Warum haben Arbeitslose so ein schlechtes Image? Reality-Check mit “Sozialschmarotzerin” Nadine Wagenaar
24. März 2026
geschrieben von Maike Knorre

Sie ist jung, studiert und arbeitslos: Nadine Wagenaar bezeichnet sich selbst als "Infaulenzerin" und räumt mit gängigen Vorurteilen rund um das Thema Arbeitslosigkeit auf. Seitdem ihr 2024 von jetzt auf gleich gekündigt wurde, teilt sie ihren Alltag ohne Festanstellung in den sozialen Medien und trifft damit einen Nerv. Bei "Instagram" folgen ihr über 110.000 Menschen, jetzt ist ihr Buch "Sozialschmarotzerin und andere (Un-)Wahrheiten über Arbeitslosigkeit" erschienen.
Zurück in den nächstbesten 9-to-5-Job? Will sie auf keinen Fall. Stattdessen zelebriert sie ihre Tagesfreizeit, spricht offen über das Tabuthema Kündigung und will anderen Betroffenen Mut machen, diesem Lebensabschnitt mit Stärke statt mit Scham zu begegnen. Wir sprechen mit Nadine darüber, warum das Bild der faulen Arbeitslosen politisch gewollt ist und was es bedeutet, wenn ein ganzes Land seinen Selbstwert über Lohnarbeit definiert. Ein Reality-Check.
"Ich bin der Albtraum von Friedrich Merz. Ich habe 365 Tage Arbeitslosengeld I empfangen, Social Media gemacht, Sport getrieben und Avocadobrot gegessen."
femtastics: Nadine, du wurdest betriebsbedingt gekündigt und hast deinen "brotlosen Alltag" als Arbeitslose bei "Tiktok" und "Instagram" dokumentiert. Jetzt erscheint dein Buch "Sozialschmarotzerin". Warum müssen wir dringend anders über Arbeitslosigkeit reden?
Nadine Wagenaar: Weil das Bild, das wir von Arbeitslosen haben, so brutal einseitig ist. Wenn ich die Augen schließe und "Arbeitsloser" denke, sehe ich im ersten Moment immer noch diesen klassischen "RTL-II"-Typen: Plattenbau, voller Aschenbecher, Dosenravioli, kein Bock auf Arbeit. Das ist das Bild, mit dem ich aufgewachsen bin, geprägt durch reißerische Berichterstattung in der "Bild"-Zeitung, im Nachmittagsprogramm und durch politische Debatten. Worüber wenig gesprochen wird: Wie schnell es jede*n treffen kann.
Vor zehn Jahren hatte ich eine Horrorvision davon im Kopf, wie mein Leben aussehen würde, sollte ich jemals in die Situation kommen, arbeitslos zu werden. Und das, obwohl ich total überarbeitet war, nachts wach lag und mich gefragt habe: Soll das die nächsten 40 Jahre wirklich so weitergehen? Dann wurde mir im August 2024 betriebsbedingt gekündigt und ich war überrascht, dass die Realität ganz anders aussieht.
"Die Mittelschicht hat mehr mit Arbeitslosen gemeinsam als mit Millionären. Sie merkt es nur noch nicht."
Was waren deine ersten Gedanken, als dir gekündigt wurde?
Im Videocall mit den Vorgesetzten: Nicht euer Ernst. Danach: Shit, jetzt muss ich das Mama und Papa beichten. Natürlich habe ich pflichtbewusst sofort gerechnet: Drei Monate bin ich freigestellt, am ersten Dezember fange ich dann wohl einen neuen Job an. Doch beim Gedanken an das nächste Büro mit Kickertisch, Obstkorb und After-Work-Events hat sich mir der Magen umgedreht. Tief in mir drin war mir klar: Ich will nicht in den nächstbesten 9-to-5-Job, um wieder im Hamsterrad zu landen.
Bundeskanzler Friedrich Merz reitet gerade politisch auf genau diesem Bild herum: In Deutschland wird zu wenig und nicht hart genug gearbeitet, mit "Lifestyle-Teilzeit" lässt sich der Wohlstand nicht retten. Und wer sich weigert zu arbeiten, soll keine Grundsicherung bekommen. Wie passt du da rein?
Ich bin der Albtraum von Friedrich Merz. Ich habe 365 Tage Arbeitslosengeld I empfangen, mich nicht sofort auf die nächste Stelle beworben, sondern Social Media Content gemacht, Sport getrieben und Avocadobrot gegessen. Und ich stehe dazu: Es geht mir ohne Festanstellung besser. Genau das ist das Problem mit dieser Rhetorik. Sie tut so, als wäre Arbeitslosigkeit eine Lifestyle-Entscheidung. Als wären alle Arbeitslosen einfach zu faul, morgens aufzustehen.
Nach Berechnungen der Bundesagentur für Arbeit sind weniger als ein Prozent der Bürgergeldempfänger*innen sogenannte "Totalverweigerer". Über die diskutieren wir ernsthaft so viel anstatt darüber, welche Steuereinnahmen wir durch eine Reichensteuer erzielen könnten? Nach unten tritt es sich leichter und das ist so falsch. Dabei sind wir alle nur eine Kündigung von der Arbeitslosigkeit entfernt. Auch die, die so wie ich immer dachten: Mich trifft das nie, ich habe Abitur, ich habe studiert. Die Mittelschicht hat mehr mit Arbeitslosen gemeinsam als mit Millionären. Sie merkt es nur noch nicht.
In deinen Videos nennst du dich selbst "Sozialschmarotzerin" und "Infaulenzerin", zeigst dich mit Lockenwicklern und Jogginghose auf dem Sofa, gehst zur Maniküre. Das provoziert anscheinend ganz schön viele Leute. Ist das deine Absicht?
Mit dem ersten Video, das ich gepostet habe, wollte ich eigentlich nur Frust rauslassen und habe gefilmt, wie ich nach dem Kündigungsschock laufen gehe. Nach und nach habe ich gemerkt: Das interessiert die Leute. Eine Anfang-30-Jährige, die zeigt, wie Arbeitslosigkeit aussehen kann – nicht als Totalabsturz, sondern einfach als neue Lebensrealität. Das hat mich motiviert, weiter Content zu posten. Ich wusste ja selbst nicht, wie Arbeitslossein geht.
Der erste Vlog, der viral ging und mir Hater in die Kommentare gespült hat, war gar nicht als Provokation gemeint. Ich hatte einen ganz normalen Tag zusammengeschnitten: wie ich zum Sport gehe und mit dem Hund raus, zu Hause koche. Dazu habe ich ein catchy Intro eingesprochen: "Hallo, ich heiße Nadine, ich bin seit 143 Tagen arbeitslos, und nehme euch mit in meinen brotlosen Alltag." Und dann war die Hölle los. Leute haben sich aufgeregt, dass ich tagsüber ins Fitnessstudio gehe. Dass ich Sushi für 40 Euro bestelle. Dass ich eine Marken-Ultraschallzahnbürste benutze. Da dachte ich: Okay, wenn das schon reicht, dann machen wir das jetzt richtig und spielen mit den Klischees. Das ist Satire. Und Satire macht Themen zugänglich, die sonst niemand anfasst.
"Ich destabilisiere ein Weltbild, das uns 'RTL II', 'Bild'-Zeitung und politische Debatten jahrelang eingetrichtert haben."
Wer sind die Menschen, die sich da so in Rage kommentieren?
Größtenteils Männer*.
Warum fühlen sich so viele Menschen von deinen Aussagen provoziert?
Viele sind wütend, weil sie 40 Stunden die Woche arbeiten und sich trotzdem kaum etwas leisten können. Das verstehe ich. Dann ist da die Überzeugung: Meine hohen Steuerabgaben fließen direkt zu den Arbeitslosen, also darf ich denen auch sagen, wie sie zu leben haben. Und Angst. Weil viele dieser Menschen selbst in Jobs stecken, die sie unglücklich machen, sich aber nicht trauen, etwas zu verändern. Wenn dann jemand wie ich Tagesfreizeit zelebriert und sagt: "Hey, es ist auch okay, nicht zu arbeiten, schau wie gut es mir damit geht!" – dann ist das bedrohlich. Ich destabilisiere ein Weltbild, das uns "RTL II", "Bild"-Zeitung und politische Debatten jahrelang eingetrichtert haben.
Inwiefern kannst du die Frustration nachvollziehen? Nicht alle kommen mit ihrem Gehalt so gut über die Runden wie du anscheinend mit deinem Arbeitslosengeld.
Was ich nicht nachvollziehen kann: Dass jemand denkt, ich darf meine Möbel, meinen Hund oder meine elektrische Zahnbürste nicht behalten, weil ich arbeitslos geworden bin. Ich hatte vorher einen Job. Ich habe Ersparnisse. Ich habe Beiträge gezahlt, auf die ich jetzt einen Anspruch habe. Das ist keine staatliche Gnade, das ist ein Versicherungssystem.
Was ich sehr wohl anerkenne: wie privilegiert ich bin. Ich lebe allein, habe keine Kinder, eine günstige Altbauwohnung, die ich seit 16 Jahren miete, und ein vergleichsweise hohes Arbeitslosengeld. Meine Fixkosten liegen bei etwa 1.000 Euro im Monat. Damit komme ich gut zurecht. Viele Menschen in einer ähnlichen Situation können das nicht von sich behaupten, vor allem die nicht, die auf Grundsicherung angewiesen sind und wirklich jeden Euro umdrehen müssen. Ich bin nicht die Allgemeingültigkeit.
"Arbeitslos sein ist nicht das Ende der Welt und nichts, wofür man sich schämen muss. Es kann eine Chance sein, etwas Neues zu machen."
Es gibt Erfahrungsberichte und Hinweise darauf, dass sich Arbeitslossein negativ auf Körper und Psyche auswirken kann. Wie belastend erlebst du die Zeit seit deiner Kündigung?
Obwohl ich schnell in Existenzängsten versinke, geht es mir mental überraschend gut. Als mir gekündigt wurde, habe ich für einen Marathon trainiert. Das hat mir Struktur gegeben und einen Grund, morgens aufzustehen. Von meinen Follower*innen bekomme ich viele Nachrichten, in denen sie beschreiben, wie schlecht es ihnen ohne Job geht. Sie schämen sich, glauben, nichts zu können, nichts zu schaffen, wertlos zu sein. Wir sind so darauf gepolt, unseren Selbstwert über Leistung zu definieren.
Was das bedeutet, verstehe ich erst so richtig, seitdem ich mein Knie bei einem Unfall verletzt habe und keinen Sport mehr machen kann. Wer bin ich eigentlich, wenn diese eine identitätsstiftende Sache wegfällt? Ich musste Kooperationsanfragen absagen, konnte weniger Inhalte posten, obwohl ich mir eine Existenz als Content Creatorin aufbauen wollte. Ohne meinen Hund Otto wäre ich wahrscheinlich komplett durchgedreht. Er gibt mir immerhin ein Mindestmaß an Stabilität und Aufgaben.
Du möchtest mit deiner Arbeit auf Social Media und deinem Buch verändern, wie wir über Arbeitslosigkeit reden. Welche Reaktion wünschst du dir zukünftig auf die Aussage: Ich bin arbeitslos?
Dasselbe Interesse wie wenn ich sage, was ich beruflich mache. Offene Nachfragen, vielleicht ein unvoreingenommenes "Wie geht es dir damit?", statt diesem erschrockenen Blick. Arbeitslos sein ist nicht das Ende der Welt und nichts, wofür man sich schämen muss. Es kann eine Chance sein, etwas Neues zu machen. Ich möchte Leute mit meiner Arbeit ermutigen, sich weniger schlecht zu fühlen, wenn sie arbeitslos sind oder gekündigt wurden.
Und ich wünsche mir, dass wir aufhören, die klassische Small-Talk-Frage "Und was machst du so?" rein beruflich zu denken. Das ist die langweiligste Frage der Welt. Und sie schließt so viele Menschen aus.

Nadine Wagenaar lebt in Berlin. Das Buch „Sozialschmarotzerin – (Un)Wahrheiten über Arbeitslose" hat sie gemeinsam mit Journalistin und Autorin Lisa Ludwig geschrieben. Es erscheint im März 2025 (riva). Auf Instagram dokumentiert sie unter @heynadus ihr Leben ohne Festanstellung.
Fotos: nils schwarz Photography