Feminismus-Backlash: Ist es deprimierend, heute Feminist*in zu sein? Nö!
07. März 2026
geschrieben von Ciani-Sophia Hoeder

Feminismus ist weiterhin relevant. Überraschung! Trotzdem stellt sich unsere Kolumnistin die Frage: Ist es nicht verdammt deprimierend, heutzutage Feminist*in zu sein? Gründe gibt es viele: Trump, Putin, Epstein. Ein fröhlich weiterlaufender Gender Pay Gap. Steigende Gewalt gegenüber Frauen*. Und eine Weltpolitik, in der Boomer-Männer* ihre Finger verdächtig locker am großen roten Knopf halten.
Kein Wunder, dass überall von einem Backlash des Feminismus die Rede zu sein scheint – von "Tradwives" auf "TikTok" bis zu antifeministischen Stimmen in der Politik. In ihrer aktuellen "Soft Optimism" Kolumne fragt sich Ciani-Sophia Hoeder: Ist der Backlash wirklich so groß, oder einfach nur algorithmisch brillant inszeniert? Eine Bestandsaufnahme für müde Millenials mit Hoffnung.
Zieht sich die dritte Welle des Feminismus langsam zurück?
Ein Blick zeigt: Wir haben einiges erreicht. Die erste feministische Welle kämpfte ums Wahlrecht. Gewonnen. Die zweite für Frauen* am Arbeitsplatz. Done. Und die dritte Welle? Wir hängen immer noch mittendrin. Wackelnd, schwankend krallen wir uns am Surfboard fest, gefühlt im freien Fall – und die Welle geht nicht nach vorn, sondern zieht sich itsy-bitsy-mäßig zurück. Die Wellenanalogie stammt aus den USA und soll die feministischen Kämpfe symbolisieren: Es geht auf und ab. Auf und ab. Auf und ja - ich weiß, leider - auch manchmal ab.
"Soziale Bewegungen stolpern – und stehen wieder auf. Das gibt mir Hoffnung. Nicht als romantische Illusion, sondern als politische Realität."
Frauen* verdienen in Deutschland immer noch rund 16 Prozent weniger pro Stunde als Männer*. Und während wir über Prozentpunkte sprechen, geht es viel zu wenig darum, dass in Deutschland fast jeden Tag eine Frau* von ihrem*ihrer (Ex-)Partner*in getötet wird. Männer* töten Frauen*. Weiterhin.
Deprimierend bleibt es mit Blick über den Atlantik. In den USA hat man sich gedacht: Wenn wir schon Kulturkampf spielen, dann juristisch unterstützt. Seit der Supreme Court 2022 "Roe v. Wade" aufgehoben hat und damit das bundesweite Recht auf Schwangerschaftsabbrüche beendete, haben mehrere Staaten ihre Abtreibungsgesetze verschärft. Teilweise ohne Ausnahmen bei Vergewaltigung oder Inzest, oft mit drakonischen Strafen für Ärzt*innen. Eine der mächtigsten Nationen der Welt erinnert plötzlich an die Anfänge von Margaret Atwoods "Handmaid’s Tale".
Und Deutschland? Auch nicht so nice.
Und hier? Hier ist es auch nicht viel besser: Sexualisierte Gewalt steigt. Digitale Gewalt auch. Das Gendern wird an Schulen in mehreren Bundesländern verboten, als wäre ein Sternchen die größte Bedrohung unserer Demokratie. Wer auf Ungleichheit hinweist, gilt schnell als"zu woke". "Wir haben gerade wichtigere Probleme", heißt es dann: Krieg. Inflation. Sicherheit. Als wäre Gleichberechtigung ein Hobby, das man in stabilen Zeiten betreibt. Gerechtigkeit? Joa – aber bitte nur zu Friedenszeiten.
Gerade erleben wir eine Phase massiver Aufrüstung. Bomben, Panzer, Verteidigungsetats, die schwindelerregend steigen – mittendrin in den Olympischen Spielen des Patriarchats. Und perspektivisch klingt es auch nicht besonders rosig: Studien zeigen, dass Militarisierung Ungleichheit verstärkt und patriarchale Strukturen stabilisiert. Aufrüstung pumpt Milliarden in Panzer und Raketen – und spart bei Bildung, Gesundheit und Kinderbetreuung. Wer zahlt den Preis? Vor allem Frauen*.
"Ein paar TikTok-Schürzen machen noch keine gesellschaftliche Rückabwicklung."
Dieses Patriarchat zeigt sich nicht nur in Panzern, sondern auch in Bildern. Nicht nur auf Schlachtfeldern, sondern auch in unseren Feeds. Die schaue ich mir als Kolumnistin für Internetkultur natürlich auch ganz genau an.
Feminismus-Backlash: Im Feed größer als in der Realität
Ja, es gibt ihn. Zumindest einen vermeintlichen kulturellen Rückschlag. "Tradwives" in Schürze. Manosphere-Podcasts. Male Loneliness Epidemic. Junge Männer*, die Frauen* hassen, weil sie sich selbst nicht ertragen.
Aber manchmal frage ich mich: Ist der Feminismus-Backlash wirklich so groß? Oder einfach nur algorithmisch brillant inszeniert? Ein paar "TikTok"-Schürzen machen noch keine gesellschaftliche Rückabwicklung. Und warum reden wir eigentlich ständig über die "Tradwife", aber nie über den "Tradhusband"? Warum liegt die kulturelle Faszination immer bei der Frau*, die zurück an den Herd geht – und nicht bei dem Mann*, der offenbar schon die ganze Zeit am Esstisch steht und auf den konservativen Drift der Gesellschaft wartet?
"Nichts ist inspirierender, als Frauen*, weiblich gelesene Personen und non-binäre Menschen auf der Straße zu sehen."
Patriarchale Resilienz ist nicht aus Granit: Streik wirkt
Das Patriarchat ist resilient, ja. Jahrzehntelang, sogar jahrtausendelang gewachsen. Aber Veränderung ist nicht linear. Soziale Bewegungen stolpern, sie fallen, werden verspottet – und sie stehen wieder auf. Und das gibt mir Hoffnung. Nicht als romantische Illusion, sondern als politische Realität.
Kurioserweise ist der Feminismus-Backlash ein gutes Zeichen. Es zeigt, dass etwas passiert. Es ist ein Aufbäumen einer alten Gestalt. Davon darf man sich nicht abschrecken lassen, sondern muss eher in die Haltung gehen: Jetzt erst recht. Nicht auf "TikTok" hängen und sich über Schürzen aufregen, sondern auf die Straße gehen, mit Menschen sprechen, sich nicht aufhalten lassen.
Das haben Frauen* 1975 in Island gemacht. Gemeinschaftlich gestreikt.
Damals legten beim "Women’s Day Off" rund 90 Prozent der Frauen* in Island ihre Arbeit nieder – bezahlt wie unbezahlt. Schulen blieben geschlossen, Büros standen still, Männer* mussten improvisieren. Island merkte an genau diesem Tag, was passiert, wenn Frauen* einfach nicht mehr weitermachen. Der Streik gilt bis heute als Katalysator für tiefgreifende Gleichstellungsentwicklungen. Fünf Jahre später wurde mit Vigdís Finnbogadóttir die weltweit erste demokratisch gewählte Präsidentin ins Amt gehoben. Man könnte sagen: Streik wirkt.
Und es ist kein Relikt der 70er: Am 9. März 2026 wird wieder gestreikt – auch hierzulande, organisiert von Initiativen wie "Enough!" und dem "Töchterkollektiv".
"Es ist nicht deprimierend, Feminist*in zu sein. Vielleicht realistischer, als in einen Eskapismus abzudriften und die Decke über den Kopf zu ziehen."
Gerade wenn Feminismus sich zwischendurch erschöpfend anfühlt, ist das der Moment, Kraft zu tanken. Nichts ist inspirierender als Frauen*, weiblich gelesene Personen und non-binäre Menschen auf der Straße zu sehen. Es erinnert daran: Du bist nicht allein.
Es ist nicht deprimierend, Feminist*in zu sein. Vielleicht ist es einfach realistischer als in einen Eskapismus abzudriften und die Decke über den Kopf zu ziehen. Realistisch in einer Welt, in der Macht immer noch überwiegend männlich organisiert ist. Realistisch in einer Welt, in der Gleichstellung kein Naturgesetz ist, sondern eine politische Entscheidung.
Wir machen weiter. Immer noch. Immer wieder. Nicht, weil es leicht ist. Sondern weil es notwendig ist. Es ist keine Tragödie. Nicht deprimierend. Es ist eine Aufgabe. Ein Plan. Eine Richtung. Es ist pure Hoffnung.
XOXO MÜDER MILLENNIAL
Journalistin Ciani-Sophia Hoeder ist eine romantische Pessimistin. Sie pendelt zwischen Kritik und Hoffnung, zwischen Gesellschaftsanalyse und Zärtlichkeit. In ihrer neuen femtastics-Kolumne "Soft Optimism" nimmt sie Leser*innen jeden Monat mit in Rabbit Holes, die zwischen Internettrends und politischer Hoffnung liegen.
Hier findet ihr Ciani-Sophia Hoeder:
Foto: Meg-Vada Hoeder
Collage: "Canva"