Findet die idealen Orte für Film und Foto: Location-Scout Nadja Pfeil

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Schöne Küchen, moderne Wohnzimmer, kreative Ateliers und weitläufige Gärten – täglich bilden sie die Kulissen für Werbespots und Foto-Shootings. Aber woher kommen diese Räume eigentlich? Oftmals handelt es sich um ganz reale Häuser und Wohnungen, die für die Filme und Fotos zur Verfügung gestellt werden. Für die Suche und Vermittlung solcher Kulissen sind Location-Scouts verantwortlich. So wie Nadja Pfeil. Sie betreibt die Hamburger Agentur Scout for Location und ist täglich damit beschäftigt, die ideale Lokalität für Film- und Fotoproduktionen zu finden – von der Privatwohnung bis zur Fabrikhalle. Wir besuchen Nadja, die mit ihrem Mann und ihrer Tochter in einem Haus mit Garten am Rande von Hamburg lebt, und sprechen mit ihr über die Arbeit als Location-Scout, über Filmteams im eigenen Wohnzimmer und die gefragtesten Locations.

 

femtastics: Seit wann wohnt ihr hier?

Nadja Pfeil: Seit 2009. Wir sind vier Wochen nach der Geburt unserer Tochter hergezogen. Das war ein ziemlicher Hauruck-Akt, aber es hatte sich einfach so ergeben. Wir haben ziemlich lange nach einem Haus oder Grundstück gesucht.

Musstet ihr an dem Haus noch viel machen?

Es war ein Glücksfall. Wir haben es neu möbliert und neu gestrichen, aber die Raumaufteilung hat uns gut gefallen und da mussten wir nichts mehr ändern.

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Gemütlich: im Winter beheizt ein Kamin das große Wohnzimmer

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Femtastics-Nadja-Pfeil-Wohnzimmer-Dekoration

Ich bin ein Sammler, ich könnte nicht total minimalistisch leben.

Wo findest du Wohninspiration?

Mich inspiriert sehr viel. Allein durch meinen Beruf bekomme ich so viele Ideen, weil ich ja so viele unterschiedliche Häuser und Wohnungen sehe. Ich schaue auch gerne in Wohnmagazinen und Blogs nach Wohnideen. Aber man kann ja nicht immer gleich seine ganze Einrichtung umstellen, nur weil man etwas gesehen hat, das einem gefällt. Und wie ihr seht: Ich bin ein Sammler, ich könnte nicht total minimalistisch leben, obwohl mir das bei anderen Menschen total gut gefällt.

Hast du dich immer schon für schöne Räume interessiert?

Ja, schon, aber nicht in dem Maß, dass daraus ein Berufswunsch geworden wäre.

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Wie kamst du zum Location-Scouting?

Ich habe Mediendokumentation studiert.Danach habe ich bei einer Presseagentur gearbeitet und zum Beispiel Foto-Shootings mit Bands betreut und erste Fotoproduktionen organisiert. Später habe ich mich als Fotoproducer selbstständig gemacht. Dabei habe ich gemerkt, dass eine meiner Lieblingsaufgaben das Finden von Locations ist: das Herumfahren und Suchen, das Entdecken der spannenden Orte – immer wieder eine Schatzsuche. Als meine Tochter auf die Welt kam, musste ich beruflich etwas kürzer treten im Bereich Fotoproduktion – und nach dem Babyjahr stand die Locationagentur Scout for location zum Verkauf. Der Arbeitsablauf einer Locationagentur ist strukturierter und besser planbar als bei den Fotoproduktionen. Flexibel muss man natürlich trotzdem bleiben. Thematisch war es zudem eine ideale Ergänzung.

Es war eine spontane und emotionale Entscheidung, die Agentur zu übernehmen?

Ja, ziemlich mutig aus dem Bauch heraus. Aber man muss Gelegenheiten beim Schopf greifen und ich hatte ja auch entsprechende Branchenkenntnisse. Es war die richtige Entscheidung.

Was genau macht „Scout for location“?

Wir vermitteln Locations für Foto- und Filmproduktionen, hauptsächlich im Bereich Werbung. Unser Schwerpunkt ist dabei Hamburg, wir haben aber auch deutschlandweite und internationale Locations. Zurzeit umfasst unser Archiv ca. 4300 Datensätze.

Privathäuser sind unsere Schätze, weil man sie nicht mal eben schnell auf der Straße scouten kann.

Welche Arten von Locations sind das?

Privathäuser und -wohnungen sind unsere Schätze, weil man sie nicht mal eben schnell von der Straße weg scouten kann. Du siehst es den Häusern von außen ja nicht gleich an, ob zum Beispiel die Küche schön ist. Die Locations können aber auch Fabrikhallen sein, Gärten, Strände, auch mal Bushaltestellen oder Sportplätze. Große Büros und Konferenzräume sind ebenfalls immer gefragt.

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NadjaPfeil

Wer sind eure Kunden?

Das ist ganz unterschiedlich, von Nivea bis Ikea. Aus den Bereichen Mode, Möbel, Automobil, Versicherungen, … Werbeagenturen, Produktionsfirmen, Fotografen, Redaktionen aber auch Direktkunden fragen bei uns an.

Jetzt betreibst du die Agentur im sechsten Jahr. Gehst du als Geschäftsführerin überhaupt noch auf Location-Suche?

Ja, natürlich. Das Booking übernimmt inzwischen meistens eine meiner Mitarbeiterinnen, aber ich übernehme gerne selbst die Scouting-Aufträge und auch die Aufnahmetermine für neue Locations. Schließlich möchte ich die Motive selbst gesehen haben. Meine Fotoproduktionen betreue ich nach Möglichkeit auch selbst.

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Femtastics-Nadja-Pfeil-Esszimmer-Dekoration

Wir lieben die Farbakzente im Esszimmer!

 

Wie funktioniert das, wenn ein Kunde bei euch anruft und nach einer bestimmten Location sucht?

Zuerst schauen wir, ob wir eine passende Location in unserem Archiv haben. Bei einer klassischen Anforderung werden wir da zu 80 bis 90 Prozent fündig. Wenn es sich nicht um eine sehr außergewöhnliche Anfrage handelt. Dementsprechend muss die Datenbank immer aktualisiert werden, das ist eine Riesenaufgabe. Wir fragen immer nach, ob es Veränderungen gibt, aber manchmal wird einfach vergessen, dass es zum Beispiel eine neue Wandfarbe gibt (lacht).

Welche Locations sind viel gefragt?

Offene Küchen, Esszimmer, Wohnzimmer, modern und hell. Das freundliche, moderne Familienhaus, die hochwertige Designvilla und das Architektenhaus mit viel Glas. Das sind die Klassiker. Danach suchen wir immer. Manchmal auch studentische Wohnungen oder ein Haus wie von Oma und Opa. Aber neben dem Look gibt es noch weitere Anforderungen, zum Beispiel, dass die Location genug Platz für das Produktionsteam bietet – der Kameramann und das Team müssen ja auch hineinpassen.

Was macht ihr, wenn ihr keine passende Location in eurer Datenbank findet?

Dann fangen wir an, zu recherchieren – wenn wir den Auftrag dafür kriegen. Die Recherche läuft über Makler, Aushänge, Zettel im Briefkasten, Freunde, auch mal über Facebook. Manchmal fällt einem eine Location ein, an der man immer vorbeifährt oder hat einen Geistesblitz. Wir werden fast immer fündig.

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Die „Wandtapete“ mit Waldmotiv hat Nadja von ihren Eltern übernommen.

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Und wenn es um eine Wohnung oder ein Haus geht, wie überzeugt ihr die Bewohner, dass sie ihr privates Heiligtum als Location zur Verfügung stellen?

Wenn jemand gar nicht dazu bereit ist, dann überzeugen wir ihn auch nicht. Es muss eine freiwillige Bereitschaft sein. Wir erklären den Leuten erst einmal, was passieren soll. Meist sind die Bewohner sehr aufgeschlossen und freuen sich über das Interesse. Wenn man aber merkt, dass es große Bedenken gibt, würde ich eher davon abraten, die Location zu mieten. Das Team soll sich vor Ort ja auch wohlfühlen.

Und man möchte im Nachhinein keine Probleme haben.

Ich muss schon zugeben, wenn man nicht aus der Branche kommt und keine Vorstellung hat, wie eine solche Produktion aussieht, dann kann einen das schon überraschen. Bei einer Produktion ist ja ordentlich was los. Selbst wenn es kein Film-, sondern nur ein Foto-Team ist, kommt es vielleicht mit drei Kleiderständern, Schminkkoffern, Licht und Technik an. Das kann für den Wohnungsbesitzer beim ersten Mal schon einschüchternd wirken.

Die meisten Bewohner gehen während der Produktion einfach aus dem Haus und kommen abends wieder, wenn der Spuk vorbei ist.

Während der Produktion steht ja zunächst nichts mehr an seinem Platz. Es wird ja ordentlich umgeräumt …

Genau, das sage ich den Menschen auch immer. Die Locations sind für die Dauer der Produktion als Arbeitsplatz für das Team vermietet. Das Team stellt um, aber hinterher stellen sie auch alles wieder zurück. Danach sollte es wieder so aussehen wie vorher. Die meisten Bewohner gehen während der Produktion einfach aus dem Haus und kommen abends wieder, wenn der Spuk vorbei ist. Das ist für alle einfacher (lacht).

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Nadjas Tochter ist leidenschaftliche Bastlerin, Malerin und Zeichnerin.

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Kam es schon einmal vor, dass eine Location nachher doch nicht aussah wie vorher? Geht schon einmal etwas schief?

Es kann immer mal vorkommen, dass etwas zu Bruch geht. Aber dafür gibt es Verträge und Versicherungen, die dafür aufkommen. Und das hat bislang immer anstandslos funktioniert. Zudem werden auch entsprechende Vorsichtsmaßnahmen getroffen, also zum Beispiel Schutzmatten ausgelegt.

Geht es dir oft so, dass du privat unterwegs bist und eine Location siehst, bei der du denkst: „Die brauchen wir unbedingt in unserem Archiv!“?

Ständig! Ich denke sehr oft in Motiven und mache dann immer schnell ein Handyfoto, aber leider kann ich die Fotos nicht immer alle zurückverfolgen. Ich denke sehr oft: Ist das toll! Oder: Das musst du dir merken! Aber nicht alles davon ist vermittelbar. Manchmal sehe ich zum Beispiel einfach einen tollen Hauseingang – aber es kommt selten vor, dass jemand anruft und sagt: Ich suche nur einen tollen Hauseingang. Da gehört dann immer noch mehr dazu.

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Bewerben sich auch Menschen mit ihren Wohnungen oder Häusern bei euch?

Ja, wir bekommen mittlerweile viele Bewerbungen. Meist entsteht das über Bekannte, die ihr Zuhause auch als Location zur Verfügung gestellt haben. Die Menschen schicken uns dann Fotos und wenn wir denken, dass die Location geeignet ist, fahren wir hin, machen eigene Fotos und schauen uns alles an.

Wie hoch ist die Vergütung dafür, dass man seine Wohnung oder sein Haus zur Verfügung stellt?

Das ist schwierig zu sagen, weil es immer vom jeweiligen Budget abhängt. Für einen Fototag geht es bei rund 1.000 Euro los. Für einen Werbefilm vielleicht bei 2.000 Euro. Aber es hängt vom Kunden, von der Dauer der Produktion und von der Teamgröße ab. Manchmal wird die Familie auch gebeten, auszuziehen und bekommt dann die Hotelübernachtung bezahlt.

Es ist bestimmt spannend, das mal mitzumachen!

Ja, total. Wir hatten neulich auch einen Werbedreh hier bei uns. Auch wenn ich das schon öfters miterlebt habe, ist es im eigenen Haus dann doch etwas anderes (lacht). Dann denkst du auf einmal: O Mann, jetzt räumen sie den Schrank in der Ecke weg und da hast du ewig nicht gestaubsaugt! (lacht). Wir sind nicht ausgezogen, wir haben während der Produktion im oberen Stockwerk gewohnt. Das Team fing sehr früh an zu arbeiten, wir saßen oben im Kinderzimmer und haben da gefrühstückt, bevor es zur Schule oder zur Arbeit ging (lacht) – und dann kommst du runter und da sind lauter fremde Leute in deinem Haus. Das ist natürlich erstmal ungewohnt. Aber das hat sich schnell gelegt, als wir gemerkt haben, wie professionell sie gearbeitet haben. Sie waren sehr vorsichtig und haben zum Beispiel im Garten überall Matten ausgelegt, um den Rasen zu schonen. Es lief absolut reibungslos!

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Im Garten hat sich Nadja ein Kräuterbeet angelegt.

Wir werden immer wieder nach alten Fabrikhallen gefragt, aber da gibt es einfach nicht mehr viel.

Gab es in den vergangenen Jahren Locations, die dir besonders in Erinnerung geblieben sind?

Es gibt welche, die wir die „Bestseller“ nennen. Das sind Locations, die immer gebraucht werden. Eine Zeit lang stand eine Villa an der Elbchaussee leer, da gab es einen Ballsaal und wunderschönen Stuck. Die steht jetzt leider nicht mehr zur Vermietung, sie ist verkauft worden. Es gibt immer mal wieder besondere Locations. Was leider weniger wird, sind alte Fabrikhallen. Da ist viel abgerissen und saniert worden. Vieles wird zu Wohnraum umfunktioniert oder durch moderne Hallen ersetzt. Wir werden immer wieder nach alten Fabrikhallen gefragt, aber da gibt es einfach nicht mehr viele.

 

Das findet man vielleicht eher noch in Berlin, oder?

Ja, in Berlin sind wir ebenfalls tätig und bieten dort schon einige Locations an. Gerade im Bereich Altbau gibt es dort tolle Motive. Berlin hat doch eine andere Handschrift als Hamburg

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Wo fühlst du persönlich dich in Hamburg besonders wohl? Hast du „Lieblings-Locations“?

Ich kenne mich mittlerweile in Hamburg ziemlich gut aus. Das ist ein positiver Nebeneffekt, wenn man so viel herumkommt. Ich finde, für Produktionen gibt die Hafencity sehr viele Motive her. Auch wenn ich persönlich da nicht wohnen wollen würde. Es ist ein interessantes Viertel, in dem sich viel tut. Zum Leben und Arbeiten finde ich Ottensen sehr schön. Das ist ein toller Stadtteil mit Cafés, kleinen Läden, es ist bunt, freundlich, aber auch nicht zu laut. Hier habe ich auch mein Büro und fühle mich sehr wohl.

Vielleicht kannst du in deinem nächsten Leben Taxifahrer werden, wenn du dich jetzt so gut auskennst.

(lacht) Ich habe leider nicht den besten Orientierungssinn. Aber wahrscheinlich würde ich dann viel Geld verdienen, weil ich immer die längsten Wege fahren würde.

Vielen Dank für das Gespräch, Nadja!

 

Hier findet ihr Nadja Pfeil:

  

Fotos: Sophia Mahnert

 

 

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