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Feminismus

"Wer sich viel kümmert, wird leichter isoliert": Über die psychischen und finanziellen Folgen des Gender Care Gap für Frauen*

02. November 2026

geschrieben von Maike Knorre

Ein Regenbogen aus Kreide auf dem Boden und der Schriftzug "Help Others" machen auf den Gender Care Gap aufmerksam.

Der Gender Care Gap liegt in Deutschland bei 43,8 Prozent: Frauen* leisten jeden Tag rund 77 Minuten mehr unbezahlte Sorgearbeit als Männer*. Sie organisieren, trösten, pflegen, kochen und denken an Geburtstage. Die Zahlen, sagt die Psychologin und Autorin Anne Otto, werfen oft auch einen Schatten. Sie zeigen, wie ungleich Care-Arbeit verteilt ist, aber nicht, was diese Schieflage mit Frauen* macht. Ein Gespräch über tote Winkel, mittelgute Mütter, Fürsorge in Freundschaften und die Grenzen der eigenen Zuwendung.

"Wenn sich die Situation nicht ändert, kannst du mit noch so viel Arbeit am inneren Kind keine Erschöpfung heilen."

femtastics: Wenn wir über den Gender Care Gap sprechen, sprechen wir über Care-Arbeit. Was fällt alles darunter?

Anne Otto: Care-Arbeit ist alle Arbeit, bei der man sich um andere kümmert, für andere sorgt, für sie da ist, sie pflegt. Das können kleine Kinder sein, alte oder kranke Menschen. Ich fasse den Begriff Care-Arbeit aber gerne weiter. Auch wer sich um eine Community kümmert, um Freund*innen, Partner*innen oder die Familie, leistet Care-Arbeit.

Es gibt das sogenannte Kinkeeping, also die Arbeit, familiäre Beziehungen zu pflegen: den Kontakt halten, Feste organisieren, an Geburtstage denken, Neuigkeiten weitergeben. Oft sind es Frauen*, die die Familie zusammenhalten. Ich würde sogar sagen, dass politisches Engagement für diese Themen eine Art von Care-Arbeit ist, aber das ist schon eine sehr persönliche Definition.

Gehören auch Care-Berufe dazu?

Auch die Care-Berufe gehören dazu: Krankenpflege, Altenpflege, Kitas. Oder die Pendelmodelle, bei denen Pfleger*innen – oft aus osteuropäischen Ländern – für einige Wochen nach Deutschland kommen. Care-Arbeit hört eigentlich da auf, wo man sich nicht mehr um andere Menschen kümmert, sondern ein Produkt oder eine Dienstleistung dazwischengeschaltet ist. Wer im Callcenter telefoniert, redet zwar auch mit Menschen und kümmert sich um deren Probleme, leistet aber keine Care-Arbeit. Wenn ich mit einer Freundin telefoniere, der es gerade nicht gut geht, dann schon.

"Der Gender Care Gap ist real. Frauen* leisten täglich rund 77 Minuten mehr unbezahlte Sorgearbeit als Männer*"

Dein neues Buch heißt "Die Eleganz der Zuwendung". Warum hast du dich für das Wort Zuwendung entschieden?

Care ist ein Containerbegriff, in den viel hineinpasst. Das ist wichtig, um das Feld abzustecken und zu kennzeichnen: Darum müssen wir uns kümmern. Aber Zuwendung zeigt viel mehr, was in Care darin steckt. Die deutsche Übersetzung Fürsorge mag ich nicht. Da steckt das Wort Sorge drin und gibt dem ganzen einen lästigen Unterton. Fürsorge ist auch ein Beamtenbegriff, ich denke da sofort an Erziehung, Ämter, Pflichten. Das klingt weder weich noch nuanciert. Zuwendung dagegen ist sehr aktiv: Ich wende mich jemandem zu. Dadurch kommt Autonomie hinein.

Und was ist elegant daran, sich um andere zu kümmern?

Es ist wichtig und richtig, dass um dieses Thema politisch und feministisch gekämpft wird. In Care-Berufen arbeiten fast 40 Prozent der Menschen regelmäßig nachts, in anderen Jobs nur fünf Prozent. Der Gender Care Gap ist real. Frauen* leisten täglich rund 77 Minuten mehr unbezahlte Sorgearbeit als Männer*. Das sind nur zwei Beispiele.

Gleichzeitig ist die Sache an sich elegant. Jemandem zuzuhören, sich auf jemanden einzulassen, auch mal einen Schritt zurückzutreten. Oder auch körperlich: Eine Hand legt sich auf die andere und spendet Trost. Das ist etwas sehr Feines, im Sinne von fein abgestimmt. Ist es nicht abgestimmt, funktioniert es nicht.

Alle kennen diese Leute, die einen so komisch umarmen, dass man denkt: Das ist gut gemeint, aber es hilft mir nicht. Zuwendung ist eine Kunst – zu spüren, was die anderen brauchen. Das gilt auch beruflich: Nicht jede*r Erzieher*in oder Grundschullehrer*in kann das, nur weil es sein*ihr Beruf ist. Wenn in der Altenpflege jemand arbeitet, die*den alle lieben, weil die Person so freisinnig, witzig und herzlich ist, dann ist das etwas sehr Elegantes.

"Das Zarte macht Angst, weil es Verletzlichkeit zeigt."

Warum steht Care-Arbeit trotzdem so beharrlich im Schatten?

Auf der wirtschaftlichen Ebene würde man sagen: Weil sie kein Produkt schafft. Weil Care-Arbeit nur etwas aufrechterhält und angeblich kein Wachstum entsteht. Die Psychoanalytikerin Verena Kast sagt: Im Schatten liegt das, was wir von unseren Idealen her als wertlos betrachten, in kapitalistischen Gesellschaften also Zartheit und Bedürftigkeit. Inzwischen gibt es auch in der Wirtschaft Gegenmodelle, die das anders betrachten.

Psychologisch glaube ich: Das Zarte macht Angst, weil es Verletzlichkeit zeigt. In vielem, was mit Care zu tun hat, stecken Krankheit, Schwäche und Tod. Diese Bereiche drängt man an den Rand der Gesellschaft und sagt: Damit will ich nichts zu tun haben. Deshalb wird diese Arbeit abgewertet. Ich erlebe das selbst. Als Psychologin bekomme ich oft Anerkennung, Leute stellen viele Fraen. Wäre ich Altenpflegerin, würde mich niemand so für meine Arbeit bejubeln oder sich interessieren.

Was verändert sich, wenn wir diese Arbeit sichtbar machen?

Alles, was nicht greifbar ist, kann man verstecken, daran kann man vorbeisehen. Deshalb wollte ich das Buch so schreiben, dass man die ganze Zeit fühlen kann, was Zuwendung eigentlich ist. Ich glaube, erst das Fühlbare vermittelt den Wert. Begriffe verschlucken ihn.

Die Soziologin Riane Eisler sagt, dass an jeder Stelle, an der etwas erschaffen wird, woanders unsichtbare Care-Arbeit geleistet wird. Damit ist nicht nur gemeint, dass die einen auf die Baustelle gehen und die anderen zu Hause das Kind versorgen. Zu jedem Aufbauprozess gehört Fürsorge, sogar auf der Baustelle selbst. Wenn man das einmal sieht, kommt man nicht mehr daran vorbei. Care-Arbeit ist die unsichtbare Infrastruktur des Sozialstaats.

"Wir übersehen die rund vier Millionen Menschen, die zu Hause ihre Angehörigen pflegen."

Du sprichst von toten Winkeln. Welche Lebensrealitäten übersehen wir?

Wenn wir über Care-Arbeit sprechen, übersehen wir zum Beispiel die rund vier Millionen Menschen, die zu Hause ihre Angehörigen pflegen. Menschen, die bettlägerig oder schwerbehindert sind, tauchen im Stadtbild kaum auf. Und die Arbeit derer, die sie pflegen, auch nicht. Genauso wenig sieht man, wie viel Arbeit das Leben mit kleinen Kindern ist. Wer drin steckt, merkt es sofort. Wer von außen draufschaut, sieht nur spielende Kinder.

Und dann ist da die Community. Ein schöner Stadtteil, das sind nicht nur Häuser und Straßen. Das ist ein soziales Netz. Und die Menschen, die sich kümmern und dafür sorgen, dass es läuft, werden übersehen.

Wie holen wir sie aus dem Schatten?

Im Coaching würde ich sagen: Stell die Dinge auf, mach sie sichtbar, externalisiere sie. Externalisieren heißt, etwas schwer Greifbares nach außen zu bringen, einen Wunsch, eine Angst oder eine Blockade. Man sucht dafür ein passendes Wort, einen Satz, ein Symbol oder eine Farbe. Zuwendung wäre für mich perlmutt-silber-grün, aber jede*r sähe es anders. Was man auch wählt: Das schwer Fassbare bekommt eine Gestalt und arbeitet weiter.

Sichtbar machen löst nicht alle Probleme. Aber was einmal ausgesprochen und im Raum ist, kann wirken. Wenn alle darauf schauen könnten, wäre schon viel gewonnen. Denn bisher wird alles kategorisiert, nach dem Motto: Die Elternthemen sind mir so wichtig, aber was interessieren mich die Pflegekräfte aus Polen? Dabei zahlen all diese Themen auf das zentrale Thema Fürsorge ein. Und das geht meiner Meinung nach uns alle an.

"Viele Frauenleben* werden über Jahrzehnte zu Fürsorgebiografien. Wo Care-Arbeit geleistet wird, wird mehr eingefordert."

Die meiste Care-Arbeit leisten Frauen*. Sie verdienen dadurch weniger, haben schlechtere Aufstiegschancen und sind im Alter schlechter abgesichert. Was macht diese Schieflage psychologisch mit ihnen?

Das Muster verstärkt sich über das ganze Leben. Eine Studie des Bundesfamilienministeriums zeigt, dass viele Frauenleben über Jahrzehnte zu Fürsorgebiografien werden. Wo schon Fürsorge ist, wird mehr eingefordert. Erst kommen die Kinder, dann bleibt alles, wie es ist, auch wenn sie größer werden. Und wenn die eigenen alten Eltern Pflege brauchen, richten sich alle Augen auf die Frau*, die das ja kann. Am Ende bekommen Frauen* bis zu 62 Prozent weniger Rente. Dafür gibt es inzwischen sogar einen Begriff: Mutterschaftsstrafe.

Psychologisch ist diese Care-Arbeit eine unsichtbare, starke Belastung, mit der Frauen* oft alleine sind. Es macht einen großen Unterschied, ob man damit alleine ist oder ob jemand sieht, was man tut, beisteht und sagt: Ich helfe dir. Viele Mütter merken erst bei völliger Erschöpfung, dass sie jahrelang permanent auf Empfang waren und am Tag nur wenige Minuten für sich hatten. Wer sich besonders viel um andere kümmert, wird besonders leicht isoliert. Das ist kein Naturgesetz, nicht jede Belastung führt in ein Burnout oder eine Depression. Aber wenn Frauen* damit allein bleiben und zu hören bekommen: Ich sehe gar nicht ein, warum das so viel Arbeit sein soll, dann entsteht Entwertung. Und die macht hilflos und ohnmächtig. Sie kann in eine depressive Symptomatik führen oder in Ängste, wenn man sich nicht verstanden fühlt.

Du arbeitest auch als Coachin. Wo endet das, was eine Einzelne verändern kann – und wo beginnt das System?

Zu jedem Coaching gehört für mich der systemische Blick. Wenn eine Frau* mit zwei Kindern zu mir kommt, die gerade wieder in den Job einsteigt, müde und niedergeschlagen ist. Und sich fragt, ob das an ihrer Biografie liegt, dann schauen wir uns erst einmal die Situation an. In was für einer Gesellschaft, in welchen Systemen leben wir und wo steht sie da gerade?

Mir ist es auch fachlich wichtig, die gesellschaftliche Schieflage nicht mit der Persönlichkeit Einzelner zu begründen. Wer nur in der eigenen Biografie sucht, hält die Fähigkeit, für andere da zu sein, schnell für eine private Marotte. So ermüdend die Erkenntnis auch sein mag, dass wir die Dinge nur bedingt verändern können, darin steckt auch eine Selbstermächtigung. Zu sagen: Das ist das System, das bin nicht ich als Person. Erst dann kann man schauen, wo der persönliche Spielraum liegt. Denn wenn sich die Situation nicht ändert, kannst du mit noch so viel Arbeit am inneren Kind keine Erschöpfung heilen.

"52 Prozent der Frauen* in Deutschland halten sich für schlechte Mütter, aber nur 35 Prozent der Männer* für schlechte Väter."

Du schreibst auch aus der Perspektive einer Mutter und sagst: Es reicht, als Mutter mittelgut zu sein. Warum ist das eine Entlastung?

Der Gedanke kommt von der französischen Philosophin Élisabeth Badinter. Sie ermutigt Frauen*, sich am Bild einer mittelmäßigen Mutter zu orientieren. Perfektionismus führt dazu, dass man unendlich viel Zeit investiert und sich in seinen anderen Rollen verliert. Wenn du Mutter bist – oder Vater –, bist du ja nicht nur das. Du bist weiterhin Freundin, Geliebte, was auch immer. Wenn dafür noch Zeit übrig bleiben soll, hilft es sehr, auf eine Weise für Kinder zu sorgen, die einem liegt, und Mittelmäßigkeit oder Schwäche als das anzusehen, was sie sind: menschlich. Die Angst, eine schlechte Mutter zu sein, ist sehr verbreitet: 52 Prozent der Frauen* in Deutschland halten sich für schlechte Mütter, aber nur 35 Prozent der Männer* für schlechte Väter. Das sind Zahlen wie Druckfehler.

Wie verabschiedet man sich von diesem Anspruch?

Indem man sich mit anderen austauscht und alle Gefühle zulässt, die man dazu hat, nicht nur die idealisierten. Also zum Beispiel die Freude und das Gefühl, dass ein Kind das Größte ist. Aber auch: Ich bin so genervt von meinem Kind, ich bin am Ende. Wenn man das miteinander teilt, auch mit dem*der Partner*in, ist das schon eine ganz andere Situation. In meiner Therapieausbildung sagte ein Ausbilder einmal zu einer werdenden Mutter, die überzeugt war, es nicht zu schaffen: "Kannst du da sein? Ich glaube, das genügt." Ich habe den Satz später selbst wieder vergessen und mich lange für eine schlechte Mutter gehalten. Heute würde ich sagen: Meine Liebe zu meinem Kind ist bedingungslos, aber sie ist keine Flatrate.

Fürsorge hat nicht nur mit Kindern und Familie zu tun. Zu unserer Wahlfamilie gehören auch Freund*innen. Wie entsteht dort Verbundenheit?

Durch Interesse und Zugewandtheit, aber vor allem durch Beständigkeit. Dass aus einer Freundschaft eine Wahlfamilie wird, geht nur, wenn man immer wieder sagt: Du interessierst mich. Es steckt schon im Wort: Ich wähle diese Person, immer wieder. Auch wenn ich Leute kennenlerne, die im Moment vielleicht spannender sind oder beruflich besser passen. Zu Menschen, die ich zu meiner Wahlfamilie zähle, gehe ich immer wieder hin und frage, wie es ihnen geht – mit der gleichen Verpflichtung wie bei meiner Familie. Gerade weil das freiwillig ist und keine gesellschaftliche Norm, ist es für mich sehr fürsorglich. Und auch selbstfürsorglich, weil diese Menschen einen ja auch auffangen. Ich suche mir enge Freundschaften inzwischen danach aus, dass es ein Funkeln gibt, das nichts mit Geben oder Nehmen zu tun hat.

"Meine Liebe zu meinem Kind ist bedingungslos, aber sie ist keine Flatrate."

Und wo kommst du selbst an die Grenzen deiner Zuwendung?

Ich bin gar nicht so zugewandt, wie man vielleicht denkt. Ich kann sehr gut empathisch sein, aber mir werden Leute auch schnell zu viel. Gleichzeitig kenne ich das Gegenteil, eine Tendenz, alles verschenken zu müssen. In einer Supervision suchte eine Kollegin einmal einen Gegenstand, der innere Schätze symbolisieren sollte. Eine Millisekunde später hatte ich meinen Ehering vom Finger gerissen und ihn ihr angeboten. Am Ende fragte mich die Supervisorin, was das für ein Anteil in mir sei, der so bereitwillig etwas so Wertvolles weggibt. Das war kein Einfall, das war ein Reflex.

Und beides hängt zusammen: Hat man das Pendel zu lange in Richtung Fürsorge gezogen, donnert es oft zurück ins Egoistische. Nach einer Phase, in der ich beruflich sehr viel gegeben hatte, habe ich jahrelang Bettelnden kein Geld mehr gegeben. Ich sah mich als eine, die erst mal genug an andere gedacht hatte. Heute erkenne ich diese Ausschläge eher. Und wenn mich jemand eine Retterin oder einen Engel nennt, ist das für mich ein Frühwarnsignal.

Wie findet man die Balance?

Ich glaube, man muss nicht immer zugewandt sein. Bei erschöpften Klient*innen erlebe ich oft, dass die notwendige Selbstfürsorge irgendwann kippt – in die Weigerung, überhaupt noch etwas zu geben. Dann stelle ich zwei Stühle in den Raum, einen für die Selbstsorge und einen für die Sorge um andere. Die Leute setzen sich probeweise auf beide und wandeln dazwischen hin und her. Alles wird fließender. Wir leben in einem Zeitgeist, in dem es einerseits heißt, wir sind alle zu egoistisch, und andererseits: Denk erst mal an dich. Ich finde, beides stimmt. Achte auf die anderen. Und achte auf dich selbst.

Die Autorin Anne Otto schreibt in ihrem Essayband "Die Eleganz der Zuwendung" ueber den Gender Care Gap.

Die Psychologin Anne Otto fragt in ihrem Essayband: Wie können wir lernen, Zuwendung klarer wahrzunehmen und wertzuschätzen?

Anne Otto ist Psychologin, Autorin und Speakerin. Sie schreibt und spricht zum Beispiel über die psychologischen Komponenten von Care-Arbeit, Populismus, Eltern-Kind-Beziehungen und Unsicherheit. Ihr neues Buch "Die Eleganz der Zuwendung" ist bei “Nagel und Kimche” erschienen.

Hier erfahrt ihr mehr über Anne Otto:

Foto: Susanne Baade