Edith Löhle: Wie kann man heutzutage noch glauben?

20. März 2024

Autorin Edith Löhle ist mit ihrem neuen Buch „Bible Bad Ass“ zu Gast im „femtastics Deep Dive“ Podcast.

Missbrauchsskandale, Diskriminierung, Homophobie, … Es gibt viele Gründe, sich von der Kirche abzuwenden. Ob man an etwas glaubt, ist natürlich noch einmal eine andere, ganz persönliche Frage. Viele Menschen feiern weiterhin christliche Feiertage wie Ostern und Weihnachten, halten religiöse Traditionen aufrecht und spüren vielleicht auch eine Sehnsucht nach Gemeinschaft, Spiritualität und Glauben. 

Die Journalistin und Autorin Edith Löhle hat sich in ihrem Roman “Bible Bad Ass” einer Gruppe von Menschen gewidmet, die in der Bibel kategorisch zu kurz kommt: Frauen*. In der Auseinandersetzung mit Frauen*, die in der Bibel gestrichen, zensiert, umgeschrieben oder falsch interpretiert wurden, entwickelt die Protagonistin ihres Romans ein neues Verhältnis zu Religion. Und wir wollen von Edith wissen: Könnten wir alle das auch?

Da ist die Wut über die bestehenden Machtverhältnisse; über Strukturen, die ungesund sind.

femtastics: Warum wolltest du dich in deinem neuen Buch mit dem Christentum und der Bibel beschäftigen?

Edith Löhle: Es gibt große Parallelen zwischen der Hauptfigur und mir: Da ist die Wut über die bestehenden Machtverhältnisse; über Strukturen, die ungesund sind. Ich bin wütend aufs Patriarchat, so wie wir alle. In meinem eigenen Feminismus habe ich gemerkt, dass ich tiefer gehen wollte, ich habe mehr Fragen in Bezug auf meine Sozialisierung gestellt.

Irgendwann bin ich beim Katholizismus angekommen, weil ich aus Süddeutschland komme. Aus einer erzkatholische Gegend, ich war Ministrantin. Als Kind fand ich das erstmal schön, weil ich den gemeinschaftlichen Aspekt gesehen habe. Und umso älter ich aber geworden bin, desto wütender wurde ich und desto mehr Fragen habe ich gestellt. Ich habe mich aufgelehnt gegen die katholische Kirche, bin ausgetreten und habe immer dagegen gewettert, da ich nichts mit diesem Männerclub anfangen kann. Ich wollte aber noch mehr an dieses Thema ran. Es reichte mir nicht, einfach nur wütend zu sein.

Von deiner Protagonistin Klara stammt der Satz: „Die Kirche als Institution steht bei mir auf der Shit-List weit über Periodenshaming oder Mansplaining.“ Es gibt sehr viel, was man an der Institution Kirche, der katholischen oder auch der evangelischen, kritisieren kann. Warum ist die Kirche bei dir auf der Shortlist so weit oben?

Die Kirche hat das Patriarchat natürlich nicht erfunden. Aber die Kirche – und in meinem Fall explizit die katholische Kirche, auf die ich den Fokus lege – hat das alles zementiert: Die ungesunden Rollenbilder, die uns bis heute einfach so gegeben sind. Viele haben das nicht auf dem Schirm, weil wir heute in einer Gesellschaft leben, die nicht mehr so super religiös ist.

Der größte Kritikpunkt an der katholischen Kirche ist für mich, dass Frauen* nicht zur Ordination zugelassen sind. Das unterscheidet ja die katholische Kirche von der evangelischen Kirche. In der feministischen Theologie gibt es viele Vorreiterinnen, viele Theologinnen, die sich dem Thema annehmen, zum Beispiel Bewegungen wie „Maria 2.0“. Das sind total interessante Menschen, die wollen, dass die Kirche nicht ausstirbt, insofern sie moderner, zugänglicher, inklusiver, gleichberechtigter und fairer wird.

So wie die Kirche gerade ist, schließt sie einfach zu viele Menschen aus.

Die Kirche ist in der Krise. Laut den Zahlen der Deutschen Bischofskonferenz waren 2022 rund 47 % der deutschen Bevölkerung Mitglieder in der evangelischen oder katholischen Kirche. Das ist die niedrigste Zahl seit Beginn der Erfassung. Die Zahlen haben über die Jahre immer weiter abgenommen. Durch Kirchenaustritte einerseits, aber auch durch weniger Taufen. Als Feministin fallen einem sehr viele Gründe ein, warum man nicht in der Kirche sein will. Brauchen wir denn die Institution Kirche bzw. die Mitgliedschaft in ihr überhaupt noch?

Ich bin keine Freundin von Absolutismus, also ob nun ja oder nein, Kirche zu oder auf. Ich wünsche mir einfach, dass die Kirche inklusiver ist. Wenn die Kirche für viele Menschen eine Institution sein kann, die Halt gibt, ist das natürlich toll. Es gibt in verschiedenen Generationen Menschen, die nach wie vor da ganz viel für sich rausziehen.

Aber Kirche kommt mit einer Verantwortung einher. Und diese Verantwortung muss anders getragen werden. Ich würde niemals irgendwas verbieten, aber so wie die Kirche gerade ist, schließt sie einfach zu viele Menschen aus.

Das ganze Interview mit Edith Löhle hört ihr in unserer Podcast-Episode!

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Foto: Philip Nürnberger

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