On The Rugs: Anna Wahdat bringt Leben auf den Teppich

Anna wohnt in einer 3-Zimmerwohnung in Altona
Anna wohnt in einer 3-Zimmerwohnung in Altona

Die Hamburger Speicherstadt ist einer der größten Umschlagplätze für Teppiche in ganz Europa. Viele Teppichhändler haben hier ihre Lager und einer davon ist der Vater von Anna Wahdat. Vor fast 40 Jahren kam er aus Afghanistan nach Hamburg und gründete sein eigenes Teppichunternehmen. Er fing mit einem kleinen Geschäft in der Brandstwiete an und vergrößerte sich schnell. Parallel baute er sein Lager in der historischen Speicherstadt mit seinem Bruder aus. Annas Vater hat sich immer gewünscht, dass seine Tochter mit ins Geschäft einsteigt, aber Anna wollte lieber Journalismus studieren. Vor ein paar Jahren dann wurde die Liebe zum Teppich neu entfacht, 2015 gründete sie zusammen mit der Produktdesignerin und Creative Direktorin Tina Brunner das Label „On The Rugs“. Bei Veranstaltungen und Pop-up-Sales setzen sie unter dem Motto „Komm auf den Teppich“ ausgewählte Teppiche aus dem Lager liebevoll in Szene – mit Lesungen, gemeinsamem Essen und Musik. Wie sich der Teppich einen Platz in Annas Herzen eroberte und wie sie Leben auf den Teppich bringt, das erzählt sie uns in ihrer Wohnung in Altona und natürlich im Lager ihres Vaters in der schönen Speicherstadt.

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femtastics: In der Teenagerzeit konntest du mit dem Teppichhandel deines Vaters wenig anfangen, oder?

Anna Wahdat: Klar, wir sind mit den Teppichen groß geworden, Teppiche waren überall. Als Kinder haben wir viel Zeit im Laden verbracht, verstecken gespielt und sind von Stapel zu Stapel gehüpft. Als ich ausgezogen bin, musste ich mich erstmal emanzipieren und habe gesagt, auf meinen Pakettboden kommt kein Teppich!

Ich habe die Teppiche wieder zu schätzen gelernt. Ich habe eine Schönheit gesehen, die ich vorher nicht wahrgenommen habe.

Der Teppich war ja auch lange Zeit total verpönt.

Ja, das lief parallel zu meiner persönlichen Distanzsuche. Nach einem gewissen Abstand hat sich das aber wieder geändert – ich habe die Teppiche wieder zu schätzen gelernt. Ich habe eine Schönheit gesehen, die ich vorher nicht wahrgenommen habe. Ich sehe Teppiche nun mit ganz anderen Augen.

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Der Teppich altert mit dir mit und hat Bestand.

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Gerade sind Teppiche wieder voll im Trend. Woran liegt das?

Die Gemütlichkeit wird zurück ins Zuhause geholt. Teppiche strahlen Wärme aus und setzen einen Akzent. Außerdem geht es um die Wertigkeit. Der Teppich altert mit dir mit und hat Bestand, zumindest wenn er von guter Qualität ist.

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Wir treffen Anna zu Kuchen und Tee.

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Die schöne blauen Wand kam unter der Tapete zum Vorschein.

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Wann kam dir die Idee, selber etwas mit Teppichen zu machen?

Ich habe immer wieder drüber nachgedacht und dazu kamen ein paar Jobwechsel. Irgendwann hatte ich ein Büro angemietet und mit zwei anderen Mädels kulinarische Märkte organisiert, im Stillen dachte ich: Hier könnte ich eigentlich auch mal ein paar Teppiche auslegen und verkaufen. Erst in meiner Elternzeit wurde es konkret. Ich habe mit Tina das Yoga. Wasser. Klang. Festival organisiert, darüber kennen wir uns. Nach dem Festival 2014 saßen wir vor ihrem Büro und haben gequatscht. Tina meinte, dass sie Lust hätte, was mit Teppichen zu machen. Sie wusste gar nicht, dass ich aus einer Familie komme, die mit Teppichen handelt. Sie erzählte von einem Laden in der Speicherstadt, der ihr richtig gut gefallen hatte, das war natürlich der meines Vaters. (Lacht) Ich hab ihr dann von meiner Idee erzählt, Teppiche aus dem Lager meines Papas in ein anderes Licht zu rücken und sie auf Events zu zeigen, und wir haben es in die Tat umgesetzt.

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Was ist die Idee?

Ich will das Potential, das im Lager meines Papas liegt, ausschöpfen. Eine zentrale Idee hinter On The Rugs ist, dass auf dem Teppich total viel Spannendes passieren kann. Darauf sitzen, essen und Zeit verbringen. Unsere Familie hat früher immer auf dem Teppich gegessen.

Das ist ja auch was total Schönes.

Diese Tradition schwebte mir vor, dass man den Teppich wieder zum Mittelpunkt des Lebens werden lässt. Kinder fühlen sich auf dem Teppich auch viel wohler, als auf dem kalten Boden. Wir möchten besondere Stücke zeigen und diese dann natürlich auch verkaufen.

Es geht darum, eine neuen Zugang zum Teppich zu vermitteln.

Die Teppiche sucht ihr selbst aus und präsentiert sie besonders. Wird daraus eine Serie?

Wir möchten eine eigene Ecke im Lager meines Vaters haben, damit wir nicht immer die Stapel auseinander pflücken müssen. Wir möchten die Veranstaltungsreihe regelmäßig fortsetzen. Es ist auch nicht nur ein Showroom, sondern es gibt ein kleines Programm mit Lesungen, Musik und Essen. Wir haben eine Kelim-Welt und haben beim letzten Mal viele Teppiche übereinander gelegt, auf denen die Leute dann auch saßen und Tee getrunken haben. Sie sind nicht ehrfürchtig durch die Ausstellung gegangen, sondern haben Zeit auf dem Teppich verbracht und haben sich wohlgefühlt. Es geht darum, eine neuen Zugang zum Teppich zu vermitteln.

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Was für Teppiche hat dein Vater im Lager?

Er hat Orientteppiche aus Afghanistan, Iran, der Türkei, China und Nepal. Das ist meistens Neuware, die aber teilweise seit zwanzig Jahren im Lager liegt, und Vintage-Teppiche. Es gibt auch antike Stücke, die sehr wertvoll sind. Massentaugliche Ware gibt es natürlich auch. In den Neunzigern hat das Teppichgeschäft richtig geboomt. Seit zehn bis fünfzehn Jahren läuft die Branche nicht so gut. Der Markt ist ziemlich eingeknickt, weil es ein Luxusgut ist. Früher haben eher ältere Leute den Teppich als Kapitalanlage gesehen. Das gibt es so nicht mehr.

Der Trend ist wieder da, aber der Teppich wird nicht mehr unbedingt als Kapitalanlage gesehen.

Deshalb ist eine Idee von uns das Teppich-Sharing. Wir glauben, dass Teppiche, die benutzt werden, nicht an Wert verlieren, sondern eigentlich noch schöner werden. Für Büros oder Agenturen könnte das gut funktionieren.

Würdest du gern mal einen eigenen Teppich designen?

Ich nicht, aber Tina schon. Sie ist ja Designerin und hat total Lust dazu und auch Ideen. Mir macht es Spaß, die besonderen Einzelstücke zu finden.

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Kannst du sagen, wonach du diese aussuchst?

Das passiert eher intuitiv. Diese Teppiche haben etwas Besonderes und sehen anders aus als die anderen. Die Mitarbeiter meines Vaters lachen mich manchmal schon aus und fragen sich, was genau ich mit dem Teppich will.

Inzwischen ist dein Auge wahrscheinlich gut trainiert.

Ich habe mittlerweile fast jeden Teppich angefasst, der da liegt und weiß grob, was im Lager ist und welche Stapel die guten sind.

Warst du auch mal mit beim Einkauf?

Das hat sich alles abgespielt, als ich noch kleiner war. Da war ich nicht mit. Mein Vater war oft auf Geschäftsreise und hat Partnerschaften zu Großhändlern geknüpft. Er hat viel eingekauft und geschaut, wie die Teppiche produziert werden. Auch heute fliegen sein Bruder und er noch regelmäßig zu Messen, nach Indien zum Beispiel.

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Warum sollte man in einen handgeknüpften Teppich investieren?

Die handgeknüpften Teppiche sind von der Qualität her viel besser und halten länger, es wird oftmals eine bessere Wolle verwendet. Außerdem ist jeder Teppich individuell und ein Unikat, er erzählt die Geschichte seines Teppichknüpfers. Jede Teppichknüpffirma oder -familie hat ihre eigene Tradition.

Wie ist die Preis-Range für handgeknüpfte Teppiche?

Große Seidenteppiche, Seide auf Seide geknüpft, bewegen sich schon mal im fünfstelligen Bereich. Es gibt aber auch Teppiche, die 500 Euro kosten. Da kommt es gar nicht unbedingt auf die Größe an, sondern beispielsweise auf die Knotendichte. Je mehr Knoten pro Quadratmeter, desto feiner ist der Teppich.

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Übernehmen die jüngeren Generationen in den Herkunftsländern die Unternehmen?

In Afghanistan ist die Teppichknüpftradition zum Beispiel vom Krieg zerstört worden, da hat sich vieles nach Pakistan verlagert, wo viele afghanische Flüchtlinge leben, die jetzt von dort die Teppiche nach ihrer Tradition knüpfen.

Waren deine Eltern enttäuscht, dass du nicht von Anfang an mit ins Unternehmen eingestiegen bist?

Auf der einen Seite hätten sie sich das sicher gewünscht, auf der anderen Seite war ihnen aber wichtig, dass jede von uns – ich habe noch drei jüngere Schwestern – ihren eigenen Weg geht.
Mein Onkel hat aber zwei Söhne, und einer davon baut gerade einen Onlineshop für den Laden auf. Er setzt da eher auf Masse und ich ziehe mir gerade Einzelstücke aus den Stapeln raus, das ist natürlich lustig.

Vielen Dank für das Gespräch – wir freuen uns auf den nächsten On the rugs Termin!

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Die „On the rugs“-Events veranstaltet Anna zusammen mit Art Direktorin Tina Brunner.

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Im Teppichlager ihres Vaters in der Speicherstadt zeigt uns Anna ihre Lieblinge.

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Hier findet ihr Anna Wahdat und On The Rugs:

Fotos: Sophia Mahnert

 

 

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