Faszination Libanon: Sandra Tabache von „La Corniche“

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Sandra Tabache ist aufgewachsen in einem kleinen Ort im Harz, wo ihr libanesischer Vater als Arzt zugelassen wurde. Seit ihrer Kindheit kennt sie die aufwendig bestickten libanesischen Kissen aus ihrem Familienhaus. Den Libanon besuchte sie immer wieder mit ihrer Familie, bis der Krieg es nicht mehr zuließ. In Hamburg machte die 44-Jährige eine Konzern-Karriere im Marketing und wurde irgendwann vermehrt auf ihre bestickten Kissen angesprochen, was sie dazu veranlasste, über eine Organisation Kontakt zu palästinensischen Flüchtlingen in Beirut aufzunehmen. Sie beherrschen noch die traditionelle Stickkunst, Sandra Tabache lässt von ihnen die Kissen für ihr Label „La Corniche“ fertigen und unterstützt so gleichzeitig die palästinensischen Frauen. Was den Libanon – der gerade im Kommen ist, aber auch immer wieder von Krisen geschüttelt wird – ausmacht und was sie speziell an Beirut fasziniert, erzählt uns Sandra inmitten ihrer schönen Kissen in ihrer Wohnung in Hamburg-Eppendorf.

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Wir treffen Sandra in ihrer 3-Zimmer-Wohnung in Hamburg-Eppendorf.

femtastics: Welche Assoziationen hast du, wenn du an den Libanon denkst?

Sandra Tabache: Da mein Vater Libanese ist, steht der Libanon für Familie und für eine turbulente Geschichte. Als Kind kannte ich das Land nur als Kriegsland. Wir haben zu Hause alle Geschehnisse verfolgt. Es ging immer um die Frage, ob wir trotz Krieg hinfahren.

Ein ganz starkes Bild in mir ist, wie wir in Beirut kilometerlang durch zerbombte Straßen fuhren. Es war sehr bewegend.

Wann warst du das erste Mal da?

Als Neugeborene, kurz bevor der Krieg losging. Wir fuhren immer wieder hin, bis meine Eltern entschieden, dass wir nicht mehr wiederkommen solange Krieg ist. Es war zu unsicher. Zehn Jahre später, da war ich zwanzig, sind wir das erste Mal nach dem Krieg hingereist. Ein ganz starkes Bild in mir ist, wie wir in Beirut kilometerlang durch zerbombte Straßen fuhren. Es war sehr bewegend.

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Ich finde es faszinierend, dass man die Geschichte in Beirut so hautnah erlebt.

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Die kleinen Illustrationen stammen von der libanesischen Künstlerin Yasmine Darwiche und sind bei „La Corniche“ erhältlich.

Was macht Beirut so besonders?

Ich finde es faszinierend, dass man die Geschichte in Beirut so hautnah erlebt. Wenn man heute durch Berlin fährt, merkt man fast nicht, dass die Stadt einmal durch eine Mauer getrennt war. In Beirut sieht man nach wie vor Kriegsruinen, da stehen Häuser mit Einschusslöchern, Gebäude, die seit dreißig Jahren keine Farbe mehr gesehen haben.

Daneben gibt es wunderschöne Häuser und alte Stadtvillen, die aus der Zeit vor dem Krieg stammen und gut erhalten sind. Sie erzählen von der Kaufmannsgeschichte des Libanons. Dann wiederum stehen da moderne Hochhäuser, die vom Quadratmeterpreis genauso teuer sind wie in London. Dieser Mix, diese Historie, die man spürt, das begeistert mich an Beirut.

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Man hat in Beirut mehr Raum zu gestalten, denn es gibt einfach nicht so viele Regeln.

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Sandra hat lange rumprobiert, bis sie das perfekte Wandgrau, was warm und nicht kalt ist, selber zusammengemixt hat.

Was fasziniert dich heute am Libanon?

Was den Libanon so besonders macht ist, dass das Land im Gegensatz zu vielen anderen in der Region sowohl muslimisch als auch christlich geprägt ist. Es gibt nicht nur den Islam als Staatsreligion, sondern es gibt eine Regierungsordnung, die immer vorgesehen hat, dass alle Religionsgruppen, die in diesem Land vertreten sind, auch mit in der Regierung repräsentiert werden. Das ist ein hoher Wert.

Heute gibt es muslimische und christliche Stadtgebiete, ist durch den Krieg immer noch eine gewisse Trennung vorhanden?

Es wächst vermehrt zusammen. Für die jüngeren Leute ist das nicht mehr so wichtig. Meine Familie ist muslimisch, aber die Tochter meiner Cousine hat gerade einen Christen geheiratet. Das ist immer noch etwas Besonderes. Es war eine wunderbare, eine Liebeshochzeit, die Grenzen überwinden musste.

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Was zeichnet den Libanon noch aus?

Es ist ein Land, in dem die Regierung nicht so stark ist wie in Deutschland. Hier regelt der Staat vieles in deinem Leben. Das ist im Libanon nicht so. Das führt dazu, dass die Menschen selber Dinge regeln und kreativ dabei sind. Man hat mehr Raum zu gestalten, denn es gibt einfach nicht so viele Regeln. Das sieht man in Beirut: Es gibt viele nette Cafés, moderne Geschäfte, da fragt man sich manchmal, ob man gerade in Beirut ist oder in Berlin.

Wie steht es um die jungen Libanesen: Gehen viele von ihnen nach dem Studium ins Ausland oder bleiben sie vermehrt da?

Die Libanesen sind schon immer viel in der Welt unterwegs gewesen, so auch mein Vater, der zum Studieren nach Deutschland kam. Natürlich haben viele Familien wegen des Krieges das Land verlassen, viele sind aber auch zurückgekommen. Die Jugend heute reist gern und lernt die Welt kennen, sie haben aber auch ein starkes Bedürfnis, ihr eigenes Land zu gestalten. Man fängt wieder an, sich intensiv über Politik zu unterhalten und Dinge von der Regierung zu fordern. Sie glauben nicht unbedingt daran, dass die Regierung jemals richtig stark wird, aber sie leben im Hier und Jetzt. Deswegen wird in Beirut auch viel gefeiert, sie geniessen es, wenn die Lage gerade mal gut ist.

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Erzähl uns von “La Corniche” – wofür steht der Begriff?

Die Corniche ist generell eine Promenade oder auch Küstenstraße in der Stadt, die direkt zum Meer führt. Als ich nach einem Namen für mein Label suchte, wollte ich nichts plüschig Arabisches, aber der Bezug zum Libanon und speziell zu Beirut sollte mitschwingen.

Meine Tante war eine unheimlich starke Frau, sie war die erste Journalistin im Libanon.

Wie bist du auf das traditionelle Stickhandwerk gestoßen? Was ist die Geschichte dahinter?

Meine Tante hat einen Palästinenser geheiratet. Als damals der israelische Staat ausgerufen wurde, sind viele Palästinenser in den Libanon geflohen. Das zeichnet den Libanon auch aus: Obwohl er ein sehr kleines Land ist, sind 25 Prozent der Bevölkerung Flüchtlinge. Meine Tante war eine unheimlich starke Frau, sie war die erste Journalistin im Libanon. Das war damals noch recht ungewöhnlich. Alles um das Thema Frauen war ihr sehr wichtig, also Empowerment, Frauen dahin zu bringen, dass sie Geld verdienen und ihren Teil in der Gesellschaft übernehmen.

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Auf den Kissen von Sandra findet sich eine alte, Sticktradition, aufwendig von palästinensischen Flüchtlingen gefertigt.

Und es war ihr auch wichtig, etwas für Palästinenser zu tun?

Ja. Die Palästinenser leben dort in Flüchtlingscamps, es kamen ja auf einen Schlag sehr viele. Keine Zeltstädte, aber es ist schon ähnlich wie in Slums. Bis vor zehn Jahren gab es kein fließendes Wasser. Die Menschen leben teilweise schon dreißig oder vierzig Jahre unter sehr einfachen Bedingungen dort. Das hat meine Tante sehr bewegt und sie wollte etwas ändern.

Wie hat sie das geschafft?

Sie hat mit anderen Frauen eine Organisation gegründet, die sich zum Ziel gesetzt hatte, palästinensische Frauen zu unterstützen. Nicht nur mit Spenden, sondern sie wollten dafür sorgen, dass sie ihr eigenes Geld verdienen und ihr Kulturgut bewahren können. Die palästinensische Stickerei gehört dazu. Das ist eine ganz alte Tradition. So wie unsere Großmütter ihre Aussteuer bestickt haben, haben die jungen Palästinenserinnen von ihren Müttern und Großmüttern gelernt, ihr Hochzeitskleid zu besticken.

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Sandra hat viele kostbare Kissen, die sich seit Jahrzehnten im Familienbesitz befinden.

Traditionell haben palästinensische Frauen in selbstbestickten Hochzeitskleidern geheiratet?

Ja, es wurden aber auch Innenräume bestickt, zum Beispiel Wandteppiche. Die unterschiedlichen Regionen in Palästina haben unterschiedliche Muster entwickelt. Es gibt etwas floralere Muster und es gibt etwas graphischere Muster. Das kann man so schön an den Kissen sehen, jedes hat seine individuelle Note.

Du kennst diese Kissen wahrscheinlich schon aus Kindheitstagen.

Die gab es überall in den Wohnungen! Als Kind nimmt man sie nicht genau wahr, aber mit dem Älterwerden schärft sich der Blick. Meine Mutter hatte die Kissen immer auf dem Sofa drapiert. Ich erinnere mich an die ersten Freunde, die bei uns zu Hause waren. Die fragten, was das denn für Kissen seien? Da habe ich das erste Mal bewusst die Geschichte dazu gehört. Dann wurden von unseren Reisen die ersten Kissen für Freunde mitgebracht. Mein Vater hat schon immer gesagt, die kannst du auch hier in Deutschland verkaufen! So entstand die Idee, auch mit dem Gedanken des guten Zwecks.

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Wie bist du mit den Geflüchteten in Kontakt getreten?

Über die ehrenamtliche Organisation, die meine Tante gegründet hatte. Die wird von palästinensischen Frauen geführt. Sie gehen in die Flüchtlingscamps und suchen Frauen, die diese Handarbeit können. Auf der anderen Seite sind sie das Bindeglied zu Designern, Libanesen und Palästinensern, die im Ausland leben und diese Stickereien bei sich zu Hause haben möchten. Es gibt mittlerweile auch Designer, die die Stickereien für ihre Kleidung verwenden möchten. Die Organisation bringt beide Seiten zusammen.

Ich wollte zeigen, was für tolle Menschen es im Libanon gibt.

Bei dir hat sich alles aufgrund der hohen Nachfrage gefügt?

Genau. Ich wollte die Kissen-Idee endlich umsetzen und sie in Deutschland verkaufen. Über meine Cousine, Tochter der besagten Tante, nahm ich Kontakt zu der Organisation auf. Ursprünglich wollte ich mit einem privaten Verkauf für Freunde und Bekannte starten. Dann war aber doch relativ früh klar, wenn ich das schon aufziehe, soll das Kind einen Namen haben …

… die Geburtsstunde von La Corniche!

Es sollte die Möglichkeit geben, die Kissen weiter einzukaufen. Also habe ich den Webshop gegründet. Dann kam der nächste Schritt: Ich war im Libanon und sah so viele schöne Sachen, warum nicht auch andere Produkte und Designer aus dem Libanon vorstellen und die schöne Seite des Landes und dessen Entwicklung zeigen? Dass man auch mal andere Eindrücke bekommt als Krieg und Terroristen, ich wollte zeigen, was für tolle Menschen es im Libanon gibt.

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Warst du oft vor Ort, um alles zu organisieren, oder hast du das von hier aus gemacht? Hast du deine Kontaktpersonen?

Ich war am Anfang vor Ort und jetzt ein zweites Mal, bevor der Webshop online ging. Beim ersten Besuch wollte ich Erfahrungen sammeln und habe mich darauf konzentriert, kritische Fragen wie “Woher weißt du denn, dass die Flüchtlinge auch wirklich das Geld kriegen?” zu klären. Ich kannte die Geschichte dieser Kissen, aber es war wichtig, mich intensiv mit solchen Fragen zu beschäftigen. Beim zweiten Besuch habe ich mir Zeit genommen, mit den Frauen zu sprechen, auch über ihre Familiensituation, sie zu fotografieren und zu filmen. Auch um zu zeigen, wie aufwendig diese Arbeit ist.

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Wie sieht es aus mit den Designs: Gibst du die vor, oder gibt es sie schon und du wählst aus?

Die haben einen großen Fundus an historischen Mustern, sie hängen fein säuberlich aufgereiht als Musterproben im Schrank. Das war auch die Arbeit dieser Organisation, zu dokumentieren und festzuhalten. Die Farben sind frei wählbar. Ich wollte gerne einen bunten Mix und die ganze Bandbreite der Farben aufzeigen. Die klassischen Motive sind traditionelle Motive. Für Collectionara haben wir eigene Designs entwickelt, die sind etwas reduzierter und eleganter.

An diesem Punkt habe ich mich gefragt, ob ich das den Rest meines Lebens machen will.

Machst du das mit den Kissen nebenbei? Hast du noch einen anderen Job?

Ich habe lange in großen Konzernen im Marketing gearbeitet. In meinem letzten Job als Marketing-Leiterin gab es eine Umstrukturierung und ich hatte gerade die Vierzig überschritten. An diesem Punkt habe ich mich gefragt, ob ich das den Rest meines Lebens machen will. Daraufhin nahm ich mir bewusst eine Auszeit und verreiste. Ich habe Freunde wiedergetroffen und neue Leute kennengelernt. Das war wichtig für die Überlegung, wo die Reise eigentlich hingehen soll.

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Und die Reise ging bei dir in die Selbstständigkeit?

Ich bin nun vor allem Interimsmanagerin und Marketingberaterin, das ist das, was ich kann und womit ich meine Geld verdiene. Aber ich wollte auch ein Herzensprojekt machen. Ich habe dann innerhalb eines Jahres zwei Selbstständigkeiten angemeldet!

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Beirut ist im Kommen, nun hat sich die politische Lage gerade wieder verschärft, Premierminister Hariri ist zurückgetreten. Wie nimmst du das wahr?

Natürlich beobachte ich das. Ich habe einen geschärften Blick und wenn ich etwas höre, schrecke ich immer gleich auf und ordne ein, ob es etwas Positives oder Negatives ist. Es ist schade, dass sich die Moslems untereinander nicht einig sind. Der Libanon hatte zwei Jahre keine Regierung, erst seit 2016 wieder. Man hat sich von Herzen gewünscht, dass Hariri den Job übernimmt. Er ist nämlich der Sohn des Präsidenten, welcher Beirut nach dem Krieg wieder aufgebaut hat. Dieser ist aber bei einem Attentat ums Leben gekommen. Hariri ist zurückgetreten, weil er Angst hat, ihn könne das gleiche Schicksal ereilen. Jetzt heißt es wieder abwarten und hoffen, dass alles sich gut entwickelt. Der Libanon ist so ein schönes Land mit so tollen Menschen. Ich hoffe, dass es wie in den letzten zwanzig Jahren stabil bleibt.

Das hoffen wir auch, vielen Dank für den schönen Vormittag bei dir!

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Hier findet ihr Sandra Tabache von „La Corniche“:

Fotos: Nassim Ohadi

Layout: Carolina Moscato

 

 

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