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Wellbeing

Mehr als Fitness: Fünf Gründe, warum Sport für Frauen* ein Akt der Selbstbestimmung ist

26. Mai 2026

geschrieben von Marlene Borchardt

Mehr als Fitness: Fünf Gründe, warum Sport für Frauen* ein Akt der Selbstbestimmung ist

Joyful Movement geht vom Körpergefühl aus, nicht vom Körperbild

Sich als Frau* zu bewegen ist kein neutraler Akt, weil der Körper nie neutral war. Wer sich mit Freude läuft, schwer hebt, Zeit freischaufelt, rüttelt an den Strukturen, die das nicht immer leicht machen. Fünf Gründe, warum Sport mehr ist als Fitness.

"Selbst zu entscheiden, was mein Körper kann, wohin er geht, wessen Zeit er wert ist, ist ein Akt der Souveränität."
Marlene Borchardt

Frauen* haben schon immer körperlich hart gearbeitet, und dass sie das auch in ihrer Freizeit beim Sport machen, scheint heute selbstverständlich. Ist es aber nicht. Historisch gesehen sind Frauen*, die Sport treiben, eine ziemlich junge Errungenschaft. Den Sport-BH gibt es erst seit den 70er-Jahren, am olympischen Marathon dürfen Frauen* erst seit 1984 teilnehmen. Die Journalistin Danielle Friedman bringt es in ihrem Buch "Let's Get Physical" auf den Punkt: Männer* wachsen damit auf, ihrem Körper zu vertrauen. Frauen* nicht. Auch weil ihr Körper selten einfach nur Körper war. Sondern Projektionsfläche, Arbeitsmitel, Objekt fremder Erwartungen. Selbst zu entscheiden, was mein Körper kann, wohin er geht, wessen Zeit er wert ist, ist ein Akt der Souveränität.

Und das wirkt bis heute nach: Eine globale "ASICS"-Studie aus 2024 ergab, dass sich 42 Prozent der Frauen* "nicht sportlich oder fit genug" fühlen, um regelmäßig zu trainieren. Hinzu kommen Zeitdruck (74 Prozent) und einschüchternde Umgebungen (44 Prozent). Das Phänomen hat einen Namen: Gender Exercise Gap. Zeit, dem etwas entgegenzusetzen — denn es braucht keine ausgefeilte Routine und kein Equipment, um anzufangen. Dann kann Sport mehr sein als Bewegung, mehr als Freude: ein Akt von Selbstbestimmung und Souveränität, der sich besonders in diesen fünf Punkten zeigt:

1. Dein Körper kann mehr, als man dir beigebracht hat zu glauben

Bereits in der Grundschule wird Jungen mehr körperliche Leistung zugetraut als Mädchen — von Lehrkräften, von Eltern, von ihnen selbst. Studien zeigen, dass Mädchen ihre eigene motorische Kompetenz systematisch unterschätzen, während Jungen sie überschätzen. Und das, obwohl objektive Bewegungstests bei beiden Geschlechtern in diesem Alter ähnliche Ergebnisse liefern. Und so glauben auch erwachsene Frauen*, dass Männer* einfach "sportlicher" seien.

Die Autorin Colette Dowling nennt diesen Mythos in "The Frailty Myth" das emotionale und kognitive Pendant zum Einschnüren des Körpers: Jahrhundertelang seien Frauen* an das Bild ihrer selbst als schwach gekettet gewesen. Die Feministin Gloria Steinem schreibt in "Moving Beyond Words", dass Mädchen so aufwachsen, dass nicht zählt, was ihr Körper kann, sondern wie er aussieht. Für sie ist körperliche Stärke bei Frauen* deshalb "eine kollektive Revolution". Und einer der größten Gradmesser für echten Wandel.

"Es geht darum, den Satz 'dafür bin ich nicht der Typ' zu hinterfragen. Wer hat das eigentlich entschieden?"

Es geht nicht darum, super sportlich zu sein. Es geht darum, den Satz "Dafür bin ich nicht der Typ" zu hinterfragen. Wer hat das eigentlich entschieden? Jede Frau*, die etwas hebt, das sie sich vorher nicht zugetraut hätte, die einen Berg hochläuft, der ihr zu steil schien, die einen Sport ausprobiert, von dem sie dachte, der sei nichts für sie, knabbert an diesem Mythos. Weil das Bild von der schwächeren Frau* nur so lange trägt, wie keine*r dagegen hält.

2. Den Maßstab wechseln: Wer sagt, dass Schwitzen zur Optimierung da ist?

Bei "Love is Blind", dem Reality-TV-Format, in dem man sich verlobt, ohne sich gesehen zu haben, erklärt ein Mann* seiner Verlobten, er spüre keine sexuelle Anziehung zu ihr. Die Frau* ist Ärztin, klug, warmherzig. Sein Problem: Sie gehe nicht täglich zum Pilates. Er date eigentlich Frauen* mit "Pilates-Body". Was wie eine persönliche Präferenz klingt, ist eine Norm. Nicht zu breite Schultern, nicht zu "bulky", nicht so muskulös, dass es "unweiblich" wirkt. "Strong is the new skinny" heißt es seit Jahren. Skinny bleibt die Bedingung.

In der Welt, in der die meisten Frauen* aufwachsen, ist Bewegung ein Mittel zur Optik. Bauch-Beine-Po, "bikinifertig", die nächste Diät. Bewegung wird zum Werkzeug, den Körper in eine Form zu bringen, die andere bewerten. Der Körper bleibt dabei Objekt — auch beim Schwitzen.

Sich davon zu lösen heißt nicht, dem Blick zu entkommen. Aber es heißt, einen anderen Maßstab daneben zu stellen: Sich zu bewegen, weil das Herz rast, weil der Rücken weniger weh tut, weil der Schlaf besser wird, weil man sich danach lebendiger fühlt. Dafür gibt es inzwischen sogar einen Begriff: Joyful Movement. Bewegung, die vom Körpergefühl ausgeht, nicht vom Körperbild. Die Idee ist simpel und war trotzdem lange für viele Frauen* nicht selbstverständlich. Wenn plötzlich zählt, was der Körper macht, nicht was er zeigt, dann ist das ein anderer Maßstab. Und einer, den niemand sonst festlegen kann.

"Wer neun Stunden mehr unbezahlte Arbeit pro Woche leistet, hat keine halbe Stunde Laufen einfach so übrig. Sie muss organisiert, verhandelt, manchmal erkämpft werden."

3. Zeit für Bewegung ist keine Selbstverständlichkeit, sondern eine Entscheidung

Laut Zeitverwendungserhebung des Statistischen Bundesamts leisten Frauen* in Deutschland im Schnitt knapp 29,5 Stunden unbezahlte (Sorge-)Arbeit pro Woche, Männer* knapp 20,5 Stunden. Das macht eine Differenz von rund neun Stunden. Während Männer* ihre Sporteinheit selbstverständlich in den Feierabend einplanen, jonglieren Frauen* Kinder, Care-Arbeit, Mental Load. Entsprechend bewegen sie sich messbar weniger als Männer*.

Wer neun Stunden mehr unbezahlte Arbeit pro Woche leistet, hat keine halbe Stunde Laufen einfach so übrig. Sie muss organisiert, verhandelt, manchmal erkämpft werden. Sich diese Zeit zu nehmen, ohne sie zu rechtfertigen, ist keine Selbstverständlichkeit, sondern eine Entscheidung gegen die Erwartung, immer zuerst für andere verfügbar zu sein. Es heißt, sich selbst als jemanden zu behandeln, dessen Bedürfnisse Platz in der Woche bekommen — nicht erst, wenn alles andere erledigt ist. Und natürlich ist das kaum möglich wenn jemand alleinerziehend ist.

4. Sich den öffentlichen Raum nehmen ist keine Kleinigkeit

Der Pumperbereich im Fitnessstudio, die Laufstrecke im Park — das sind Räume, in denen Frauen* historisch lange als Gäste galten. Und es sind auch Räume, in denen Frauen* nicht immer sicher sind oder sich nicht immer sicher fühlen können. Cat Calling passiert, viele Frauen* trainieren extra in weiten Oversize-Pullis, damit sie nicht ständig durch den Spiegel von Männern* angegafft werden. Das ist kein Einzelfall, das ist eine Erinnerung daran, dass der öffentliche Raum und das Fitnessstudio für Frauen* nie bedingungslos ist. Und genau deshalb ist es keine Kleinigkeit, ihn trotzdem zu betreten.

Viele Frauen* kennen das Gefühl, sich zum ersten Mal in den Hantelbereich zu trauen und zu denken: Hier gehöre ich nicht hin. Oft zeigt sich mit der Zeit, dass das Gegenteil stimmt — und zwar auf die positivste Art. Das Recht, am Squat Rack zu stehen, gilt für alle gleichermaßen. Wer das einfordert, verschiebt etwas. Nicht nur für eine selbst, sondern für jede Frau*, die danach den Raum betritt und sieht: Das kann ich auch.

"Handlungsfähigkeit im eigenen Körper ist mehr als Fitness. Und sie wächst mit jedem Mal, an dem jemand etwas tut, das sich vorher unmöglich angefühlt hat."

5. Handlungsfähigkeit wächst mit jedem Mal

Wer sich bewegt, lernt etwas: über sich selbst, den eigenen Körper, die eigenen Grenzen. Kompetenz aufbauen und Sicherheit mit dem eigenen Körper sieht für jede*n anders aus. Für die*den eine*n heißt es, einen Koffer ins Gepäckfach zu stemmen. Für die*den andere*n, nach einer Operation wieder eine Treppe zu schaffen. Für die*den Dritte*n richtig schnell zu werden und sich mit anderen zu messen.

Was diese Erfahrungen verbindet, ist nicht ein Leistungsniveau, sondern eine Bewegung in eine Richtung: Den eigenen Körper besser kennenzulernen, mit ihm zu arbeiten, statt gegen ihn. Dem Körper etwas zuzutrauen, was vorher außerhalb lag. Handlungsfähigkeit im eigenen Körper ist deshalb mehr als Fitness. Und sie wächst mit jedem Mal, an dem jemand etwas tut, das sich vorher unmöglich angefühlt hat.