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Wellbeing

Der Multifokus-Effekt: Warum es kein Nachteil ist, wenn im Leben viel los ist

22. Juni 2026

geschrieben von Antonia Faltermaier

Collage Birgit Amelung Multifokus-Effekt

Sich auf eine Sache konzentrieren und alles andere ausblenden. So unser gängiges Verständnis von Fokus – und das Ziel, das wir anstreben. Aber passt das noch zu einem Leben, in dem die meisten von uns viele Rollen, Erwartungen und Interessen unter einen Hut bringen?

Diese Frage stellte sich auch Birgit Amelung. Die Unternehmerin, Podcasterin und Mutter von zwei Kindern dachte jahrelang, es sei eine Schwäche, dass sie sich nicht richtig fokussieren kann. Bis sie verstand, dass nicht sie das Problem war, sondern ein überholter Fokusbegriff. In ihrem Buch „Der Multifokus-Effekt“ plädiert sie dafür, Fokus nicht mehr als Produktivitätstool, sondern als Lebenskompass zu sehen. In unserem Gespräch erklärt sie, was sie damit meint und wie wir bewusst verschiedene Lebensbereiche miteinander in Einklang bringen können.

femtastics: Du definierst in deinem Buch ein neues Verständnis von Fokus. Warum brauchen wir das?

Birgit Amelung: Das Thema Fokus hat bei mir selbst jahrelang negative Gefühle ausgelöst, weil ich den Eindruck hatte, mich nie richtig fokussieren zu können. Ich hatte schon immer viele Themen und Rollen in meinem Leben. Meine Karriere verlief nicht linear, ich habe immer wieder neue Wege eingeschlagen, bin Mutter zweier Kinder und will trotzdem genug Zeit für meine Beziehungen haben. All das gibt mir zwar viel Energie, entspricht aber nicht unserem traditionellen Verständnis von Fokus, das eng mit Disziplin, Leistung und Effizienz verknüpft ist. Uns wird beigebracht, dass wir uns auf eine Sache konzentrieren und alles andere ausblenden sollen, um erfolgreich zu sein. Die Tatsache, dass mir das nicht gelang, habe ich lange als große Schwäche empfunden.

Was hat sich verändert?

Irgendwann habe ich für mich verstanden: Ich mag mein Leben genau so bunt und vielfältig wie es ist. Ich will mich nicht nur auf eine Sache konzentrieren müssen. Da begann ich, das klassische Fokusverständnis infrage zu stellen. Mittlerweile weiß ich, dass unser heutiges Verständnis von Fokus noch eng mit einem alten Bild von Produktivität verknüpft ist, und zwar mit dem des Fließbands. Es gibt einen klaren vorgeschriebenen Weg, ohne Schleifen oder Abkürzungen. Heute ist das anders: Wir haben inzwischen so viele Möglichkeiten und Optionen, dass es vor allem darum geht, die Bereiche gut auszubalancieren. Daran muss sich unser Verständnis von Fokus anpassen.

"Mittlerweile weiß ich, dass unser heutiges Verständnis von Fokus noch eng mit einem alten Bild von Produktivität verknüpft ist."

Und an dieser Stelle kommt der Multifokus ins Spiel?

Ganz genau. Multifokus ist ein Lebenskompass, der uns hilft, alle Bereiche, Themen und Interessen, die uns wichtig sind, in unser Leben zu integrieren und bewusst zwischen ihnen zu navigieren. Also zu schauen, wann welcher Bereich welche Energie bekommt.

Ich betrachte das wie ein DJ-Mischpult mit mehreren Reglern. Jeder steht für einen Lebensbereich. Es gibt große Themen wie Familie, Arbeit oder Gesundheit, die bei uns allen ähnlich sind, aber auch individuelle Interessen. Und wie bei einem guten Song, der von Dramaturgie, Kontrasten und Pausen lebt, entscheide ich als DJ meines Lebens bewusst, wann ich welchen Regler hochschiebe und wann ein anderer Bereich leiser werden muss. Zu erleben, dass ich meinen Fokusmix selbst steuern kann und darin jeder Bereich Platz findet, der mir wichtig ist, hat etwas unglaublich Kraftvolles.

Vielen verschiedenen Bereichen gerecht zu werden, klingt ein bisschen nach Multitasking. Wo liegt der Unterschied?

Multitasking meint den Versuch, mehrere Aufgaben gleichzeitig zu erledigen. Etwas, wozu das menschliche Gehirn gar nicht imstande ist. Der Begriff stammt ja ursprünglich aus der Computerwelt und bedeutet, mehrere Befehle gleichzeitig auszuführen. Ein Computer kann das, ein Mensch nicht. Versuchen wir es trotzdem, geraten wir schnell in die Überforderung, weil wir nicht mehr selbst entscheiden, was jetzt gerade wichtig ist, sondern nur noch auf das Außen reagieren. Bei Multifokus steuern wir aktiv, welchen Regler wir wann hochschieben und welcher leiser wird. Es geht also auch viel um Selbstführung.

"Zu erleben, dass ich meinen Fokusmix selbst steuern kann und darin jeder Bereich Platz findet, der mir wichtig ist, hat etwas unglaublich Kraftvolles."
Foto Autorin Birgit Amelung mit Buch "der Multifokus-Effekt"

Birgit Amelungs Buch "Der Multifokus-Effekt" ist 2026 erschienen.

Wie kann dieses bewusste Steuern im Alltag aussehen?

Nehmen wir an, ich bekomme eine Absage für ein Projekt, das ich gerne betreut hätte. Ich bin davon genervt und komme im Büro nicht mehr in den Fluss. An der Situation selbst kann ich nichts ändern, aber ich kann entscheiden, wie ich mit ihr umgehe und worauf ich meinen Fokus richte. Ich kann mich weiter ärgern oder bewusst einen anderen Regler hochschieben, um aus diesem Bereich Kraft zu schöpfen. Etwa indem ich meinen Laptop eine Stunde früher zuklappe und mein Kind aus der Kita abhole. Oder ich rufe eine Freundin an, mache einen Spaziergang. Dadurch verliert die Situation an Bedeutung, ich kann sie leichter abhaken und mich neuen Projekten widmen. Ich nenne das Multifokus-Shift. Dadurch rückt die andere Situation in den Hintergrund und dominiert nicht mehr meinen Tag.

Welche weiteren Vorteile bietet dieser multifokussierte Blick im Alltag?

Wenn wir uns bewusst machen, was uns wirklich wichtig ist, und unser Leben mehr danach ausrichten, leben wir erfüllter, werden aber auch resilienter gegenüber Mikrostress, also dem Stress, den wir oft gar nicht als solchen wahrnehmen, der uns aber trotzdem durch den Tag begleitet. Das kann eine "WhatsApp"-Nachricht von einer Freundin sein oder eine kleine Auseinandersetzung, die uns ein ungutes Gefühl gibt und unseren Cortisolspiegel steigen lässt.

Menschen mit einem vielschichtigen Leben sind dafür weniger anfällig, weil sie aus verschiedenen Bereichen Kraft ziehen. Wackelt ein Bereich, holen sie sich Stabilität aus dem anderen. Mir hat Multifokus außerdem geholfen, mit der Fülle Freundschaft zu schließen. Also zu akzeptieren, dass mein Leben voll, komplex und laut ist, ich daraus aber auch Kraft schöpfen kann.

Multifokus setzt allerdings auch einen gewissen Handlungsspielraum voraus. Wie lässt er sich in das Leben von Menschen integrieren, die durch gewisse Themen, beispielsweise durch Pflege, stark eingespannt sind?

Genau in solchen Lebensphasen, die enorm belastend sein können, ist es sehr wichtig, sich auch bewusst mit anderen Dingen zu beschäftigen und sich selbst nicht komplett hinten anzustellen. Dabei geht es nicht darum, noch mehr zu schaffen, sondern bewusst mehr von den Dingen einzubauen, die uns guttun, sich leicht anfühlen und uns Kraft geben, um für die Aufgaben, die vor uns liegen, wieder Energie zu haben.

"Menschen mit einem vielschichtigen Leben sind weniger anfällig für Mikrostress, weil sie aus verschiedenen Bereichen Kraft ziehen."

Nimm uns mit in die Praxis. Was sind die ersten Schritte zum Multifokus?

Das Fundament bilden unsere Werte. Nur wenn ich weiß, was für mich wichtig ist, kann ich mein Leben danach ausrichten und viel klarere Entscheidungen treffen. Der erste Schritt ist also, innezuhalten und sich zu fragen: Was sind meine Werte? Was ist mir wichtig? Und findet das in meinem Leben statt oder nicht? Dafür reichen schon 10 Minuten an einem Sonntag bei einer Tasse Kaffee. Dieser kurze Check lohnt sich übrigens immer wieder, weil sich Werte im Lauf des Lebens verändern.

Das klingt simpel, aber wie finde ich heraus, was mir wirklich wichtig ist?

Es hilft, sich ein paar grundsätzliche Fragen zu stellen: In welchen Momenten habe ich mich lebendig, klar oder ruhig gefühlt, wann erschöpft oder gereizt? Und was fehlt mir gerade in meinem Inneren? Für mein Buch habe ich dazu einen Wertekompass mit verschiedenen Fragen entwickelt, in dem ich auch viele Begriffe wie Freundschaft, Loyalität oder Abenteuer aufliste. Sie vor sich zu sehen und aufzuschreiben, welche davon auf einen zutreffen, bringt einen der Sache schon viel näher.

"Nur wenn ich weiß, was für mich wichtig ist, kann ich mein Leben danach ausrichten und viel klarere Entscheidungen treffen."

Du hast im Zuge deiner Recherche auch fünf Fokustypen identifiziert. Magst du sie uns kurz vorstellen?

Die ersten sind Scanner-Persönlichkeiten, also Menschen, die sehr vielseitig interessiert und schnell begeistert sind. Sie wollen bewusst viele Dinge machen, haben deswegen aber auch viele Tabs offen und geraten oft in eine Überforderung. Ihnen gar nicht so unähnlich sind die Neo-Generalist*innen, zu denen ich mich zählen würde. Menschen, die diesem Typ entsprechen, denken sehr vernetzt, schaffen neue Verbindungen zwischen Themen und fragen sich immer, wie alles zusammenhängt. Dadurch verlieren sie sich manchmal aber auch im Detail und verlieren den Blick für das wirklich Relevante.

Der Gegenpol zu Scanner*innen sind Taucher*innen. Sie widmen sich gerne bewusst einem Thema, sind Expert*innen auf ihrem Gebiet und fühlen sich eher gestresst, wenn jemand mit einem anderen Thema auf sie zukommt. Navigator*innen sind die typischen Projektmanagement-Typen, die sehr gut organisieren, koordinieren und alle Dinge im Blick haben, dabei aber ihre eigenen Bedürfnisse manchmal vergessen. Zu guter Letzt gibt es noch die Sprinter*innen, die in Extremphasen funktionieren. Sie arbeiten wochenlang im 24/7-Modus, vergessen dabei schon mal das Essen oder soziale Kontakte und brauchen als Ausgleich zur intensiven Arbeit auch intensive Pausen.

Natürlich sind diese Typen nicht in Stein gemeißelt. Es gibt Mischformen und eine Neo-Generalistin kann auch mal sprinten, aber es gibt eben klare Tendenzen.

Und warum ist es wichtig, seinen Fokus-Typ zu kennen?

Fokus ist eben etwas sehr Individuelles. Jeder von uns arbeitet nach einem anderen Rhythmus, hat andere Stärken und stößt an andere Grenzen. Wenn ich weiß, welcher Typ ich bin, kann ich besser mit meinen Stärken und Schwächen umgehen und mir passende Tools überlegen. Für mich war meine Vielseitigkeit lange eine große Schwäche, weil ich mich nie nur auf eine Sache konzentrieren konnte. Heute sehe ich es als große Stärke, so vernetzt zu denken und Verknüpfungen herzustellen, die andere nicht sehen, und bringe diese Fähigkeit bewusst in meine Arbeit ein.

Hier findet ihr Birgit Amelung:

Fotos: Eva Luise Hoppe