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Wellbeing

Emotional unreife Menschen: Woran wir sie erkennen und wie wir gesunde Grenzen setzen

30. April 2026

geschrieben von Julia Allmann

 Emotional unreife Menschen: Woran wir sie erkennen und wie wir gesunde Grenzen setzen

Wir alle kennen diese eine Person, in deren Gegenwart wir uns unsicher fühlen und selbst hinterfragen. Die Irritation entsteht häufig dann, wenn wir es mit emotional unreifen Menschen zu tun haben. Sie wirken erwachsen, verhalten sich in Konflikten aber wie Kinder. Die Kommunikation ist extrem schwierig, sie manipulieren, blockieren und hinterlassen Schuldgefühle. Besonders schwierig: wenn es die eigenen Eltern sind.

Wie gehen wir mit emotional unreifen Menschen um, wie schützen wir uns und setzen gesunde Grenzen? Die Psychologinnen Lisa Irani und Anna Eckert haben darüber ein Buch geschrieben und erklären im Interview die Mechanismen hinter den Verhaltensmustern. Und wie wir handlungsfähig bleiben.

femtastics: Wer sind emotional unreife Menschen? Und wie erkenne ich sie?

Anna Eckert: Emotionale Unreife ist keine klinische Diagnose, sondern ein Verhaltensmuster. Emotional unreife Menschen wirken äußerlich erwachsen, aber reagieren innerlich wie emotional stehengeblieben auf einem früheren Entwicklungsstand. Ein paar konkrete Anzeichen: Die Kommunikation mit ihnen ist extrem schwierig, Streitigkeiten lassen sich kaum lösen. Sie ziehen sich zurück, blocken ab, schieben anderen die Schuld zu – was man heute als Gaslighting kennt. Rollenverhältnisse sind oft unklar, Empathie ist kaum vorhanden, und emotional reagieren sie impulsiv und unangemessen.

Lisa Irani: Mein Lieblingsbild dafür: Wir versuchen im Gespräch im Erwachsenenmodus zu bleiben, aber unser Gegenüber springt immer wieder in einen kindlichen Modus. Man hat das Gefühl, mit einem Kleinkind zu sprechen. Eine echte Kommunikation auf Augenhöhe ist so nicht möglich.

Was macht das mit uns, wenn wir viel Zeit mit emotional unreifen Menschen verbringen, etwa bei der Arbeit, in Freundschaften oder der Familie?

Anna Eckert: Es kann uns in die Verzweiflung treiben. Wir wollen konstruktiv mit jemandem reden und merken, dass es nicht funktioniert. Oft erzeugt das ein Gefühl von: Ich komme hier nicht ans Ziel. Viele reagieren dann mit Überanpassung oder People Pleasing, was langfristig toxisch werden kann. Dazu kommen emotionale Erschöpfung und Unsicherheit über die eigene Wahrnehmung: War ich jetzt zu sensibel? Habe ich was falsch gemacht? Das führt zu Overthinking, man denkt zu lange darüber nach und steckt in einer kognitiven Dissonanz fest: zwischen dem, was man selbst erlebt, und der Beziehung, die man vielleicht trotzdem weiterführen will.

"Manchmal will sich eine Person nicht ändern, hat keine Motivation dazu. Dann geht es darum, wie du selbst damit umgehst."
Anna Eckert, Psychologin

Kann man emotional unreife Menschen zur Reife bringen? Ist das sinnvoll oder aussichtlos?

Lisa Irani: Bei einmaligen Kontakten, zum Beispiel im Job, lässt sich das gut umgehen. Aber wenn du in einer Beziehung ständig auf Eierschalen tanzt und jede Aussage abwägst, damit nichts eskaliert, kann das Spuren hinterlassen.

Anna Eckert: Andere Menschen verändern zu wollen ist grundsätzlich schwierig. Wir sollten versuchen, Personen so anzunehmen wie sie sind. Was etwas bewirken kann: Ein offenes Gespräch, gemeinsames Reflektieren, und vielleicht auch ehrlich hinschauen, was man selbst anders machen kann. Manchmal will sich eine Person nicht ändern, hat keine Motivation dazu. Dann geht es darum, wie du selbst damit umgehst.

Lisa Irani: Du kannst der anderen Person spiegeln, wie sie sich verhält und was für dich nicht okay ist. Du kannst klar machen, dass du das Verhalten nicht akzeptierst. Aber ändern kannst du nur dich selbst.

Besonders schwierig ist das mit den eigenen Eltern. Wie sieht der Alltag und Umgang mit emotional unreifen Eltern aus? Warum eskalieren selbst kleine Situationen?

Lisa Irani: Oft sind es ganz banale Auslöser, etwa wenn ein nicht abgeräumter Teller zum riesigen Streit wird. Was Klient*innen am häufigsten nennen, ist Parentifizierug. Das Phänomen, wenn Kinder in die Elternrolle gedrängt werden. Oder Triangulation: Die Eltern streiten, und das Kind muss es irgendwie ausbaden oder gerät in diesen Konflikt hinein. Das alles spricht für emotionale Unreife. Ja, Eltern wissen es oft auch nicht besser und leben ihr Leben zum ersten Mal. Trotzdem ist es wichtig, das Verhalten gegenüber dem eigenen Kind zu reflektieren, egal in welchem Alter.

Anna Eckert: Manche Eltern teilen auch Dinge mit Kindern, die diese noch gar nicht verstehen und verarbeiten können, etwa Beziehungsprobleme oder Geldsorgen. Und bei Eltern und Kindern kommt noch etwas dazu: die Schuldfrage. Kinder fühlen sich schnell schuldig, wenn etwas eskaliert. Vielen würde es schon enorm helfen, wenn das wegfällt.

"Schuldumkehr funktioniert nur, wenn du dich darauf einlässt. Sobald du das erkennst, hat dein Gegenüber keine Macht mehr über dich."
Anna Eckert

Ihr habt Gaslighting und Schuldumkehr erwähnt. Wie erkenne ich, dass mir gerade die Schuld zugeschoben wird?

Lisa Irani: Oft geht es um Grundsatzdiskussionen. Du weist jemanden darauf hin, dass er oder sie einen Termin nicht eingehalten hat. Und die Person versucht, alles mögliche vorzuschieben, damit die Schuld plötzlich bei dir liegt. Das passiert subtil und ist genau deshalb so verwirrend.

Anna Eckert: Unser Handlungsspielraum dabei: Schuldumkehr funktioniert nur, wenn du dich darauf einlässt. Wenn du anfängst, dich zu rechtfertigen und die andere Person davon überzeugen zu wollen, dass dich doch gar keine Schuld trifft. Sobald du das erkennst, hat dein Gegenüber keine Macht mehr über dich.

Lisa Irani: Im Buch haben wir eine Checkliste für genau solche Situationen. Das Wichtigste: Erst den Moment der Irritation wahrnehmen und kurz innehalten. Warum fühle ich mich jetzt so komisch, was hat dieses Gefühl in mir ausgelöst? Dann durchatmen und nicht aus dem Affekt reagieren. Sondern eine sachliche und konstruktive Gegenfrage stellen, zum Beispiel: "Was genau meinst du damit?" oder "Könnte ich dich da missverstanden haben?" Das wirkt deeskalierend und gibt dir Zeit, bei dir zu bleiben.

Euer Buch stellt Immunität gegen emotional unreife Menschen in Aussicht. Was bedeutet das?

Anna Eckert: Immunität bedeutet in dem Kontext nicht, dass uns Menschen oder ihr Verhalten gar nicht mehr berühren. Sondern dass wir früher erkennen, was gerade passiert, und weniger stark darauf reagieren. Auch um uns nicht selbst in alten Verhaltensmustern zu verlieren. Wir schützen uns, indem wir unsere Bedürfnisse reflektieren: Was brauche ich? Was tut mir gut, was nicht? Um uns dann leichter von herausfordernden Menschen abgrenzen zu können, ohne uns dabei schuldig zu fühlen. So geraten wir seltener in tiefe Beziehungsdynamiken, aus denen man gefühlt kaum noch rauskommt.

Lisa Irani: Ich vergleiche das gerne mit einer Grippe. Unser Körper bildet Antikörper gegen die Krankheit, ein bisschen ist das auch so mit der Psyche. Wenn wir gesunde Grenzen setzen, an einigen Stellen Akzeptanz lernen oder andere Strategien anwenden, stärken wir unsere Immunität. Wie genau, das muss jede*r für sich herausfinden. Aber möglich ist es.

"Stell dir vor, da sitzt innerlich ein achtjähriges Kind am Steuer und nicht die vielleicht 58-jährige Person, die du vor dir siehst."
Lisa Irani, Psychologin

Wie bleibe ich bei mir und grenze mich von emotional unreifen Menschen ab, ohne mich zu verbiegen oder zu hart zu werden?

Anna Eckert: Erst einmal die eigene Rolle klären: Lasse ich sie mir von meinem Gegenüber aufdrücken, oder entscheide ich mich bewusst dafür? Man kann sich durchaus Dinge anhören, ohne die eigene Meinung aufzugeben. Manchmal ist es klug, weniger zu sagen als man möchte, um bei sich zu bleiben und sich nicht zu verstellen. Was noch hilft, um kurz emotionalen Abstand zu nehmen, sind sachliche Gegenfragen. Und wenn ein Gespräch respektlos wird: beenden. Du musst nicht alles erklären oder rechtfertigen – und schon gar nicht die emotionale Verantwortung für jemand anderen übernehmen.

Lisa Irani: Ich finde die "Let Them"-Theorie der Autorin Mel Robbins sehr hilfreich: Stell dir vor, da sitzt innerlich ein achtjähriges Kind am Steuer und nicht die vielleicht 58-jährige Person, die du vor dir siehst. Ein Kind, das trotzig ist, das möglicherweise schwierige Erfahrungen gemacht hat und nicht co-reguliert wurde. Diese Perspektive hilft, nicht hart zu werden und nicht zu sehr abzustumpfen.

Wie prägt euch all das Wissen über emotionale Unreife im privaten Umfeld?

Anna Eckert: Vor zehn Jahren habe ich mich noch nicht so stark abgegrenzt wie heute. Und mich auch häufiger mal limitiert und angepasst. Trotzdem kann es mir immer mal wieder passieren, dass ich mich von emotional unreifen Menschen beeinflussen lasse.

Lisa Irani: Wir sind beide beruflich stark eingespannt und haben dadurch weniger Zeit und Ressourcen zur Verfügung als früher. Da frage ich mich bewusst, wem ich meine Zeit und Aufmerksamkeit schenken will und bei wem es sich nicht so gut anfühlt – vielleicht auch, weil es sich um emotional unreife Menschen handelt? Das ist mein innerer Kompass, an dem ich mich orientiere.


Anna Eckert Lisa Irani Immun gegen emotional unreife Menschen

Lisa Irani und Anna Eckert sind klinische Psychologinnen. In ihrem Podcast "Cute aber Psycho" sprechen sie über echte, anonymisierte Patient*innenfälle und Beispiele aus der Community. Ihr zweites gemeinsames Buch "Immun gegen emotional unreife Menschen (auch wenn sie deine Eltern sind)" ist im GU Verlag erschienen.

Fotos: "Canva", PR (Portrait)