Verdeckter Narzissmus in Beziehungen: Wie subtil toxisches Verhalten zu emotionalem Missbrauch führt
13. Mai 2022
geschrieben von luiserau

Wie verdeckter Narzissmus Leben zerstören kann.
Jeden Tag emotional missbraucht zu werden, ohne es zu bemerken – das können sich viele von uns nicht vorstellen. Die Diplompsychologin Turid Müller hat es selbst erlebt. Sie weiß, wie subtil toxisches Verhalten auftreten kann – und dabei unablässig das Leben einer anderen Person zerstört. Viele kleine Interaktionen, jede für sich genommen scheinbar harmlos: Ein despektierlicher Kosename hier, ein gut kaschiertes Eifersüchtigmachen da. Eine mögliche Ursache dafür heißt „Verdeckter Narzissmus“. Und dieser widmet sich Turid in ihrem neuen Buch. Darin klärt sie uns umfassend über das psychologische Phänomen auf und zeigt Betroffenen Wege und Möglichkeiten, narzisstischem Missbrauch zu entkommen. Im Interview erklärt sie, warum wir Narzissmus manchmal so schwer erkennen können, welche Folgen emotionaler Missbrauch haben kann und wie wir Menschen in Zukunft davor schützen können.
femtastics: Turid, gab es einen bestimmten Anlass, warum du dieses Buch geschrieben hast?
Turid Müller: Ja. Ich war selbst bereits von narzisstischem Missbrauch betroffen. Und wie alle anderen Betroffenen auch, habe ich versucht herauszufinden, was los ist. Ich habe viel recherchiert, bin auf viele Begriffe gestoßen. Aber erst das Wort „verdeckter Narzissmus“ hat mich weitergebracht und mir letztlich die Chance gegeben, mich aus dieser Beziehung zu lösen.
Das heißt, du hast bei deiner Recherche gemerkt, dass wir zu wenig über dieses Thema aufgeklärt sind?
Genau. Mir ist aufgefallen, wie wenig Literatur es gerade im deutschsprachigen Raum über verdeckten Narzissmus gibt. In den meisten Ratgebern geht es eher um die anderen klassischen Narzissmus-Varianten, meist um den sogenannten grandiosen Narzissmus.
Was hat es damit auf sich?
Grandiose Narzisst*innen sind stark von sich überzeugt, haben ein großes Ego und reden viel über sich. Das ist das, was wir meinen, wenn wir auch küchenpsychologisch über Narzissmus sprechen. Aber daneben gibt es weitere Ausprägungen, über die wir sehr schlecht aufgeklärt sind.
Apropos „küchenpsychologisch“: Den Begriff „narzisstisch“ verwenden wir immer häufiger, fast schon umgangssprachlich. Dadurch wird ja auch seine eigentliche Bedeutung immer schwammiger.
Ja, das ist mittlerweile schon so eine Art Modewort. Aber „Narzissmus“ ist nicht nur in der Küchenpsychologie, sondern auch in der Wissenschaft nicht ganz klar eingegrenzt. Da gibt es eine große Unschärfe in der Definition.
Wenn etwas mir nicht gut tut, bringe ich mich in Sicherheit – egal welche Diagnose ein Profi geben würde.
Das heißt, auch in der Wissenschaft ist Narzissmus noch keine eindeutige Diagnose?
Die Diagnoseschlüssel und die genauen Definitionen für Narzissmus werden immer noch bearbeitet. Aber ich muss sagen, für die betroffene Person ist eine eindeutige Diagnose gar nicht so wichtig. Da ist es vor allem wichtig, bestimmte Muster zu erkennen. Und dann kann ich für mich schlussfolgern, ob mir das gut tut oder nicht. Und wenn es mir nicht gut tut, bringe ich mich in Sicherheit – egal welche Diagnose ein Profi geben würde.

Turid Müller ist Diplom-Psychologin und ausgebildete Schauspielerin. Ihr Engagement gilt der Sensibilisierung der Gesellschaft für unbequeme Themen – zum Beispiel für den Umgang mit Demenz. Weil sie selbst die verstörenden Folgen einer toxischen Beziehung erlebt hat, beschäftigt sie sich beruflich mit der bisher eher unbekannten Form des verdeckten Narzissmus‘.
Du schreibst, wenn selbst du als Diplompsychologin lange Zeit unbemerkt unter narzisstischem Missbrauch gelitten hast, kann es wirklich allen passieren. Es gibt also keine Persönlichkeitstypen, die eher gefährdet sind?
Ja und Nein. Erstmal können wir alle Missbrauch erleben und manipuliert werden. Einige Menschen sind jedoch besonders attraktiv für narzisstische Menschen oder merken besonders spät, wo sie da rein geraten sind. Das kann ganz unterschiedliche Ursachen haben, zum Beispiel ein narzisstisches Elternhaus. Wer so aufgewachsen ist, ist gewohnt, dass sich „Liebe“ so anfühlt. Es fühlt sich vertraut an – wie zu Hause! Auch eine komplexe posttraumatische Belastungsstörung kann dazu führen, dass wir nicht erkennen, wo wir sicher sind. Oder dass wir ganz bewusst nach intensiven Achterbahn-Beziehungen suchen, um uns selbst mehr zu spüren.
Auch viele eigentlich positive Eigenschaften von besonders empathischen Menschen können bewirken, dass es schwer ist, sich aus krankmachenden Beziehungen zu lösen: So suchen beispielsweise reflektierte Persönlichkeiten die Verantwortung für Schwierigkeiten erst mal bei sich. Das zahlt in die narzisstische Dynamik ein: In der Partnerschaft landet die Schuld für alles ohnehin bei ihnen, denn narzisstische Menschen sehen bei sich ja keine Schwächen.
In deinem Buch drehen sich viele Aspekte um Liebesbeziehungen. Ist es denn tatsächlich so, dass wir in romantischen Bindungen eher an verdeckte Narzisst*innen geraten?
Verdeckter Narzissmus kann uns natürlich überall begegnen, in jeder Art von Beziehung. Aber die komplexesten Beziehungen sind in der Regel Liebesbeziehungen. Die kommen uns besonders nahe und können daher eine besonders zerstörerische Wirkung entfalten. Genau so stark und meist viel prägender ist es auch bei Herkunftsfamilien.
Verdeckter Narzissmus kann uns natürlich überall begegnen, in jeder Art von Beziehung.
Du hast dich trotzdem dazu entschieden, den Schwerpunkt deines Buches auf Partnerschaften zu legen.
Ja, ich musste das Thema eingrenzen. Ich freue mich auf jeden Fall auf ein Anschlussbuch! (lacht) Aber die Muster, die ich beschreibe, sind auf andere Beziehungsarten übertragbar. Und auch die Kommunikationstechniken, mit denen ich mich vor emotionalem Missbrauch schützen kann. Die kann man universell einsetzen.
Für Menschen, die emotionalen Missbrauch noch nie erlebt haben, ist es schwer vorstellbar, wie sich dieser genau auswirkt. Was sind denn mögliche Folgen für Betroffene?
Solche Traumabeziehungen lassen nichts mehr von uns über: Das eigene Leben (Freundschaften, berufliche Entwicklung, die Gestaltung des Lebensweges etc.) und das Glück bleiben auf der Strecke. Zudem können Betroffene unter ganz unterschiedlichen seelischen und körperlichen Folgen leiden, denn sie sind dauerhaft Stress ausgesetzt. Dadurch schüttet unser Körper ständig Stresshormone aus und es entsteht ein extremer Hormonhaushalt. Eine ganz typische Folge von narzisstischem Missbrauch ist eine Depression. Es können aber auch körperliche Erkrankungen wie Entzündungserkrankungen entstehen. Einige leiden auch am Fatigue-Syndrom. Sie sind also dauerhaft bis zur Arbeitsunfähigkeit müde und abgeschlagen. Es gibt auch Situationen, in denen Betroffene in den Selbstmord getrieben werden.
Trotzdem wird emotionaler Missbrauch in unserer Gesellschaft oft verharmlost. Es geht ja „nur“ um Emotionen.
Ja, da gibt es teilweise wenig Verständnis. Aber gerade, weil es so unsichtbar ist, sind sowohl der Missbrauch selbst als auch seine Folgen nicht zu unterschätzen! Und darüber hinaus kann emotionaler Missbrauch auch in körperlichen Missbrauch münden. Subtile sexuelle Nötigung beispielsweise ist in solchen Partnerschaften keine Seltenheit.
Gerade weil es so unsichtbar ist, sind sowohl der Missbrauch selbst als auch seine Folgen nicht zu unterschätzen!
Du hast vorhin schon kurz angedeutet, dass es viele verschiedene Narzissmus-Arten gibt. Welche sind das?
Ich beziehe mich bei dem Begriff vor allem auf die Forschung von Aaron L. Pincus und Kolleg*innen. Laut ihnen gibt es einmal den grandiosen Narzissmus und den vulnerablen Narzissmus. Im Gegensatz zur grandiosen Ausprägung wirken vulnerable Narzist*innen auf den ersten Blick oft alles andere als narzisstisch: Sie sind vielleicht schüchtern, sozial eher ungeschickt und scheinen ein niedriges Selbstbewusstsein zu haben. Beide Facetten liegen wie zwei Seiten einer Medaille bei Menschen mit Narzissmus vor, aber in unterschiedlicher Ausprägung. Und beide Formen können sich offen zeigen oder verdeckt.
Was heißt das genau? Den offenen Narzissmus erkenne ich auf den ersten Blick?
Genau! Offen heißt: Ich kann es beobachten. Zum Beispiel, wenn eine Person sagt: „Ich bin der größte Präsident, den es jemals gegeben hat!“
Und verdeckter Narzissmus?
Verdeckter Narzissmus bedeutet: Die Handlungen und Aussagen scheinen überhaupt nicht narzisstisch zu sein. Und ich muss schlussfolgern, dass es dahinter Motive gibt, die dann doch narzisstisch sind. Generell gilt ja für Narzissmus: Ich zeige mich in der Außenwelt anders als zu Hause. Aber verdeckter Narzissmus geht eine Stufe weiter: Selbst Familie oder Partner*innen merken nicht, dass sie seelischen Missbrauch erfahren. Weil er so zwischen den Zeilen passiert. Nach außen hin höre ich zum Beispiel ständig „Ich liebe und schätze dich“. Aber die Handlungen passen überhaupt nicht zu diesen Worten und sind nur darauf angelegt, mein Selbstbewusstsein zu untergraben.
Dabei können verdeckt narzisstische Menschen liebevoll und mitfühlend erscheinen und von ihrem Umfeld großes Vertrauen genießen. Vielleicht retten sie gerade die Welt und engagieren sich sozial. Andere beneiden uns vielleicht um diese scheinbar intakte, ja ideale Partnerschaft.
Selbst Familie oder Partner*innen merken nicht, dass sie seelischen Missbrauch erfahren. Weil es so zwischen den Zeilen passiert.
Das klingt so, als wäre verdeckter Narzissmus besonders gefährlich.
Ganz genau! Weil er verdeckt ist, kann ich mich nicht gegen ihn wehren. Ich bleibe potenziell länger in solchen Bindungen, weil ich den Missbrauch nicht eindeutig erkenne.
Angenommen ich bin in einer Beziehung und habe den Verdacht, dass mein*e Partner*in narzisstisch ist und mich emotional missbraucht. Was würdest du in dieser Situation empfehlen?
Wissen anhäufen! Zum Beispiel durch Bücher oder Internetquellen. Und so lernen, die Muster zu erkennen. Denn die Muster sind bei allen narzisstisch veranlagten Menschen in etwa dieselben. Aber sie spielen sich im Alltag in unterschiedlichen Themenfeldern und Kontexten ab.
Wie können solche Muster denn aussehen?
Nehmen wir zum Beispiel Gaslighting, eine typische Manipulationstechnik, die eine andere Person in Unsicherheit stürzt. Ich bin mir dann nicht mehr sicher, was wahr ist und was nicht. Allein bei dieser Technik gibt es unfassbar viele Variationen, in denen sie auftreten kann. Die klassische Version wäre einfach zu sagen: „Das war ganz anders. Das war nicht so. Das habe ich nie gesagt.“ Aber es gibt auch viele andere Spielarten. Zum Beispiel, Gegenstände verlegen, sodass die andere Person an ihrer geistigen Gesundheit zweifelt.
Ich bin mir dann nicht mehr sicher, was wahr ist und was nicht.
Das heißt, der erste Schritt als betroffene Person ist, sich Wissen anzueignen. Was würdest du noch empfehlen?
Sich Unterstützung holen, einen Blick von außen. Das kann eine therapeutische Begleitung oder ein Coaching sein. Es ist aber wichtig darauf zu achten, dass ich an eine Person gerate, die sich mit verdecktem Narzissmus und narzisstischem Missbrauch auskennt. Ich würde mal frech behaupten, das ist etwas Anderes als die meisten meines Faches in ihren Ausbildungen gelernt haben. Diese Form von Narzissmus ist relativ jung im Bewusstsein der Wissenschaft. Deshalb ist die Gefahr hoch, an Menschen zu geraten, die das nicht erkennen und einem auch nicht da raushelfen können.
Das ist ja auch der Fall, wenn ich mich an Freund*innen und Familie wende. Sollte ich mir von meinem sozialen Umfeld also lieber nicht diesen Blick von außen holen?
Oft gibt es im Leben diesen einen Menschen, der mich so gut kennt, dass er mir vielleicht einen Realitycheck geben kann. Wenn mir meine Partner*in bei einem Konflikt zum Beispiel wieder die gesamte Schuld gibt, ich habe aber so ein Bauchgefühl, dass doch nicht immer Alles an mir liegen kann. Dann kann ich diese nahstehende Person anrufen und mich vielleicht in meiner Wahrnehmung bestätigen lassen. Oder mein*e Partner*in gibt mir das Gefühl, ich wäre faul. Und meine Freund*innen sagen aber: „Ganz ehrlich, ich kenne wenige Menschen, die so engagiert sind wie du!“ Dann hilft mir diese Außenwahrnehmung weiter. Aber es ist wichtig, dass wir uns an Menschen wenden, die noch eine gewisse Klarheit haben und von der narzisstischen Person nicht schon genauso gegaslighted sind wie wir selbst.
Oft gibt es im Leben diesen einen Menschen, der mich so gut kennt, dass er mir vielleicht einen Realitycheck geben kann.
In deinem Buch entlarvst du auch den Mythos, Narzissmus wäre nur ein Männer*-Problem. Denn die Zahlen zeigen, dass auch bei immer mehr Frauen* Narzissmus diagnostiziert wird. Woran liegt das?
Einmal daran, dass sich Forschende darüber klar werden, dass es nicht nur den grandiosen Narzissmus gibt. Denn dieser war und ist größtenteils eine Männerdomäne. Schließlich entsprechen die Symptome eher dem, was wir in der Gesellschaft als „typisch männlich“ betrachten. Frauen* finden sich eher im vulnerablen Narzissmus wieder. Wobei sie durch die Aufweichung der Geschlechterrollen auch beim grandiosen Narzissmus aufholen.
Weil dieser kein offensives Ego braucht?
Richtig. Er zeigt sich viel subtiler und funktioniert auch aus der weiblichen Märtyrerinnen-Rolle heraus. In dieser Form des Narzissmus‘ liegen Frauen* und Männer* zahlenmäßig ungefähr gleich.

In „Verdeckter Narzissmus in Beziehungen“, das am 16. Mai 2022 im „Kailash Verlag“ erscheint, zeigt Turid Müller Mechanismen und Muster von emotionalem Missbrauch und den Weg in eine gesunde Beziehung. Hier könnt ihr das Buch (vor)bestellen!
Inwieweit spielen denn Gender-Stereotypen auch bei der Diagnose eine Rolle?
Laut einer Theorie führen sie tatsächlich dazu, dass Narzissmus bei Frauen* seltener erkannt wird. Auch wenn klare narzisstische Symptome vorliegen, haben Diagnostiker*innen vor Augen: Frauen sind nicht narzisstisch. Und so wird dieses Vorurteil reproduziert.
In unserer Kindheit und Jugend warnt man uns vor allem Möglichen. Aber man bringt uns nicht bei, wie wir emotionalen Missbrauch erkennen können.
Du schreibst, seitdem du selbst offen darüber berichtest, merkst du wie viele Menschen unter narzisstischem Missbrauch leiden oder gelitten haben. Was braucht es, um dieses Leid in Zukunft verringern zu können?
Ich denke, ein zentraler Aspekt ist Wissen. In unserer Kindheit und Jugend warnt man uns vor allem Möglichen. Aber man bringt uns nicht bei, wie wir emotionalen Missbrauch erkennen können. Deshalb fehlt uns die Schablone im Kopf. Und für den Start wäre es wichtig, dass wenigstens Menschen im therapeutischen oder pädagogischen Bereich über diese Schablone verfügen und ihren Schutzbefohlenen gezielter helfen können.
Vielen Dank für das Interview, liebe Turid!
Hier findet ihr Turid Müller:
Interview: Luise Rau
Illustration: Helena Ravenne
Fotos: Turid Müller