Wir sind mehr als unsere Gefühle: Jeannine Mik über Resilienz und Selbstregulation

Warum wir lernen müssen, unser Nervensystem zu verstehen
In einer Welt, in der Mental Health Awareness immer mehr an Bedeutung gewinnt, beschäftigen sich viele Menschen intensiv mit ihren Emotionen. Doch was, wenn wir unsere Gefühle nicht nur verstehen, sondern auch lernen könnten, sie zu regulieren? Unser Nervensystem spielt dabei eine entscheidende Rolle – es beeinflusst nicht nur unsere Emotionen, sondern auch unsere Gedanken, unser Verhalten und unser Wohlbefinden.
Autorin Jeannine Mik hat gerade ihr neues Buch "Du bist viel mehr als deine Gefühle" geschrieben, das am 4.4. bei "GU" erscheint. Im Gespräch erklärt sie, warum Emotionen oft nur ein Ausdruck unseres Nervensystems sind, weshalb Gedanken allein nicht ausreichen, um unser Leben zu verändern, und wie wir lernen können, mit Stress, Ängsten und intensiven Gefühlen umzugehen. Ein Interview über Selbstregulation, Körperarbeit und die Kraft, sich selbst besser zu verstehen – und zu verändern.
"Nicht jede kleinste Emotion verdient meine volle Aufmerksamkeit."
femtastics: In Zeiten von Mental Health Awareness scheint es wichtiger denn je, über Gefühle zu sprechen. Wo siehst du die Balance zwischen Selbstreflexion und sich nicht von Emotionen vereinnahmen zu lassen?
Jeannine Mik: Sich nicht von seinen Emotionen vereinnahmen zu lassen ist Teil einer gelingenden Selbstreflexion. Ebenso die Erkenntnis, dass nicht jede kleinste Emotion meine volle Aufmerksamkeit verdient. Ziel ist es, angemessen auf Emotionen und all das, was da in mir ist, zu reagieren. Das heißt weder runterschlucken oder unterdrücken, noch alles immer ausagieren und sich jeder Regung hingeben.
Was war der Auslöser für dich, dieses Buch zu schreiben? Gab es eine bestimmte Erkenntnis, die dich dazu gebracht hat?
Ich habe Körperarbeit entdeckt, mein Nervensystem kennengelernt und die Anleitung zur Regulation. Mein Buch fast diese Entdeckungen zusammen. Es geht um Werkzeuge, mit denen man etwas für sich selbst tun kann. Zum Beispiel wenn man zu wenig Energie hat, sich abgeschlagen fühlt, Druck, Stress oder Ängste verspürt und einfach nicht weiterkommt.
Der Titel deines Buches suggeriert, dass wir uns oft über unsere Gefühle definieren bzw. uns von unseren Gefühlen bestimmen lassen. Warum ist das problematisch?
Es ist problematisch, weil unsere Gefühle in den meisten Fällen nur ein Ausdruck des Zustands unseres Nervensystems sind. Genau wie unsere Gedanken, Verhaltensweisen und Körperempfindungen. Ihnen allen liegt der Zustand unseres Nervensystems zugrunde. Es bestimmt über unsere gesamte Wahrnehmung.
Solange wir also nicht mit unserem Nervensystem arbeiten, bleiben wir an der Oberfläche. Wir betreiben Symptombekämpfung, ohne an die Wurzel zu gehen. Das, was bei chronischem Stress und Überwältigung wirklich angesprochen werden muss, ist “subkortikal”, also an den älteren Bereichen des Gehirns angesiedelt.
"Wenn ich durch einen Trigger übermäßig wütend werde, hat das zumeist mit dem Hier und Jetzt nichts zu tun."
Kannst du das näher erklären?
Wenn ich durch einen Trigger zum Beispiel übermäßig wütend werde, hat das zumeist mit dem Hier und Jetzt nichts zu tun. Vielmehr erinnert sich unser Gehirn - das gern energiesparend vorgeht - an eine Erfahrung von früher. Es denkt sich: Ah, das ist so ähnlich, ich lass dieselben Programme ablaufen. Also fahren wir aus der Haut und ärgern uns fürchterlich. Wenn wir dann etwas abgekühlt sind, denken wir mitunter, dass die Reaktion für die Situation nicht angemessen war.
Oder aber unser System ist ständig drüber, kommt gar nicht wirklich zur Ruhe und uns fehlt die Fähigkeit, halbwegs objektiv auf unser Verhalten zu blicken. Auch ständige Sorgen oder Ängste, die einen begleiten, können ein Hinweis für eine Dysregulation im Nervensystem sein.
Du sagst, dass Gefühle nicht unser Wesen ausmachen, sondern vorbeiziehende Erfahrungen sind. Wie können wir lernen, uns von ihnen nicht überwältigen zu lassen?
Wenn ein Gefühl nicht vorüberzieht, also ich hier keine Bewegung und Veränderung erlebe, ist das ein Hinweis darauf, dass mein Nervensystem feststeckt. Ein “gesundes” Nervensystem schwingt hin und her. Mal sind wir gut gelaunt, mal fühlen wir uns frei und fähig und verbunden mit der Welt.
Dann wieder sind wir traurig oder wütend oder auch mal kurz verzweifelt oder ängstlich. Diese Bewegung ist gut, richtig, normal und gewünscht. Wenn es starr wird innen und wir manche Gefühle nicht wahrnehmen oder zulassen können, oder wenn Gefühle so intensiv sind, dass sie uns überrollen und wir uns ausgeliefert fühlen, dann kann man daran etwas ändern.
Egal wie gut oder schlecht wir in unserer Kindheit gelernt haben, mit Emotionen umzugehen: Wir können es heute lernen und wirklich eintauchen, uns wirklich verbunden fühlen, wirklich präsent sein. Wir können Raum für Abenteuer schaffen, für Nähe und Intimität, für Hingabe, für Ruhe und Stille genauso wie Freude. Jeder Mensch kann das alles empfinden. Weil jedes Nervensystem formbar und veränderlich ist. Das sagt auch die Wissenschaft.
"Wir müssen in Kontakt mit unserem Körper kommen. Dort wohnen unsere Gefühle."
Wie lässt sich Resilienz und Gefühl-Management erlernen?
Wir müssen in Kontakt mit unserem Körper kommen. Dort wohnen unsere Gefühle. Es sind im Grunde interpretierte Körperempfindungen. Wir leben in einer Welt, die alles “kognitive” fördert und schätzt. Wir sind sehr auf unsere “Gedanken” fixiert und glauben, dass wir mit einem anderen Mindset alles ändern können. Das wird uns oft suggeriert von außen: Ändere deine Gedanken und du änderst dein Leben.
Aber niemand sagt uns, dass unsere Gedanken nur das Ergebnis unseres Nervensystemzustands sind. Und dass wir willentlich, nur mit unserem Bewusstsein, sehr wenig wirklich tiefgreifend ändern können.

Das neue Buch "Du bist mehr als deine Gefühle" von Jeannine Mik erscheint am 4.4.2025.
Warum nicht? Was steckt dahinter?
Lass uns in die Kindheit schauen. Bereits als Kinder wird uns unser Körpergefühl abtrainiert. In der Schule zum Beispiel, wenn wir stillsitzen soll. Jedes Mal, wenn wir auf die Toilette müssen und es zurückhalten, weil wir gerade nicht gehen dürfen. Wenn wir am Tisch sitzen müssen, bis alle aufgegessen haben oder wir aufessen müssen, weil “man” das so macht, obwohl wir gar keinen Hunger haben.
Das geht alles gegen unser Körpergefühl. Ähnliches passiert beim Fühlen: Jedes Mal, wenn wir als Kinder unseren Ärger, unsere Trauer, unseren Ekel runterschlucken, damit niemand auf uns böse ist, handeln wir gegen uns und unser natürliches Empfinden. Deshalb ist der erste Schritt, langsam und behutsam Kontakt mit dem Körper und seinen Empfindungen aufzunehmen. So können wir nach und nach spüren, was da eigentlich wirklich in uns passiert, und lernen, das immer besser auszuhalten, da sein zu lassen und dann final damit umzugehen.
Es gibt keinen Quick-Fix oder ultimativen Tipp. Das wäre zwar sexy, würde aber nicht der Wahrheit entsprechen. Was auch wichtig ist: Jedes Gefühl, das wir nicht angemessen ausleben, bleibt im Körper “stecken”. Jede Emotion hat eine hormonelle Aufladung. Stresshormone wie Cortisol zum Beispiel können sich im Körper ansammeln. Das kann physische Auswirkungen haben und uns krank machen, weil zum Beispiel Entzündungen im Körper gefördert werden.
"Die meisten Menschen haben keinen gesunden Umgang mit Emotionen erlernt."
Erlebst du einen Unterschied in der Art, wie Männer* und Frauen* mit ihren Gefühlen umgehen? Welche gesellschaftlichen Prägungen wirken hier?
Die meisten Menschen haben keinen gesunden Umgang mit Emotionen erlernt, unabhängig davon, ob jemand weiblich oder männlich sozialisiert wurde. Weiblich sozialisierte Menschen sollen tendenziell nicht wütend sein, männlich sozialisierte sollen nicht weich sein.
Für die Entwicklung eines gesunden Emotionsmanagements ist es wichtig, dass man einerseits das Wissen vom Nervensystem allgemein hat und andererseits das eigene System und den eigenen Körper mit seinen individuellen Reaktionen und Antworten kennenlernt. Im besten Fall hat man dann einen Leitfaden und einfache Werkzeuge an der Hand, mit denen man beginnen kann, aktiv zu beeinflussen, wie es einem*einer geht und wie man sich fühlt. Das hat Auswirkungen auf das gesamte Leben.
Gab es in deiner eigenen Auseinandersetzung mit dem Thema einen Aha-Moment, der für dich besonders prägend war?
Viele. Als ich das erste Mal wirklich verstanden habe, dass jedes dieser manchmal so intensiven Gefühle irgendwo eingeordnet werden kann und eine logische Folge von einer Dysregulation ist, dachte ich: Wow. Ich ergebe Sinn. Alles von dem, was ich fühle, lässt sich logisch erklären. Und alles davon ist richtig und eine natürliche Reaktion, nichts daran ist kaputt oder falsch. Mein Körper, mein System reagiert genau so, wie es sollte. Und krass, ich kann das alles verändern. Alles, was mir nicht guttut, womit ich nicht zufrieden bin … es kann mir wirklich besser gehen und ich selbst kann dafür sorgen. Das war definitiv ein Game Changer.
Wenn du einen Satz an dein jüngeres Ich richten könntest, der dein heutiges Wissen über Gefühle zusammenfasst – welcher wäre das?
Du bist nicht kaputt, du wirst nicht verrückt, du fühlst nicht falsch. Du ergibst Sinn, alles an dir, immer. Und: Alles wird gut. Das sind ein paar mehr Sätze als einer. Aber ja, vielleicht würde ich das zu mir sagen. Und ich würde mich umarmen, ganz fest, und mich halten, bis mein jüngeres Ich sich entspannt und sicher fühlt.
Hier findet ihr Jeannine Mik:
Hier erfahrt ihr mehr über das neue Buch "Du bist viel mehr als deine Gefühle" von Jeannine Mik!
Foto: Anni's Art Fotografie
– Werbung: In Zusammenarbeit mit "Gräfe und Unzer" –