Raum. Dann gibt es das Thema Tourismus, ein hoher Anteil des Wohnungsangebot wird für Tourist*innen und sonstige temporäre Wohnmöglichkeiten verwendet. Ein dritter Punkt ist die Multilokalität. Viele Menschen sind heute multilokal unterwegs, das heißt sie arbeiten oder wohnen an mehreren Standorten.

Hinzu kommt das Thema der Alterung. Viele Menschen haben inzwischen erkannt, dass es vielleicht keine gute Idee ist, im ländlichen Raum das Hochalter zu verbringen, sondern eher in Städten mit einer guten Infrastruktur, mit einer guten Verkehrsanbindung, mit einem guten Kulturangebot. Generell ist der städtische Lebensstil sehr angesagt.

Es darf nicht mehr neu gebaut werden. Wir müssen aufhören mit der Versiedelung. Wir ersticken in der Hitze.

Die großen Wohnungsbaugesellschaften „Vonovia“ und „LEG“ haben aktuell Neubauprojekte gestoppt, weil u.a. die Baukosten, Zinsen und Energiekosten zu hoch sind, was zu zu hohen Mietpreisen für Mieter*innen von 18-20 Euro pro qm führen würde. Das heißt, die Bundesregierung wird ihre Ziele, 400.000 neue Wohnungen pro Jahr zu schaffen, verfehlen. Und jetzt?

Das sind schlechte Nachrichten, zumal Neubauprojekte konterkariert werden durch die Klimakrise. Expert*innen sagen ziemlich klar: Es darf nicht mehr neu gebaut werden. Wir müssen aufhören mit der Versiedelung. Wir ersticken in der Hitze, haben Starkregenprobleme und so weiter und so fort. Das ist bekannt und insofern kann ich nur wiederholen, was mal eine Maklerin gesagt hat: Wohnen wird zum Luxusgut.

Kümmert euch spätestens mit 60 um euren altersgerechten Wohnraum!

Aber irgendwo müssen die Menschen ja hin.

Ja, genau. Und deshalb muss die Politik umsteuern. Es gibt eine Menge an Überlegungen, zum Beispiel lieber eine Wohnungstauschpauschale als eine Pendlerpauschale. Die Veränderung der Wohnsituation muss viel besser an die Lebenssituation angepasst werden können.

Es ist auch eine Frage der Generationengerechtigkeit. Wenn ich mir die Verteilung der Wohnfläche nach Altersgruppen anschaue, dann ist schon zu konstatieren, dass ältere Menschen viel mehr Wohnfläche beanspruchen als jüngere, obwohl die Jüngeren eine viel kleinere statistische Gruppe darstellen. Ich wünsche mir viel stärker – auch in den Kommunen -, dass hier Programme aufgelegt werden, die einen Wohnungswechsel ermöglichen. Zumal die Menschen in ihren Einfamilienhäusern teilweise die Finanzierung des Hauses gar nicht mehr gewährleisten können. Wohnen ist Arbeit und diese Arbeit kann Überhand nehmen. Mein Appell: Kümmert euch spätestens mit 60 um euren altersgerechten Wohnraum!

Viele Menschen können sich das Leben in Großstädten nicht mehr leisten – wegen der Mietkosten sowie der gestiegenen Lebenshaltungskosten. Wo ziehen diese Menschen hin, Ihres Wissens nach? Oder bleiben diese Menschen trotzdem in Städten und verarmen zunehmend?

Verarmung durch Wohnen ist definitiv ein Schlagwort. Wohnen gehört statistisch zum Konsumbereich und die Entwicklung der Konsumausgaben, also auch die Ausgaben für Energie bzw. Heizkosten, nehmen zu. Untere Einkommensgruppen müssen teilweise bis zu 60 oder sogar 80 Prozent ihres Einkommens fürs Wohnen ausgeben. Viele Menschen müssen sich heute entscheiden, ob sie was zu essen kaufen oder ob sie heizen.

Die Immobilienpreise im Umland oder Speckgürtel der Großstädte sind in den vergangenen Jahren ebenfalls stark angestiegen. Der Unterschied der Mietpreise zwischen dem Umland und den Städten hat abgenommen in den letzten Jahren. Heißt das, die Vororte oder der sogenannte Speckgürtel sind auch keine günstigere Alternative mehr?

Nein, sind sie nicht. Zurzeit fallen die Immobilienpreise aufgrund der Krise im Energiesektor. Dafür steigen die Baukosten in so einem Maße, dass der Erwerb von Wohneigentum nicht mehr möglich ist. Und da sind wir wieder bei der Vermögensverteilung in Deutschland. Wohneigentum können Sie nur noch erwerben, wenn Sie aus sogenannten vermögenden Haushalten stammen. Über normales Erwerbseinkommen ist das nicht möglich.

Aus der Forschungsperspektive ist das Eigenheim eine asoziale und unökologische Wohnform.

Gleichzeitig haben wir das Gefühl, dass das Eigenheim immer noch ein großer Traum von vielen ist. Dabei ist das Einfamilienhaus aus der Nachhaltigkeitsperspektive betrachtet überhaupt nicht mehr zeitgemäß. Es bündelt zu viele Ressourcen und bietet dabei zu wenig Platz für zu wenige Menschen. Wie bewerten Sie das gerade?

Das Einfamilienhaus ist des Deutschen liebstes Wohnform. Aber warum ist es das? Das hat natürlich zum einen etwas mit der Mentalität zu tun. Das Eigenheim wurde lange durch die Politik als Altersvorsorge thematisiert. Hinzu kommt diese idyllische Vorstellungen vom Leben in der Kleinfamilie.

Aus der Forschungsperspektive ist das Eigenheim eine asoziale und unökologische Wohnform. Ich will niemanden das Eigenheim ausreden. Es geht einfach um die Konditionen. Wenn Sie zum Beispiel an die Infrastruktur denken, zum Beispiel was der Unterhalt einer Bushaltestelle in der Eigenheimsiedlung kostet im Verhältnis zu einer Bushaltestelle in einem Wohngebiet mit vielen Etagenwohnungen. Menschen, die ein Eigenheim besitzen, bezahlen nicht die wirklichen Kosten ihrer Wohnform, sondern das wird von der Allgemeinheit getragen. Deshalb spreche ich von der Asozialität, dafür können die Eigenheimbesitzer*innen aber nichts.

Das ganze Interview mit Prof. Dr. Christine Hannemann hört ihr in unserer Podcast-Episode!

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Foto: Adobe Stock (Aufmacherbild), Privat (Porträtbild

4 Kommentare

  • Lucia sagt:

    Ein gutes Interview, ich finde es sehr wichtig, dass diese Thematik endlich mehr Aufmerksamkeit bekommt. Mich würde interessieren welche Lehren ihr als femtastics zB daraus zieht? Ihr stellt ja hier viele Häuser vor und tragt somit auch dazu bei, das dies für viele ein Ziel bleibt.

  • Lisa van Houtem sagt:

    Liebe Lucia, vielen Dank für dein Feedback! Darüber haben wir uns selbstkritisch auch noch mal viele Gedanken gemacht und wollen künftig gern vermehrt auch andere Wohnkonzepte vorstellen, wie beispielsweise Mehrgenerationenhäuser.
    Liebe Grüße, Lisa

  • Katharina sagt:

    Vielen Dank für das spannende Interview. Vielen Dank, dass Ihr in Eurem Blog gesellschaftlich relevante Themen aufgreift.

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